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Rezension

Yasmina Reza: Adam Haberberg

von Timm Grzeschik

Wozu brauchen Strauße Flügel, wenn sie nicht fliegen können? Diese Frage stellt sich Adam Haberberg, der Protagonist des gleichnamigen Buches, als er an einem verregneten Tag vor dem Straußengehege des Pariser Jardin des Plantes steht und über sein Leben nachdenkt. Nach dem Erfolg von Haberbergs erstem Buches, sorgten die zwei Folgeromane für das Ende des Traumes nach literarischem Ruhm. "Wozu schreibt ein Schriftsteller, wenn es ihn nicht glücklich macht?" lautet die eigentliche Frage Haberbergs, der nun seinen Lebensunterhalt als Autor von Groschenromanen verdient. Als wäre das alles nicht schon deprimierend genug, diagnostiziert sein Arzt Thrombose und grünen Star.

Grund genug den Tag vor einem Straußengehege zu verbringen und in Selbstmitleid zu versinken. Mit seiner Frau versteht er sich auch nicht mehr wirklich und zu allem Überfluss trifft er auch noch unerwartet auf seine alte Schulkameradin Marie-Thérèse, die ihn mit ihrer Lebensgeschichte belästigt. Adam Haberberg sehnt sich nach Ruhe, wünscht sogar, dass Marie-Therese zur Salzsäule erstarrt, doch stattdessen steigt er in ihren Jeep, um zu ihr nach Hause zu fahren. Warum - das weiß er selber nicht.

Yasmina Reza, die als eine der renommiertesten neuen Dramatikerinnen auf dem Markt gilt, erhält ausschließlich exzellente Kritiken von den großen Tageszeitungen Deutschlands, was ebenso rätselhaft ist wie die Frage, warum ein Strauß Flügel hat, obwohl er nicht fliegen kann.

Liest man das Buch, dann kann man sich zunächst relativ leicht in die Rolle des Adam Haberberg hinein versetzen und verstehen, wie er sich fühlt, denn trotz Thrombose und Augenkrankheit macht Haberberg einen gesunden Eindruck. Und es ist ja tatsächlich nicht leicht, teilweise sogar unmöglich, sich in gewisse Situationen - wie schwere Krankheit - hineinzuversetzen, wenn man diese nicht selber schon einmal erlebt hat. Viele Bücher, wie zum Beispiel Christa Wolfs "Leibhaftig", helfen ohne Zweifel dabei, dass sich auch gesunde Menschen ein Bild von der Welt eines schwer kranken und dessen Gedanken machen können. Adam Haberberg jedoch blickt gleichgültig auf sein mittelmäßiges Leben zurück. Er nimmt die Tiefschläge seines Lebens einfach hin und trauert keinen Augenblick um sie; dabei herrscht durchgängig eine sterile und emotionslose Atmosphäre, die den Leser hemmt, sich Gedanken darüber zu machen, wie es wäre selber schwer krank zu sein.

Yasmina Reza gelingt es trotzdem phasenweise den Sarkasmus des Adam Haberberg lebhaft zu vermitteln und der ansonsten faden Geschichte eine Spur von Humor zu verleihen. Von der "begnadetsten Dialogschreiberin" (so "Die Welt"), die ihren Humor schon in den Gesellschaftskomödien "Kunst" und "Drei mal Leben" bewies, fehlt in diesem neuen Roman jedoch jede Spur. Die Dialoge sind oft nur sehr kurz, unvermittelt, fast fragmentarisch und mitunter wenig gehaltvoll:

    - Stimmt.
    - Du wirst sagen, tja, da müssen wir alle durch.
    - Weiß Gott.
    - Und du, na, na?
    - Na...
    - Bist du verheiratet? Hast du Kinder?
    - Beides.
    - Und was machst du?
    - Ich schreibe.
    - Bücher?
    - Ja...
    - Super.
    - Ja...
    - Und, läuft's?
    - Es läuft, sagt er und denkt, mein Gott, wie platt.
    - Super.
Der ununterbrochene Verlauf der Handlung nötigt den Leser dazu das Buch in einem Zug durch zu lesen, was bei der Materie zu einer Tortur wird. Zusätzlich erschwerend sind unübersichtliche Gedankensprünge und uninteressante Dialoge, die aus dem Nichts auftauchen und genauso plötzlich wieder vorbei sind. Es wird viel geredet ohne dass etwas gesagt wird:

    - Ich kann es mir nicht dick vorstellen.
    - Doch.
    - Marie-Thérèse?
    - Ja?
Oft bestehen die Dialoge nur aus einzelnen Wörtern und helfen einem nicht Sympathie für das Buch aufzubauen - wären sie nicht da, würde es dem Buch nicht schaden.

Liest man die Kritiken der namhaften Rezensenten zu diesem Buch, so wird einem ein wahres Meisterwerk an Literatur versprochen. So lobt Tilman Krause den "brillanten Roman", eine "scharf gestochene atmosphärische Momentaufnahme" und Stefan Ender spricht von einem "treffende(n), amüsante(n) Snap-Shot der Generation Mitte vierzig". Völlig verzweifeln möchte man, wenn Kritiker "geistreiche Dialoge" und "ein psychologisches Kammerstück erster Güte" entdecken. Viele Leser werden jedoch enttäuscht sein, wenn sie sich durch diese Rezensionen zu dem Kauf des Buches bewegen lassen. Man sucht vergeblich nach dem, was einem in diesen Rezensionen versprochen wird. Sollte Yasmina Reza dieses Buch geschrieben haben, um die Leser zum Nachdenken zu bringen, so denkt man nach der Lektüre unweigerlich wieder an das Straußengehege des Pariser Jardin des Plantes: Der Strauß hat Flügel, mit denen er nicht fliegen kann - und er muß auch nicht fliegen. Doch ein Buch, das von Krankheit handelt, müßte doch eigentlich die Welt des Kranken vermitteln, die Gefühle der Verzweiflung darstellen, das Wechselspiel von Hoffnungslosigkeit und Hoffnung aufzeigen - und genau das gelingt Yasmina Reza letztlich nicht.






Yasmina Reza,
Adam Haberberg
Hanser 2005
ISBN: 3446205756, 151 Seiten, 15,90












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