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Georg Klein - ein Berliner Autor im Gespräch

Der Schreibende und sein kreatives System

von Thomas Combrink

Bevor Georg Klein zu seiner Lesung in die Stadtbibliothek aufbrach, gab er unserer Zeitung geduldig Auskunft über seinen ungewöhnlichen literarischen Werdegang. Er äußerte sich zu einer Poetologie, die zwischen den Buchstaben und Zeilen seiner Romane und Erzählungen in den vergangenen Jahren hängen blieb.

Lili: Herr Kein, wie sehen Sie das Verhältnis zwischen der Germanistik und dem Literaturbetrieb?

Klein: Wenn ich in einer Stadt lese, die eine Universität mit Germanisten hat, dann wundere ich mich, wenn auf der Lesung kein einziger Germanist erscheint. Eigentlich rechne ich immer zumindest mit dem Anstandsgermanisten. Wenn sogar der ausbleibt, dann erstaunt mich das doch sehr. Vielleicht ist es illusionär, aber ich glaube, dass es eine Verbindung zwischen der Germanistik und der Gegenwartsliteratur gibt. Vermutlich ist der Faden nur dünn oder er verläuft tief unterirdisch, aber wenn ich bedenke, wie viele Autoren Germanistik studiert haben und wie viele Germanistikstudenten später im literarischen Feld tätig werden, sei es in der Kulturvermittlung, sei es in den Medien, sei es im Verlag, dann ist es doch eigentlich bestürzend, dass es nicht zu mehr Begegnungen und zu mehr Austausch kommt.

Lili: Ihre Texte sind dicht gestrickt, die Handlungsfäden subtil verflochten, auf eindeutige weltanschauliche Positionen wird verzichtet. Einigen Germanisten würde es vermutlich schwerfallen, eine kulturwissenschaftliche Perspektive anzusetzen.

Klein: Ich weiß, welche Art des Lesens sie meinen. Ein Lesen, das eigentlich mit dem literarischen Lesen nichts mehr viel gemein hat, das vor allem sammelnder Art ist. Wo die Bleistiftspitze über die Zeile geht, bis das kommt, wonach man sucht. Und das wird dann wie ein Stück Stein aufgelesen und ins Beutelchen gesteckt. So kann man natürlich jede Art von Literatur behandeln, auch Literatur, die einem absolut nichts bedeutet. Ich gehe aber doch davon aus, dass an der Gegenwartsliteratur das echte Lesen greifen müßte: Ein Lesen, bei dem man zunächst eine unverwechselbare und intensive Erfahrung mit der eigenen Phantasie gemacht hat, bei dem erst der zweite Gedanke ist: "Wie kann ich das verwerten?" Eine Lektüreerfahrung, bei der wir den Schmetterling erst mal fliegen sehen, bevor wir ihn aufspießen, katalogisieren und der Sammlung zuführen. Inzwischen bekomme ich E-Mails von Schülern und manchmal auch von Studenten, die sich entweder in der Oberstufe von Gymnasien oder an der Universität mit Texten von mir beschäftigen. Manche Lehrer lesen den Roman Libissi im Unterricht, seit er als Taschenbuch auf dem Markt ist. Eine ganze Reihe von Schülern hat den Mut, von der Internetadresse im Buch Gebrauch zu machen und sich mit Meinungen und Fragen an den Autor zu wenden.

Lili: Was wären das für Fragen?

Klein: Vor drei oder vier Tagen hat sich eine Gruppe von Schülerinnen bei mir gemeldet. Die Mädchen haben mir kurz die Interpretation ihres Lehrers vorgetragen und dann ihre abweichende Meinung. Sie fragten, ob ich sie in ihrer Position unterstützen könne. Die Arbeit würde näher rücken und sie bräuchten moralische Rückenstärkung, um ihre Position zu verfechten. So etwas ist schlicht schön. Da habe ich kurz und heftig das Gefühl, an einem lebendigen literarischen Leben teilzunehmen.

Lili: Können Sie von dem Verkauf ihrer Bücher leben?

