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Thomas Meinecke las in der Stadtbibliothek und trieb den Diskurs voran:

Pop goes Politics

von Thomas Combrink

Im Rahmen der Bielefelder Literaturtage stellte Thomas Meinecke, der seit 1994 auf einem Dorf in der Nähe von München lebt, dem heimischen Publikum Passagen aus seinem letzten Roman mit dem Titel "Hellblau" vor. Will man die Qualität einer Lesung unabhängig vom Inhalt des gelesenen Textes wiedergeben, dann fehlen oft die adäquaten Mittel. Wie soll man die Ausstrahlung des Schriftstellers beschreiben und in Zusammenhang mit dem Charakter seiner Stimme setzen? Wie soll die Auswahl der gelesenen Passagen beurteilt werden? Wie stellte sich der Verlauf der Diskussion mit dem Publikum dar?

Sicherlich kann man sich anhand dieser Fragen dem Wesen der Lesung annähern und doch mag man auf die Behauptung nicht verzichten wollen, dass das einzig Wichtige bei einer Lesung der zugrunde liegende Text sei. Der soll an dieser Stelle besprochen werden, aber nicht ohne dem Leser zu versichern, dass Thomas Meinecke hinsichtlich der Engagiertheit seines Vortrags und der Bereitwilligkeit, mit der er die eher spärlichen Fragen der Zuhörer beantwortete, dem Bielefelder Publikum nichts schuldig blieb. Ganz im Gegenteil: Meinecke trug seine Texte mit einem weichen, dezenten und sehr angenehmen Stimmton vor. Ab- und an legte er eine CD mit Musik auf, die auch im Text eine Rolle spielt, wobei diese musikalischen Einsprengsel von Publikum eher zum Getränkeverzehr genutzt wurden. Die auf seinen Vortrag folgende Diskussion zielte in manchen Fällen auf die Erzählstruktur seines Buches ab. Andere Fragen richteten sich speziell auf die im Text vorkommenden Musiker, Schauspieler oder Schriftsteller. Das Fazit des Abends ist wohl durchweg positiv zu veranschlagen. Meineckes körperliche, charakterliche und vor allem stimmliche Präsenz war eine passende Ergänzung zu dem Text von "Hellblau". Bleibt nur noch die Frage: Worum handelt es sich eigentlich bei "Hellblau"?

Gottfried Benn präsentierte einst in seinem Marburger Vortrag "Probleme der Lyrik" eine kleine Metaphysik der poetischen Farben. Die Quintessenz des Ganzen mündete in der Behauptung, dass nur Blau als einzige Farbe wirklich poetische Qualität besitze. Ganz unrecht scheint er mit seiner Annahme nicht gehabt zu haben, denn von der blauen Blume bei Novalis bis zu Konrad Bayers kurzem Prosastück "der stein der weisen" - um nur einmal ganz unterschiedliche literarische Sprechweisen zu benennen - taucht die Farbe des Meeres und des Himmels, das Symbol für Kälte und Tod in der Literatur immer wieder auf. Selbst noch im 21. Jahrhundert wird diese Farbe für die Dichtung als würdig empfunden und zwar nicht im Lyrizismus verschwurbelter Traditionalisten, sondern brandaktuell und zeitgemäß beim wohl interessantesten deutschen Pop-Autoren, bei Thomas Meinecke.

Doch was ist überhaupt Pop-Literatur? Bei Meinecke stellt sich das in einem offensiv (um die Adjektive rasant und schnittig mal lieber beiseite zu lassen) durchchoreographierten Schreibverfahren dar. Die gut 330 Seiten werden von drei Personen erzählt, von Tillman und Yolanda, die sich beide zur ausschlaggebenden Zeit an der Ostküste der USA aufhalten und Cordula, die in Berlin studiert, am Schluß des Buches aber Tillman in den USA besucht. "Hellblau" ist ein Dialogroman. Der kommunikative Austausch der drei Protagonisten über E-Mail und Fax und teilweise auch über Telefon ist für die Erzählarchitektur bestimmend. Die Protagonisten lassen in ihren Passagen aber auch Andere sprechen, was bedeutet, dass das Hineinzitieren von wissenschaftlichen Aufsätzen, von Songtexten und Nachrichtenmeldungen dazu genutzt wird, wie es im Klappentext der Taschenbuchausgabe so schön treffend heißt, den "Diskurs voranzutreiben".

