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Wegen Überfüllung zeitweise geschlossen...Als Guide bei der "Wehrmachtsaustellung"von Felix BachAb Anfang Februar ist in Bielefeld die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung "Verbrechen der Wehrmacht - Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944" zu sehen. - Ein (Medien-) Ereignis für OWL, und inzwischen auch ein lokales Politikum. Einige Studierende der Universität - darunter auch Literaturwissenschaftler - arbeiten als "Guides" im Historischen Museum. Diese Ausstellung ist etwas Besonderes: Sie ist seit Wochen Thema in den Feuilletons und Leitartikeln der großen Zeitungen, sorgt für turbulente Debatten vom Bundestag bis zum Bielefelder Rathaus, bringt einige hundert NPD-Anhänger und mehrere tausend Gegendemonstranten auf die Strasse, und zieht die Besucher in Scharen an: In Bielefeld kamen allein in der ersten Woche etwa 5000, in Berlin insgesamt über 40.000 Besucher.Diese Ausstellung ist überhaupt nichts Besonderes: Sie präsentiert sich textlastig und unaufgeregt bis an die Grenze zur Langeweile, wird inzwischen von kaum einem ernstzunehmenden Kritiker mehr in ihrer Wissenschaftlichkeit angezweifelt, und was man in ihr über die Rolle der Wehrmacht in Osteuropa erfahren kann, ist jedem Historiker spätestens seit den Sechziger Jahren bekannt. Die Kontroverse um die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht - Dimensionen des Vernichtungskriegs 1941-1944" hat sich inzwischen weit von dem entfernt, was tatsächlich seit Anfang Februar im Bielefelder Historischen Museum zu sehen ist. In der öffentlichen Diskussion, die seit Wochen in den Leserbriefspalten der Tageszeitungen ausgetragen wird, geht es meist um Schuld und Verantwortung des einzelnen Soldaten - Eine Frage, die in der Ausstellung nur angerissen wird, jedoch keineswegs im Zentrum der Darstellung steht. Für die etwa 30 Guides, die Gruppenführungen durch die Ausstellung anbieten, gilt es also meist, zu Beginn ihrer Führungen die Erwartungen der Besucher zu korrigieren. Einige Guides beginnen ihre Führungen deshalb mit dem Hinweis, dass man sich, keineswegs in der "Wehrmachtausstellung" befinde, auch wenn sich diese Bezeichnung inzwischen vom "Bayernkurier" bis zur "Tageszeitung" eingebürgert hat. Im Begriff "Wehrmachtausstellung" klingt die Vorstellung mit, die Ausstellung würde die Wehrmacht als ganzes, und damit auch jeden einzelnen deutschen Soldaten anklagen. Und gerade der Vorwurf der Pauschalisierung, der Zuweisung von Kollektivschuld, steht im Zentrum der Kritik, der sich die Ausstellung noch immer von Stimmen aus der extremen Rechten bis weit ins bürgerliche Lager hinein ausgesetzt sieht - So demonstriert die rechtsextreme NPD, auch in Bielefeld, unter dem Motto "Unsere Großväter waren keine Verbrecher", die "Bild" überschreibt ein Interview mit der Schlagzeile "Herr Reemtsma, waren Wehrmachts-Soldaten Verbrecher?", und selbst die Bielefelder Ratsfrau Maja Oetker sieht durch die Ausstellung das Andenken ihres in der Wehrmacht gedienten Vaters beschmutzt. Solchen Vorurteilen ließe sich einiges entgegnen, und sowohl die Ausstellungsmacher, als auch die Guides vor Ort bemühen sich darum zu betonen, die Ausstellung zeige zwar, wie die Wehrmacht als Organisation in das monströse Verbrechen des geplanten Vernichtungskriegs im Osten verstrickt war, behandle aber weder die Geschichte der Wehrmacht oder des Weltkrieges als Ganzes, noch urteile sie über die Schuld der einzelnen Soldaten. Allerdings ist es während der Führungen bis jetzt kaum zu Auseinandersetzungen mit Kritikern gekommen. Die überwiegende Zahl der Besucher scheint dem Anliegen der Ausstellung - Aufklärung über die lange Zeit verdrängte und verleugnete verbrecherische Rolle der Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion zu leisten - wohlwollend oder zumindest gleichgültig gegenüberzustehen. Vor allem ältere Menschen, ehemalige Wehrmachtssoldaten oder deren Witwen, die mit einer eher skeptischen Einstellung kommen, finden bald, dass es im Historischen Museum kaum etwas gibt, über das sich aufzuregen lohnen würde. Das ist nicht zuletzt eine Folge des neuen Ausstellungskonzeptes: Anders als noch die alte Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht", die von 1995 bis 1999 gezeigt wurde, bemüht sich die überarbeitete Version darum, einen bewusst sachlichen Ton in die emotionale Debatte um die Rolle der Wehrmacht im Weltkrieg zu bringen. Trat die alte Ausstellung noch mit staatsanwaltschaftlichem Furor der Legende von der "sauberen Wehrmacht" entgegen, so betont man jetzt den differenzierten Blickwinkel. Standen früher erschütternde Bilddokumente - teils unkommentiert - im Vordergrund der Darstellung, so dominieren jetzt lange Texte die in nüchternem Weiß gehaltene