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Das Dazwischenkommende

Friedmar Apel: Laudatio auf Dr. h.c. Michael Krüger

Die Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld verleiht dem Verleger, Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer Michael Krüger für seine Verdienste um die Literatur, die Literaturwissenschaft und das literarische Leben den Grad eines Doktors der Philosophie honoris causa. Wir dokumentieren die Laudatio des Bielefelder Literaturwissenschaftlers Friedmar Apel.

"Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen." Der Satz aus Theodor W. Adornos "Minima Moralia" ist Michael Krüger über sein Unbehagen an der rechthaberischen Diktion des Philosophen über die Jahre wertvoll geblieben. Wie sein Gesprächspartner aus den Zeiten vor dem Differenzierungs- und Beschleunigungswahn Denis Diderot ist Michael Krüger ein philosophischer Skeptiker, dem die Idee einer zu sich selbst kommenden und sich selbst durchschauenden Vernunft wie jegliche Teleologie verdächtig ist, außer der einen, die keinen Weltgeist und kein Streben erfordert. So hält er auch nichts von all den Enden, die seit Hegel in immer kürzeren Abständen proklamiert werden. In "Diderots Katze" läßt er den Philosophen zum Beschluß heiter sagen:

    Auch die Philosophie ist eine Anleitung
    zum Sterben.
Im "Brief nach Hause" notiert er nach der Lektüre von Francis Fukuyamas "Das Ende der Geschichte": Der Text hat mich
    rasend gemacht, die Überheblichkeit,
    Angstlosigkeit, mit der er Abschied nimmt
    und diesen Abschied begrüßt, als würde er
    eine Wahrheit verkünden. Liegt denn nicht alles,
    was wir waren und was wir werden könnten,
    zwischen zwei Abschieden.
Was je dazwischen kommt, dazwischen kommen wird, ist naturgemäß schwer vorauszusehen, im Glücksfall ein Gedicht, "geschrieben, gegen alle Vernunft".

Um bei der eigenen Beerdigung anwesend zu sein, braucht sich jedenfalls niemand zu beeilen. "Es nützt nichts, um dein Leben zu rennen, also lauf los und laß dich von hinten erschießen." Das ist Michael Krügers Fazit aus Adornos Parabel "Immer langsam voran", jener "kurzen Geschichte der grotesken Beschleunigung des bürgerlichen Gehens zum permanenten Rennen". Im Gegensatz zu Adorno sieht Krüger nach dem Muster von Chaplins "Modern Times" aber auch die komischen Seiten dieser traurigen Geschichte. In seinem Romanen und Erzählungen stößt das Ideal der Gelehrsamkeit tragikomisch mit der modernen Welt zusammen. Komisch mag es mit seinem grimmig heiteren Blick betrachtet anmuten, daß uns im schönen neuen Bildungsraum der Bologna-Erklärung mehr denn je eingeredet werden soll, es gehe ums Leben und Überleben, wenn wir uns nicht beeilen, flexibilisieren und mobilisieren, Zielvereinbarungen treffen und diese auf dem schnellsten Wege erfüllen.

Im europäischen Bildungsraum sollen Netzwerke, Informations- und Kommunikationskanäle für Effizienz und Beschleunigung des Wissenserwerbs sorgen. Der Raum wird vor allem als einer zwischen unternehmerischen Personen und Institutionen verstanden, in dem es kein anderes Ziel gibt als die rapide Zirkulation von Kapital und Informationen. Die Einheitlichkeit dieses Raums soll, wie es allen Ernstes in der Bologna-Erklärung heißt, die "unerläßliche Voraussetzung für gesellschaftliche und menschliche Entwicklung" sein. Die aber soll schneller vorangehen. Ein Ort , so die niederländischen Bildungsforscher Masschelein und Simons, "an dem man stillstehen, eine Pause einlegen, eine Frage stellen oder nachdenken kann" ist nicht vorgesehen. Die Parolen vom Leben als permanentem Lernprozess und vom zügigen Studieren als produktiver Praxis im Hinblick auf Beschäftigung und Ertrag lassen keinen Raum für die Reflexion, daß die Gelehrsamkeit etwas Langsames, Lästiges und Einsames sein kann, daß etwas verlangt werden könnte, das ein Individuum nach dem Muster von Herman Melvilles Schreiber Bartleby von sich aus lieber nicht möchte.

