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Moderne Koreanische Literatur & Verlagsarbeit

"Es tut mir leid, wenn ich jetzt über meinen kleinen Bauchnabel schreibe."

von Tanja Buchwald

Der kleine Bielefelder Pendragon Verlag veröffentlicht seit 1997 koreanische Literatur. In der renommierten „Edition Koreanischer Literatur“ sind mittlerweile 30 Bände erschienen. Wir sprachen mit dem Verleger Günther Butkus über seine Erfahrungen bei der Publikation dieser Werke, über die Entwicklung der modernen koreanischen Literatur und die Problematik der Literaturvermittlung.

Lili: Welche spezifischen Erfahrungen charakterisieren den Umgang mit koreanischer Literatur im Verlagsalltag?

Günther Butkus: Es ist auch für mich etwas schwierig gewesen, als wir vor sechs Jahren das erste koreanische Buch verlegt haben. Für unseren Verlag war das alles Neuland, man mußte sich erst mal reinfinden. Im Laufe der Jahre haben sich Kontakte zu Übersetzern, zu Verlagsleuten und zu Literaturveranstaltern ergeben. Es hat sich ein kleines Netzwerk aufgebaut, bei den Übersetzern ist es genauso. Da es sich um einen uns völlig fremden Kultur- und Sprachraum handelt, braucht man erst einmal ein paar Jahre. In den koreanischen Büchern tauchen unheimlich viele Sprachspiele auf, die man eigentlich gar nicht übersetzen kann. Wenn die im Text stehen, denken wir auch: Was ist das für ein Quark? Also muß man immer mit den Übersetzern per Email Kontakt halten, um zu klären, was eigentlich mit diesem oder jenem Sprachbild gemeint ist. Wir müssen dann im Deutschen ein passendes Bild suchen. Es hat eine Zeit gedauert, bis wir sagen konnten, dass wir uns ganz gut auskennen und bis wir wußten, was wir gerne – mehr – hätten.

Lili: Wie gestaltet sich das Lektorat koreanischer Literatur?

Günther Butkus: Sehr langwierig. Wir beherrschen kein Koreanisch und sind auf Übersetzungen angewiesen. Dies ist ein schwieriges Feld, da man einerseits gerne die Werktreue aufrechterhalten möchte und andererseits die Sprach- und Kulturräume unterschiedlich sind. Wenn man ein aus dem Koreanischen übersetztes Buch in vier oder fünf europäischen Sprachen lesen würde, bin ich mir sicher, dass es immer Abweichungen gibt. Es würde sich einfach verändern.

Lili: Sind für die Übersetzungen Muttersprachler nötig?

Günther Butkus: Ja, es sind deutsch-koreanische Teams. Ganz selten übersetzt eine einzelne Person. Dies sind häufig Koreaner, die in Deutschland aufgewachsen sind, hier studiert haben und das Deutsche gut kennen. Es gibt Übersetzungen, die sind bereits sehr gut, mit anderen Büchern wiederum quälen wir uns acht oder neun Monate, bis sie flüssig werden.

Lili: Was zeichnet die moderne koreanische Literatur und ihre Entwicklung aus?

Günther Butkus: Ganz grob kann man sagen, dass sich die koreanische Literatur erst nach dem zweiten Weltkrieg entwickeln konnte. Korea war vorher lange besetzt, sowohl von den Chinesen als auch von den Japanern; man durfte keine eigene Sprache haben. Deshalb haben die Autoren erst nach dem Weltkrieg begonnen, Koreanisch zu schreiben. Das sind dann die Romane, die Teile der koreanischen Geschichte beschreiben. Wir in Deutschland hatten zwar die Mauer – aber Korea hatte drei Jahre einen Bruderkrieg, bei dem sechs Millionen Koreaner gefallen sind. Die Autoren die jetzt 70 oder 75 Jahre alt sind und als junge Autoren angefangen haben zu schreiben, haben über dieses Thema geschrieben – über die Folgen: den Kulturverlust, den Heimatverlust und den Familienverlust. Dies sind natürlich durchaus auch Themen, die den deutschen Leser bestimmter Generationen interessieren. Dann gibt es die nächste Generation, wenn man das so vereinfacht sagen will. Das sind die Autoren, die nicht mehr den Bruderkrieg mitbekommen haben. Nach dem Krieg wurde Korea nicht demokratisch, sondern eine Militärdiktatur. Bis in die 80er Jahre hinein wurden Demonstrationen niedergeschlagen und die Autoren haben das sozusagen aus ihrer Sicht auf literarische Weise verarbeitet: Wie das Individuum in so einer Situation reagiert. Läuft man mit, begehrt man auf, macht man den Mund auf? Wie wirkt sich das auf den Job aus? Die ganz jungen Autoren, die in den 80ern großgeworden sind, haben nicht mehr diese „großen“ Themen, sie sagen selbst: Unsere Vorgänger hatten große Themen und eine Aufgabe gegen die sie anschreiben konnten. Sie müssen sich im Korea der 90iger Jahre das Thema suchen. Ich würde jetzt nicht sagen, dass es „die“ Themen gibt, aber mich interessiert natürlich, wie die jungen Leute sich die Themen suchen. Inwieweit unterscheidet sich einen koreanischer Gegenwartsroman von einem deutschen Roman?