Klein: Ich lebe seit Libissi, also seit Herbst 1998, ausschließlich von der Literatur. Das war allerdings zunächst eine gemischte Finanzierung: Verlagsvorschüsse, Literaturpreise, Lesungshonorare, Zeitungsbeiträge. Mit dem Vorschuß, den ich jetzt für das nächste Buch bekomme, kann ich sagen, daß ich das Auskommen meiner Familie zwei Jahre lang über einen Manuskriptverkauf finanziere. Dies ist für einen Autor anspruchsvoller Prosa schon ein Glücksfall. Allerdings weiß ich nicht, wie lange dieses Glück vorhalten wird.

Lili: Libidissi gilt als Ihr Debütroman. Sie haben aber schon längere Zeit vorher geschrieben.

Klein: Der Begriff ‚Debüt' markiert den Eintritt in den öffentlichen Literaturbetrieb. Es wäre naiv zu glauben, dass der erste längere Text, den jemand schreibt, automatisch die Eintrittskarte in den Literaturbetrieb darstellt. Was der Schreibende mit seinem kreativen System erlebt, die eigentliche Produktion, beginnt oft viel früher und geht über die Verweilzeit im literarischen Feld hinaus. Es gibt durchaus Menschen, die weiterschreiben, obwohl sie nicht oder nicht mehr veröffentlichen können. Als ich 1997 endlich einen Verlag fand, war ich 44 Jahre alt. Ernsthaft schreibe ich seit etwa 1980. Seit damals versuche ich, möglichst täglich zur besten Zeit, also vormittags, an den Schreibtisch zu kommen.

Lili: Können Sie Ihr Pensum beschreiben? Wie viele Seiten schreiben Sie am Tag?

Klein: Das hängt vom Tagesglück und vom Stand des Textes ab. Ich fange meistens so um 8 Uhr morgens, wenn unsere beiden Söhne zur Schule sind, an. Wenn ich dann kontinuierlich dabei bleibe, bin ich zwischen 12 und 13 Uhr meist zu erschöpft, um noch guten Text schreiben zu können. Das letzte Prosastück, eine kurze Erzählung, habe ich vorletzte Woche an einem Morgen mit der Hand geschrieben, weil mein PC kaputt war. Das waren acht Seiten Manuskript. Wenn ich an einem langen Text arbeite, lese ich zunächst das am Vortag Geschriebene. Wenn es dann nicht gleich funkt, wenn der kreative Druck nicht so stark ist, dann schreibe ich halt erst einmal eine Seite schwächeren Text, der zieht das Bessere meist herbei. Das Schlechtere, das Vorgebet, die notwendige Bußübung kann ich ja immer noch löschen. In der Regel folgt mein Schreiben einem ganz einfachen linearen Modell. Ich schreibe von einem Anfang hin zu einem Ende.

Lili: Wann haben Sie angefangen zu veröffentlichen?

Klein: Ich hatte große Veröffentlichungsprobleme. Ich konnte in den achtziger und auch in den neunziger Jahren nicht nur kein Buch machen, ich konnte auch nur sehr wenig in Zeitschriften veröffentlichen. Die wollten schlicht nicht, was ich machte. Bevor ich endlich einen Verlag fand, den Alexander Fest Verlag in Berlin, habe ich mich um kleinste Literaturpostillen bemüht. Allerdings mit geringem Erfolg. Gestern abend sprach ich mit dem Herausgeber der Zeitschrift ‚Die Horen'. Der bedauerte netterweise, dass mir seine Redaktion noch im Jahr von Libidissi meine Erzählungen mit Formbrief zurückgeschickt hatte. Ich habe die letzten Absagen von Verlagen bekommen, als Libidissi schon im Verlagsprospekt von Fest angekündigt war.

Lili: Wie erklären Sie sich das?

