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Joli gratuliert:

Eduard Mörike und sein Hund

von Wolfgang Braungart *

Am 13. Mai 1842 trifft den Cleversulzbacher Pfarrer Eduard Mörike ein schwerer Schicksalsschlag: Sein Hund Joli, ein Spitz, wird beim Streunen im Wald von einem Jäger erschossen. Das Tier mit dem sprechenden Namen war Mörike offenbar so wichtig, daß er auf einen solchen 'anmutigen', 'munteren', geselligen Begleiter nicht mehr verzichten wollte.1 Schon einen guten Monat später hat Mörike einen weißen "Seidenpudel", der auf den Namen 'Prudent' hört und als "Wächter unvergleichlich" ist, sich aber "auch gut zu Narrenspossen [anläßt]".2 Das muß man sich vorstellen: Mörike auf seinen Spaziergängen um das kleine Bauern- und Winzerdorf Cleversulzbach, unterwegs mit einem weißen Pudel! Läßt schon der Name 'Joli' an Mörikes eigenes Verständnis von Poesie denken (franz. 'joli'; aber auch engl. 'jolly'), so auch der von Jolis Nachfolger: Pudel Prudent. Ein alliterierender und assonierender, ein poetischer Pudel. Man möchte in diesen beiden Hundenamen fast ein poetisches Programm sehen. Angenehme, heitere Geselligkeit und poetisches Sprachspiel gehen bei Mörike eine unauflösbare Verbindung ein. Mörike gehört in die 'kleine' Literaturgeschichte der Heiterkeit, was für seine Randposition als poetischer Klein-Meister, die ihm oft zugewiesen wurde, mitverantwortlich sein dürfte. Aber Heiterkeit und Melancholie schließen sich (auch) bei ihm nicht aus!3

Joli selbst jedoch, den Mörike in den Briefen hin und wieder auch 'David' oder 'Nikodemus' nennt, war im Jahr seines Todes schon nicht mehr der Jüngste und ein wenig brummig geworden. Bereits am 14. März 1839 heißt es in einem Brief aus Cleversulzbach an seinen besten, seinen "Urfreund" Wilhelm Hartlaub in Wermutshausen (in diesen Briefen an Hartlaub schlägt er überhaupt den offensten und persönlichsten Ton an): "Den Joli macht sein Alter faul, difficil und empfindlich."4 Und am 27. Oktober 1841, ebenfalls an Hartlaub:

Die kleine Wermutshauser Katze [...] sucht auf alle Art Joli's Freundschaft, täubelt nach seinem Schwanze, springt auf ihn zu, wird aber schnöde, oft grimmig abgewiesen. Diese HausGenossenschaft [!] ist ganz geeignet ihm sein altes Daseyn vollends zu verkümmern, deßwegen ihm zuweilen ein besonders BENE von mir widerfährt.5
Denn an einer guten "HausGenossenschaft" ist Mörike besonders gelegen. Das Haus ist Mörikes Mikrokosmos. Die Briefe an die Freunde geben kund, wie sehr er auf die rechte, diätetisch für ihn wichtige Hausordnung achtet: "Der Staar, der Distelfink, der Igel, Hund und Katze geben auch noch immer ihren Theil zur Unterhaltung ab", schreibt er im Oktober 1840 wieder an Hartlaub. Aber der - zoologisch schwerlich haltbare - Ordnungsentwurf, den er Hartlaub präsentiert, gerät ihm sogleich zu einer Parodie der Ordnungsprinzipien selbst:

Gestern hab ich die Menagerie in folgende ThierClassen eingetheilt:
1. stinkende und zugleich singende.
2. rein singende.
3. rein stinkende
4. solche die weder stinken noch singen; unter welche leztern der JOLI u. die Katze zu kommen sich schmeicheln.6
Die Zitate zeigen nicht nur Mörikes Achtung vor dem Kreatürlichen, sondern auch, wie das Tier in die gesellige Lebensführung einbezogen wird. Die Aufmerksamkeit, die Mörike dem scheinbar Marginalen und Alltäglichen, auch dem Unbedeutenden und Abgetanen wie etwa dem alten Cleversulzbacher Turmhahn schenken kann, läßt er auch Tieren und Pflanzen zukommen.7 Dies kann man gewiß einen biedermeierlichen Zug nennen. Aber wichtiger ist doch, darin die produktive Kraft zu sehen für sein Leben und für sein literarisches Werk.

Eduard Mörike Deutlich wird hier auch, wie das Tier zur "Hausgenossenschaft" gehört. Selbst der alte Turmhahn findet im Kreis der bürgerlichen Familie seine neue Kirchengemeinde, im Kachelofen, auf den er gesetzt wird, sein privates "Münster", seine neue Kirche.8 Mit seinem Staren teilt Mörike sogar den "Potschamber", den Nachttopf, selbst noch bei der Verrichtung des nächtlichen Geschäftes.9 Das Haustier gehört zum sozialen Nahbereich, dessen bergende Verläßlichkeit für Mörike lebensnotwendig ist. Pater familias will er aber auch dem Haustier gegenüber bleiben, und doch ist er einer von einem ganz anderen Schlag als der hochherrschaftliche Hundehalter Thomas Mann.10 Dem Hund gesteht Mörike dieselben Kauzigkeiten und Merkwürdigkeiten zu wie sich selbst und wie sie zum Menschen überhaupt gehören. Joli zählt nicht nur zur Affektgemeinschaft der Familie und des engeren Freundeskreises; er ist für Mörike ein wirkliches Individuum. Er ist insofern ein "Luxushund" - nur nicht zum Renommieren, gegen das Mörike die größte Abneigung hat -, ein Gesellschafter, kein Gebrauchstier.11 Was Mörike für sich beansprucht, läßt er auch beim Haustier gelten. Gegenüber Friedrich Theodor Vischer stellt er von seiner Muse fest, sie sei "eine sehr subjektive und sehr eigensinnige".12

