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Büchner-Preisträger Arnold Stadler gibt Einblicke in sein literarisches Schaffen:

"Ich bin einer, der schreibt."

Von Thomas Combrink

Am 14. Januar las Arnold Stadler im Oberstufenkolleg aus seinem neuesten Buch Sehnsucht. Kurz nach der von Prof. Dr. Friedmar Apel und der Fachkonferenz Deutsch des Oberstufen-Kollegs organisierten Veranstaltung in der Reihe "Lektüren und Lektionen" berichtete er in einem Gespräch über die Tätigkeit seines Schreibens.

Lili: Herr Stadler, woher kommt bei Ihnen der Impuls zu schreiben?

Arnold Stadler: Schreiben ist für mich Vieles. Es ist auch Vorbereitung auf den Tod. Es ist das Vergegenwärtigen dessen, was der Mensch ist. Wir sind nur einmal hier und was danach kommt, können wir nicht sagen. Darauf kann man auf verschiedene Weisen reagieren - ich schreibe. Wichtig ist es für mich nicht, ob mich meine Bücher überdauern und ich der Nachwelt dadurch erhalten bleibe. Meine Situation ist eher konträr zu der von Thomas Mann. Schreiben ist für mich der Versuch, Klarheit über mich selbst zu bekommen. Das Schreiben hat einen aufklärenden Charakter.

Lili: Ist das Schreiben nicht auch mehr als ein bloßes Instrument zur Selbsterkundung? Immerhin wollen sie ihre Texte ja veröffentlichen und sie anderen Leuten zeigen.

Arnold Stadler: Das will ich gar nicht. Ich habe nicht nach Veröffentlichungen gedrängt und tue es heute noch nicht. Der Impuls zu schreiben hängt eher auch von der Tatsache ab, dass ich nicht malen oder komponieren kann. Es ist, wie bereits gesagt, ein Akt der Aufklärung. Es setzt eine Distanz zu sich selbst voraus.

Lili: Ist für sie die Arbeit an einem Buch beendet, wenn es veröffentlicht ist?

Arnold Stadler: Es geht immer weiter. Meine Bücher sind work in progress. Ich habe ein Leseexemplar für meine Lesungen, in dem Streichungen und Erweiterungen enthalten sind. Der Text ist also nie richtig fertig, er kann sich immer wieder verändern.

Lili: Im 18. und 19. Jahrhundert entstehen bei vielen Romanen mehrere Fassungen. Einige Beispiele wären Wielands Agathon, Goethes Werther oder der Maler Nolten von Eduard Mörike.

Arnold Stadler: Der grüne Heinrich von Gottfried Keller ist auch ein berühmtes Beispiel: Einmal in Ich-Form und ein anderes Mal in Er-Form geschrieben. Es gibt von Adalbert Stifters Die Mappe meines Urgroßvaters vier Fassungen. Goethes Faust kann man ja auch als ein Lebenswerk ansehen, wo es bestimmte Fassungen zu bestimmten Lebenszeiten gibt.

Lili: Aber dieses work-in-progress Phänomen tritt heute doch nicht mehr so auf, oder?

Arnold Stadler: Das müssen wir abwarten. Wir haben ja keine Distanz zur Gegenwart. Die Literatur ist heute schnelllebiger. Ständig wird produziert und veröffentlicht. Kaum ein Buch übersteht eine Saison und die allermeisten Bücher kommen im universitären Bereich gar nicht mehr an. Ein Buch ist heute erfolgreich, wenn es bei der Kritik gut ankommt und sich gut verkauft. Aber es bedarf nicht mehr eines kontinuierlichen Lesers, der die Literatur wirken lässt, möglicherweise über Jahre hinweg. Die berühmtesten Fragen, die ich immer von einer gewissen Seite her gestellt bekomme, sind: "Was schreiben sie jetzt gerade? Haben sie was Neues? Wann kommt ihr neues Buch?". Diese Einstellung ist total der heutigen Zeit entsprechend, völlig kommensurabel.