Klein: Das bin ich inzwischen schon oft gefragt worden. Ich gerate dabei in die mißliche Lage, die Verantwortlichen psychologisieren zu müssen. Mir wurde gelegentlich mitgeteilt, dass meine Texte einfach nicht in den Rahmen passten, der um die deutsche Gegenwartsliteratur gezogen sei. Man hat meine Prosa als verstörend, als unangenehm abseitig empfunden. Inzwischen bin ich niemandem mehr gram. Aber was mich auch rückblickend verblüfft, ist die große Einhelligkeit der Ablehnung.

Lili: Aber es gibt doch Zeitschriften, die auch Außenseiterliteratur veröffentlichen?

Klein: Sie müssen sich die Zeitschriften genau anschauen. Es gibt die Zeitschriften der Verlage. Die veröffentlichen natürlich die eigenen Autoren und auch die, die sie noch bringen wollen, oder eben andere renommierte Autoren. Als unveröffentlichter Autor kommen Sie nicht in die ‚Akzente' rein. Das ‚Schreibheft' macht Themenhefte und vergibt die Beiträge an Autoren aus dem literarischen Feld. Auch bei ganz kleinen Heften ist es so, dass ein Teil des Raumes abgedeckt wird von den Stammschreibern, die bereits Mitarbeiter, Freunde oder Bekannte der Herausgeber sind. Der Freiraum für die, die wirklich von außen kommen, ist stets klein.

Lili: Haben Sie den Verlagen auch Romanmanuskripte angeboten?

Klein: Barbar Rosa habe ich zwischen 1991 und 1995 zu vermitteln versucht. Vier Jahre war ich wirklich intensiv damit zugange. Dann habe ich es aufgegeben, weil ich gemerkt habe, dass es aussichtslos ist. Ein Lektor, der Barbar Rosa lange bei sich liegen hatte, hat mal gesagt: "Wenn ihr Buch aus England käme oder aus Amerika, wäre das kein Problem. Als deutsche Literatur geht so etwas nicht." Das sagt sehr viel über den deutschen Literaturbetrieb. Dass ich mit demselbem Manuskript dann im Jahr 2000 als schon bekannter Autor den Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen konnte, sagt ein Übriges.

Lili: Sie benutzen zwar das Krimigenre, aber trotzdem lässt sich Ihre Literatur nicht so leicht einer Gattung zuordnen. Ihre beiden Romane sind nicht so funktional wie klassische Kriminalromane. Manchmal fragt sich der Leser, ob es überhaupt noch um die Aufklärung eines Verbrechens oder um etwas ganz anderes geht.

Klein: Ich hoffe, dass der Gang und die Rhythmen der Phantasie beim Schreiben eine analoge Struktur haben wie beim Lesen. Die Vorstellung eines funktionalen Schreibens wäre für mich ein Alptraum. Trivialliteratur ist ja wirklich weitgehend funktional geschrieben. Sie können sich auch entsprechende Handbücher aus den USA kaufen, in denen steht, wie man ein Drehbuch oder eine Kurzgeschichte oder einen Roman aufbaut, schematisch durchrationalisiert bis aufs Komma. Das ist der Tod der Phantasie - auf der Seite des Schreibers und vermutlich irgendwann auch im Kopf des Lesers.

Lili: Wie kommt es aber, dass sich bei Ihnen die Gattungen vermischen?

Klein: Ich denke, das die ganz frühen Lesererfahrungen dafür entscheidend sind. Wenn mich jemand verurteilen würde, einen Monat lang nur Krimis zu lesen, wäre dies heute für mich eine Tortur. Wenn Sie aber als Neun- oder Zehnjähriger ihren ersten Agatha Christie-Krimi lesen, dann geht für Sie eine neue Welt auf. Wenn sie dann fünf oder sechs von den Schmökern hintereinander weggefressen haben, begreifen sie langsam, wie der Hase läuft. Das ist ein Systemgenuß ganz besonderer Art. Ich habe dann irgendwann in der Pubertät aufgehört, diese Literatur notorisch oder suchtartig zu lesen, einfach weil sie zu funktional, zu leicht durchschaubar, zu sehr den Zwangsgesetzen der Genres unterworfen ist. Die Erinnerung an die anfängliche Strukturlust ist aber geblieben. Diese Literatur wirbt ja um den Leser, denn sie verspricht: "Ich gebe dir Spannung, ich gebe dir Thrill, ich gebe dir Effekte. Ich gebe dir Aufklärung und Erlösung durch Bescheidwissen" Dieses Locken finde ich immer noch respektabel. Ich käme nicht auf die Idee, noch einmal Edgar Wallace-Romane zu lesen, und dennoch würde ich einen Wallace-Leser nie verachten.

