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Fachsprachlicher Förderunterricht an der UniInterview mit Beatrix HinrichsLili: Das Projekt nennt sich "Förderunterricht für Schülerinnen und Schüler nicht deutscher Herkunftssprache an der Universität Bielefeld", warum sollen speziell diese Schüler gefördert werden? Beatrix Hinrichs: Zum einen handelt es sich bei den Schülerinnen und Schülern nicht deutscher Herkunftssprache zu einem ganz großen Teil um sogenannte Seiteneinsteiger, das sind Schülerinnen und Schüler, die in ihren Heimatländern schon eine Schullaufbahn begonnen haben, aus der sie herausgerissen worden sind. Sie sind begabt und in der Lage, gute Schulabschlüsse zu erwerben, was sie in ihren Heimatländern auch gemacht hätten, doch hier werden sie in eine ganz andere Situation hinein gestoßen. Sie beherrschen die deutsche Sprache nicht, sie kennen die hiesigen Lernformen nicht, kurz gesagt: ihre bisherige Lernbiographie ist ganz anders verlaufen. Deswegen versuchen wir mit einer gezielten Förderung dieser Schülerinnen und Schüler eine Unterstützung für einen angemessenen qualifizierten Schulabschluß zu geben. Zum anderen hat sich dieses Thema mittlerweile zu einem gesellschaftspolitischen Problem ausgeweitet und wird von Politikern auch allmählich als solches erkannt. Da in diesem Bereich in den letzten Jahrzehnten aber viel vernachlässigt worden ist, haben wir einen sehr hohen Prozentsatz an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, die mit schlechten oder zum Teil auch ohne Schulabschlüsse dastehen und entsprechend schlechte Chancen in der Gesellschaft hier haben. Lili: Wie ist die Zusammensetzung der Gruppen, die unterrichtet werden? Beatrix Hinrichs: Ursprünglich hatten wir beschlossen, eine bestimmte Begrenzung einzuführen. Wir hatten uns gedacht, daß wir ab dem siebten Schuljahr SchülerInnen aus allen allgemeinbildenden Schulen, inklusive Berufsschulen, fördern. Die Grenze sollte nach oben offen bleiben. Inzwischen kommen allerdings auch häufig Anfragen von Schulen für Schülerinnen und Schüler aus der fünften und sechsten Klasse. Dazu haben wir uns dann auch in Einzelfällen bereit erklärt, dementsprechend unterschiedlich ist die Altersstruktur. Viele Schülerinnen und Schüler, die in den entsprechenden Klassen sind - aufgrund der vielen Schwierigkeiten, die sie hier haben - meist älter als ihre Klassenkameraden. Die Schülerinnen und Schüler aus den berufsvorbereitenden oder berufsbildendenden Maßnahmen sind zum Teil schon um die zwanzig. Wie sie ausgewählt werden ist ganz unterschiedlich, entweder werden sie von Lehrerinnen und Lehrern, die diesen Förderbedarf erkennen, ausgewählt und hier angemeldet. Oder die Anmeldung erfolgt auf Initiativen von Eltern, Sozialarbeitern oder anderen Kontaktpersonen. Oder aber sie melden sich in Eigeninitiative. Wir wählen eigentlich nicht aus, da wir niemanden ablehnen. Lili: Wer soll die Schülerinnen und Schüler unterrichten? Beatrix Hinrichs: Sie werden von Studierenden des Faches Deutsch als Fremdsprache und von Lehramtsstudierenden unterrichtet, die möglichst schon ein bisschen Unterrichtserfahrungen gemacht haben sollten und deren Grundstudium möglichst schon abgeschlossen ist. Wir versuchen durch ein praxisbegleitendes und praxisreflektierendes Seminar auch noch für weitere Fortbildung zu sorgen und geben individuelle Beratung, was Unterrichtsplanung oder andere Probleme angeht. Lili: Ist es nicht etwas ganz anderes ob man Förderunterricht in kleinen Gruppen gibt oder ob man später eine Klasse unterrichtet? Beatrix Hinrichs: Das ist auf jeden Fall ein Unterschied, ich glaube aber trotzdem, dass so erste Einblicke in eine ganz spezifische Problematik möglich sind. Hier gibt es einen Unterschied zwischen Lehramtsstudenten und Studierenden des Faches Deutsch als Fremdsprache. Die Lehramtsstudenten wurden in der Regel mit dem Problem der Fremdsprachigkeit noch gar nicht konfrontiert. Für die DaF-Studierenden ist es insofern eine neue Erfahrung, als das die wiederum zwar schon häufig in der Erwachsenenbildung tätig waren, aber mit Kindern und Jugendlichen noch gar keine Erfahrungen gemacht haben. Außerdem kommt für die DaF Studierenden hinzu, daß sie noch wenig Kontakt mit den schulischen Inhalten hatten. Natürlich ist es auch ein Unterschied, ob man später vor einer großen Klassen steht, aber ich denke, daß so einige Probleme auf der fremdsprachendidaktischen Ebene und auf der sozialen Ebene deutlich werden. Die externen Faktoren, die in dieser Unterrichtsform mitspielen, werden sehr intensiv vermittelt. Lili: Werden die Förderlehrer und Förderlehrerinnen für ihre Arbeit bezahlt? Beatrix Hinrichs: Ja, und zwar über Verträge als studentische Hilfskräfte von mindestens fünf Stunden in der Woche mit den üblichen Satz, den studentische Hilfskräfte bekommen. Geld sollte aber nicht die Hauptmotivation sein. Lili: Wie soll der Förderunterricht aussehen? Beatrix Hinrichs: Es gibt eine sehr große Bandbreite: Da die Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedlich sind, unterscheidet sich auch dementsprechend der Förderunterricht. Das Projekt ist so angelegt, daß eine fachfremdsprachliche Förderung gegeben werden soll. Es gibt eine doppelte Progression, zum einen sollen Fachinhalte vermittelt, und zum anderen die sprachliche Kompetenz erweitert und gefestigt werden. Allerdings müssen die Förderlehrerinnen und Förderlehrer sehr flexibel sein, da es auch Schülergruppen gibt, die vom sprachlichen Niveau her noch in den Anfängen stecken. In diesen Gruppen unterrichtet man dann im Prinzip Deutsch als Fremdsprache und erst nach und nach können auch die unterrichtsrelevanten Inhalte einbezogen werden. Lili: Warum wurde die Universität als Ort für der Förderunterricht gewählt? Beatrix Hinrichs: Die Schüler und Schülerinnen müssen bei den üblichen Fördermaßnahmen ihre gewohnte Umgebung nicht verlassen. Sie finden meist in der Schule oder in Stadtteilen, in denen die Jugendlichen leben, statt und erinnern mehr an eine Art Hausaufgabenhilfe, die zwar mit großem Engagement durchgeführt wird, aber eben in einem Hochhauskeller etc. stattfindet. Wir lehnen uns an das Essener Modell an und bieten einen Anreiz, diese gewohnte Umgebung einmal zu verlassen und sich in eine ganz andere Umgebung hineinzubegeben, zu der die Schüler auch normalerweise überhaupt keinen Zugang haben, mit der sich sogar ein bestimmter Prestigezuwachs verbinden kann. Die Förderlehrerinnen und Förderlehrer befinden sich im Studium und müssen Seminare, Vorlesungen und Veranstaltungen besuchen. Sie können diesen Förderunterricht eigentlich nur dann geben, wenn sie die Möglichkeit haben dieses in der Uni zu tun. Wenn damit noch ein weiter Weg verbunden wäre und sie vielleicht noch mit der Stadtbahn nach Brackwede fahren müßten, dann könnten die Förderlehrerinnen und Förderlehrer diesen Unterricht nicht mehr in ihrem Zeitplan unterbringen. Lili: Sie haben eben das Essener Modell erwähnt, seit wann besteht dieses Projekt und wie sind die Erfahrungen damit? Beatrix Hinrichs: Das Essener Projekt läuft jetzt seit 26 Jahren äußerst erfolgreich. Es begann mit einer ganz geringen Schülerzahl und war eigentlich nur punktuell auf den Bedarf von Schülern ausgerichtet, die sich in einem DFG- Projekt befanden. Anfangs waren es fünf oder sechs Schülergruppen, doch es gab einen Zuwachs von Jahr zu Jahr und im Moment beträgt die Schülerzahl 700 bis 800 Schüler pro Jahr. Die Statistik kann man übrigens gut im Internet einsehen. Im Essener Projekt sind mittlerweile ehemalige Schüler und Schülerinnen Förderlehrer und Förderlehrerinnen geworden, so erfolgreich stellt sich das Essener Projekt also dar. Lili: Was sind die konkreten Ziele des Projekts? Beatrix Hinrichs: Die konkreten Ziele sind tatsächlich, den Schülerinnen und Schülern, die hier her kommen, durch diesen Förderunterricht zu einem möglichst guten und qualifizierten Schulabschluß zu verhelfen. Das bedeutet auch, dass wir immer versuchen, auf die individuelle Bedarfslage zu reagieren. Es kommen hier nicht nur Hauptschüler hin, obwohl sie schon einen großen Anteil der Förderschülerinnen und Förderschüler ausmachen, sondern es kommen auch Schülerinnen und Schüler, die auf dem Gymnasium sind und ganz klar äußern, daß sie ihr Abitur schaffen möchten und dabei einfach ein bißchen Unterstützung brauchen. Natürlich gibt es auch Förderschüler und Förderschülerinnen, die sich auf der Hauptschule befinden und das Ziel haben, Abitur zu machen. Wir versuchen also ganz individuell auf diese Bedürfnisse einzugehen und je nach Situation zu dem bestmöglichen Schulabschluß zu verhelfen. Lili: Wie lauten die Ziele in bezug auf die Förderlehrer und die Forschung? Beatrix Hinrichs: Die Förderlehrerinnen und Förderlehrer bekommen eine Zusatzqualifikation. Die DaF-Studierenden können im Anschluß nachweisen, daß sie sich schon mit Kindern und Jugendlichen befasst haben. Für die Lehramtsstudierenden bedeutet dieser Förderunterricht, den sie ja auch bescheinigt bekommen, noch eine Zusatzqualifikation für Deutsch als Fremdsprache, die im schulischen Sektor häufig nachgefragt wird. Damit erwerben sich die Förderlehrer und Förderlehrerinnen eine Qualifikation, die sie mit Sicherheit später auch beruflich verwerten können. Für die Forschung ergeben sich allerhand Perspektiven. Es gibt da so viele Teilprobleme, die tiefer erforscht werden müssen und auch werden. Da könnte man wirklich anfangen, eine Unzahl von Themen aufzuzählen, wo es noch Forschungsbedarf gibt. Wenn wir davon ausgehen, daß das Projekt so lange besteht, wird das wohl auch im Laufe der Jahre erfolgen. Lili: An wen kann man sich wenden, wenn man Förderunterricht erteilen oder erhalten will? Beatrix Hinrichs: Da wendet man sich am besten persönlich (Raum C3-226) oder telefonisch (0521/ 106-3633) an mich oder an meine studentische Hilfskraft. Kontakt: Beatrix Hinrichs Informationen: Projektbeschreibung Interview: Erika Epp
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