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Koreanische Lyrik
"Die Sterne über dem Land der Väter"
von Claudia Wollenweber
(...) Den einen Tag war's ein Sarg für die Toten,
den anderen Tag wahrhaftig das Meer.
Denn seltsam: einige sind lebend hier herausgekommen.
Selbst ohne ein einziges Schiff mit geblähten Segeln:
Am Leben zu sein, das ist das Meer.
So lauten die letzten Zeilen des Gedichts "Sonnenstrahl" aus dem Band
"Die Sterne über dem Land der Väter" des koreanischen Lyrikers Ko Un.
Schon diese 5 Zeilen drücken die Gedanken eines Häftlings im Gefängnis
aus, dessen Leben voller Qualen ist, der aber immer eine Richtung verfolgt.
Ko Un kann heute auf ein Leben voller Brüche in einem gebrochenen Land
zurückblicken. Er erlebt die japanische Besatzungsherrschaft, den Bürgerkrieg
und schließlich das geteilte Korea - Themen, die stets sein Werk beeinflussten.
Bereits mit acht Jahren kennt er klassische chinesische Texte, die selbst
älteren Schülern Schwierigkeiten bereiten, worin sich seine frühe intellektuelle
Reife zeigt. Er antwortet auf die Frage eines Lehrers, was er später einmal
werden wolle, bereits in der dritten Klasse mit "Herrscher von Japan",
wofür er schwer bestraft wird. Mit 12 Jahren findet er die gesammelten
Gedichte von Han Ha Un und verschlingt sie geradezu. In diesem Moment
war ihm klar, welchen Weg er gehen wollte - nämlich Gedichte zu schreiben.
Nachdem er Zeuge wurde, wie Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde sowie
seine erste Liebe ermordet werden, und er gezwungen wird, Leichen auf
seinem Rücken zu transportieren, begeht er einen ersten Selbstmordversuch,
der ihn einseitig das Gehör kostet. Ruhe sucht er 1952 im Kloster als
buddhistischer Mönch. Während dieser Zeit werden im Buddhismus Konflikte
ausgetragen und die Tradition des Zölibats erneuert, woraufhin verheiratete
Mönche des Klosters verwiesen werden. Die gesuchte Ruhe kann er also auch
hier nicht finden.
Ko Un arbeitet in dieser Zeit an einer buddhistischen Zeitung. Nach zehn
Jahren im Kloster, kehrte er zurück ins weltliche Leben. Hier verfällt
er dem Alkoholismus und entwickelt immer stärker nihilistische Gefühle.
Lyrik aus dieser Zeit, wie beispielweise "Pian Gamsung" (1967, Ü: Jenseits
der Gefühle) spiegelt seine Gefühle von der Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit
des Lebens wider. Diese Gefühle gipfeln in einem zweiten Selbstmordversuch
im Jahr 1970. Danach beginnt Ko Un sich für die Wiedervereinigung Koreas
zu interessieren. Er wird 1974 zum Generalsekretär des "Verbands koreanischer
Schriftsteller für die Verwirklichung der Freiheit" ernannt. Immer wieder
sitzt er im Gefängnis, wo er unter schweren Misshandlungen leidet; 1980
verurteilt man ihn sogar zum Tode. Aufgrund einer Amnestie wird er jedoch
begnadigt und noch im selben Jahr aus der Haft entlassen. Ko Un heiratet
und bekommt eine Tochter. Darauf folgt seine kreativste Phase, in der
er sich ganz von den nihilistischen Gedanken der Vergangenheit abwendet.
In der Zeit seiner Haft verfasst er einen Gedichtzyklus, in dem er sich
mit allen Menschen, die ihm in seinem Leben begegnet sind, beschäftigt.