An Hartlaub berichtet Mörike in einem 'Musterkärtchen' von einer 'Abstrafung' Jolis im Februar 1842. - 'Musterkärtchen' nennt er metaphorisch seine kleinen, in die Briefe eingestreuten, aus dem Leben gegriffenen Anekdoten. Sie sind für ihn so kennzeichnend wie die Musterkärtchen für "Tuchhändler, Knopfmacher, Seidenhändler [die] Karte, worauf die Proben von Tuch, Knöpfen und seidenen Zeugen angeheftet sind, und woraus der Käufer für seine Bestellung wählt".13 Die Metapher des 'Musterkärtchens' ist für den Adressaten zugleich ein Poesie-Signal; sie hebt die Anekdote vom restlichen Brief ab:

Gestern habe ich meinen, seit 8 Jahren14 besessenen Haus- und Spazier- auch - SUO MARTE - Jagd-Hund, genannt JOLI, seines Dienstes förmlich entlassen und zwar um mir den täglichen Ärger über seinen Ungehorsam, ihm selber aber die Schläge zu ersparen. Meine Spaziergänge waren ihm nachgerade langweilig, er ließ den Schwanz sinken, sobald er mich die Stiefel anziehn sah, während er lauter Leben war, wenn Clärchen nur von weitem Miene machte zu einem Gang nach Neustadt und ins Dorf. Dieß leztere war gestern Abend so auffallend, daß ich mich kurzweg resolvirte. Ich stellte, zu mehrerer Feierlichkeit, zwei brennende Lichter auf den Tisch, nahm den Hund auf den Arm, hielt eine kleine Anrede, worinnen ihm bedeutet ward, daß er, der bis daher Zweien gefolget, nunmehro, wie ich dieses Eine Licht auslösche, mich fürder nicht als seinen Herrn mehr zu betrachten, sondern der Schwester zu gehorchen habe, daß ich jedoch Atzung und Steuer wie bisher zu prästiren übernehmen, etwaige Calfaktereien aber, die er künftig zu meinen Gunsten üben möchte, auf keine Weise acceptiren werde u. s. w. worauf das DAMUS, DONAMUS, TRADIMUS15 in bester Form erfolgte. Er zeigte über diesen ganzen ACTUS die Visage eines Simpels der Schläge befürchtet. Clärchen sofort empfing ihn auf den Arm, nachdem sie Anfangs, abergläubisch, gegen eine so bedeutende Veränderung im Hause protestirt. Agnes16 sah ernsthaft zu, gleichfalls mit stiller Misbilligung, als wenn es sie um ihn verbarmte. "Er ist dir, sagte sie, doch einmal treu gewesen." Zulezt ließ sie sich aber doch von mir überzeugen, und heute werd ich ihn zum erstenmal zu meiner Nachmittagspromenade nicht einladen.17
Den Anspruch auf Gehorsam gibt Mörike gegenüber dem eigen-willigen Hund auf; Joli wird förmlich aus dem Dienstverhältnis entlassen, bleibt aber dennoch - nun als selbständigeres, gewissermaßen emanzipiertes Mitglied - in der Familie. Er wird Mörikes Schwester Clara überantwortet. Ihr war er freilich schon längst in besonderer Weise verbunden.18 Das Strafritual wird zum sozialen Spiel. Durch die ganze Inszenierung, die lateinische Formel, den autoritären Gestus, in dem Mörike auf seine Autorität verzichtet - er hat den Hund im Arm! -, wird aus der Bestrafung ein selbstironisches Ritual, eine Parodie auf den autoritären Ton. Sie zeigt, wieviel Sinn Mörike für solche Inszenierungen hat, in denen das Soziale poetisiert wird. So geht es etwa mit dem 'Geist', der sich immer wieder im Cleversulzbacher Pfarrhaus blicken läßt, von Mörike auch mit Joli identifiziert (Brief an Hartlaub vom 9. September 1837), von Freund Justinus Kerner aber wesentlich ernster genommen wird. Das gilt auch für Mörikes "Hauskapelle", seine Poetenstube unterm Dach, in der er eine katholische Aura samt Reliquienkult inszeniert (Briefe an Hartlaub vom 12. August und 7. Dezember 1840 und an Karl Friedrich Hartmann Mayer vom 27. und 28. März 1841). Poetische Inszenierung und Erfindung und Soziales überlagern und durchdringen sich oft unauflösbar; man braucht nur an den mit Waiblinger und Ludwig Bauer erfundenen Orplid-Mythos oder an die Wispeliaden zu denken.

