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'Boah ey!'

Shakespeares' "Wie es euch gefällt" oder die Frage nach dem Ich

von Claudia Wollenweber

Jeder von uns stellt sich irgendwann die Frage: Wie will ich eigentlich leben? Welcher Lebensweg ist der Richtige? Gerade in der heutigen Zeit stehen einem einige Optionen offen und man überlegt genau, welche Richtung man einschlagen könnte. Zum Einen gibt es die sehr individuelle Frage: Wen will ich lieben? Zum Anderen fragen wir uns aber auch: Wie will ich arbeiten? In welcher Gesellschaft will ich leben? Und vor kurzem beschäftigte uns die Frage: Wen will ich wählen? Es sind tausend Fragen, die uns täglich durch den Kopf gehen und zusammenfassend wieder auf die Basisfrage hinauslaufen: Wie wollen wir leben?

Und genau diese Frage macht die Abteilung Schauspiel des Theaters Bielefeld in ihrer Spielzeit 05/06 zum Thema. Unter diesem Aspekt ist es fast ein Muss auch Shakespeare zu Rate zu ziehen. So entschied man sich für das Stück 'Wie es euch gefällt'. Im Vordergrund stehen hier die Liebesbeziehungen zwischen den Figuren, die innerhalb der zwei gegenübergestellten Welten - Diktatur des höfischen Lebens und Freiheit der ländlichen Schäferidylle - entstehen und zerbrechen. "Im Grunde sind all diese Figuren dauernd auf der Suche nach einem Gegenüber", beschreibt Monika Gysel, die Dramaturgin des Stücks, das Miteinander von Shakespeares Figuren. Und auf dieser Suche nach dem Gegenüber sucht man unterbewusst eigentlich sich selbst und den, der man wirklich ist. Die Utopie-Landschaft, die Shakespeare als Wald entwickelt - in dieser Inszenierung jedoch eine hügelige Alpenlandschaft, die für jede mögliche ideale Landschaft stehen soll - ist ein Spiegel der Innenwelt der ganzen Figuren.

Gysel betont, dass es genau um dieses Phänomen der Verlorenheit und Suche geht und dass unter diesen Gesichtspunkten eine Übersetzung gesucht und eine Fassung erstellt worden ist, die dies thematisiert. Es verliebt sich Orlando in Rosalinde, Silvius in Phebe, Phebe in Ghanimed, Oliver in Celia, Touchstone in Amien - der vorher jedoch auch eine Liaison mit Jaques und William hatte. Jaques zieht es zu William und so weiter und so fort. Vor diesem utopischen Hintergrund sucht also jeder sein Gegenüber und manch einer findet auch sein wahres Ich.

Gysel hierzu: "Es ist ein Prinzip in diesem Stück, dass im Grunde alle Figuren so etwas wie ein inneres Doppel in sich haben." So steht dem leidenschaftlichen, naiven Orlando der berechnende, rationale Bruder Oliver gegenüber. Diesem wiederum steht der extrem tölpelhafte, vor Liebe erblindete, naive Silvius gegenüber - der zur Effektverstärkung auch vom gleichen Schauspieler verkörpert wird. Es gibt den herrischen, diktatorischen Bruder des Herzogs und den verbannten Herzog, der mit seinem Gefolge eine Art Hippieleben lebt. Aber auch innerhalb einer Figur gibt es zwei Seiten. So wird Amien zu einer Frau und liebt Touchstone, den er auch heiraten will. Was hier so lustig verpackt wird, schildert die gesamte Problematik der Identitätssuche, als raffiniert-tragisches Spiel mit den Geschlechteridentitäten.

Das Spiel der Verkleidung und des geradezu wahllos anmutenden Wechsels zwischen den Pärchen spiegelt sehr gut die Verzweiflung und Sehnsucht wider, die bei der Suche nach einem Gegenüber und vor allem nach sich selbst entstehen. Nicht umsonst ist das Zitat "Die Welt ist eine Bühne" noch bis heute bei jedermann bekannt. Gysel: "Shakespeare hat Figuren geschaffen, die eine Gültigkeit besitzen, welche man zu einer Heutigkeit bringen kann, die immer wieder faszinierend ist."

Genau deshalb entschied man sich im Theater Bielefeld für eine neue Übersetzung und eine Fassung, bei der das Publikum von heute einen Bezugspunkt finden kann. Die Form des Originals wird beibehalten, jedoch werden neuere Bilder geschaffen und Ausrufe wie 'Boah ey' oder 'und tschüß' so integriert, dass Shakespeare gar nicht altbacken und verstaubt wirkt. Die schrillen Kostüme und Frisuren verstärken diesen Eindruck: Es ist ein rundum modernes Stück, dass den Künstler dahinter jedoch nicht verschwinden läßt; ein Stück, daß erneut zeigt, wie zeitlos Shakespeare ist.

Die Frage nach dem Ich und die Suche nach Liebe und Verständnis wird die Menschen sicher noch in hundert Jahren beschäftigen. Und vielleicht gibt es dann noch etwas außergewöhnlicheres als ein schwebendes Sofa, kletternde Schauspieler, tanzende Kühe und verbannte Hippies um den Zuschauer zu faszinieren. Dieses Mal ist es jedenfalls gelungen.

 




Infos und Spielplan unter: www.theater-bielefeld.de
















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