Das Unbehagen am neoliberalistischen Aktivierungsprogramm hängt mit etwas Dunklem und Archaischem zusammen, mit etwas, das nicht produktiv ist oder werden will, einem intuitiven Widerstand gegen das Erwachsenwerden als Gründung einer Ich-AG. Solcher Widerstand paktiert bei Krüger mit der Intervention der lebensweltlichen Umstände und ihrer subversiven Tücke, mit einem Wort: mit dem je Dazwischenkommenden. Dieses Dazwischenkommende ist in vielfältiger Gestalt Thema und Motiv von Michael Krügers Erzählungen und Romanen, und es widerfährt nicht zufällig vor allem denen, die sich der Wissenschaft widmen. Wie Laurence Sternes Berichterstatter sind daher Krügers Schreiber und Erzähler nicht fähig, "ihre Geschichten so vor sich her treiben wie ein Maultiertreiber den Maulesel - geradeaus - sagen wir: von Rom nach Loreto, ohne sich nach rechts und links umzusehen".

Michael Krügers Helden und Heldinnen zeichnet eine zwiespältige, aber unerschütterliche Liebe zur Gelehrsamkeit aus. Sie sind oft mit einer tiefgründigen Forschungsarbeit befaßt, mit der sie allerdings nicht vorankommen, weil sich die moderne Lebenswelt, von der sie wenig halten, dem zügigen Fortschritt der Geistigkeit widersetzt. Ihre Erlebnisse sind immer auch Variationen der antiken Anekdote vom Brunnensturz des Protophilosophen Thales, der über seiner weltumfassenden Betrachtung nicht bemerkt, was ihm vor Augen und zu Füßen liegt. Über diese Urszene aller Komik der Theorie aber lacht bekanntlich eine Magd. Krügers Erzähler jedoch bringen immer wieder das Kunststück fertig, mit der Gelehrsamkeit und der geistigen Schlichtheit zugleich zu sympathisieren.

Das Mißverhältnis zwischen Deutung und Wahrnehmung wird daher reziprok gestaltet. Seine Helden sind fürchterliche Beobachter, gnadenlos aufmerksame Physiognomiker der Menschen- wie der Dingwelt, die noch die kleinste Nuance des Erscheinenden registrieren und deuten, wenngleich todsicher unangemessen. Daß einer bei Betrachtung einer Wespe in der Limonadenflasche an Ludwig Wittgenstein denken muss, führt ihn unfehlbar zur Einsicht in die grundsätzliche "Unmöglichkeit des Lebens".

Der Ich-Erzähler in "Das falsche Haus" ist Redakteur der Seite "Das politische Buch" bei einer renommierten süddeutschen Zeitung, die lange Zeit als Bastion des "Immer langsam voran" galt. Nun aber ist auch sie vom Beschleunigungswahn ereilt worden: "das Erfolgsfieber, das in der Zeitung seit einigen Jahren grassierte, hatte sowohl den Rest Erinnerung und den Rest Muße, über den die Redaktion noch verfügte, als auch den Sinn für Schönheit vernichtet." Allein Krügers Held stellt in seiner Rubrik noch Bücher vor, die keine Chance haben gelesen zu werden, weil er findet, daß dem "allgemeinen Interesse eine übertriebene Bedeutung beigemessen" wird. Dieser Maxime kann der Verleger freilich eher selten folgen.