Diese Parodie einer Strafpredigt, von der er Hartlaub erzählt, trifft auch den Prediger Mörike selbst, für dessen "kleine Anrede" sich kein Hund mehr interessiert. Als Prediger mochte er sich überhaupt nur ungern inszenieren,19 es sei denn eben in einer solchen humoristisch-sozialen Handlung. - Ein Jahr später, 1843, ist er diese Bürde es Predigeramtes los, als seinem Gesuch um vorzeitige Pensionierung stattgegeben wird. - Aus dem Bericht wird also eine heitere Geschichte, wird Literatur. 'Tradere' heißt nicht nur 'übergeben, anvertrauen', sondern auch überliefern, mitteilen, erzählen.

In Mörikes Lyrik und auch in seinen Gelegenheitsgedichten finden sich immer wieder solche Anspielungen und Hinweise auf seinen theologischen Beruf. Wiederum ein Brief an Hartlaub vom Dezember 1837 enthält eine poetische Nachricht über Joli, ein "IMPROMPTU AN JOLI / (als er, nach einer Edelthat der Bescheidenheit, von mir, von Clärchen u. Mutter wechselsweise auf den Arm genommen und, bis zu seinem Überdruß, geliebkost wurde)":

Die ganz' Welt ist in dich verliebt
Und läßt dir keine Ruh,
Und wenns im Himmel Hundle giebt
So sind sie grad wie du!20
Der Titel schließt ein Programm ein: Diese poetische Improvisation stellt sich ganz auf die soziale Situation ein und will ihr auch in der ästhetischen Gestalt angemessen sein. Sie muß also kurz, leicht zugänglich und heiter im Ton sein. Mit der Figur Mozarts hat Mörike in seiner Meisternovelle Mozart auf der Reise nach Prag (1855) ein poetisches Alter ego geschaffen, für dessen künstlerisches Genie die gesellige soziale Situation konstitutiv ist.21 Geselligkeit ist für Mörike ein soziales und zugleich ein poetisches Prinzip.

Jolis "Edelthat" macht ihn in diesem 'Impromptu' zum wirklichen Mittelpunkt der 'Restfamilie' von Mutter, Bruder und Schwester. Er wird zum Abglanz und Vorschein der himmlischen Hunde, sofern es die überhaupt geben sollte. Die 'Himmelhunde' sind aber auch schon zu Mörikes Zeiten ziemlich ambivalente Wesen: Himmelhund ist bis heute ein Schimpfwort; 'Himmel-' dient bis heute zur Bekräftigung und Verstärkung einer Wendung.22 Mörike leistet sich hier natürlich keine Blasphemie; aber der familiäre, gesellige, umgangssprachliche Ton macht auch vor dem Himmel nicht halt. Die sprechsprachlichen, dialektalen Anklänge ("ganz' Welt", "Hundle", "grad") wollen den Charakter des Improvisierten und Situativen unterstreichen und sind doch metrisch-rhythmisch genau gesetzt. Sie geben dem kleinen Gedicht eine Leichtigkeit und Heiterkeit, die davor warnen sollten, es mit allzu großem hermeneutischem Eifer zu traktieren. (Und eine 'gelegenheitswissenschaftliche' Anmerkung zu Mörikes Gelegenheits-Geselligkeitslyrik sollte darum nicht selbst ungesellig umständlich ausfallen.) Dennoch haben diese Gedichte etwas zu sagen, aber auf die diskreteste Weise. Was Mörike im Sozialen lebt, die ganze Aufmerksamkeit für das Leise, sich Entziehende, sich Verbergende: hier, bei den Gelegenheitsgedichten und bei Mörikes Lyrik überhaupt, ist sie ebenfalls gefordert. Man kann schon hellhörig werden, wenn man ein Gedicht wie das folgende auf Klara Hartlaub liest, das Patenkind von Mörikes Schwester Clara:

Das Clärchen hab ich gar zu gern,
Sie ist mein Licht und ist mein Stern;
In allen Stücken glanzt sie mir
Als Ideal und Fürbild für.23
So wichtig sind die Freunde und Familienmitglieder für Mörike tatsächlich. Das Gedicht umspielt die Bedeutung des Namens ("Licht", "Stern", "glanzt") und weckt zugleich religiöse Konnotationen. Sengle hat sogar vom "Freundschaftskult" Mörikes gesprochen, der sich auch in den Gelegenheitsgedichten zeige.24 Diese Gedichte sind ästhetisch-soziale Handlungen. Joli ist Gesprächspartner Mörikes. Neben dem "Hündischen" beherrscht er schon 1832, als ganz junges Tier, "das Französische [...] und spricht es abwechselnd", also die Sprache der gepflegten Konversation.25 In der Literatur darf das Tier schon immer reden. Die Fabel ist dafür der poetische Ort. Das 18. Jahrhundert hat diese Gattung bekanntlich wiederbelebt. Aber von dem applikativen Moment, das der Gattung der Fabel zukommt, bleibt bei Mörike nicht viel. Der Hund, der älteste tierische Hausfreund in der Kulturgeschichte der Menschheit, wird von Mörike in den geselligen Kreis einbezogen, ja er wird immer wieder zum integrativen Zentrum des Kreises (und diese Funktion haben Hunde in einer Familie tatsächlich häufig).

