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Laudatio auf Friederike Mayröcker

Das Couvert der Vögel, Karl-Sczuka-Preis 2001

von Klaus Ramm

"1 übermäsziges Lob ist 1 Knebel, nicht wahr". Herzlichen Glückwunsch, liebe Friederike Mayröcker. Den ersten Satz meiner Lobrede werden Sie, guten Morgen meine Damen und Herren, gleich wiederhören als einen der ersten Sätze des heute mit dem Karl-Sczuka-Preis ausgezeichneten Hörspiels "Das Couvert der Vögel" von Friederike Mayröcker. Ein Knebel ist dieser Satz auch für den Lobredner, gerade wenn der Ihnen mit dem preisgekrönten Hörspiel auch das nicht nur in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts singuläre Lebenswerk einer Dichterin näher bringen sollte, die dem Schreiben ihre ganze Existenz gewidmet hat. Da bietet selbst "1 übermäsziges Lob" nur eine überaus unangemessene Zuflucht vor der Herausforderung durch das Werk und vor der Faszination durch die Autorin.

"Biografielosigkeit als Lebenshaltung", verlangt sie sich ab, "Lebensbedürfnislosigkeit gepaart mit höchsten Ansprüchen der eigenen Schreibarbeit gegenüber." Der außerordentliche Rang dieser ‚Schreibarbeit', in diesem Jahr mit dem Ehrendoktortitel der Universität Bielefeld, dem Sczuka-Preis und endlich mit dem Georg-Büchner-Preis gewürdigt, mag auch darin einen Grund haben, daß diese, in äußerster sprachlicher Zuspitzung, eine Form konzentriertester Selbstentäußerung ist. Friederike Mayröcker hat seit den frühen fünfziger Jahren ihr Schreiben in eine Tradition gestellt, welche Literatur nicht mehr als zusammenhängende Schilderung von Figuren oder Geschehnissen begreift, nicht als Gleitmittel für Inhalte oder Botschaften, nicht als poetisch verbrämte Darstellung menschlicher Probleme oder Werte, sondern als einen immer neuen Anlauf, die sprachliche Prägung unserer Weltwahrnehmung, unseres Bewußtseins und unserer Existenz jenseits der liebgewordenen Konventionen ästhetisch zu erkunden: weder sinnstiftende Selbststilisierung noch fesselnd erzählte Fiktion ("ich habe einen Horror vor der Story", sagt sie), weder Rückzug auf das blanke Material der Sprache noch effektvolles postmodernes Arrangement, sondern nichts als offene Sprachverläufe, auskonstruiert bis in die winzigsten Verästelungen, ausgefunkelt bis in die winzigsten Vokabelreize und immer wieder umschlagend in dichteste sprachliche Sinnesempfindung.

"Wenn Sie jetzt näherkämen, Sie könnten es besser sehen, die alte Abhängigkeit nämlich Verkuppelung : zwischen Bild als Sprache, zwischen Sprache als Bild : zwischen Wort als Denken, zwischen Denken als Wort", heißt es am Ende ihres Hörspiels "Die Umarmung, nach Picasso", das, wie unser Preishörspiel und noch ein weiteres, "Repetitionen, nach Max Ernst", in Korrespondenz mit der Bildenden Kunst entstanden ist: Ein Preis für Radiokunst in diesem Jahr - noch dazu in Donaueschingen - für ein Hörspiel also, das seinen akustischen Reichtum ganz aus der ‚Verkuppelung' zwischen Bild und Sprache gewinnt und nicht aus einer direkten ‚Verwendung musikalischer Materialien und Strukturen', wie es in der Preis-Satzung heißt - wenn es auch ursprünglich ein Beethoven-Hörspiel werden sollte, wenn es auch viele Mayröcker-Hörspiele gibt mit offenkundigeren Bezügen zur Musik (zu Mozart etwa oder Miles Davis, Schubert oder den Rolling Stones), wenn auch Friederike Mayröcker ihre ersten Schreibversuche in ihrer Kindheit auf einem Bösendorfer Konzertflügel, "an dessen Taille geschmiegt", unternommen hat: "die prahlenden Notenhefte, die jetzt mit Schriftkürzeln gefüllt sind".

