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Rezension

Literatur als Lebenshilfe

von Thomas Combrink

Der von Wolfgang Braungart, Klaus Ridder und Friedmar Apel herausgegebene Band „Wahrnehmen und Handeln“ enthält insgesamt 18 Aufsätze, deren kleinster gemeinsamer Nenner der anthropologische Blick auf die Literatur ist. Literatur, so heißt es in dem einführenden ersten Text, erschöpfe „sich nicht in einem selbstreferentiellen, mehr oder weniger beliebigen Spiel der Sprach-Zeichen“.


Narzistische Texte werden also als Gegenstand der Untersuchung von den Beiträgern einmal außen vor gelassen; von Interesse sind vor allem literarische Arbeiten, die sich auf Sachverhalte unserer empirisch wahrnehmbaren Wirklichkeit beziehen. Gern würde man wissen, in welchem Verhältnis Fremdreferenz und Anthropologie stehen; auch wenn sich die sprachlichen Zeichen nicht durch permanente Interaktion sinnentleeren, sondern wirklich auf Wirkliches verweisen: Ist dieser Link dann schon bereits anthropologisch von Interesse?

Anthropologie hat natürlich - ganz generell - den Menschen als spezifisches Interesse, und für diese doch weitgreifende Perspektive wären auch die egozentrischen Texte wieder von Bedeutung. Die sind häufig enorm schwierig zu verstehen; durch die Verlangsamung des Verstehens geben sie aber auch Auskunft über die Art unseres Denkens. Anthropologie in dem Band „Wahrnehmen und Handeln“ hat mit Blick auf die Studien zur mittelalterlichen Literatur etwas mit den Affekten und deren Folgen – wie zum Beispiel der Gewalt – zu tun. Dabei ist für die Kunst des Mittelalters wohl entscheidend, dass die Affekte nicht aus der Seelenverfassung des Einzelnen heraus begründet werden, sondern eher ein soziales Phänomen darstellen.

Aber auch in der Literatur der Neuzeit spielt die Aggression eine Rolle. Wie Iris Hermann in ihrem aufschlußreichen Aufsatz über Jean Paul, Franz Kafka und die Psychonanalyse zeigt, finden sich häufig die dargestellten Verletzungen nicht nur auf der Ebene der Beschreibung von Figuren wieder; vielmehr kann die Metapher der Verwundung auch auf Texte angewendet werden, die durch ihre Bruchstückhaftigkeit und Disparatheit, ihren wie mit einem Skalpell herbeigeführten Schnitten durch die erzählerischen Sehnen von Raum und Zeit, selbst wie eine Wunde wirken.

In diesen Rahmen gehört die interessante kulturwissenschaftliche Aufarbeitung des Spiegels in der Geschichte der Optik. Thomas Macho zeigt hier, wie die Selbstrepräsentation als Waffe – hier im Falle des Perseus, der mit Hilfe eines Spiegels das Haupt der Medusa abtrennen kann - genutzt wurde. Auch der literarische Text wird von vielen Leser als eine Möglichkeit gesehen, ihr eigenes Ich wiederzuerkennen und sich in den stillen und tiefen Gewässern von Romanen zu spiegeln. Dass gerade die Materialien, die es dem Menschen ermöglichen mit großer Klarheit oder Unklarkeit sich selbst zu erblicken, für die Künste immer von großem Interesse waren, soll nur verdeutlichen, wie nährstoffreich und ergiebig der Boden für eine literaturwissenschaftliche Arbeit auf diesem Feld ist. Von den Doppelgängermotiven bei E.T.A Hoffmann oder Edgar Allan Poe bis hin zu den nuancierten kameratechnischen Tricks mit Spiegeln in etlichen Filmen (so wie der Blick in einen zerbrochenen Spiegel häufig die Zerissenheit des Subjekts zeigt), finden sich Formen der Selbstrepräsentation in vielen Disziplinen der Kunst.

Der Band „Wahrnehmen und Handeln“ vereinigt Aufsätze, die zum einen einführend und klar erläuternd die Spezifik des jeweiligen Themenfeldes vorstellen, zum anderen aber auch Texte, die ohne ein gewisses Vorverständnis und die Zurkenntnisnahme des von vielen Forschern bereits diskutierten Problemumfelds, nur nach intensiver Lektüre oder einer strengen Einarbeitung in den wissenschaftliche Kontext zu verstehen sind. Denn die Wissenschaft besteht nun einmal - so wie es auf eine andere Art und Weise in der Literatur auch der Fall ist - darin, dass ein akademischer Text keine creatio ex nihilo darstellt: Hier werden Positionen durch die Abwehr oder Akzeptanz früherer Meinungen errungen.

Bei dieser Vielzahl von Aufsätzen versteht es sich von selbst, dass nicht alle Arbeiten auf dem gleichen Reflexionsplateau geschrieben wurden. Manchen Texten fehlt etwas der Elan, die einmal entworfene Grundthese gedanklich von mehreren Seiten abzusichern; stattdessen wird die Position ständig durch weitere Belegstellen unterfüttert. Jede folgenden Passage beweist dann zwar das Argument sehr subtil auf eine etwas andere Art und Weise, doch würde man sich in manchen Fällen das Auffächern von weitreichenderen Implikation wünschen.

Aufschlußreich für dieses Projekt einer Literaturanthropologie scheint mir der Aufsatz von Wolfgang Braungart zu sein, der sich mit dem Tabu der „ästhetischen Affirmation“ beschäftigt und damit an die Frage anknüpft, wieso die Erfüllung, das Glück und die Zufriedenheit des Einzelnen und des Kollektivs und der Weg dorthin jedenfalls in der Literatur der Moderne nur einen geringen Stellenwert einnehmen. Braungart plädiert dafür, dass die Literatur dem Menschen nicht nur Fragen an die Hand gibt, die er an sich und sein Umfeld richten kann; vielmehr liefern Romane, Gedichte und Dramen und alle Mischformen dem Suchenden Antworten auf seine häufig ganz lebensweltlichen Probleme. Litertatur ist damit nicht nur subversiv und schreckt den Einzelnen aus seiner idyllischen Naivität auf, sie ist auch erbaulich und gibt dem Subjekt in weltanschaulichen Dingen Bestätigung und Halt.






Wolfgang Braungart / Klaus Ridder / Friedmar Apel (Hgg.):
Wahrnehmen und Handeln. Perspektiven einer Literaturanthropogie.
Bielefeld: Aisthesis 2004.
ISBN 3-89528-455-6, 368 Seiten, 39,80 Euro.















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