Am 10. Dezember 1840 legt Mörike seinem Hund Joli das folgende Gedicht in den Mund, mit dem dieser der Schwester Clara zum 24. Geburtstag gratuliert:

JOLI GRATULIERT ZUM 10. DEZ. 1840

Soll ich lang nach Wünschen suchen?
Kurz und gut sei meine Wahl:
"Alle Jahre solch ein Kuchen,
Und zwar wohl noch sechzigmal!
Nämlich mit gesundem Leibe;
Daß kein Elsaß und kein Krauß
Dir das mindste mehr verschreibe,
Denn mit diesen ist es aus."
Dies ist mein carmen; spar dein Lob,
Mache nicht, daß ich erröte!
Ik bin dwar ein Ilodop,
Aber ik bin kein Oëte.26
Der Hund wird anthropomorphisiert. Das ist in der Literatur nicht gerade ungewöhnlich. Hier aber nimmt er in der Familie eine prominente Position ein. Er wird zum Festredner. Der Herr spricht durch seinen Hund. Als Dichter wird Joli später noch einmal hervortreten.27

Dieser Glückwunsch Jolis ist ebenfalls nicht gerade eine hermeneutische Herausforderung. Als Gelegenheitsgedicht soll und darf er das ja auch nicht sein. Daß mit "Elsaß" und "Krauß" die beiden Hausärzte Mörikes, Karl Ludwig Elsäßer und Friedrich Krauß, gemeint waren, war Clara natürlich umstandslos 'klar'. Was Joli hier Clara wünscht, wünschte Mörike sich selbst: daß er sich von den Ärzten nicht mehr krankschreiben und Medikamente und Kuren verordnen lassen müsse. Alles Formelhafte ('Glück', 'Gesundheit'), das in solchen Gedichten ansonsten üblich ist, wird vermieden, und dennoch wird dem Ritual Genüge getan. Von der moralisierenden Applicatio der Tierrede in der Fabel bleibt nur der Wunsch nach "solch ein[em] Kuchen".28 Aus der barschen präventiven Zurückweisung eines möglichen Lobs für das "carmen" spricht einerseits Jolis selbstbewußte Eigenwilligkeit, die das Lob für sich in Anspruch nimmt, noch bevor es ausgesprochen ist ("Mache nicht, daß ich erröte!"), und die Mörike zu schaffen macht, ihm aber im Grunde doch gefällt. Andererseits ironisiert sie den Kunstanspruch der bescheidenen Verschen und wertet sie dadurch gerade auf. Ihre vermessene Bezeichnung als "carmen" verspottet unbegründete Geltungssucht - was Mörike oft getan hat - und erinnert dennoch daran, daß viele lateinische carmina eben solche Gedichte wie dieses waren: Gelegenheitsgedichte. Mörike war ein exzellenter Kenner der griechischen und römischen Poesie. 1840 veröffentlichte er seine Classische Blumenlese; 1855, gemeinsam mit Friedrich Notter, Übertragungen Theokrits, Bions und Moschos'; 1864, wiederum - wie in der Classischen Blumenlese - als Bearbeitung einer bereits vorliegenden Übersetzung, Anakreon und die sogenannten Anakreontischen Lieder.

Die Schlußverse von Jolis Gratulationsgedicht zeigen den Sprachspieler und Wispeliaden-Erfinder Mörike.29 'Ilo'- läßt sich als Palindrom zu 'Joli' lesen. Zur Schlußsilbe -'dop' mag man sich dann seinen Teil denken. Joli sieht sich als Hunde-'Ilodop'-Philosoph. Er ist ein Kyniker: Mehr als "alle Jahre solch ein[en] Kuchen" braucht er nicht. Das genügt ihm, so scheint es, zu einem bescheidenen Glück in relativer Unabhängigkeit und Bedürfnislosigkeit. Aber immerhin: "solch ein Kuchen" sollte es schon sein. Das ist die Glückseligkeitslehre dieses kynischen Philosophen.30

Die Verballhornungen der Schlußverse, die norddeutsche (berlinerische?) Dialekte ironisieren,31 relativieren jedoch auch genau diesen Kynismus. Sie sind Ausdruck einer Sprachlust, ein poetisches und zugleich soziales Sprachspiel. So weisen sie den Hunde-Philosophen eben doch als denjenigen aus, der er gerade nicht sein will: als 'Poeten'. Joli ist Ilo ist Joli. Joli ist als kynischer Lebens-Künstler auch poetischer Künstler. Das eine geht nicht ohne das andere.

Der Sinn dieses Gedichtes bestimmt sich ganz aus der sozialen Handlung heraus, für die es da ist und in die es eingelassen ist. Mit seinen Ironisierungen und Relativierungen nimmt das Gedicht dem Geburtstag seine Gewichtigkeit und unterstreicht doch sein Gewicht. Mit den selbstgeschmiedeten Reimen, die wir bis heute bei solchen und ähnlichen Anlässen beizusteuern pflegen, verfahren wir im Grunde nicht viel anders.

Daß Mörikes Gelegenheitslyrik bislang wenig beachtet wurde,32 ist symptomatisch. Die Geschichte der Gelegenheitsdichtung des 19. und 20. Jahrhunderts ist insgesamt noch wenig in ähnlich gründlicher Weise systematisch erforscht, wie es die grundlegenden Monographien von Wulf Segebrecht zum Gelegenheitsgedicht bis hin zu Goethe und von Wolfgang Adam zur Gattung der 'Silvæ' in der Frühen Neuzeit bis hin zu Herder getan haben.33 Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Das Gelegenheitsgedicht verträgt sich nicht mit dem am Ende des 18. Jahrhunderts neu etablierten ästhetischen Paradigma. Schon vor Goethe kommt es zu einer Kontroverse über das Gelegenheitsgedicht.34 War es für die frühneuzeitliche Lyrik noch zentral, so scheint es jetzt allenfalls poetisches Nebenwerk oder Elaborat von Minderdichtern, die sich von außerliterarischen Ansprüchen und Zwecken in Dienst nehmen lassen.35 Mörikes Gelegenheitsgedicht aber zwingt genau dazu, systematisch zu bedenken, was doch getrennt werden soll: den Zusammenhang von Literatur und geselliger sozialer Situation. Wie wichtig dieser Zusammenhang für das 18. Jahrhundert und die Romantik ist, wie eng Bürgerlichkeit, Geselligkeit und literarisch-sprachliche Kultur zusammengehören, hat die jüngere Forschung gezeigt.36