Selbstverständlich hat ihr Schreiben überall in der Prosa und natürlich besonders in der Lyrik auch eine unüberhörbar akustisch-musikalische Dimension, doch viel intensiver als der melodische Sprachfluß etwa oder der auskomponierte Sprachklang scheint mir die reiche semantische Phrasierung ihres dichterischen Sprechens neben den bildlichen auch unablässig akustische Imaginationen hervorzurufen und - eben - musikalische: "lauter kleine hingekritzelte Notenköpfe" enthält auch "Das Couvert der Vögel", auch wenn es seine poetische Inspiration einer "Augenerfahrung" verdankt, der Malerei von Henri Matisse. Doch es ist weder ein biografisches noch ein fiktives Künstlerhörspiel oder ein erdachter Dialog mit dem Maler oder mit dessen Bildern, sondern der Verlauf des Hörstücks selber gerät immer tiefer in die Abhängigkeit von den einzeln aus dem Sprachgeschehen hervorleuchtenden Bildern: Anverwandlungen in wechselndem Licht, changierenden Färbungen und ständig sich verschiebenden Perspektiven: "Ich schaue das Bild lange an", sagt Friederike Mayröcker, "nein: ich lasse mich auf das Bild lange ein, nein: ich steige hinunter zu ihm in den Brunnenschacht, ausschlieszlich, bis ich schon nicht mehr loskommen kann, mich Tag und Nacht mit ihm zu beschäftigen trachte, bis es sich tief eingenistet hat in mir, in meinem Kopf, in meinem Körper, dasz schlieszlich aus diesem Liebesverhältnis das Bild von sich aus die richtigen Wörter und Sätze ausstöszt, für mich, sodasz ich sie nur noch aufzulesen, einzusammeln, anzusetzen brauche: Bausteine einer Augenintimität, eines Denkfiebers, einer Gehirndienerschaft u.s.w." Mit der "Augenintimität" und dem "Denkfieber" mischt sich auch die ‚Ohrenerfahrung' in das Fluidum des poetischen Sprechens, da reizt das klangliche Vorstellungsvermögen wie das bildliche die Wortphantasie auf. Selbst in einem Hörspiel mit dem Maler Matisse werden auch die akustischen Eindrücke, so unscheinbar sie sein mögen, ganz unmittelbar zu Wort-, zu Spracherscheinungen: die "Wassertrompete", die "Zyklamenstimme", "sein Gurren sein Garten".

In solch betörenden Wortverkuppelungen vollzieht sich im Hören auch eine fragile Verkuppelung mit dem Maler selbst, ein schwebender Stimmentausch mit Madame Matisse, mit Camille, seiner Geliebten, die beide zugleich wiederum Figuren auf seinen Bildern sind und nun unmittelbar aus den farbenprächtigen Interieurs der Gemälde herauszusprechen scheinen, während die Sprechstimme ihnen und den Bildern gleichzeitig gegenübersteht, als ob sie sich selbst gegenüberstünde; "Sie haben mit Ihren Bildern meinen Leib vom Schädel zur Fuszsohle durchdrungen", heißt es da, "Sie sind 1 Meister der zerrissenen Seele." "Ich versuche herauszubekommen", heißt es im naheliegenden Picasso-Hörspiel, "in welchem Körper ich stecke, in welchem Kopf." Offene, fragende, sich selbst preisgebende Wort- , Bild- und Denkbewegungen anstatt der vertrauten Hörspielfiguren oder Dialogsprecher: auch das ist eine kompromißlose Konsequenz aus den Erfahrungen mit der höchst problematischen Verfassung der ‚persönlichen', der ‚individuellen' Existenz in unserer Gegenwart, in der selbst die Vorstellung einer ‚eigenen' Identität nurmehr beschwichtigende Schönfärberei wäre. "Dieses mein total zertrümmertes und perforiertes Leben ist eine der Voraussetzungen für meine Schreibarbeit", heißt es in dem andern der vom Thema her naheliegenden Hörspiele, den "Repetitionen, nach Max Ernst".

