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Brigitte Kronauer las im Oberstufenkolleg aus ihrem letzten Roman "Teufelsbrück"

"Lauter besoffene Satzmolche"

von Thomas Combrink

Für den Literaturfreund sind Lesungen oft wie zweischneidige Schwerter. Da er doch oft grübelt, was für ein Mensch sich hinter den Büchern versteckt, freut er sich, den Autor mal in Natura sehen zu dürfen. Auf der anderen Seite wird dem Literaturfreund durch die Lesung der Akt des Lesens abgenommen. Vielleicht auch nicht schlecht, könnte man denken. Da kann man sich endlich mal zurücklehnen und so richtig entspannen. Aber damit fehlt ihm eine Möglichkeit, die er beim selbsttätigen Lesen hat: Wenn er etwas nicht verstanden hat, kann er zurückblättern.

Brigitte KronauerEs hängt natürlich auch stark davon ab, was für eine Art von Literatur gelesen wird. Lyrik eignet sich wegen der Kürze scheinbar gut zum Vortrag vor Publikum. Aber selbst da gibt es grosse Unterschiede, denn die Gedichte einer Friederike Mayröcker entfalten ihren Reiz oft erst durch längere Rezeption, während die raffinierte Pointenlyrik Robert Gernhardts gerade auf das plötzliche Verstehen aus ist. Vielleicht ist es sinnvoll bei Lesungen des Typs Mayröcker daher einfach das Atmosphärische des Gehörten, die Aura von Text und Autor auf sich wirken zu lassen.

Brigitte Kronauer stand bei ihrer Lesung im Oberstufenkolleg vor einem ähnlichen Problem. Stellte sie doch ihren 500-Seiten starken Roman "Teufelsbrück" vor und gab offen zu, Stellen ausgewählt zu haben, die auch ohne Kenntnis des ganzen Buches verstanden werden konnten. Bevor es aber schließlich dazu kommen konnte, las sie, quasi als Ouvertüre, die Erzählung "Die Frau in den Kissen" (nicht zu verwechseln mit ihrem gleichnamigen Roman). Das war eine gute Wahl, denn in dieser Erzählung zeichnet sich bereits eine Technik ab, die in "Teufelsbrück" noch weitaus stärker hervortritt: Der erzählerische Ausbruch aus der Handlung. Sicher, in "Teufelsbrück" gibt es Handlung. Es gibt die Ich-Erzählerin Maria Fraulob, die sich in Leo Ribbat verliebt. Der wiederrum ist liiert mit Zara Zoern, die ein freundschaftlich-feindschaftliches Verhältnis mit Maria pflegt.

Natürlich ist die Beobachtung des Ausbrechens aus der Handlung auch der Erzählperspektive geschuldet. Da Maria Fraulob ihre eigene Geschichte erzählt, bekommt der Leser nicht nur das mit, was gerade empirisch wahrnehmbar geschieht, sondern blickt auch in das Innere der Protagonistin. Der Clou dabei ist der, dass Maria als Erzählerin Innen- und Aussenwelt nicht trennscharf hält. Ihre Gefühle schwemmen sie oft so auf, dass die gleichen Personen ihr, je nach eigener Stimmung, in einem ganz anderem Licht erscheinen und die Figuren daher nicht psychologisch festgelegt sind.

Daraus folgt dann für die Konzeption des Romans, dass gerade das Nicht-Festgelegte, das die Wirklichkeit verklärende Prinzip, eine wichtige Position erhält. Romantische und realistische Erzählstrategien werden ineinander verschachtelt. Romantisch ist hierbei die starke Emphase des Subjektiven: Das auf dem Irrationalen beharrende Ich, das nicht davon ausgeht, dass Erkenntnisse allgemein verbindlich sind - das Abschweifen in Beobachtungen und Gefühle und das Abwägen von Möglichkeiten. Realistisch ist aber dann doch die Kopplung an einen Erzählrahmen und zumindest die Andeutung, dass die Story eine nachvollziehbare Logik besitzt.

Nach der Lesung ging Brigitte Kronauer noch auf Fragen aus dem Publikum ein und bekannte sich schließlich dazu, ein "Augenmensch" zu sein. Und so wurde auch die Frage nach einer Hierachie der Sinne, die sich bei der stark von Wahrnehmung geprägten Literatur Kronauers aufdrängt, letztlich noch beantwortet.




Brigitte Kronauer: Teufelsbrück
Brigitte Kronauer
Teufelsbrück
Köln: Klett-Cotta, 2000.
505 Seiten, EUR 22,50
ISBN 3608930701







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