Lili: In ihrem Buch "Ich war einmal" wird ein Kind geboren, das den Namen "Arnold" bekommt. Das ist wirklich so nah an ihrer Person dran, dass ich mir die Frage stelle, wie bei ihnen das Verhältnis zwischen Wahrheit und Fiktion ist. Was verstehen sie unter autobiographischem Schreiben?

Arnold Stadler: Das ist ein sehr schwierige Frage. Autobiographisches Schreiben ist eigentlich eine Grundform des Schreibens, wobei Autobiographie nicht die Nacherzählung von gelebtem Leben ist. Das wäre dann ein Sachbuch, das wäre Faktizität. Das wäre Katalogisieren, aber nicht schreiben.

Lili: Was passiert denn in den Fällen, wo die Leser diesen Sprung von der Faktizität zur Fiktion nicht mitmachen? Kommen vielleicht manchmal Leute auf sie zu, die behaupten: "Herr Stadler, an dieser Stelle haben sie aber gelogen."?

Arnold Stadler: Es bedarf der Begabung oder des guten Willens des Lesers. So etwas kann ich nicht voraussetzen und auch nicht verlangen. Ich kann nur hoffen, dass trotz dieser haarscharfen Nähe auch das Ungleiche, dass bei aller Fast-Kongruenz auch das Divergierende vom Leser wahrgenommen wird. Das ist eben das Unerhörte an den Büchern. So etwas nennt man in der Physik den Quantensprung. Ein Quantensprung ist ja nicht etwas ganz Anderes, sondern etwas, das ganz nah dabei ist. Quantum ist eine winzige Einheit. Die Kunst des Lesers ist eben die, zu erkennen, dass Ich und Ich zweierlei Personen sind.

Es sind aber auch schon Fälle aufgetreten, bei denen manche Leser nicht mich, sondern sich selbst in meinen Texten wiedererkannt haben. Das hat dazu geführt, dass mir Prozesse angedroht wurden. Dazu kann ich aber nur sagen, dass ich nicht verantwortlich bin für meine Leser. Aber es ist richtig: Ich provoziere natürlich das Mißverständnis, dass der Erzähler und der Autor dieselbe Person sind.

Lili: Haben sie mal versucht, andere Erzähltechniken auszuprobieren?

Arnold Stadler: Ich probiere keine Erzähltechniken aus. Ich kann nicht anders, als etwas in meiner eigenen Sprache zu sagen oder es versuchen zu sagen. Mit erzähltechnischen Dingen habe ich es da gar nicht. Ich bin auch Literaturwissenschaftler gewesen. Da musste ich ganz viel Wissen zurückstellen, oder versuchen dieses Wissen beim Schreiben zu vergessen. Soviel kann ich aber sagen: Ich habe als Schreibender keine Theorie im Kopf.

Lili: Was halten sie von den Autoren, die ihre Texte selbst interpretieren?

Arnold Stadler: Das tue ich ja auch. Aber ich interpretiere mich eben nicht über erzähltechnische Modelle. Ich bin einer, der schreibt. Ich bin niemand, der sich mit der Theorie rumschlägt. Jeder, der mit dem Schreiben beginnt, muss sich klar darüber sein, dass er bei Adam und Eva anzufangen hat. Ihm muss klar sein, dass schon sehr viel geschrieben worden ist, dass diese Tatsache aber gar nichts hilft. Der Autor oder die Autorin muss sein oder ihr Buch schreiben. Ich wünsche den Schriftstellern den Ehrgeiz, dass sie unverwechselbar sein möchten. Verwechselbar sind die Schriftsteller dann, wenn sie keine eigene Sprache haben.

Lili: Welche Schriftsteller lesen Sie denn am liebsten?

Arnold Stadler: Ich lese am liebsten solche Bücher, wo ich den Autor oder die Autorin kenne. Ich kann einen guten Autor niemals mit einem anderen verwechseln, aber Kritikererwägungen darüber, wie gut oder wie schlecht ein Buch ist, sind für mich nicht wichtig. Als Leser bewege ich mich in der Literaturgeschichte und gehöre zu denen, die allerältestes und allerneuestes Lesen.

Lili: Herr Stadler, vielen Dank für das Gespräch.








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