Home Fakultät Universität Archiv Impressum |
Drei Gedichte von Friederike MayröckerLebenskünstlerals Gras im Mund ich bringe meine Tage hin durch meinen Mund wächst schon das Gras ich bringe meine Tage um / durch seinen Mund wächst schon das Gras mein Vater spricht vom Grab zu mir mein Vater ist schon lange dahin schön singend in des Höchsten Mund mein Vater ist an einem Ort erspricht zu mir von einem Ort / ich brenne Kerzen für ihn ab / du Lebenskünstler! spricht er dann er spricht es halb im Scherz zu mir er geht am Stock vorbei an mir / das Leben mutet manchmal an daß man auf Erden schon im Himmel sei! sprech ich zu ihm / du Lebenskünstler! spricht er wieder, der Taube Bart kündigt Gewitter an unnennbarer Zustand ich denke an dich aber ich bin sehr erschrocken denn ich habe dein Gesicht vergessen ich habe auf dein Gesicht vergessen ich denke ich möchte denken an dich aber ich habe den Anblick deines Gesichts vergessen es ist aus meiner Erinnerung herausgefallen wie ist das möglich wie sieht dein Gesicht ich sehe nicht dein Gesicht deinen Blick mich berührend von Aug zu Aug also ich denke ich finde nicht dein Gesicht deine Augen was ist mit meiner Erinnerung geschehen daß ich keine Vorstellung habe von deinem Gesicht deinen Augen ich denke an dich eine lichtgraue Taube schaufelt an meinem Fenster vorüber ich denke an dich ein pflaumenfarbener Wind durch den Kopf durch die Jahreszeit aber ich kann dein Gesicht nicht denken im Heilsgestöber ich kann deine Stimme hören ja deine Stimme sie liest etwas vor deine Hand hält ein Blatt oder Buch liest etwas ab ich kann deine Stimme denken ich kann deine Stimme hören sie liest etwas von einem Blatt aus einem Buch das du geschrieben hast - vielleicht m Profil einen Augenblick lang jetzt die Ahhnung deines geneigten Kopfes während diese Verwüstungen, für Oskar Pastior auf eine jüngst gestorbene Nachtigall sie hat kein Lied mehr gehabt sie war schon verstummt aber in tiefer Traurigkeit ihre Augen Schnee Augen haben mich angeblickt irgendwo liegt noch mit einem Heiligenschein / gleichsam ihr letzter Brief / ich weiß nicht die Schlafstube zugenäht während der erinnerte Anblick der blauen Nachtigallvilla jenseits des Wassers mich weinen macht dieser zerissene ich meine Halbmond im Fenster in dessen Licht sie aufgab - dann schlugen die Bestatter sie ein in das Leichentuch in dem sie schaukelte wie damals in ihrer Hängematte in D., unterden Bäumen als sie noch singen konnte als sie noch lachen konnte als sie noch laufen konnte über die windbehangenen Hügel durch die zum Himmel fließenden Gerstenfelder Lebenskünstler aus: Winterglück, Gedichte 1981 - 1985, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1986 unnennbarer Zustand aus: Das besessene Alter, Gedichte 1986 - 1991, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1992 auf eine jüngst gestorbene Nachtigall aus: Notizen auf einem Kamel, Gedichte 1991 - 1996, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996
|
|