Lili: Worauf kommt es denn an beim Lesen?

Klein: Das entscheidende Kriterium ist, ob Sie ein echte Literaturerfahrung machen. Wenn sie bei einem Krimi das Gefühl haben, der ist halt so gut wie der ‚Tatort', den ich gestern im Fernsehen gesehen habe, dann haben sie nicht in einem gesteigerten Sinne Literatur erlebt. Literaturerfahrung zeichnet sich dadurch aus, dass die individuelle Imaginationskraft sie nur in der Literatur machen kann. Das erste Gespür für gesteigerte Literaturerfahrung erwacht wohl im Vergleich. Wenn ich mir als Kind aus der Bibliothek in Augsburg einen Sammelband mit dem Titel "Gruselgeschichten der Weltliteratur" ausgeliehen und das Buch von vorne nach hinten durchlesen hatte, dann merkte ich, dass die Geschichte von diesem "Poe" irgendwie anders ist. Und beim zweiten Lesen ermöglichte diese Geschichte als einzige eine neue, aber wiederum hochintensive Phantasieerfahrung. Damals ahnte ich, dass es unterschiedliche Qualitäten des Lesen gibt, und dass sich bestimmte Autoren und Texte von der Masse abheben. Einen Autor wie Poe habe ich entdeckt, bevor ich seinen Namen richtig aussprechen konnte. Wobei ich bei Poe und anderen bleibenden Leseerlebnissen zunächst durchaus auch ein Gefühl von Überforderung hatte. Mit elf oder zwölf Jahren konnte ich nicht alles aufnehmen. Ich verstand nicht einmal alle Wörter. Poes Erzählungen sind so angereichert mit klassischer Bildung, dass ich manche Begriffe schlicht nicht kannte, und meine Eltern kannten sie auch nicht.

Lili: Sind Sie denn "klassisch" gebildet?

Klein: In meinem Kopf ist das übliche Durcheinander aus Halb- und Viertelswissen. Ich habe das Abitur gemacht und ein Hochschulstudium abgeschlossen, Bücher wie Kraut und Rüben gelesen, als Kind sehr viel ferngesehen, bin glücklicherweise zudem schon regelmäßig ins Kino gekommen, bevor wir einen Fernseher zuhause hatten..

Lili: Was haben Sie studiert?

Klein: Ach, das ist eigentlich kaum der Rede wert. Vor kurzem wurde ich für einen Kongreß aufgefordert einen Fragebogen zum Lebenslauf auszufüllen. Da stand dann "Ausbildung: ..". Ich habe einen Strich gemacht. Als Schriftsteller habe ich keine Ausbildung. Was mir im Laufe meines Studiums an Wissen und Erkenntnis zugefallen ist, ist keinem geregelten Prozeß entsprungen. Ich bereue nicht, Germanistik studiert zu haben. Es hat mir sicherlich nicht geschadet. Es hat mich im Schreiben vielleicht etwas gebremst, aber das sehe ich nicht unbedingt als einen Nachteil an. Ich habe ungewöhnliche Texte kennengelernt. Ich hätte zum Beispiel nie das Nibelungenlied auf Mittelhochdeutsch oder die Romane Gerhart Hauptmanns gelesen, wenn ich nicht im Germanistikstudium gelandet wäre.

Lili: Wie war denn Ihre Lesererfahrung, als Sie das erste Mal Arno Schmidt gelesen haben?