Gerade solche Gelegenheitsgedichte wie die zitierten haben für Mörike eine grundlegende Bedeutung, die im Laufe seines Lebens stetig zunimmt. Sie sind konstitutiv sozial, wollen einer sozialen Situation genügen und sind doch gerade dabei erlebnishaft;37 sie sind oft auf das Alltäglichste bezogen. Sie sind scherzhaft-ernsthaft, ritualisiert und dennoch heiter und frei. Sie stellen durch ihre ästhetische Gestalt eine besondere soziale Kommunikationsform dar. Ritualität und ästhetische Subjektivität schließen sich (hier) keineswegs aus. In den Gelegenheitsgedichten kann sich - in der für Mörike charakteristischen Ästhetik des Understatements - aussprechen, was das Subjekt im Innersten bedrängt, ohne daß es seine Trauer und Melancholie wie ein Banner vor sich hertragen müßte.38 Und der Gelegenheiten sind viele; gebraucht werden Widmungsgedichte, Stammbücher- und Albumsverschen, Gedichte, um die er bei allen möglichen Anlässen gebeten wird, Verse von Haus zu Haus, Beigaben zu Geschenken39 und 'Musterkärtchen' wie das Impromptu an Joli.

Poesie und soziales Leben gehören für Mörike unauflösbar zusammen; Poesie ist für Mörike in einem Maße Gelegenheitspoesie, wie vielleicht bei keinem Autor des 19. Jahrhunderts sonst. Das schmälert für ihn selbst ihren Wert als literarische Kunstwerke keineswegs. Im Gegenteil: Es zeichnet gerade das bescheidene Leben aus, das Mörike führt, daß es zu Poesie werden kann. Und es adelt die Poesie, daß sich in ihr das soziale Leben wirklich darstellen kann. Mörikes Kunst der kleinen Form ist auch eine Kunst der Selbstbescheidung und Selbsttherapie für eine psychisch zutiefst gefährdete Existenz. Er paßt seine Ausdrucksformen - seien es Gedichte oder Erzählungen oder auch andere kulturelle Praktiken, die der bürgerlichen Dilettantenkultur des 19. Jahrhunderts entstammen - seinem Gesundheitszustand an.40 Die Übergänge sind hier ganz fließend. Jüngst erst ist gezeigt worden, in welcher Weise viele seiner Gedichte beim Briefeschreiben entstehen, also aus der für ihn lebensnotwendigen schreibenden Vergewisserung seiner Freunde hervorgehen und darauf bezogen sind.41 Auch das Briefeschreiben selbst ist für Mörike eine soziale Kunstform. Seine Gedichte, seine Briefe, sein Sammeln von Versteinerungen,42 seine Basteleien, nicht nur für seine Kinder, sein Hang zum Kunsthandwerk:43 dies alles ist verstehbar als gestaltende Bewältigung eines Lebens, das seinen Halt im Beruf eines evangelischen Pfarrers allein nicht mehr finden konnte und in den Aufgaben des Amtes nicht mehr aufging. Daß die Gründe dafür nicht nur biographischer Natur sind, liegt auf der Hand. Es ist nicht nebensächlich, wie verständnisvoll Mörike das wissenschaftliche Werk seines Freundes aus der Zeit im Tübinger Stift, David Friedrich Strauß, kommentiert hat.

Am Werk Mörikes läßt sich zeigen, was generell für die kulturellen Äußerungen und Handlungen der Menschen gilt: Sie sind immer auch gestaltende Bewältigung des Lebens. Durch die Art und Weise, wie wir unsere kulturellen Äußerungen und Handlungen gestalten, sagen wir immer auch etwas darüber, was sie für uns sind.

Es ist viel darüber diskutiert worden, ob eine kulturwissenschaftliche Öffnung der Geisteswissenschaften, wie sie Wolfgang Frühwald angeregt hat, wirklich mehr sei als eine bloße Mode, ob sie nicht von der Literatur wegführe, ob sie nicht die 'alte' Sozialgeschichte nur umetikettiere. - Aber was heißt 'alt'? Georg Jägers sozialgeschichtliche Forschungen zur Literaturgeschichte kennzeichnen ein Forschungsgebiet, in dem noch lange viel zu tun ist.44 Eine sich kulturwissenschaftlich verstehende Literaturwissenschaft braucht die Literatur in ihrer Eigentümlichkeit keineswegs aus dem Blick zu verlieren und kann sich doch zugleich als 'Human- und Sozialwissenschaft' begreifen. Literatur ist nicht 'unmittelbar zu Gott'; die Literaturwissenschaft muß das soziale Leben der Literatur zur Kenntnis nehmen, wenn sie eine entscheidende Dimension der Literatur selbst nicht verfehlen will. Mörikes Gelegenheitslyrik hat diese Dimension, das soziale Leben selbst, ständig im Blick. Ihre ästhetische Gestalt bestimmt sich entscheidend von dort her. Was der "Gehalt" von Lyrik ist, hat einmal ein großer Mörike-Kenner gesagt, "das zu bestimmen verlangt freilich Wissen wie vom Inneren der Kunstwerke so auch von der Gesellschaft draußen".45

Zu diesem Wissen haben Wolfgang Frühwald und Georg Jäger mit ihrem wissenschaftlichen Werk viel beigetragen:

Joli dankt und gratuliert - und mit ihm der Verfasser!