Lili: Welche persönlichen Kontakte entstanden durch die Arbeit mit den zuständigen Instanzen?

Günther Butkus: Alle, die an der Edition mitarbeiten oder sich überhaupt für koreanische Literatur in Deutschland einsetzten stehen in engem Kontakt zueinander. Selbst wenn jemand eine Übersetzung für einen anderen Verlag macht bin ich dem selbstverständlich nicht böse. Es ist ein kleiner Personenkreis mit dem man zu tun hat und alle wollen im Grunde die Sache nach vorne bringen. Von daher entstehen Netzwerke, Freundschaften innerhalb Deutschlands aber auch nach Korea. Wir sind darauf angewiesen, dass viele Leute an einem Strang ziehen, nur so kann man die - für uns eher exotische - Literatur in Deutschland bekannt machen.

Lili: Haben Sie die politischen Spannungen zwischen Nord- und Südkorea in der Verlagsarbeit bemerkt?

Günther Butkus: Die politischen Spannungen sind in Korea einfach ein Generationskonflikt. Es gibt noch ganz viele koreanische Familien, die den Vater, die Mutter, den Bruder oder die Schwester verloren haben. Da sind die Wunden natürlich noch offen. Bei uns in Deutschland war zwar die Mauer da, aber alle späteren Generationen haben dies ja mehr oder weniger akzeptiert. Bis zur Wiedervereinigung war das vielen gar nicht so klar. In Korea ist die Teilung des Landes ein viel stärkeres Thema, besonders für die Elterngeneration. Ich habe viel mit jüngeren Leuten, auch Studenten, gesprochen. Für die ist das wirklich wie ein zweites Land, ganz unabhängig von ihrem Land. Es gibt natürlich die Angst vor einer militärischen Auseinandersetzung, aber die ist nicht so präsent. Ich glaube das wird in unseren Medien manchmal anders dargestellt als in Korea selbst.

Lili: Welche Kontaktpartner haben Sie in Korea?

Günther Butkus: Man hat, wie hier in Deutschland, die literarische Szene. Das sind ja nicht nur Verlage und Autoren, da zählen die Übersetzer dazu, Agenten, Buchhändler, Literaturveranstalter. Ich habe in Korea mit den unterschiedlichsten Leuten zu tun, neben den Übersetzern, Autoren und Verlagen auch mit Uniprofessoren und Studenten, die dort Germanistik studieren. Der Kontakt läuft dann in der Regel über E-Mails, wenn jemand eine Auskunft haben will. Da es in Deutschland ja nicht so viele Verlage mit koreanischer Literatur im Programm gibt, wird man schnell ein Ansprechpartner – es laufen hier viele Kontakte zusammen.

Lili: Woran orientiert sich ihr Verlag bei der Auswahl des Sortiments? Werden die Verkaufszahlen in Korea berücksichtigt?

Günther Butkus: Der Wunsch von koreanischer Seite sagt manchmal: Wir haben hier zehn tolle Bücher, die laufen wahnsinnig! Sie haben oft Wunsch, dass man in ganz Europa diese zehn Bücher unterbringt. Dann sind sie überrascht, wenn nur ein Verlag in Frankreich ein Buch will und die spanischen Verlage sogar ganz ablehnen. Man kann so etwas nicht von Land zu Land übertragen.

Wir sind erstmal darauf angewiesen, dass wir ein Exposé bekommen, damit wir wissen, um was es überhaupt geht. Wenn uns das interessiert, versuchen wir an eine Übersetzung oder einen Übersetzer zu kommen. Häufig wenden sich auch Übersetzer an uns, die schon daran arbeiten, ohne dass sie einen Auftrag haben, aber unbedingt wollen, dass dieses Buch in Deutschland erscheint. Wir haben uns darauf festgelegt, dass wir nur Literatur verlegen, die nach 1945 geschrieben oder gedruckt wurde. Irgendwo muß man eine Eingrenzung treffen. Auch Sachbücher oder Kunstbände verlegen wir nicht, da es ist eine rein literarische Reihe ist. Innerhalb dieser literarischen Reihe möchte ich jedoch ein breites Spektrum zeigen. Junge und alte, männliche und weibliche Autoren, letztlich ist eine Auswahl immer subjektiv.