Klein: Arno Schmidt war für mich ein überwältigendes Leseerlebnis, vor allem, weil es eine späte starke Lesererfahrung war. Ich hatte natürlich gewußt, dass es Arno Schmidt gibt, aber es war bis in mein fünfundzwanzigstes Lebensjahr einfach nicht dazu gekommen, daß mir jemand seine Bücher dringlich empfahl. Ich kann mich noch an die Couch erinnern, auf der ich unter die Räder des Großen Arno kam: Der Text war Brands Haide. Das Buch gehörte meiner damaligen Freundin, und ich fiel schon auf der ersten Seite aus allen Wolken. Ich wußte einfach nicht, dass es "so etwas" in der deutschen Literatur gibt. Arno Schmidt gehört für mich zu den drei großen männlichen deutschen Nachkriegsautoren: Arno Schmidt, Wolfgang Hilbig und als unsichtbarer Dritter im Bunde einer, dessen Werk nicht bemerkt wurde und vielleicht nie bemerkt wird.

Lili: Ihre Romane gelten als Berliner Großstadtromane, aber das Wort Berlin taucht nie auf.

Klein: Es gibt Großstadterfahrung in meinen Romanen. Wenn man aus der Provinz kommt, dann führt eine echte Großstadt zu einer Art Übersichtsschock. Man betritt ein System und hat das sicherer Gefühl, es nicht überschauen zu können. Ich denke, die einzigen Städte, die das in Deutschland vermitteln können, sind Hamburg und Berlin. In der Erfahrung von Größe und Nicht-Überschaubarkeit liegen eine Angst und eine Lust zugleich, die mit der Selbstwahrnehmung des mentalen Systems vergleichbar ist. So wie man sich halt in seinem Kopf nie restlos auskennt, so kann man sich in einer echten Großstadt auch nie richtig auskennen.

Lili: Aber Sie entwerfen doch keine Karte von der Stadt.

Klein: Die Karte ist ein Versuch, das Unkontrollierbare durch Übersicht zu kontrollieren. Ein raffinerter Alb- oder der Lusttraum wäre eine Karte, die sich verändert, während man draufschaut. Man blickt auf das Straßenschema und versucht, Herrscher der Topographie zu werden. Aber plötzlich haben sich die Straßen verschoben. Das ist die Erfahrung, die man auch bei intensiver Selbstbeobachtung macht. Vor zwei Jahren war ich nachts in Chicago mit einem Behelfsstadtplan unterwegs und versuchte, einen Lesungsort zu erreichen. Schließlich merkte ich, dass der Maßstab des Plans ganz anders war, als ich gedacht habe, außerdem fehlten alle kleineren Straßen. Plötzlich war ich in einer Gegend mit der ich nicht gerechnet hatte und es war stockfinster. Das war dann so, als ob man sich im eigenen Kopf verläuft.

Lili: Die Frage zielte eigentlich auf die Tatsache, dass Sie in Ihren Büchern vieles präzise beschreiben und trotzdem davor zurückschrecken, Orte genau mit einem Namen zu belegen. Sie arbeiten konkret und abstrakt zugleich.

Klein: Manchmal gibt mein Text nur zwei Merkmale, und trotzdem steht in einer Kritik, dass die Szene minutiös beschrieben sei. Es ist vielleicht ein Akkupunktur-Prinzip. Bestimmte Beschreibungselemente lösen in der Phantasie ein starkes Echo aus. Dieser Reflex ist unter Zeitgenossen ähnlich, aber nie ganz gleich. Wenn zwei Kritiker dieselbe Romanpassage zusammenfassend nacherzählen, dann merkt man schon feine Abweichungen und Differenzen. Der Kritiker hat den Roman einmal gelesen, schreibt dann seine Besprechung, will die entsprechende Romanstelle verarbeiten und macht das aus dem Gedächtnis. Aber seine Phantasie ist schon weiter, und schließlich kommt die Fassung seiner Imagination aufs Papier. Das ist natürlich in Ordnung, das gehört zum Wesen des Lesens.