(*) Erschienen in: Martin Huber u. Gerhard Lauer (Hg.): Nach der Sozialgeschichte. Konzepte für eine Literaturwissenschaft zwischen Historischer Anthropologie, Kulturgeschichte und Medientheorie, Tübingen: Niemeyer 2000, S. 221–232. <=

(1) Vgl. auch den Kommentar in der Historisch-Kritischen Gesamtausgabe: Eduard Mörike: Werke und Briefe. Im Auftrag des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg und in Zusammenarbeit mit dem Schiller-Nationalmuseum Marbach a. N. hg. von Hans-Henrik Krummacher, Herbert Meyer und Bernhard Zeller. Stuttgart: Klett/Klett-Cotta 1967ff., Bde. 3-14 (künftig zit.: GA Bd., S.), hier GA 11, S. 614. - Christina Skiebe und Ellen Beyn danke ich herzlich für Rat und Hilfe. <=

(2) Die Angaben nach Hans-Ulrich Simon: Mörike-Chronik. Stuttgart: Metzler 1981, Sp. 140; GA 14, S. 119, und Kommentar, S. 504. Zur Cleversulzbacher Zeit siehe auch das schöne, reich bebilderte Heft des Marbacher Magazins 27 (1983), das Thomas Scheuffelen erarbeitet hat. <=

(3) Zur Literaturgeschichte der Heiterkeit und zu ihrer Verdrängung durch die als poetische Kraft nobilitierte Melancholie vgl. Detlev Schöttker: Metamorphosen der Freude. Darstellung und Reflexion der Heiterkeit in der Literatur des 18. Jahrhunderts. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 72 (1998), S. 354-375. <=

(4) GA 13, S. 25. <=

(5) Ebd., S. 216. <=

(6) GA 13, S. 132. <=

(7) Mit großem Gewinn habe ich die Belege aus Mörikes Werk genutzt, die Marliese Eva Neef zusammengestellt und kommentiert hat: Impromptu an Joli (und anderes Getier, größeres und kleineres). Privatdruck Bingen-Bingerbrück, o. J. (1998). <=

(8) Vgl. dazu meine Interpretationsskizze: "Bis Anfang Applicatio". Mörikes 'Alter Turmhahn' und die Predigt. In: Theologie und Glaube 88 (1998), S. 454-462. <=

(9) Brief an Friedrich Theodor Vischer, Tierfreund wie Mörike, vom 4. Februar 1832. In: Heinz Schlaffer/Dirk Mende: Friedrich Theodor Vischer 1807-1887. Marbacher Magazin 44 (1987), S. 22ff. <=

(10) Vgl. die kurze Darstellung von Herr und Hund bei Hermann Kurzke: Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk. München: Beck 1999, S. 293ff. <=

(11) Zur Diskussion um den "Luxushund" im 19. Jahrhundert vgl. Jutta Buchner: Kultur mit Tieren. Zur Formierung des bürgerlichen Tierverständnisses im 19. Jahrhundert. Münster u. a.: Waxmann 1996, S. 97ff. <=

(12) Brief an Vischer vom 26. Februar 1832; GA 11, S. 263.
Zum kulturhistorischen Forschungsfeld 'Mensch - Tier' vgl. jetzt den aspektreichen Tagungsband: Paul Münch (Hg. in Verbindung mit Rainer Walz): Tiere und Menschen. Geschichte und Aktualität eines prekären Verhältnisses. Paderborn u. a.: Schöningh 1998, bes. die Einführung des Hg.: 'Tiere und Menschen'. Ein Thema der historischen Grundlagenforschung, S. 9-34; und Jutta Buchner-Fuhs: Das Tier als Freund. Überlegungen zur Gefühlsgeschichte im 19. Jahrhundert, S. 275-294. Außerdem den Themenband 'Mensch und Tier. Kulturwissenschaftliche Aspekte einer Sozialbeziehung'. In: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung 27 (1991). Zur Gefühlsgeschichte vgl. die zumeist literarische Belege versammelnde Anthologie von Eckhard Henscheid (Hg.): Sentimentale Tiergeschichten. Stuttgart: Reclam 1997. Kinder- und Jugendliteratur, Tierschutzkalender, populäre Literatur überhaupt bieten noch viele weitere schöne Beispiele. <=

(13) Art. 'Musterkarte'. In: Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Nachdruck München: Deutscher Taschenbuchverlag 1984. Bd. 12, Sp. 2765. Zu Mörikes Musterkärtchen s. Kristin Rheinwald: Eduard Mörikes Briefe: Werkstatt der Poesie. Stuttgart, Weimar: Metzler 1994, S. 147ff., hier S. 150. <=