Diese Zerklüftung ist nicht mehr in das herkömmliche literarische Sprechen zurückzubinden, und schon gar nicht in die bis heute vorherrschende Dramaturgie des Rollenhörspiels, "vermutlich", sagt Friederike Mayröcker, "weil ich historische und persönliche Zusammenhänge bestreite, vermutlich weil ich nach tiefergreifenden Verknüpfungen Ausschau halten will, von denen ich nur im Augenblick noch nichts weiß". Und - wie ein Credo -: "Vereinigungen des Disparaten - das Innerste aller Kunst".

Mit einem frappierenden Gespür für die in den tiefergreifenden Verknüpfungen, für die im Innersten des Hörspieltextes zu entdeckenden hörspieldramaturgischen Möglichkeiten hat Klaus Schöning das Stück inszeniert, ohne daß äußere Regie-Effekte sich in die Hörwahrnehmung einmischen. Die in die mäandernen Sprachbewegungen hineingesprochenen Sprecherwechsel vertiefen noch einmal, gerade weil sie Kontinuität zu simulieren scheinen, die Zerklüftung der personalen Identität, die Preisgabe der wärmenden Übereinkunft des Kontinuums von persönlicher Erfahrung. Der bewußte Verzicht auf professionelle Hörspielsprecher, auf noch so einfühlsame Schauspielerstimmen erscheint im Nachhinein als völlig selbstverständlich; die Stimmführung nämlich rückt das Hörspiel in eine weitere Dimension sprachlicher Musikalität, die dem bloßen Text verborgen geblieben wäre. Friederike Mayröcker Die Dichterin selbst, Friederike Mayröcker, als Sprecherin: ein scheues, fragendes, auch staunendes und doch entschiedenes, sicherndes Erkunden der eigenen Wort- und Satzverknüpfungen, liebevolle Nähe und rätselhafte Fremdheit zugleich, als versuche die Sprechstimme, sich zögernd und doch vorbehaltlos dem Text anzuvertrauen, als wäre sie es, die Sprecherin, und nicht der Text, die sich uns, den Hörenden, nun gänzlich offenbart.

"Ihr Geschenk", berichtet Klaus Schöning, "blieb nicht ohne Folgen für die weitere Besetzung des Stückes. Auf dem Rückflug nach Köln vergegenwärtigte ich mir Namen von uns befreundeten Künstlern für die Rolle von Matisse. Ich rief Gerhard Rühm an, der spontan zusagte." Zudem hat Gerhard Rühm, der Sczuka-Preisträger 1977, dem Hörspiel ebenso spontan eine sparsam akzentuierte musikalische Grundierung gegeben, "gewissermaßen", wie er sagt, "kleine klanginseln, in statistisch gleichen abständen über den gesprochenen text verteilt." Damit komme ich allerdings nur sehr vordergründig auf die ‚musikalischen Materialien und Strukturen' wieder zurück, denn Rühms Komposition hat für mich eine geradezu textuelle Qualität, nicht nur weil sie aus den Tonbuchstaben der Vornamen Friederike und Gerhard (f, e, d/g, h, a) generiert ist, nicht nur weil sie im präzis durchkalkulierten Widerspiel von Klavier- und Celestastimme so etwas wie Dialoge anklingen läßt, sondern sie bietet in sich, mit den Worten Gerhard Rühms, "eine aussagequalität, eine art ‚semantischer' ergänzung zum text", in dem, füge ich noch einmal hinzu, ja gerade die poetisch intensivierte Semantik zum musikalischen Hörerlebnis wird.