Präsentation. Schließlich hat eine strukturelle Gliederung entlang der Bruchlinien zwischen Völkerrecht, Kriegsplanungen und Kriegswirklichkeit die lose an Schauplätzen orientierte Ordnung der ersten Ausstellung abgelöst. Nur die Grundthese vom geplanten Rassen- und Vernichtungskrieg im Osten ist in beiden Ausstellungen gleich geblieben. Nicht zuletzt durch das neue Konzept müssen die Guides während ihrer Führungen die Kontroverse um die Ausstellung nicht unbedingt zum Thema machen. Die meisten hatten während der Vorbereitungszeit Bedenken, die eigene Führung könne durch langwierige Diskussionen über Sinn und Zweck der Ausstellung oder sogar - ganz im wörtlichen Sinne - durch ein paar Streit suchende Skinheads gesprengt werden. Das im Kommunikationstraining eingeübte rhetorische Rüstzeug zur Diskussionsführung und die Einweisung in die Handhabung des Hausrechts sind bisher aber noch nicht gebraucht worden, und wenn es doch zu hitzigeren Debatten kommt, kann man sich als Guide auf eine wissenschaftlich wasserdichte Ausarbeitung stützen. Die neue Struktur der Ausstellung macht es den Guides auf der anderen Seite aber auch schwerer. Der emotionale Zugang zum Thema, der gerade bei Schulklassen wichtig ist, war bei der alten Ausstellung mit ihren zahlreichen Bilddokumenten wohl einfacher herzustellen. Die Texttafeln der neuen Ausstellung müssen erklärt werden, und wenn es dann auch noch um Themen wie das Völkergewohnheitsrecht oder die nationalsozialistischen Kriegsplanungen geht, müssen sich die Guides schon etwas einfallen lassen, um auch die zehnte Jahrgangsstufe aus Brakel oder die Gruppe der Rekruten in der Grundausbildung aus Augustdorf bei der Stange zu halten. Seit dem letzten Herbst hat der Bielefelder "Verein zur Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Wehrmacht e.V." Freiwillige gesucht, die Besuchergruppen durch die Ausstellung führen wollen. Unter den inzwischen etwa dreißig "Guides" befinden sich ehemalige Angehörige der Wehrmacht, Lehrer, Angestellte und viele Studenten - hauptsächlich Studierende der Geschichtswissenschaft, aber auch Soziologen und Literaturwissenschaftler. Die Guides sind mit zwei Seminaren und einer Fahrt zur neu eröffneten Ausstellung nach Berlin vorbereitet worden, und haben sich ihr Konzept für die Führungen danach selbständig erarbeitet. Als größte Herausforderung hat sich ziemlich schnell der in diesem Umfang nicht unbedingt erwartete Besucherandrang erwiesen. Die Mitglieder des Trägervereins kommen an den Wochentagen kaum noch dazu, die neu eingehenden Anmeldungen für Führungen zu bearbeiten, und müssen nebenher auch mal eine überzählige Schulklasse übernehmen oder an der Garderobe aushelfen. An Vormittagen werden die Schulklassen seit einigen Tagen in viertelstündigen Abständen in die Ausstellung geführt, so dass meist drei bis vier Gruppen gleichzeitig den ohnehin nicht gerade großen Ausstellungsraum füllen, und die Guides aufpassen müssen, um sich nicht gegenseitig ins Gehege zu kommen. Dann bilden sich auch Warteschlangen quer über den Hof der Ravensberger Spinnerei und ab und zu hängt die Kassiererin einen Zettel an die Tür: "Wegen Überfüllung zeitweise geschlossen". Die vielen Besucher sind nicht nur Ausdruck des breiten öffentlichen Interesses am Thema der Ausstellung, sie zeigen auch, dass die Auseinandersetzungen, die es schon im Vorfeld im Bielefelder Rat und auf der Strasse gegeben hat, der Ausstellung nicht geschadet, sondern eher genützt haben. Nicht zuletzt sind die hohen Besucherzahlen ein Kompliment an die Ausstellungsmacher in Hamburg und Bielefeld. Zur Zeit sieht es so aus, als nähmen die Besucherzahlen von Woche zu Woche zu. Vielleicht überlegt man sich Ende März ja, dem Berliner Beispiel zu folgen, und an den letzten beiden Ausstellungstagen bis Mitternacht zu öffnen, um noch möglichst viele Menschen hereinzulassen. Die Mitarbeiter von Museum und Verein und die Guides würden den damit verbundenen Stress wohl gerne ertragen, schließlich hat diese Ausstellung jeden einzelnen Besucher verdient. Die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht - Dimensionen des Vernichtungskriegs 1941 - 1944" ist noch bis zum 17. März 2002 im Historischen Museum der Stadt Bielefeld, Ravensberger Park 2 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10:00 - 17:00 Uhr, Donnerstag 10:00 - 20:00 Uhr, Am Wochenende 11:00 - 18:00 Uhr. Gruppenführungen mit bis zu zwanzig Teilnehmern können unter 0521/68131 oder 0521/516963 bestellt werden. Mehr Informationen gibt es unter:
Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.) Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskriegs 1941–1944 Ausstellungskatalog Hamburger Edition, 2002. ca. 800 Seiten. Gebunden ISBN 3-930908-74-3 30,00 Euro / 58,67 DM
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