(14) Hier täuscht sich Mörike: Schon im Brief vom 10./11. Dezember 1831 berichtet er an Luise Rau, daß er "einen artigen Spitzhund beherberg[e], [...] ein gescheidtes wachsames lebhaftes Geschöpf". In: GA 11, S. 235. <=

(15) Die Wendung hört sich an wie eine Parodie auf eine Rechtsformel (zum Beispiel datum; dat, donat, dedicat; dedit, dedicavit usw.; vgl. die Auflistung bei Adriano Cappelli: Dizionario di abbreviature latine ed italiane. Milano: Hoepli 1979, S. 446f. Im Brief an Hartlaub vom 8. September 1841 schließt Mörike mit einer gravitätischen lateinischen Formel, die zugleich etwas von seiner mehr ästhetisch-rituellen als theologischen Neigung zur Aura des Katholizismus verrät: "DEDI CLEV.SULZB. DIE NATAL. / S. VIRG. MARIAE. MDCCCXLI." (GA 13, S. 205). <=

(16) Die 1834 geborene Tochter Konstanze und Wilhelm Hartlaubs. <=

(17) GA 14, S. 23. <=

(18) Vgl. den Brief an Clara Mörike vom 6. Juli 1841. In: GA 13, S. 189: "Dein JOLI (denn er ist ja doch wahrhaftig Dein) liegt dicht an meiner Seite"; ebd., S. 192: "Der arme Tropf der JOLI kann Dich gar nicht verschmerzen; so oft ich Deinen Namen, gleichfals traurig, nenne, sieht er sich um u. wird aufs Neue nachdenklich, ob er Dich in Besigheim, in Schönthal, oder Wermutshausen glauben soll." <=

(19) Wie er sich vor der sonntäglichen Predigt zu drücken suchte, wie er seinen Freund Hartlaub um dessen Predigten bat, wie er sogar seine Freunde predigen ließ und sich währenddessen im Pfarrgarten aufhielt, seine "vis inertiae" (Brief an Hartlaub vom 12. August 1840. In: GA 13, S. 111ff.), das gehört in der Mörike-Forschung zu den besonders gern erzählten Anekdoten. Vgl. etwa Harry Maync: Eduard Mörike. Sein Leben und Dichten. Stuttgart: Cotta 51944, bes. Kap. V: 'Der Pfarrer von Cleversulzbach'. <=

(20) GA 12, S. 157f. <=

(21) Ein kurze Einführung in den neuesten Forschungsstand gibt Mathias Mayer: Eduard Mörike. Stuttgart: Reclam 1998, S. 120-133. <=

(22) Art. 'Himmelhund'. In: Jacob und Wilhelm Grimm (Anm. 13), Bd. 10, Sp. 1346. <=

(23) Brief vom 15. März 1841. In: GA 13, S. 159. Klara Hartlaub war damals zweieinhalb Jahre alt. <=

(24) Friedrich Sengle: Annette von Droste-Hülshoff und Mörike. Zeitgenossenschaft und Individualität der Dichter. In: Kleine Beiträge zur Droste-Forschung 3 (1974/75), S. 9-24, hier S. 23. Sengles ausführliche Darstellung Mörikes in Bd. III seiner Biedermeierzeit. Stuttgart: Metzler 1980, ist noch immer grundlegend. <=

(25) Brief an Clara Mörike. In: GA 11, S. 337. <=

(26) Eduard Mörike: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Nach den Originaldrucken und Handschriften. Textredaktion: Helga Unger und Jost Perfahl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1970; hier Bd. II. S. 481. <=

(27) Brief an Hartlaub vom 8. September 1841; GA 13, S. 203. Dem Kommentar zufolge (ebd., S. 555) kann es sich nur um das Gedicht Ich mach nicht viele Worte ... handeln. <=

(28) Vgl. auch Verfasser (Anm. 8). <=

(29) Die jetzt in einer schönen Faksimile-Neuedition vorliegen: Wispel. Eduard Mörikes 'Wispeliaden'. Zusammengestellt und mit einem Nachwort versehen von Friederike Roth. Berlin: Friedenauer Presse 1994. <=

(30) Zur Glückseligkeit aus Bedürfnislosigkeit in der kynischen Philosophie der Antike vgl. Heinrich Niehues-Pröbsting: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988. <=

(31) Und sie erinnern ein wenig an Sprachmengerei, wie sie etwa Lessings Riccaut de la Marliniere praktiziert hat. Über das Verhältnis zwischen den Hartlaubs und den Mörikes heißt es 1838 (und Clara Mörike hat hier die analoge Position Konstanzes, also die der Ehefrau!): "Constance & Claire / Die liebe sick sehr. / Guillaume et Edouard frères / Nok villes tausendmal mehr!" - Ed. Helga Unger/Jost Perfahl (Anm. 26), Bd. II, S. 435. <=