"Was ich vom Hörspiel fordere", hat Friederike Mayröcker schon ganz zu Anfang ihrer Hörspielarbeit vorgetragen, als sie für ihr erstes Hörspiel gemeinsam mit Ernst Jandl den anderen großen Hörspielpreis, den der Kriegsblinden, erhielt: "Was ich vom Hörspiel fordere, ist: es muß akustisch befriedigen, faszinieren, reizen, das heißt der akustische Vorgang muß beim Hörer eine ganz bestimmte Reaktion hervorrufen, etwas, das in der Nähe musikalischen Genusses liegt, aber statt von Tönen von Worten und Geräuschen ausgeht", wobei die Geräusche dann sehr schnell den Klangfarben der Bildlichkeit gewichen sind. Friederike Mayröcker verzichtet nämlich dezidiert auf die avancierten artikulatorischen Errungenschaften der Lautdichtung etwa oder auf die radiophon-materialen Klangverfahren der ars acustica, um dennoch das Hörspiel in vergleichbar extreme Gegenden voranzutreiben, ausschließlich durch die Intensivierung des literarischen, des poetischen Sprechens, ohne es akustisch auffällig aufzuladen, ohne es betont nach lautlichen Prinzipien zu generieren: sozusagen im Rücken der Theorien der akustischen Kunst ein geradezu paradoxer Vorstoß in neu zu entdeckendes Gelände ebendieser genuin radiophonen Kunst. So erhält sie uns zumindest eine Ahnung von dem ästhetischen Reichtum des Mediums Radio, das sich selbst ja längst dem Ideal des flotten Durch- und Weghörens freiwillig hingegeben hat.

In der Widerständigkeit dagegen liegt eine weitere ausgesprochen mediale Qualität der im strengen Sinn ja intermedialen Kunst von Friederike Mayröcker, sogar im Vergleich zu den weitaus meisten der ja immerhin unter der Prämisse ‚Hörspiel als Radiokunst' eingereichten Hörstücke des diesjährigen Wettbewerbs. "Die technischen und technologischen Möglichkeiten sind inzwischen enorm raffiniert, verführen leicht zur schönen, spannenden Oberfläche, und lassen künstlerische Radikalität in den Hintergrund treten", so faßt die Jurorin Christina Weiss unsere Besorgnis im Blick auf das ausschließlich quantitative Rekordergebnis von über 90 Einreichungen in diesem Jahr zusammen: "da ist", fährt sie fort, "ein oft erschreckend schludriger Umgang mit der Sprache, nichts mehr zu spüren von der harten und beharrlichen Spracharbeit, wie sie sich zum Beispiel in dem Text von Friederike Mayröcker abbildet (...), sondern es gibt viel Selbstgefälligkeit mit Hilfe perfekter Instrumentarien, viel Willkür um des Gefallens willen, eine künstlerische Freiheit, die es letztlich den Zuhörern zwar kulinarisch leicht macht, ihnen aber die Hörarbeit, künstlerisches Verfahren und künstlerische Arbeitsintensität selbst hörend zu entdecken, abnimmt."

Auch aus dieser Erfahrung heraus hat die aus dem "Couvert der Vögel" hervorstrahlende poetische Schönheit der elementaren Sprach-, Denk- und Bildverknüpfung die Jury so enthusiasmiert, ist sie doch nichts anderes als die ins Äußerste vorangetriebene Anstrengung der künstlerischen Arbeit, "also Rausch und Askese in einem", wie Friederike Mayröcker das ausdrückt, "harte Übung in Selbstkritik, unermüdliches Suchen, Versuchen, Vergleichen, Verkosten, Nachahmen, Lauschen - da sind doch diese zauberhaften Echos von überall her, Echos von Welt, Schmerzensschreie und Jubelstimmen in meinem Kopf, aufgeladen mit assoziativer Elektrizität, das Furiose also neben der Berechnung, das LUNATISCHE neben der Präzision. Ich frage mich wie soll ich mich den Dingen den Umständen den Geschehnissen gegenüber verhalten..." Die mögliche Antwort, die Ihnen das Hörspiel jetzt geben wird, ist nicht eben tröstlich: "es hat mir das Herz zerrissen".

Donaueschingen, Museum-Lichtspiele, 20. Oktober 2001



Verleihung der Ehrenpromotion an Friederike Mayröcker am 7. Februar 2001 in der Universität Bielefeld

Drei Gedichte von Friederike Mayröcker

Südwestrundfunk: Karl-Sczuka-Preis 2001

"Mayröcker Blätter" der Uni Hamburg







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