Lili: Bei vielen Kritiken wird der Inhalt referiert. Wäre es Ihnen lieber, wenn diese Art von Rezensionen weniger vertreten wären?

Klein: Ich wünsche mir manchmal schon, dass das Nacherzählen von Handlung und das Nachbeschreiben von Beschreibungen weiter zurückgedrängt wäre. Stattdessen sollte eigentlich mehr über den emotionalen und intellektuellen Charakter der Leseerfahrung gesprochen werde, die im Idealfall eine unverwechselbare ästhetische Erfahrung gewesen ist. Man sollte versuchen, wenige abstrakte Begriffe, die dem Text adäquat sind und den Lesenden sofort einleuchten, zu entwickeln. Die eigentliche Theorieleistung einer Kritik ist für mich, dass sie drei oder vier Begriffe für ihren Zusammenhang neu schöpft. Sie müssen für den Lesenden schlagartig triftig sein. Ich schreibe auch gelegentlich Kritiken und setze mich dem damit verbundenen Risiko selbst aus.

Lili: Inhaltlich driften Ihre Bücher oft in eine Ecke, in die viele Leute nur mit dem Wort "pervers" auf den Lippen hineingehen würden. Gleichzeitig wird der Ekel-Aspekt doch erzählerisch abgefangen. Der weiche, kontrollierten Erzählton besänftigt beim Leser das Gefühl des Widernatürlichen.

Klein: Ich hoffe, jeder meiner Figuren wird im Text der gebührende Respekt erwiesen, sie werden nicht bloßgestellt oder der Lächerlichkeit preisgegeben. Sie werden letztlich im Stand der existenziellen Ehre gelassen. Für manche Leser sind diese Gestalten allerdings in ihren Gebrechen und Auffälligkeiten dennoch verabscheuenswert. Vor einem halben Jahr habe ich in einem Seminar der TU Berlin aus Barbar Rosa gelesen, und anschließend mit den Studenten diskutiert. Gleich als erste stand eine Studentin auf, faltete ein Blatt auseinander und laß ab, was nach ihrer Recherche alles an Widernatürlichkeiten und Perversionen in diesem Buch vorkommt. Sie hatte sich dazu die entsprechenden Fachbegriffe herausgesucht, und ihre Kommilitonen mußte mehrmals um Erklärung dieser Termini bitten. Ihr Fazit war: Wenn jemand von solchen Dingen erzählt, hat er auch mit solchen Dingen zu tun. Von nichts kommt nichts! Ich vermute, sie war radikale Christin und wollte mir vor allem deutlich machen, dass das Böse in mir walte. Sie hat die Lektüre als einen erzwungenen Akt sittlicher Verunreinigung empfunden.

Lili: Wie ist es mit den phantastischen Elementen bei Ihnen. In "Old Erfurt", einer Geschichte aus dem Band "Von den Deutschen", tauchen goldenen Würmchen auf..

Klein: Es ist nicht alles gleich phantastisch, was erfunden ist. Und die mit Sinnen erfahrbare Wirklichkeit übertrifft meine Texte oft mühelos an unglaublich grellen Elementen. Interessant wäre die Frage nach dem mittleren Realismus, den wir spontan für wirklichkeitsgemäß halten. Welche Texte bilden die Vergleichsgröße, wenn wir sagen, ein Einfall ist im Unterschied zu ihnen phantastisch. Diese Vergleichsgröße ist meiner Meinung nach vor allem im publizistischem Bereich zu finden, in den populären Magazinen und im Fernsehen. Was Spiegel, Stern und Focus bieten, das gilt als realistisch im Sinne von wirklich. Was diesen Rahmen sprengt, gilt heutzutage als phantastisch.

Lili: Sind Sie ein Stilist?

Klein: Es gibt Autoren, die man nach zehn oder zwölf Sätzen erkannt hat. Ich hoffe, dass ich zu diesen gehöre.

Lili: Herr Klein, vielen Dank für das Gespräch.





Klein, Georg
Von den Deutschen
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2003.
192 Seiten, DM 16,90
ISBN 3-498-03513-4












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