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"Mein Jesus bleibt bis zum Ende ein Zweifelnder…"

Tagebücher dreier Christen oder M. Jeshua und die Blumen des Evangeliums

von Nicole Karczmarzyk

Nachdem der Franzose Eric-Emmanuel Schmitt seinen deutschen Lesern mit "M. Ibrahim und die Blumen des Koran" im Jahr 2003 bewies, daß man auch ohne das Studium religiöser Schriften Weisheit und Lebensfreude versprühen kann, entwickelte er bereits ein Jahr später eine eigene Glaubenslehre mit der "Schule der Egoisten". In seinem neuesten Werk beschäftigt sich der ehemalige Philosophie-Dozent nicht nur mit dem christlichen Glauben, sondern legt seinen Lesern gleich ein fünftes Evangelium vor.

Der Roman "Das Evangelium nach Pilatus" gliedert sich in drei Abschnitte mit verschiedenen Erzählern. Auf den ersten 80 Seiten läßt Schmitt den Messias - oder weil die alten Namen ihm zu plakativ und vorbelastet sind: Jeshua - , selbst zu Wort kommen. Fern von allen Wundern der Apokryphen, beschreibt uns dieser seine Kindheit, als die eines ganz normalen Kindes.

Ein Kind, das irgendwann feststellen muß, daß es eben nicht Gott, sondern nur ein Mensch ist. Ein Mensch, der seine eigenen Wunder später nicht zu erklären vermag; der sich selber zum Zeitpunkt der Aufzeichnungen fragt, wie er überhaupt in diese außergewöhnliche Situation kommen konnte. Während dieser Jeshua an einem Ölberg sitzend auf seine Henker wartet, bietet er uns sogar eine psychologische Begründung seiner allumfassenden Liebe an. Beim Tod seines Vaters hatte Jeshua es verpasst, ihm zu sagen, wie sehr er ihn liebte. Von da an beginnt der junge Mann - der noch so gar nicht in unser Bild eines zukünftigen Heiligen passen will - jedem seine Liebe zu gestehen, um das Verpaßte wieder gut zu machen. Ganz im Gegensatz zu den apokryphischen Überlieferungen, Jesus sei als Erlöser zur Welt gekommen, läßt Schmitt seinen Messias an sich selbst und an Gott zweifeln und seine Berufung immer wieder in Frage stellen.

Es fällt schnell auf, daß in diesem Tonfall nicht das Selbstbewusstsein eines Erlösers klingt, sondern die Klagen eines Zweifelnden. Der Zweifel, diese Ungewissheit und Suche zieht sich durch Schmitts gesamten Roman, denn Glauben heißt für ihn Zweifeln. Davon bleibt auch Pontius Pilatus nicht verschont, der als Henker Jesu das fünfte - das eigentliche - Evangelium schreibt. Seine Passionsgeschichte präsentiert sich in Form von Briefen, in denen der Statthalter seinem Bruder Titus das Jerusalem des ersten nachchristlichen Jahrhunderts beschreibt. Im Briefevangelium wird ein lebendiges Zeitbild entworfen, welches beinahe den Anschein eines historischen Romans erweckt, dem es aber hierfür leider an der Bildfülle von zum Beispiel Bulgakows " Der Meister und Margarita" mangelt. Der stark überforderte Statthalter Judäas versucht der Lage Herr zu werden: Die Leiche des jungen Nazareners ist verschwunden und es droht ein Volksaufstand, falls diese nicht wieder auftaucht. In detektivischer Kleinarbeit - die an einen Simenon'schen Kommissar Maigret erinnert - sucht Pilatus nach einer vernünftigen Erklärung für das Verschwinden des Juden.

Der Prokurator tauchte in der Literaturgeschichtet bereits in den verschiedensten Rollen auf; der jüdische Philosoph Philo von Alexandrien stellte ihn als Tyrannen dar, während er in anderen Überlieferungen als Märtyrer oder als Heiliger auftaucht. Schmitt läßt seinen Pilatus als Kyniker griechischer Schule auftreten und schließt sich der Meinung des karthagischen Tertullian an, der Pilatus am Ende selber zum Christen werden läßt. Das passiert natürlich, der Schmitt'schen Grundidee folgend, erst nach langem Zweifeln, und dem Verschwinden von Pilatus' Frau Claudia, die hier eine größere Rolle, als in den Evangelien zugeschrieben bekommt. Die hier gezeichnete Figur des Henkers Jesu erscheint allerdings ein wenig zu modern und weltoffen für einen römischen Statthalter mit militärischem Hintergrund, der sich hier einfach ohne weiteres auf Wanderschaft und auf die Suche nach dem Glauben begibt.

Interessant und in einer gewisse Art und Weise vielleicht auch sehr hintergründig sind die Interpretationen der Rollen von Judas - hier Jehuda genannt - oder der Figuren am Hofe des König Herodes, die so gar nicht den uns aus der Bibel Vertrauten gleichen wollen. Hier ist Jehuda der Lieblingsjünger des Messias, der seinen Herrn nur verrät, damit nicht auch die restlichen Anhänger gefangen werden. Salome, die in der Überlieferung der Bibel stets als Inbegriff der Sünde geschildert wird, ist bei Schmitt nur das hilflose Opfer einer machtgierigen Mutter, die ihre Tochter mit Drogen und Einflüsterungen in das Unglück treibt.

Als wollte der Autor jegliche Kritik im Vorfeld entkräften, erzählt Schmitt auf den letzten 40 Seiten vom Prozess des Schreibens und seinen angeblich gestohlenen Manuskripten. In seinem Werkstattbericht, der etwas seltsam und ungewohnt daher kommt, begründet er sein Thema, beschreibt eingehend sein Verhältnis zum christlichen Glauben und weist mehrfach auf eine von ihm selbst angeblich erlebte mysteriöse Offenbarung in der Wüste hin - was uns trotz aller Sympathie zum Autor eher etwas peinlich berührt zurücklässt.

Die Nacht in der Wüste, dürfte Schmitt einige kritische Leserbriefe bescheren, dennoch wird dieser Roman, der irgendwo zwischen historisch und philosophisch liegt, die Erwartungen der Eric-Emmanuel-Schmitt-Fans und Anhänger französischer Belletristik nicht allzu sehr enttäuschen. Mit "Das Evangelium nach Pilatus" bietet Schmitt eine interessante Interpretation der überlieferten Ereignisse der Passionsgeschichte und klammert gleichzeitig eine Hommage an den Kirchenapparat aus. Auch für nicht ganz Bibelfeste ein Lesevergnügen und wie alle vorherigen Bücher Schmitts gespickt mit Aphorismen für die heimische Pinnwand. Die Idee ist nicht neu, aber unterhaltsam: die Tagebücher dreier Christen eben.




Eric-Emmanuel Schmitt
Das Evangelium nach Pilatus
Aus dem Französischen von Brigitte Grosse
Zürich, Ammann 2005













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