Seinen Beruf betrachtet der Redakteur lediglich als Ermöglichungsgrund der Gelehrsamkeit, die er vor allem einem verkannten Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts widmet. "Jedes Volk hat seine philosophischen Götter nach seinem Sinn geschaffen, und daß Hamanns geniales Denkgebäude nicht dazugehörte, nie dazugehört hat, spricht gegen das Volk." Zunächst jedoch muß er einen Artikel über einen Bibliothekarskongreß schreiben, was dadurch erschwert wird, das der Berichterstatter ihn nicht besuchen konnte, weil ihn das Dazwischenkommende in ein fremdes Haus verschlagen hat. In dieser "Todeszone der Wohlanständigkeit" gerät er in eine Verwirrung, die dem Fortgang seines gelehrten Werks entspricht: "Je länger ich an meinem Buch schrieb, desto unklarer wurde mir, was ich damit beabsichtigte." Er tröstet sich mit der Erkenntnis, daß "jedes Werk im Lauf der Zeit des Schreibens seinen Zusammenhang und seinen Zusammenhalt verliert".

Der Erzähler von "Was tun?" möchte der philosophischen Fakultät eine Dissertation vorlegen, obwohl ihm die "Vorstellung, als Professor für Philosophie in Fachbereichsratssitzungen sitzen und pro Semester dreißig Diplomarbeiten zum Thema Hegel" lesen zu müssen eher unerträglich ist. Seine Arbeit handelt von einem Antipoden Hegels, namentlich davon, "warum dieser unglückliche Philosoph, dessen im Tonfall moralischer Entrüstung vorgebrachte amoralischen Eskapaden mich zu anhaltender Bewunderung hinrissen, zur selben Zeit in verschiedenen Ländern so grundlegend anders gelesen und interpretiert wurde". Er nun will diesen Philosophen im Widerspruch zum grassierenden Relativismus "als genauesten Ausdruck und letzten Ausbruchsversuch aus der schiefgelaufenen Ich-Geschichte retten". Leider geht das Manuskript verloren und die Ich-Geschichte des Erzählers endet nach katastrophalem Verlauf in einem Zitat:, das die regulative Idee von Krügers Poetik enthält: "Die Heilung, was ist das überhaupt? Die Verwirklichung des Subjekts durch ein Sprechen, das von woanders kommt und es durchquert." Das Sprechen selbst ist ein Dazwischenkommendes, und die rationalen Gründe ihres Handelns sind den Figuren Krügers undurchschaubar.

Der Held in "Wieso ich?" ist "Mitarbeiter eines Insektenforschers der sozio-biologischen Richtung" und hat sich Niklas Luhmanns Theorie der Komplexitätsreduktion radikal zu eigen gemacht: "Je komplizierter die Systeme, je horizontlos offener die Wissenschaft, je abstrakter die Forschung - je größer das Bedürfnis, den einfachsten Weg einzuschlagen." Auch ist er Anhänger einer Theorie des "Wissensverfalls durch Eheschließung" und anderer Luhmann nachempfundener misogyner Überzeugungen. Das nützt ihm aber nichts, denn sogleich kommt etwas dazwischen, nämlich ein Fräulein, das gerade an einer Theorie der Moderne arbeitet. "Die Sache hatte nur - sehr verkürzt ausgedrückt - den entscheidenden Haken, daß sie kein Ende finden konnte, wodurch, wenn ich richtig verstanden habe, ihre Arbeit selber in den Strudel der akzelerierenden Ablöseerscheinungen, wie sie sich ausdrückte, geraten war." Entsprechend gelingt es auch dem Insektenforscher nicht, "unbehelligt von fremden Intentionen" sein Ziel zu finden und das Dazwischenkommende auszuschließen. "Meine hochfliegenden Versuche, die lästigen Kontingenzen aus meinem Leben zu vertreiben und es nach Form und Inhalt neu zu definieren, mußten als gescheitert eingestuft werden. Frauen hatten mich zerstört, an diesem Befund, nüchtern vorgetragen, war nicht zu zweifeln." Das Dazwischenkommende tritt also gern auch in der Gestalt des Weiblichen auf. Wie Oscar Wilde zufolge geben Frauen bei Krüger Männern große Pläne ein und hindern sie dann an der Ausführung.

