Home

Fakultät

Universität

Archiv

Mail

Impressum
Büchern das Sprechen beibringen:

Berufsperspektive Hörbuchverlag

von Britta Langer

Jahrelang versucht man, ihr aus dem Weg zu gehen. Doch spätestens zum Studienende muss man sich ihr stellen: der bangen Frage nach Berufsperspektiven für Geisteswissenschaftler. "Alles oder nichts", antworte ich gerne, fragt man mich, was man denn "damit" (als ob man eine Krankheit hätte...) später so anfangen könne. Eigentlich ist alles möglich...

Ein motivierendes Beispiel für diese Kategorie ist Markus Saborowski, Assistent der Verlagsleitung beim Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen. Der 35jährige ist in der glücklichen Lage, in einem echten Traumberuf zu arbeiten, und das in einer äußerst interessanten und momentan sehr populären Sparte des Literaturbetriebs.

Der Hörbuchverlag mit Sitz in Marburg gehört zu den ältesten Deutschlands und zeichnet sich dadurch aus, dass er besonderen Wert auf die literarische Qualität seiner Hörbücher legt. "Es geht nicht in erster Linie um die Verkaufsträchtigkeit eines Titels", erklärt Saborowski, "die Pflege der Backlist und das Herausbilden eines Verlagsprofils sind vorrangig, nicht das Schielen nach Aktualität um jeden Preis." Und so finden sich unter den mehr als 200 Titeln des Verlags neben Kriminalromanen (beispielsweise das Gesamtwerk Agatha Christies) und anderer unterhaltender Literatur (Maeve Binchy, Ilse Gräfin von Bredow) hauptsächlich anspruchsvolle Literatur: Novellen und Erzählungen der deutschen Klassik und Romantik, religiöse Schriften, die Bibel, Biographien, biographische Romane, Briefwechsel, Lyrik, Märchen und Sagen, Science Fiction.

Ein Paradies für Literaturliebhaber also. Dementsprechend die Voraussetzungen, die Saborowski für diese Berufssparte für wichtig hält: "Ein Fundus an literarischem Grundwissen, Kenntnis verschiedener Textformen und -gattungen, Interesse für Entwicklungen in der Gegenwartsliteratur und literaturhistorische Kenntnisse können nicht schaden." Außerdem erfordern Hörbuchproduktionen sowohl "Affinität zur Sprache" als auch "eine Wertschätzung und Sensibilität für das Sprechen als eigenständige Kunstform". Weshalb übrigens im Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen weniger mit Prominenten, etwa Schauspielern oder Moderatoren, gearbeitet wird, sondern lieber mit Sprechern, die sich auf das Sprechen als Solches spezialisiert haben und darin folglich professionell und herausragend sind.

Doch damit nicht genug. Saborowski kann in seinem Beruf auch sein musikalisches Faible unterbringen: "Ich konnte glücklicherweise zwei Stränge zusammenführen, die in meinem Leben von Bedeutung sind: der Spaß am Umgang mit Texten, aber auch deren Umsetzung in gesprochene Sprache, die im besten Falle Sprechkunst ist, und die Liebe zur Musik." Saborowski, der nebenbei auch Sänger, Songwriter und Musikkritiker ist, kümmert sich im Verlag unter anderem um die musikalische Gestaltung der Hörbücher und komponiert für einige Produktionen auch selbst, beispielsweise für Hesses Musik des Einsamen, Bachmanns Ich weiß keine bessere Welt oder auch Grimms Märchen.

Ein äußerst vielseitiger Arbeitsplatz also. Wie sieht da der Arbeitsalltag aus? Welche Arbeiten fallen an? "Im Studio bin ich für die Technik zuständig." Dazu gehört der End-Schnitt, die Abmischung, die Soundverbesserung, die Vorbereitung der Vervielfältigungsvorlage (Premastering) und die abschließende Qualitätskontrolle. Auch für die Ausstattung des Studios mit dementsprechendem Equipment ist Saborowski verantwortlich, er kauft Geräte und integriert sie in die Studioumgebung.

"Darüber hinaus habe ich zunächst immer wieder Regieassistenzen übernommen und in diesem Jahr bei zwei Produktionen zum ersten Mal selbst Regie geführt." Seine Regiepremiere ist übrigens Guy de Maupassants Stark wie der Tod , ein Künstlerroman über Altern und Vergänglichkeit. "Ein ganz wunderbarer Roman in einer hochgelobten Neuübersetzung. Einen derart präzisen Umgang mit Sprache, eine derart genaue und durchdachte Konzeption eines Romans wird man in der Gegenwartsliteratur kaum finden. Spannend, bewegend und schön zugleich. Ein einfühlsamer, erfahrener Sprecher", beschreibt Saborowski, und die Faszination des Romans und ein gewisser Stolz auf sein Debüt sind nicht zu überhören.

Auch das Lektorat fällt in seinen Arbeitsbereich. Dazu gehört zum Beispiel die Korrektur von CD-Cover, Bestellformularen, Katalogen und anderen Druckunterlagen. Nicht zuletzt fallen auch einige eher kaufmännische Aufgaben an, die zu Saborowskis Arbeitsbereich zählen. Kontakte zu zukünftigen Lizenzgebern müssen aufgenommen, bestehende Verträge verwaltet, Verhandlungen mit Verlagen, Agenturen oder Autoren geführt werden.

Alles in allem also ein höchst anspruchsvolles Stellenprofil. Entsprechend anspruchsvoll auch die Anforderungen an den Stelleninhaber: künstlerische, technische und kaufmännische Fähigkeiten sind unabdingbar, sich ständig wandelnde und erweiternde Aufgabengebiete verlangen nach Lernbereitschaft und Flexibilität. Sowieso selbstverständlich sind Teamfähigkeit, Einsatzbereitschaft und Belastbarkeit. Denn, so bringt es Saborowski auf den Punkt, "man muss überall mal mit anpacken, wenn's brennt."

Doch nun die Gretchen-Frage: Wie kommt man an einen solchen Beruf? Und gleich anschließend der Haken an der Sache: einfach ist es nicht, und etwas Glück gehört auch dazu. Wie bei vielen Berufen in Führungspositionen gibt es keinen Königsweg, der einen schnell und mit Erfolgsgarantie zum ersehnten Traumjob führt.

Eine Einstiegsmöglichkeit bieten Verlagspraktika, Ausbildungen im Verlags- oder Medienwesen, Berufserfahrungen in ähnlichen Bereichen (Rundfunk etc.) oder -womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären- durch ein geisteswissenschaftliches Studium, zum Beispiel der Germanistik.

Saborowski schloss ein Magister-Studium der Religionswissenschaft, Semitistik, Medienwissenschaft und christlichen Kunst der Gegenwart ab, absolvierte ein Radiopraktikum und begann eine Dissertation. Als er dieses Vorhaben abbrach und sein Doktorandenstipendium auslief, arbeitete er auf 630-Mark-Basis als Packer im Versand des Verlages. Und stellte so den ersten Kontakt zu seinem heutigen Arbeitgeber her.

Ein durchaus motivierendes Beispiel also für den geisteswissenschaftlichen Nachwuchs an den Universitäten, auch wenn für heutige Studenten die Karriere von Markus Saborowski vielleicht eher wie die Geschichte vom ‚Tellerwäscher zum Millionär' klingt.









Universität Bielefeld