Lili: Welches Zielpublikum interessiert sich erfahrungsgemäss für koreanische Literatur?

Günther Butkus: Wenn sich jemand in Würzburg oder Wuppertal ein Buch von uns kauft, meldet der sich ja in den wenigsten Fällen. Bei den Lesungen trifft man das literarisch interessierte Lesepublikum. Das sind auch Leute, die auch einem skandinavischen oder russischen Autor zuhören würden. Die haben Lust zu gucken, was in anderen Ländern für Literatur gemacht wird. Ausserdem natürlich tendenziell diejenigen Koreaner, die in Deutschland leben oder in der zweiten Generation hier geboren sind.

Lili: Welchen Stellenwert hat die Literaturvermittlung? Gibt es Rückmeldung aus universitären Kreisen?

Günther Butkus: Eine Online-Literaturzeitschrift der Uni Marburg (www.literaturkritik.de) hat schon mal was zu Korea gemacht. Dort soll dieses Jahr auch ein Abriss der modernen koreanischen Literaturgeschichte erscheinen. Das ist schon mal sehr hilfreich.

Es gibt in Deutschland auch Lehrstühle für Koreanistik, aber dort ist Literatur nur ein Teil vom Studium, diese Studiengänge sind auch nicht sehr groß. Auch in normalen Seminaren für vergleichende Literaturwissenschaft sollte koreanische Literatur mit berücksichtigt werden. Man muss realistisch sein: Koreanische Literatur erscheint erst seit zirka zehn Jahren gehäuft. Wenn man bedenkt, wie lange es in Deutschland Übersetzungen aus anderen Sprachen gibt, ist das ja nix. Es müßte parallel eine starke Rezeption und begleitende Sekundärliteratur geben. Viele sagen ja: Wie soll ich das bearbeiten, wenn ich nichts dazu habe, wenn das Material fehlt?


Lili: Hoffen Sie auf die Buchmesse?

Günther Butkus: Auf der Frankfurter Buchmesse wird Korea das Gastland sein. Vielleicht gelingt es so, die Literatur des Landes in das Bewusstsein der Medienleute hineinzutragen. Zur Buchmesse kommen zwei oder drei Bücher bei dtv und Suhrkamp raus.

Das Wissen in den Medien ist noch ganz am Anfang. Es rufen mich Autoren der „Zeit“ an, die um Informationen bitten, weil sie gerne ein Buch besprechen würden. Aber: Wenn ein Buch gut ist, ist doch eigentlich egal wer es geschrieben hat. Es gibt eine große Unsicherheit unter den Journalisten und Kritikern. Wenn man einen koreanischen Roman bespricht, dann möchte man ihn gerne einordnen, um dem Leser zu sagen, in welcher Traditionen der Roman steht und ihn so mit anderen Werken vergleichen – das kann man alles noch nicht. Wir haben auch noch nicht genug gute Übersetzer – aber vielleicht dauert das alles auch noch 10 Jahre. Gastlandthema kommt nicht zu früh, es kommt genau richtig: Man braucht am Anfang den richtigen Anschub.

Lili: Welche Zukunft wird die Reihe der koreanischen Literatur in ihrem Verlag haben?

Günther Butkus: Deutschland ist das Land mit den meisten Übersetzungen, wo man zu fast allen Sprachen ein Buch finden kann. Ich glaube dass wir viele Autoren mit Potential haben, die sich bei uns durchsetzen können, auch wenn wir mit koreanischer Literatur vielleicht nie einen großen Marktanteil erobern können.

Lili: Gibt es auch eine koreanische Klassik?

Günther Butkus: Im alten Korea war Literatur, wie bei uns im Mittelalter, eine Sache des Bildungsbürgertums. Das heißt, es gehörte in Korea eigentlich zur Ausbildung jedes höheren Beamten oder eines Gelehrten, dass die auch geschrieben haben. Es gibt auch Literatur, die man sehr spät verschriftlicht hat. Das heißt es gab Gesänge ähnlich dem Minnesang, wo Schauspieler von Dorf zu Dorf gezogen sind und in Form von Gesängen etwas vorgespielt und mitgeteilt haben. Es gibt also eine klassische Literatur, aber die ist noch spezieller als das, was ich jetzt mache. Auch die moderne Literatur ist sehr differenziert.

