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Bericht über eine Studienreise einiger DaF-Studentinnen in die polnische Partnerstadt Bielefelds, Rzeszów, und nach Krakau
Heute gestohlen - morgen in...von Sara HochnerPolen trinken viel Wodka, besorgen günstig Autos, sind sehr gastfreundlich und tragen auch im Winter kurze Röcke - oder? Und ernähren sich Deutsche etwa nicht hauptsächlich von Bier und Wurst oder fahren ständig in Urlaub, wo sie durch schlechte Kleidung und wenig Sonnenschutz auffallen? So lauteten einige der Stereotypen, die bei einem der Workshops an unserem ersten Tag unseres Aufenthalts in der Bielefelder Partnerstadt Rzeszów aufkamen. Wir hatten viel Spaß daran, unsere Vorurteile gemeinsam auf großen Transparenten aufzumalen und dann der Gruppe vorzustellen, denn vieles davon war absurd. Einer der polnischen Teilnehmer bemerkte, dass niemand von uns den typischen Satz erwähnte: "Heute gestohlen - morgen in Polen", und er fragte uns, ob wir zu höflich seien, doch kaum jemand kannte diesen Satz. In der Nacht zuvor waren wir nach 16-stündiger Zugfahrt in Rzeszów, einer kleinen Stadt im Südosten Polens, angekommen und wurden morgens - getreu dem eigens für uns ausgearbeitetem Programm - vom Hotel abgeholt und zur Pädagogischen Hochschule gebracht, wo wir einigen Germanistik-Studierenden vorgestellt wurden, die uns sehr offen und herzlich entgegenkamen. "Bist du das erste Mal in Polen?" und "Wie gefällt es dir?", wir wurden überschüttet mit Fragen. Ich war beeindruckt von den guten Deutschkenntnissen der meisten und freute mich über einen so freundlichen Empfang. Wir waren also tatsächlich in Polen und unsere Aufgabe war es, die universitären Beziehungen zwischen den beiden Partnerstädten wieder zum Leben zu erwecken, denn unserem Besuch sollten Gegenbesuche und einige Austauschmöglichkeiten folgen. So werden zum Beispiel ca. 12 Studierende aus Rzeszów an dem diesjährigen DaF-Studierenden-Treffen teilnehmen, das vom 21.-24.06.2001 in Bielefeld stattfindet. Jeden Morgen wurden wir von erstaunlich vielen engagierten Studierenden und einigen Dozenten begrüßt, die uns im Laufe der kurzen Zeit, die wir in dem kleinen Städtchen verbrachten, in die polnische Küche einführten, mit uns ein pantomimisches Ein-Mann-Theaterstück besuchten oder uns nach Laincut, einem ehemaligen herrschaftlichen Fürstensitz, begleiteten. Während der Fahrt dorthin, in einem überfüllten Überlandbus, unterhielt ich mich mit Pawel über seinen einzigen Deutschlandaufenthalt: "Die Bank wollte unsere Zloty nicht in D-Mark tauschen", weshalb er seine abenteuerliche Reise früher abbrechen musste als geplant, denn einen Job konnte er so kurzfristig auch nicht finden. In Laincut schließlich begegnete uns viel Glanz und Gloria, durch den uns eine ältere Dame mit charmantem Akzent führte, während wir auf Filzpantoffeln über das edle Parkett hinter ihr herrutschten. Sie verstand es, uns in die lange zurückliegende Zeit des Adels zu versetzen, aber die Bilder der verschiedenen Fürsten auf Safari in Afrika und deren unzählige Trophäen in Form präparierter Giraffenhälse und Elefantenköpfe hinterließen einen bitteren Beigeschmack. Im Anschluss besuchten wir eine Synagoge im Ortskern - unser erster Kontakt mit der jüdischen Kultur auf unserer Reise. Wir nutzten die Gelegenheit unseres Besuchs auch für Hospitationen im Unterricht, sowohl an der Pädagogischen Hochschule, wo die Studierenden unter anderem zu Deutsch-LehrerInnen ausgebildet werden, als auch im nahe gelegenen Lizeum, wo wir uns mit einer ehemaligen Studentin über das Leben nach dem Studium und die Probleme der Schüler - speziell in diesem Hochhausviertel - austauschen konnten. Das polnische Hochschulsystem unterscheidet