Gelingt es aber einmal einem Gelehrten die gesellschaftliche Anerkennung zu erreichen, so ist es wie unweigerlich ein zynischer Plagiator wie der Ethnologe und Reiseschriftsteller aus dem Roman "Himmelfarb". Wäre Michael Krüger mit ihm identisch, so wüßten wir, was er von Ehrenpromotionen hält: "je trostloser und abstoßender der gegenwärtige Zustand der Gesellschaft sich ausnahm, desto begieriger war man, mir für die Schilderungen des trostlosen und abstoßenden Zustands der brasilianischen Indianer einen Ehrendoktorhut über den anderen auf den Kopf zu stülpen. Ohnehin hatte ich den Eindruck, nur deshalb mit diesem akademischen Flitter behangen zu werden, weil ich, unbekümmert um den lächerlichen Methodenstreit, der das Fach verwüstete, den Erhalt eines weiteren Hutes jeweils mit einer neuen Erzählung zu quittieren pflegte".

Da Michael Krüger zwar auch ein Feldforscher, nämlich auf dem Gebiet der gelehrten Stämme, ist, aber bestimmt kein Sprach- und Zeitdieb wie sein Held, verleiht ihm die Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld nun den Doktor der Philosophie ehrenhalber für seine Verdienste um die Literatur, die Literaturwissenschaft und das literarische Leben. Nach Lage der geisteswissenschaftlichen Dinge in den modernen Zeiten steht die Fakultät dabei etwas ärmlich einem gegenüber, dessen staunenswerte literarische Produktivität vom Dazwischenkommenden offenbar nicht nachhaltig behindert wird, der als Verlager über ein weltliterarisches Programm verfügt, in aufwendigen Gesamtausgaben die klassische deutsche Literatur behütet und lauter Gelehrte betreut, die gut schreiben, wie Umberto Eco, Claudio Magris, Peter von Matt, Norbert Miller oder George Steiner, der in der Zeitschrift Akzente ein Forum der intellektuellen Diskussion bereitstellt und der sich unermüdlich als Moderator des literarischen Dialogs betätigt.

Diese Universität hat sich allzu eilfertig auf den Weg der Bologna-Erklärung begeben, aber sie ist zum Glück auch und immer noch die Universität Hartmut von Hentigs, Reinhart Kosellecks oder Karl-Heinz Bohrers und mindestens deshalb auch die richtige Hochschule für Michael Krüger. Denn diese Namen bedeuten erstens: Was wirklich zu wissen sich lohnt, kann nicht in Modulen gelehrt, sondern nur jenseits der eiligen Zweckrationalität erfahren werden. Zweitens: Die Geschichte als das, was wir waren, sind und werden können, ist noch längst nicht zu Ende, es wird uns noch viel dazwischen kommen. Und drittens: Wir sollten nicht unser gutes Porzellan aus dem Fenster werfen, nur weil immer weniger daraus trinken möchten. Das kann sich wieder ändern, wenngleich wohl nicht plötzlich.

Das Überstülpen eines Doktorhuts wollen wir Michael Krüger ersparen, nicht aber das Ritual einer Promotionsrede und der anschließenden Überreichung der Urkunde durch die Dekanin. Nun endlich, nach vielem, was dazwischen gekommen sein mag, ist der notorische Ausruf der Rentner in der Stammkneipe des Philosophen aus der Erzählung "Was tun?" angebracht: "Herr Doktor, was sagen Sie dazu!"

(Universität Bielefeld, 27. April 2006)





Weitere Informationen zum Thema:

Michael Krüger: "Ich habe doch nur das Selbstverständliche getan!" Rede zur Verleihung der Ehrenpromotion

Pressemitteilung zur Verleihung des Grades eines Doktors der Philosophie honoris causa an Michael Krüger.

 







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