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Kolloquium: Wahrnehmen und HandelnWovon die Literatur reden kannEin Bericht von Nina WöstmannSeit der Antike redet die Literatur vom Menschen. Ihre spezifische Redeweise bringt Dinge zur Sprache, die für den Menschen grundlegend sind. Literaturanthropologie ist der Versuch, diesen Diskurs mit dem zusammenzubringen, was Literatur ist. Der Frage, wie anthropologische Perspektiven in der Literaturwissenschaft aussehen können, ging ein von Prof. Dr. Wolfgang Braungart veranstaltetes Kolloquium nach: "Wahrnehmen und Handeln. Interdisziplinäre Aspekte einer Literaturanthropologie" lautete der Titel der Tagung, die am 5. und 6. November im ZIF stattfand. Die Vorzüge und Notwendigkeiten einer literaturanthropologischen Perspektive umrissen Friedmar Apel, Wolfgang Braungart und Klaus Ridder zu Beginn der Tagung. Im Zuge der kulturwissenschaftlichen Öffnung des Faches wendet sich die Literaturwissenschaft seit Mitte der 80er Jahre verstärkt anthropologischen Fragestellungen zu. Interesse finden dabei Verwandschafts- und Geschlechterbeziehungen, Körper-, Wahrnehmungs- und Affektdarstellungen, sowie die Symbolisierung von Sexualität, Gewalt, Krankheit und Tod. Grundlegende Fragestellungen und Impulse kommen zur Zeit aus der Mediävistik, die schon immer stärker als die neuere Literaturwissenschaft den kulturellen Zusammenhang mitbedacht und bereits mögliche Arbeitsfelder spezifiziert hat. Prof. Dr. Ridder betonte der Stellenwert der interdisziplinären Öffnung, da die Fragen und Probleme nicht mehr innerhalb der Grenzen eines Faches oder einfacher Zuständigkeiten liegen. Sie verlangen danach, untereinander ins Gespräch zu kommen, die Sorge um den Verfall der Textwissenschaften ist unbegründet. Gerade für die Zukunft der germanistischen Mediävistik ergeben sich neue Möglichkeiten der Einbindung in Gegenwart und gegenwärtige Forschung. Prof. Dr. Braungart äußerte sich während der Eröffnung der Tagung und in einem Gespräch mit unserer Zeitung zur Wahl des Kolloquiumstitel "Wahrnehmen und Handeln": Kategorien wie Wahrnehmen und Handeln bedürfen angesichts neuer Forschungsergebnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen einer stetigen Aktualisierung. Was verstehen wir heute zum Beispiel unter Phantasie oder ästhetischer Wahrnehmung? Neben dem Bedürfnis der Aktualisierung, sollte mit der Zusammenführung von Wahrnehmen und Handeln der aktive und gestaltende Moment literarischer Äußerungen herausgestellt werden. Die Sprachphilosophie des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, daß Sprechen Handeln ist. Mit Äußerungen können bestimmte Handlungen vollzogen werden, wie Taufe, Hochzeit oder Versprechen, die es nahe legen, die Sprache allgemein als Handlungsmacht anzuerkennen. Genauer zu untersuchen wäre, wie literarische Sprechakte und literarische Wahrnehmung bestimmte Handlungsdimensionen schaffen. Wahrnehmen ist genau wie Sprechen Handeln. Das Wort Wahrnehmung sagt selbst, worauf es Braungart ankommt: Für-wahr-nehmen. Wichtig ist ihm der Vorgang der Verwirklichung. Wie werden literarische Texte in die eigenen Lebensvollzüge integriert? Was verleitet am Literarischen zu einer je spezifischen Praxis? Herausfordernd ist diese Praxis, da sie sich nicht ausreichend durch den Begriff der Konstruktion bezeichnen läßt. Es eröffnen sich Fragestellungen, die die Literatur