Home

Fakultät

Universität

Archiv

Mail

Impressum
Studieren ab 50

"Jagt die Alten"

von Camilla Koziol

Als Marianne Zander, ehemalige Teilnehmerin des Projektes "Studieren ab 50", einmal einen Seminarraum an der Fakultät für Psychologie betrat und auf die Tafel blickte, traute sie ihren Augen nicht. "JAGD DIE ALTEN" stand dort - man beachte die Rechtschreibung - übermütig geschrieben. Was für eine "Seniorstudierende" wie Marianne Zander eher ein Grund zur Empörung gewesen wäre, brachte die damals 60-Jährige lediglich zum Lachen. Denn die Fehler im Schriftzug an der Tafel machten, wie es scheint, eines deutlich: Es sind nicht unbedingt "die Alten", die sich in unsere Universität verirrt haben.

"Die Alten", oder besser gesagt Seniorstudierende, wurden erstmals 1987 im Rahmen des Projektes "Studieren ab 50" zum Studium an der Uni Bielefeld zugelassen. Mittlerweile feiert das von Karl-Peter Grotemeyer initiierte Projekt sein 15 jähriges Jubiläum.

Mit der leicht irreführenden Bezeichnung wird keine Altersklassifizierung vorgenommen, da die Zielgruppe alle älteren Erwachsenen umfast. Dies erklärt auch, warum die jüngste Teilnehmerin nicht 50, sondern erst 34 Jahre alt ist. "Studieren ab 50" soll älteren Erwachsenen die Chance geben, noch einmal oder auch erstmals Vorlesungen an der Universität zu besuchen. Als Folge der Bildungsexpansion, steigert das Projekt Bildungschancen, an denen es zuvor, zum Beispiel bedingt durch traditionelle Familienstrukturen, gefehlt hat.

Die Teilnahme an dem Projekt ist nicht an formale Bedingungen geknüpft: Das Abitur ist für die Aufnahme des Studiums nicht erforderlich. Die Bindung an Studien- und Prüfungsordnungen entfällt ebenfalls. Aus diesem Grund wird auf einen Studienabschluss verzichtet, stattdessen erhalten die Teilnehmer, nachdem sie die Mindestanzahl von Seminaren belegt haben, ein Zertifikat. Die dem Projekt zur Verfügung stehenden Veranstaltungen entnehmen die Teilnehmer dem projekteigenen Vorlesungsverzeichnis. Veranstaltungen, die den "Senior-Studierenden" nicht zur Verfügung stehen, werden dort erst gar nicht aufgeführt.

Marianne Zander, ehemalige Sprecherin des Projektes, war eine der ersten Teilnehmerinnen, die die Voraussetzungen für ein Zertifikat erfüllt haben. Die 75-Jährige besuchte hauptsächlich die Veranstaltungen an der Fakultät für Psychologie. Besonders großer Beliebtheit bei den rund 750 "Senior-Studierenden" erfreuen sich auch die Fakultäten für Geschichte, Pädagogik, Theologie und Literaturwissenschaft und Linguistik.

Dr. Magdalene Malwitz-SchütteLaut Dr. Magdalene Malwitz-Schütte, die das Weiterbildungsprogramm leitet und für die wissenschaftliche Koordination zuständig ist, soll diese Art von Bildung als "Angebot für einen aktiven Lern- und Bildungsprozess" und als eine Form des "Aktiven Älterwerdens" verstanden werden. Ihrer Meinung nach gibt es "soziale Entwicklungen, welche sehr deutlich die Künstlichkeit von Alterszuschreibungen zeigen". Zum Beispiel gelten heute über 45-jährige Arbeitnehmer "infolge der Flexibilisierung der Altersgrenzen und des frühen Ruhestands bereits als `ältere Arbeitnehmer'", so Malwitz-Schütte. Jüngere Projekt-Teilnehmer sehen in dem "Senior-Studium" deshalb eine Möglichkeit, vorhandene Qualifikationen zu verbessern, um auf diese Weise auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig bleiben zu können, oder um einen Wiedereinstieg ins Erwerbsleben zu wagen. Dazu tragen besonders die selbstgestalteten Arbeitsgruppen bei. Obwohl das Projekt an vielen anderen deutschen Universitäten angeboten wird, stellen die 16 Arbeitsgemeinschaften an der Uni Bielefeld eine Besonderheit dar.

Eine Arbeitsgemeinschaft ist Senior-Web. Laut Karl Irmer, seit Wintersemester 2000 Sprecher der Interessenvertretung, "spielt das Internet auch für 'Senior-Studierende' eine immer wichtigere Rolle". Senior-Web soll den Alltag an der Universität erleichtern. Studierende werden mit dem Umgang von PCs vertraut gemacht, und auch die Grundlagen wie Textverarbeitung und sogar die Gestaltung von Internetseiten werden hier vermittelt. Eine weitere Arbeitsgemeinschaft ist das Magazin Monokel. Marianne Zander ist Chefredakteurin des auf ältere Mitbürger aus Bielefeld und Umgebung zugeschnittenen Magazins. Monokel erscheint seit mittlerweile zehn Jahren mit einer Auflage von 18.000 Exemplaren. Die ehemalige Lehramt-Studentin arbeitet mit zahlreichen Teilnehmern des Projektes "Studieren ab 50", darunter auch der Journalist Hans-Dieter Musch, an dem Magazin. Die Redaktion befindet sich im siebten Stockwerk des T-Zahns im Universitätsgebäude: Von hier aus wird auch das gesamte Projekt gesteuert und verwaltet.

Laut Magdalene Malwitz-Schütte ist es wichtig, "den wissenschaftlichen Hintergrund des Projektes wahrzunehmen", um Vorurteilen entgegenzuwirken. Dazu gehört zum Beispiel die Frage nach der Funktion der Volkshochschulen. Denn diese vermitteln durchaus Kenntnisse, wie Fremdsprachen, aber der wissenschaftliche Hintergrund fehlt. An der Universität können "Senior-Studierende" zum Beispiel keine Fremdsprachen erlernen, sondern mit bereits fundierten Kenntnissen arbeiten. Zum Erlernen von Fremdsprachen ist wiederum die VHS zuständig.

Als Sprecher der Interessenvertretung kennt Karl Irmer Probleme, die sich in den Veranstaltungen mit jüngeren Studenten durchaus ergeben. Dabei weist er auf Schwierigkeiten hin, wie "der Kampf um mangelnde Sitzplätze". Laut Irmer ist es nicht das Anliegen der Projektteilnehmer, den jungen Studierenden "die Sitzplätze zu unterschlagen". In den Versammlungen der Interessenvertretung versucht er regelmäßig darauf hinzuweisen, dass "die primäre Aufgabe der Universität es ist, zunächst einmal für akademischen Nachwuchs zu sorgen." Er erinnert deshalb an die Projektteilnehmer regelmäßig daran, dass "die Pflege der akademischen Fortbildung beim Nachwuchs nach wie vor ganz im Vordergrund" steht.



Informationen gibt es unter:

Homepage der Interessenvertretung der Studierenden

Kontaktstelle Wissenschaftliche Weiterbildung: Dr. Magdalene Malwitz-Schütte

Kontakt: Brigitte Lachnit







Universität Bielefeld