sich stark von dem, das wir kennen: schwierige Aufnahmeprüfungen entscheiden über die Studienanfänger und es gibt festgelegte Stundenpläne, die wenig Freiraum bieten, was vor allem denjenigen Schwierigkeiten bereitet, die nebenbei arbeiten müssen. Viele wohnen bei ihren Eltern und wenn diese zu weit weg wohnen, schlüpfen sie bei Verwandten unter oder beziehen ein Zimmer zur Untermiete. Ist das der Fall, fahren die meisten so oft wie möglich nach Hause: Die Familie spielt oft eine große Rolle und Bahn fahren ist nicht annähernd so teuer wie in Deutschland aber auch nicht so komfortabel.Am letzten Abend nahmen wir an einem völlig überfüllten deutschen Stammtisch teil, der regelmäßig im "La Bohème" zusammenkommt, und die Gelegenheit wurde zu zahlreichen offiziellen Geschenkübergaben, Danksagungen und Einladungen genutzt, worauf ein sehr lockerer und entspannter Abend folgte, an dem wir unsere Adressbücher füllen konnten. Nach drei sehr ausgefüllten und aufregenden Tagen schließlich fuhren wir nach Kraków. Wir bezogen ein Hotel in der Nähe des ehemaligen jüdischen Ghettos, wo Teile von Steven Spielbergs Film Schindlers Liste gedreht wurden. Eine Studentin verbrachte fast einen ganzen Tag mit uns, um uns die historischen Orte und Daten der Altstadt näherzubringen, die in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden ist und begleitete uns auch durch das jüdische Viertel Kazimierz, das von dem gleichnamigen Kaiser im 14. Jahrhundert als eigenständige Stadt angelegt wurde. Da wir Glück mit dem Wetter hatten, verbreitete sich ein südländischer Charme, dem wir uns nicht entziehen konnten und so lauschten wir begeistert dem Trompeter in dem Turm der Marienkirche, der seine Melodie abrupt abbricht, um an den Turmwächter zu erinnern, der im Mittelalter die Einwohner vor den Tartaren warnen wollte, aber während seines Spiels von einem Pfeil getroffen wurde. Wir besuchten das Konzentrationslager Auschwitz und das Vernichtungslager Birkenau, wo unser Begleiter uns brüsk auf die Greueltaten der Nazis hinwies. Außer uns waren busweise israelische Schulklassen zu der Gedenkstätte gekarrt worden, die einmal in Auschwitz gewesen sein mussten, um ihr Abitur zu bekommen, wie uns unsere Krakauer Studentin erklärt hatte. Es wirkte absurd, schwatzende, amerikanisch gekleidete Jugendliche in den Gängen telefonieren zu sehen, die mit Erinnerungsstücken vollgestopft waren. An diesem Abend war nicht allen danach, etwas zu unternehmen, aber ich besuchte mit Elke eines der Lokale in Kazimierz, die berühmt sind für ihre Klezmer-Live-Auftritte. In Wohnzimmeratmosphäre spielte ein Trio die melancholischen und mitreißenden Melodien der traditionellen jüdischen Musik für Touristen aus aller Welt. Für den internationalen Tourismus scheint Krakau ein Geheimtipp gewesen zu sein, bis es 2000 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde. Jetzt begegnet man vielen ausländischen Besuchern in den Kellergewölben, für die das Krakauer Nachtleben bekannt ist, und wo sich Jazz-Keller, Studentenclubs oder vegetarische Restaurants befinden. Überhaupt scheint Polen für jeden Reisenden etwas dabei zu haben: auch der sportliche Globetrotter kommt auf seine Kosten, so wie auch ein Teil unserer Gruppe, der als krönenden Abschluss der Reise nach Zakopane fuhr, um im Sessellift das berühmte Skigebiet zu erklimmen. Auf diese Idee waren noch andere Wochenendausflügler gekommen und so gingen wir zu Fuß bis auf 1500m. Uns bot sich eine atemberaubende Aussicht auf dieses südliche Grenzgebiet Polens und wir trafen unterwegs oft gut ausgerüstete Wanderer jeden Alters, die nie vergaßen, uns ein freundliches "Czesc" (Hallo/Tschüss) zuzurufen.
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