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Rezension

Siebzehn Kapitel suchen einen Roman

von Tomás Christ

Der Großroman von Antonio Muñoz Molina zeigt Spuren und Zusammenhänge zwischen sephardischer Diaspora und Exilerfahrungen im 20. Jahrhundert auf, kommt aber nicht über eine oberflächliche Kartierung der Traumata hinaus.

Der von Willi Zurbrüggen übersetzte Roman des gebürtigen Andalusiers Antonio Muñoz Molina umkreist auf verschiedene Arten das Trauma der Vertreibung und Vernichtung der europäischen Juden. Aus etlichen Erzählerstimmen und Perspektiven soll der Leser ein umfassendes und differenziertes Mosaik der Exil- und Verlusterfahrung zusammensetzen: Es reicht von der Vertreibung der spanischen Juden 1492 bis zur Shoah, vom Leid der nach Francos Sieg ins Exil Gegangenen bis zu den Gefahren und Verlusten, die auf die jüngsten Einwanderer in Spanien, denen aus Lateinamerika und Afrika, warten. Verbindungslinien zwischen den einzelnen Erzählungen entstehen durch wiederkehrende Figuren (z.B. die Frau im Zug) oder den Verweis auf andere Texte (in erster Linie die von Franz Kafka), durch die überzeitliche, menschliche Dimension der beschriebenen Erfahrungen. Doch diese erzählerischen Stränge und Strategien sind letztlich nicht ausreichend, um das Interesse des Lesers an einer sich über fünfhundert Seiten hinziehenden Variation zum Thema "Staatlicher Terror und die Folgen" aufrecht zu erhalten. Seine Hausaufgeben hat der weitgereiste und vielbelesene Molina gemacht: Bruce Chatwin, Fernando Pessoas Bernardo Soares, Victor Klemperer, Luis Cernuda – alle Heimatlosen, Wanderer, Getriebenen werden bei Bedarf per Verweis oder Anekdote heraufbeschworen. New York jenseits der einhunderfünfzigsten Straße wird ebenso besucht wie Tanger oder Buenos Aires. Dass Molina gerade bei der Todesart des Kronzeugen Josef. K aus Kafkas Prozess ein Fehler unterläuft (bei Molina wird K. erschossen, und nicht erstochen), kann als symptomatisch gesehen werden für einen Text, der auf einer gefälligen erzählerischen Oberfläche im Gestus der großen Erinnerungsepik (auch Proust fehlt nicht in Molinas Kanon) monothematisch-repetitiv dahinreitet und so auch selbst oberflächlich bleibt und nicht in tiefere Strukturen eintaucht, oder gar innere Widersprüche aufzeigt. Bei Molina gibt es nur Opfer und Täter, jeder ist auf seine Art beteiligt, selbst der Rentner, dem der Erzähler im mondänen Göttingen in die Augen blickt, könnte ein Handlanger der Nazis gewesen sein. Die Absenz von Grauzonen, Ambivalenzen oder gar offenen Fragen wird wettgemacht durch ausladende Schilderungen sich gleichender genii loci, triviale Feststellungen, Reflektionen und langatmige Einblicke in die psychischen Befindlichkeiten der Akteure.
Die erzählerische Prämisse Molinas, jeder trage seinen Roman in sich, ist höchst bezweifelnswert: Zwar kann sich jeder sein Leben als Roman vorstellen, doch das allein macht es noch nicht zum Roman. Erst das Verarbeiten der Biographie durch welches erzählerische Verfahren auch immer, gibt den realen Ereignissen eine lesenswerte Gestalt. Doch gerade dies tut Molina nicht, indem er (sich und dem Leser) das Leben eines Charakters nur vorstellt und noch ein paar schwächliche Analogien zu anderen Lebensgeschichten aufruft, glaubt er bereits seine Pflicht als Erzähler getan zu haben und "einen Roman voller Romane" geschrieben zu haben, wie es im Untertitel lautet. Gewiß hat er ein Buch voller (Lebens)-Geschichten verfasst, aber ein großer, die Epochen über- und Charaktere durchschauender, und sich in beiden mit Leichtigkeit be-wegender Roman ist ihm damit nicht gelungen.
Bei seiner mühevollen Reise auf den nicht gerade zahlreichen Spuren von sephardischen Charakteren in Sepharad kommt der Leser mit dem Gefühl davon, dass es, mit einer Ausnahme, keine sephardischen Juden mehr gibt. Auch wenn einige Passagen durchaus bemerkenswert sind, hinterläßt der Roman den Eindruck, das Wort Sepharad sei bloß ein Synonym für Exil und Verlust. "Sepharad" steht jedoch im spanischen Kontext auch für herausragende Beiträge einer individuellen Gruppe innerhalb einer toleranten Gesellschaft, aber gerade über das Zusammenleben von Mauren, Christen und Sephardim erfährt der Leser auffallend wenig. Es scheint, als zähle die Zeit vor der Reconquista, also vor 1492, für Molina nicht. Ganz zu Schweigen von den Lebensgeschichten von Rekonvertiten, Untergetauchten, krypto-jüdischen Doppelexistenzen und Zurückgekehrten im Zeitraum nach 1492. Trotz der Größe des Themas und des Chronotopos' für den "Sepharad" steht, wirkt der Roman in dieser Hinsicht ausschnitthaft, reduziert auf die Moderne und auf einige fiktive Charaktere, deren Wege sich kreuzen und deren Erfahrungen sich gleichen. Die Geschichten dieser Charaktere bewegen sich auf ebenso vorhersehbaren Bahnen wie andere Textelemente: Natürlich begegnet der Leser der Frau aus dem Zug später noch einmal, die am Strand gefundene Muschel kehrt ebenso wieder wie Zitate von Kafka oder Pascal. Auf dieser Ebene, die nach den rules of creative writing funktioniert, der lockeren Mischung von Bildungszitaten mit Handlungssequenzen, die den Leser bei der Stange halten, macht Molina keinen Fehler.
Der literarische Abdruck von über fünfhundert Jahren Vertreibung, Vernichtung und Widerstand ist Sepharad also nicht geworden, zu vorhersehbar verlaufen die Erzähllinien, zu oft wird mit dem Holzhammer der melancholischen Nostalgie das Gefühl der verlorenen Heimat auf allen menschlichen Erfahrungsebenen durch-dekliniert. Die Verwicklung von Politik und Biographie wird durch kontinuierliche Einstreuung von Daten und Fakten zu einer den Leser erdrückenden Einbahnstraßenhistorie, während aus der anderen Richtung die beharrlichen Verweise auf die Universalität der individuellen Erfahrung den Leser eher abstumpfen als Anteil nehmen lassen. Das Resultat sind auf siebzehn Kapitel verteilte Geschichten auf der Suche nach einem Roman, der alles zusammenhält.




Antonio Muñoz Molina:
Sepharad. Ein Roman voller Romane.
Rowohlt Verlag, Reinbek. 2004 ISBN 3498044834, Gebunden, 544 Seiten, 24,90 EUR.















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