Es ist ein ganz anderes Leben, eine ganz andere Kultur, die uns sehr fremd ist und von der wir hier sehr wenig wissen. Man merkt, wie unterschiedlich das Leben und die Traditionsformen organisiert sind, wie bestimmte Begriffe von Moral oder Familienzugehörigkeit aufgegriffen werden. Das ist sehr weit von uns entfernt und alle diese Werte spielen ja in der Literatur eine Rolle. Von daher kann man auch in jedem koreanischen Buch ein Stück Kultur entdecken.

Lili: Besonders auffällig sind die Naturmotive…

Günther Butkus: In Korea sind immer wieder bestimmte Berge mit der Geschichte verbunden und moderne Plätze mit den Demonstrationen der 68er Jahre. Es wirkt manchmal etwas befremdlich auf uns, wie dort mit der Natur umgegangen wird. Es hat seine Reize einen koreanischen Roman zu lesen, grade auch bei den Modernen, wo langsam ein Bruch stattfindet.

Seit der Aufklärung ist das Individuum, das Ich sozusagen, bei uns bekannt; es gibt in der Romantik ja schon individualistische Romane. Dieses sich „als Person, als Subjekt begreifen“ und zu akzeptieren und darüber auch zu schreiben ist in der koreanischen Kultur noch gar nicht so lange möglich. Das Land war sehr lange so arm oder besetzt und hat nur Kriege erlebt – wie will man sich da als einzelne Person sehen und den Finger heben, um zu sagen: Hier geht es mal nur um mich! Die hatten ganz andere Probleme.

Lili: Kann man damit auch das Themenfindungsproblem der jüngeren Generation beschreiben?

Günther Butkus: Mit Sicherheit, denn den Generationen davor ging es um Existenzbewältigung. Die Existenz und den Lebensunterhalt sichern und sich auch abzugrenzen. Korea liegt mitten zwischen Japan und China. Das sind Länder, die Korea lange besetzt hielten und ausgeblutet ließen. Die ältere Generation hat mit ihren Romanen Korea nach innen und nach außen wieder als Nation sichtbar gemacht. Auch diejenigen Autoren, die sich gegen die Militärdiktatur aufgelehnt haben, haben in erster Linie für das Land, die Kultur und die Nation gedacht. Jetzt sind plötzlich junge Autoren da, die das nicht mehr müssen.

Lili: Welche Rolle wird der Frau in der Gesellschaft Koreas zugewiesen und wie spiegelt sich das in der Literatur wieder?

Günther Butkus: Mit dem Wandel zur Demokratie hat es bei den Leserinnen und bei den Autorinnen einen Schub gegeben. Innerhalb der koreanischen Literatur haben die Autorinnen einen sehr hohen Stand und sind auch sehr erfolgreich. Die Bücher über Kriegsbewältigung und Krieg scheinen jedoch sehr von den Autoren belegt zu sein. Die Frauen haben schon immer aus der Sicht der einzelnen Personen und näher an den Charakteren geschrieben, eher die Innensicht beschrieben. Bei den jüngeren Autoren kann man das glaube ich nicht so trennen

Lili: Welche Fragen hat die neue Autorengeneration an das Leben?

Günther Butkus: Eun Heekyung hat „Ein Geschenk des Vogels“ geschrieben. Sie sagt: „Ich kann mich ja nicht permanent entschuldigen, dass ich so spät geboren bin! Ich habe eben diese historischen Themen nicht. Es tut mir leid, wenn ich jetzt über meinen kleinen Bauchnabel schreibe.“ Die jungen Autoren sehen auch, dass die 'grossen' Themen jetzt alle bearbeitet sind und deshalb suchen sie jetzt andere Themen. Dies sind im Grunde genommen keine anderen Themen als bei uns auch. Nur ist eben das Umfeld anders. Aber auch da geht es letztlich darum, wie man in der heutigen Zeit fast nur noch für sich lebt und sich von den wesentlichen Dingen des Lebens immer weiter entfernt, wo sich das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen untereinander und der Familien immer mehr auflöst. Wie findet man sich da? Wie hält man sich da in der Balance?

 

Kontakt:
Günther Butkus
Pendragon Verlag
Stapenhorststraße
15 33615 Bielefeld
Tel: 0521 - 69689
E-Mail: guenther.butkus@pendragon.de
http://www.korea-literatur.de/















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