Von "Maninbo" (1986, Ü: Zehntausend Leben) sind bis heute bereits 15 Bände
erschienen. In den letzten beiden Monaten seiner Haft schrieb er den Großteil
des Gedichtbandes "Die Sterne über dem Land der Väter", der jetzt in der
deutschsprachigen Übersetzung von Siegfried Schaarschmidt und Woon-Jung
Chei in der der Bibliothek Surkamp erschienen ist; eine Übersetzung, in
der es gelungen ist mit naturgeladenen Metaphern Gefühle der Angst, Wut,
Liebe und Hoffnung zu vermitteln. In diesem spiegeln sich all seine grausamen
Erfahrungen wider, und dennoch klingt in fast jedem seiner Worte auch
eine leise Hoffnung mit. Die große Verbundenheit mit der Natur, die der
koreanischen Lyrik so eigen ist, wendet Ko Un kunstvoll an und schafft
so Bilder, die den Leser in seine Welt eintauchen lassen. Man fühlt mit
ihm und man spürt eine Ehrlichkeit in seinen Worten. So auch in dem folgenden
Gedicht "Wolken":
Nie mehr seit 1980 habe ich zu den Wolken gesprochen,
auch zu keinem geliebten Menschen;
so die Tage zu ertragen war das Schwerste.
Ah, all die Verlogenheiten!
Sie soll ich meine Mutter nennen, diese Welt?
Soll mich nach den eisigen Tagen des Ausnahmezustands sehnen?
Als ich zuerst einen Fetzen Wolke durch die Gitterstäbe sah,
hab ich der Wolke keine Liebesblicke geschickt,
hab der Wolke nach zum Südhimmel hin nicht um Mitleid gebettelt.
Ich fiel, ich stürzte, ich brach zusammen,
aber das Knie beugte ich nicht. Ob Nacht, ob Tag,
in düsterer Zelle hielt ich die Augen offen wie Sterne,
ich betete nicht, niemals betete ich für mich.
Zuviel hatte ich in vergangenen Tagen auf die Wolken gesetzt,
also dass ich die Geschichte der Wolken in der Geschichte begrub.
Scharschmidt fasst die Einzigartigkeit Ko Uns in folgende Worte: "(...) Daß
dieser Koreaner zu den Engagierten gehört, ist das eine; wichtiger erscheint
mir seine Begabung, Botschaften völlig aus dem Persönlichen zu vermitteln."
Ko Un ermahnt, er motiviert und er glaubt an etwas. Ko Un gehört zu den
älteren Lyrikern Koreas, die sich mit den Themen Tod und Verfolgung beschäftigen,
die aber auch die jüngeren Dichter dazu aufrufen, das zu verwirklichen,
woran sie so lange geglaubt haben - nämlich an die Wiedervereinigung und
Einheit Süd- und Nordkoreas. Und diese Einheit muß nach Ko Un vor allem
in den Köpfen der Menschen entstehen. Diese Gedichte lassen nicht nur
Wut und Schmerz spüren, sondern auch Liebe für sein Land und sein Volk.
In dem titelgebenden Gedicht "Sterne über dem Land der Väter" schreibt
er:
(...) sind es die Jungen: sie sind der Wahrheit am nächsten.
O ihr Menschen auf der Erde, seid jung!
In langer Nacht, mit beiden Augen, beiden tränengefüllt:
Das Land der Väter
Ist die zwischen den Sternen und mir unendlich fließende Freude.(...)
Ein koreanischer Literaturkritiker sagte einmal über Ko Un: "Vielleicht atmet er seine Gedichte bevor er sie zu Papier bringt. Ich kann mir vorstellen, dass seine Gedichte eher seinem bezaubernden Atem entspringen als seinem Stift." Damit schildert er genau das, was Ko Uns Gedichte den Leser fühlen lassen. Er schreibt, als öffne er seine Seele und sein Herz so weit, dass der Leser geradewegs eintreten kann um ihn in seinem Ganzen zu begreifen.
Ko Un selbst sagt, er befreie sich kontinuierlich von den Gedichten, die er bereits geschrieben hat, und so lässt sich auch das weite Spektrum seines Schaffens erklären. Schmerz und Hoffnung, Hass und Liebe ebenso wie pure Gewalt und Brutalität eröffnen sich dem Leser dieser Lyrik, und es wird ein umfassendes, interessantes und anregendes Bild einer Kultur geschaffen über die man in diesem Land bisher reichlich wenig weiß.
 Ko Un
Die Sterne über dem Land der Väter Suhrkamp 2005
ISBN: 351822395X, EUR 10,80
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