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Rezension

Rafik Schami: Die dunkle Seite der Liebe

von Britta Langer

Romeo und Julia in Damaskus - so könnte man Rafik Schamis Roman Die dunkle Seite der Liebe, der zur Buchmesse im Herbst 2004 erschien und seitdem zahllos rezensiert und diskutiert worden ist, auf den Punkt bringen. Es ist die Liebesgeschichte von Farid Muschtak und Rana Schahin, deren Familien seit Generationen verfeindet sind, doch Tradition und Religion verbieten ihr Zusammensein. Ein interessanter, hochaktueller Stoff, doch Rafik Schami begnügt sich nicht nur damit. Der symphatische Autor, 1946 in Damaskus geboren und seit 1971 in Deutschland lebend (und schreibend) verwebt darüber hinaus eine unglaubliche Fülle verschiedener Themen in seinen immerhin knapp 900 Seiten langen Roman.

Alles beginnt mit der Leiche eines muslimischen Offiziers, bei der eine geheimnisvolle Notiz gefunden wird. Mit der Suche nach dem Täter beginnt für den Leser die Reise in das kleine syrische Dorf Mala im Jahr 1953. Die beiden Familien Muschtak und Schahin, römisch-griechisch orthodox und römisch-katholisch, sind die reichsten Clans in der Umgebung und bis aufs Blut verfeindet. Es geht nicht nur um unterschiedliche Religionen, sondern auch um Neid, Macht und Tradition. Der Leser erlebt mit, wie diese Feindschaft entsteht und sich über drei Generationen hinaus zur Blutfehde entwickelt. Schami schildert dabei, und das stellt sich als besonders kennzeichnend für den gesamten Roman heraus, nicht das Leben einzelner Protagonisten. Er weicht immer wieder von der Haupthandlung ab und lässt kleine Episoden einfließen, von Nachbarn, Freunden, Vorfahren und deren Erlebnissen. Es geht in diesen Episoden stets um Liebe und Tod, um Feindschaften und Freundschaften, Tradition und Religion. Anfangs irritieren diese Abweichungen von der Handlung.

Immer wieder glaubt der Leser, den roten Faden zu verlieren, sucht Hilfe bei den im Umschlag abgedruckten Stammbäumen der Familien. Doch dann kristallisiert sich langsam der Haupt-Plot um Farid und Rana heraus: ihre erste Begegnung, heimliche Rendevous, ein gescheiterter Fluchtversuch, Hindernisse, die Gesellschaft und Familie ihnen in den Weg legen. Und dann plötzlich Ranas Heirat mit dem verhassten Cousin, der sie erst vergewaltigt und anschließend großzügig anbietet, ihre Ehre durch Heirat wiederherzustellen. Für Rana und Farid beginnt nun eine noch schwierigere Zeit. Farid bekommt immer häufiger die korrupte Staatsmacht zu spüren, wegen seiner politischen Tätigkeiten in der Kommunistischen Partei wird er beschattet, verhaftet, gefoltert.

Auch der Plot um Rana und Farid wird unterbrochen von zahlreichen Episoden zu den Themen, die das Alltagsleben der Menschen in Syrien laut Schami nach wie vor ganz besonders prägen: Liebe und Tod. Ausführlich wird Farids Zeit in der Klosterschule beschrieben, seine Freundschaften zu Lehrern und anderen Schülern betont, die sich für ihn noch als äußerst schicksalhaft herausstellen sollen, sein enges Verhältnis zu seiner klugen und verständnisvollen Mutter Claire und das eher gestörte Verhältnis zum herrschsüchtigen Vater nachgezeichnet. Zudem lernt der Leser Farids Club kennen, in dem sich politisch Gleichgesinnte treffen und der leicht skurrile Seefahrer Gibran Geschichten und Anekdoten erzählt, die einen Großteil der Episoden im Roman ausmachen.

Zum Ende des Romans wird der Leser ganz plötzlich herausgerissen aus all diesen mystisch-orientalischen Geschichten, die von Rezensenten immer wieder mit den Geschichten aus 1001 Nacht verglichen werden, und auf einmal, nach 304 Kapiteln bereits ganz in Vergessenheit geraten, wird ihm die Lösung des Kriminalfalles vom Romanbeginn bewusst und der Kreis schließt sich. Oder, wie Schami am Ende des Werkes treffend formuliert, mit dem letzten Mosaiksteinchen wird das Gesamtbild sichtbar: Jede der unzähligen kleinen Episoden des Romans stellt ein Mosaiksteinchen dar, und erst die Kombination all dieser Steinchen lässt das Komplettbild erkennen, das dem Leser einen Eindruck vom Leben in der arabischen Welt vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart vermittelt.

Den Schwerpunkt legt Schami eindeutig auf die unzähligen Spielarten verbotener Liebe, im Zentrum Farid und Rana, und um sie herum Geschichten über von Familien geplante Hochzeiten, Verbrechen aus verletztem Ehrgefühl, Fremdgehen, aber auch lebenslanger Treue und die bis heute andauernde untergeordnete Rolle der Frau. Dabei trägt der Vergleich mit einem Gesamtmosaik zum Verständnis des Lesers bei, denn oft steht er dem Episoden-Wirrwarr etwas hilflos gegenüber, fragt sich nach dem Zusammenhang oder der Relevanz einzelner Episoden. Doch wahrscheinlich ist genau dies von Schami gewollt: Auf Lesungen erscheint der Autor ohne Buch, liest nicht einfach nur vor, sondern erzählt wie der Seefahrer Gibran Geschichten, die ihm gerade in den Sinn kommen.

So erscheint Die dunkle Seite der Liebe auch nicht wie ein perfekt durchkomponierter Roman, sondern eher wie eine Sammlung von orientalischen ´Lagerfeuergeschichten´. Sicherlich gewöhnungsbedürftig, und vielleicht auch etwas enttäuschend für diejenigen, die sich aus der Lektüre neue, grundlegende Erkenntnisse über das Denken und Fühlen in dieser fremden Kultur erhofft haben. Unterhaltsam und lesenswert ist der Roman jedoch allemal, nicht zuletzt auch wegen der Leichtigkeit und des subtilen Humors, zeitweise auch Galgen-Humors, mit dem Schami selbst die schlimmsten Grausamkeiten und die größten Ungerechtigkeiten einfühlsam schildert.




Rafik Schami:
Die dunkle Seite der Liebe.
Hanser Verlag, 2004 ISBN 3446205365, 24,90 EUR.















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