(32) Vgl. aber: Rudolf Krauß: Eduard Mörike als Gelegenheitsdichter. Aus seinem alltäglichen Leben. Mit zahlreichen erstmals gedruckten Gedichten Mörikes und Zeichnungen von seiner Hand. Stuttgart u. a.: Deutsche Verlags-Anstalt 1895 (51904); Anne Ruth Strauß: Mörikes Gelegenheitslyrik. Zum Verhältnis von Kern und Peripherie in seinem Werk, Diss. (masch.) Marburg 1960; Hans-Henrik Krummacher: Zu Mörikes Gedichten. Ausgaben und Überlieferung. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 5 (1961), S. 267-344; und besonders auch die Studie Renate von Heydebrands: Kunst im Hausgebrauch. Überlegungen zu Mörikes Epistel 'An Moriz v. Schwind'. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 15 (1971), S. 280-296. Dem Fazit von Heydebrands kann man nur zustimmen: "Vielleicht ist heute der Zeitpunkt gekommen, den Wert von Dichtungen wieder zu entdecken, die ohne irrationale Verweisungen, allein durch ästhetischen Reiz, durch geistvolle Verspieltheit, vor allem aber durch den warmen menschlichen Impuls, der ihre Gestaltung veranlaßte, zu wirken vermögen." Durch seine Gelegenheitsgedichte habe Mörike "ein Leben unter sehr beschränkten Bedingungen freundlicher gestaltet und [...] sogar Konflikte bewältigt". Von Heydebrand sieht darin durchaus auch "Züge der Resignation [...]. Die Verbindung von Phantasie und Liebe, die Mörike darin bewährt, bleibt in jeder historischen Situation unverzichtbar." - Ebd., S. 295f. <=

(33) Wulf Segebrecht: Das Gelegenheitsgedicht. Ein Beitrag zur Geschichte und Poetik der deutschen Lyrik. Stuttgart: Metzler 1977; Wolfgang Adam: Poetische und kritische Wälder. Untersuchungen zu Geschichte und Formen des Schreibens 'bei Gelegenheit'. Heidelberg: Winter 1988. Wichtig auch: Gunter E. Grimm: Literatur und Gelehrtentum in Deutschland. Untersuchungen zum Wandel ihres Verhältnisses vom Humanismus bis zur Frühaufklärung. Tübingen: Niemeyer 1983, bes. S. 273ff. <=

(34) Vgl. Wulf Segebrecht (Anm. 33), Dritter Teil, S. 225ff. <=

(35) Amüsant: Georg Röhrig: Handbuch für Gelegenheitsdichter. Bindlach: Gondrom 1986 (zuerst München 1981). <=

(36) Wolfgang Adam (Hg.): Geselligkeit und Gesellschaft im Barockzeitalter. Wiesbaden: Harrassowitz 1997 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, Bd. 28); Markus Fauser: Das Gespräch im 18. Jahrhundert. Rhetorik und Geselligkeit in Deutschland. Stuttgart: M & P 1991; Detlef Gaus: Geselligkeit und Gesellige. Bildung, Bürgertum und bildungsbürgerliche Kultur um 1800. Stuttgart, Weimar: Metzler 1998; Astrid Köhler: Salonkultur im klassischen Weimar. Geselligkeitskultur als Lebensform und literarisches Konzept. Stuttgart: M & P 1996; Dorothea Kühme: Bürger und Spiel. Gesellschaftsspiele im deutschen Bürgertum zwischen 1750 und 1850. Frankfurt a. M., New York: Campus 1997; Angelika Linke: Sprachkultur und Bürgertum. Zur Mentalitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts. Stuttgart, Weimar: Metzler 1996. <=

(37) Wulf Segebrecht (Anm. 33) kommt mehrfach kurz auf Mörike zu sprechen. Wie Goethe, so Segebrecht völlig zutreffend, habe auch Mörike die "historische Alternative [...] zwischen dem Casualgedicht und dem Erlebnisgedicht" in seiner Form des Gelegenheitsgedichtes synthetisiert (ebd., S. 22f.). <=

(38) Vgl. dazu meine knappe Interpretation des Widmungsgedichts an Konstanze Hartlaub Zum Schönthaler Gurkenrezept: W.B.: Zur Ritualität der ästhetischen Moderne. Eine kleine Polemik und einige Beobachtungen zur Kunst der Mittellage bei Eduard Mörike. In: Alfred Schäfer/Michael Wimmer (Hg.): Rituale und Ritualisierungen. Opladen: Leske & Budrich 1998, S. 209-227, bes. S. 223f. <=

(39) Susanne Fliegner: Der Dichter und die Dilettanten. Eduard Mörike und die bürgerliche Geselligkeitskultur des 19. Jahrhunderts. Stuttgart: Metzler 1991, S. 83 ff. ("Verewigung des Alltäglichen - die Gelegenheitsgedichte"). <=

(40) Siehe dazu Susanne Fliegner (Anm. 39), bes. Kap. I ('Der Zusammenhang von Krankheit, Diätetik und dichterischem Rollenverständnis bei Mörike'). - Zur therapeutischen und diätetischen Auffassung von Kunst ausführlich schon Renate von Heydebrand: Eduard Mörikes Gedichtwerk. Beschreibung und Deutung der Formenvielfalt und ihrer Entwicklung. Stuttgart: Metzler 1972, S. 283ff. <=

(41) Kristin Rheinwald (Anm. 13). <=

(42) Vgl. Susanne Fliegner (Anm. 39), S. 163ff. <=

(43) Ebd., S. 179ff. <=

(44) Vgl. auch den Diskussionsbeitrag von Oliver Bruck/Max Kaiser/Werner Michler/Karl Wagner/Christiane Zintzen: Eine Sozialgeschichte der Literatur, die keine mehr sein will. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 24 (1999), S. 132-157. <=

(45) Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: T.W.A.: Noten zur Literatur I. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1975, S. 73-104, hier S. 76. Die Rede enthält Adornos Interpretation von Mörikes Auf einer Wanderung (ebd., S. 92ff.). <=






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