Auf den Leser prasselt ein Sturzbach von Informationen ein, der etwas grob gegliedert in die thematischen Häfen von Judentum und Antisemitismus, von Geschlechterstudien im Sinne des Hermaphrodismus und den Rassenproblematiken der Vereinigten Staaten von Amerika mündet. Zitiert wird quasi Geschichte und Weltanschauung und das heißt, dass die Protagonisten teilweise zu Referenten erstarren, die historische Ereignisse rekapitulieren oder Meinungen von Theoretikern oder von Zeitzeugen wiedergeben. Vielleicht liegt auch genau hierin eine Schwachstelle des Buches, denn der Roman verfährt auf eine gewisse Art zu stark enzyklopädisch, was die für den Leser manchmal ganz nützliche erscheinende Verfestigung von weltanschaulichen Positionen verhindert

Sicher, die drei Figuren sind unausgesprochen und unauffällig eingenommen gegen die Tendenzen von Antisemitismus, Rassenhass und den deutschen Abschiebepraktiken von Asylbewerbern, doch die Diskussion bewegt sich auf einer komplexen Ebene fort und geht über eine platte Meinungsmache hinaus. Meinecke gibt dem Leser also genug, vielleicht sogar etwas zuviel Material an die Hand, mit dem er oder sie sich informieren kann, und die Möglichkeit bekommt, Stellung zu beziehen. Und doch ist nach stattgehabter Lektüre nicht ganz klar, ob dieser Wust von Fakten und Meinungen sein konstruktives Moment verliert und den Leser in die sanfte Konfusion treibt.

Mariah Carey Damit ist der einzige negative Aspekt von "Hellblau" umrissen, einem Roman, der ansonsten quicklebendig und mit einer spielerischen Genüßlichkeit vor allem die musikalischen Hörgewohnheiten der Protagonisten dokumentiert. Da tauchen Namen von Techno-Gruppen, Blues-Sängern, Jazz-Trompetern, von Plattenlabeln, von biograpischen Details der Musiker auf, die wohl nur ein ausgepichter Kenner auf seiner cerebralen Festplatte hat und das so scharf aneinander geschnitten, das manchmal die herkömmliche Syntax aufgebrochen wird, und nur noch eine discographische Notiz stehenbleibt. Diese Form des inventarisierenden Erzählens ist nicht über den eigentlichen Korpus der schon genannten Themen billig drüberfurniert, sondern bezieht sich auf sie, variiert sie und spinnt sie fort. So verhält es sich zum Beispiel mit Mariah Carey. "Welche Farbe hat Mariah Carey?" fragt Tillmann gleich am Anfang über den Anrufbeantworter Yolanda und schon wird deutlich, dass "Pop" für Meinecke kein musikimmanentes Phänomen bleibt. Auch hier kann uns der pfiffige Klappentext mit der Formulierung "Pop goes Politics" weiterhelfen, denn in der Tat geht es um das, was an Ideologie, an Programmatik und Weltanschauung in der Musik mitschwingt. Ist Mariah Carey also eine weiße oder eine farbige Sängerin, welche Preise hat sie bekommen und für welche Art von Musik? Haben nur farbige Musiker den Blues? Und gibt es auch dunkelhäutige Jazzer mit jüdischem Glauben?

Solche Fragen diskutiert der Roman, indem Dokumente aneinander gesetzt werden. Von daher liegt man mit der Behauptung genau richtig, "Hellblau" sei ein Montagetext. Der Schluß des Buches bestätigt dies. Dort taucht plötzlich der Name Roland Barthes mitsamt seiner Theorie des toten Autors auf. Meineckes Einsatz als Autor besteht in vielen Fällen darin, bereits vorhandene Sprachmaterialien auszusuchen, zu sortieren und spezifisch zu verknüpfen.

"Hellblau" stimuliert den intellektuell aufgeschlossenen Leser manchmal bis zum Übermaß mit seiner detailvernarrten Wissenshuberei, was aber jeder Leser stillschweigend gern in Kauf nimmt, der wirkliches Interesse an einer Literatur besitzt, die ihren Reiz erst durch längere Lektüre preisgibt. Das Buch kommt ohne wirklichen Anfang und Ende aus. Es ist quasi herausgeschnitten aus einem zeitlichen Kontinuum und Anfang und Ende zeugen von dem, was vorher war und nachher noch kommt. Was aber folgt, zeigt sich spätestens in Thomas Meineckes nächstem Roman, der hoffentlich ebenfalls ein ähnlich hohes Niveau wie "Hellblau" haben wird.





Thomas Meinecke
Hellblau
Frankfurt: Suhrkamp, 2001.
365 Seiten, DM 20,80
ISBN 3-518-41266-3












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