aus ihrer Stilisierung und Ästhetisierung herauslösen. Der ästhetische Diskurs ist selbst ein kulturanthropologisches Phänomen und als solches erklärungsbedürftig. Mit Blick auf das Tagungsprogramm drängten sich Prof. Dr. Braungart schließlich noch folgenden Fragen auf: Warum ist die kulturanthropologische Perspektive auf Literatur, Geschichte und Kultur bevorzugt die der Gewalt, des Schmerzes und des Leidens? Spitzen wir die Geschichte nicht zu sehr auf bestimmte Prozesse und Aspekte, wie Macht, Interesse und Gewalt, zu und gibt es nicht noch andere Dimensionen, die auch noch zählen? Welche Konstruktionen von Geschichte stecken eigentlich in den jetzt aktuellen anthropologischen Fragestellungen und reichen sie aus, um Geschichte zu konstruieren? Es mag sein, so Braungart, daß andere Perspektiven auf Geschichte, wie Vertrauen, weniger herausfordernd sind, weil sie sich von selbst verstehen. Schmerz- und leidvolle Praktiken zitierte Prof. Dr. Otto Langer in aller Ausführlichkeit. Sein Vortrag "Memoria Passionis. Spirituelle Praktiken und ihre Grenzen. Zu Heinrich Seuses Passionsmystik reiner Innerlichkeit" gab Einblicke in eine mittelalterliche Leidensdeutung. Am Beispiel des Mystikers Heinrich Seuse zeigte Langer , wie durch asketische Akte und die Preisgabe des eigenen Willen, ein neues Verhältnis zu sich und seinen Mitmenschen angestrebt wird. Imaginative Vergegenwärtigung des Leiden Christi und die Verkörper- oder Verinnerlichung durch schmerzvolle Rituale sind hierbei zentrale Elemente und Strategien. Langer zollte Seuse die Anerkennung die ihm seinerzeit nicht zuteil wurde. Seuse war "kein Wrack", sondern ein Spitzenwissenschaftler. Die mittelalterliche Literatur stand bis zum Montagabend im Rampenlicht anthropologischer Fragestellungen. Fortgesetzt wurde die Tagung am nächsten Morgen mit "'Verwundungen' in der neueren deutschen Literatur". Mit Texten von Jean Paul, Franz Kafka und der psychotherapeutischen Fallgeschichte "Ich bin tausend Scherben" von Fayek Nakhla und Grace Jackson, ging es um die Wunde im Text. Dr. Iris Hermann thematisierte die Wunde als Begegnungsstätte zwischen Innen und Außen, als Kommunikationsmittel, sowie in ihrer problematischen, nichtsprachlichen Bedeutung. Bilder können in bestimmter Weise einen Text vorgeben. Eine unübersetzbare Leerstelle läßt sich als Wunde oder Verwundung des Textes selber lesen. Hermann wendete eine in der Literaturwissenschaft beliebte Perspektive: Anstatt literarische Texte aus psychoanalytischer Perspektive zu betrachten, behandelte sie psychoanalytische Texte wie literarische, indem sie deren literarische Techniken und Textproduktion unter die Lupe nahm. Susanne Kaul stellte in ihrem Vortrag die "Literarische Maieutik" vor. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war die Entbindung von Selbstverständlichkeiten im Schreiben. Schreiben verstanden als Öffnung von Wahrnehmen und Handeln zum Einzelnen hin und nicht verbunden mit autoritärem Anspruch. Elisabeth Strowicks Interesse galt dem Verhältnis von Körper und Sprache. "Rhetorik und Geschlecht. Sprechende Körper in der klassischen actio und in der Psychoanalyse" hieß der Vortrag der aus Hamburg kommenden Wissenschaftlerin. In beachtlichem Tempo verfolgte sie komplexe Fragen und akrobatischen Akten. Nicht nur der Körper wird im sprachlichen Akt hervorgebracht, sondern auch die Geschlechterdifferenz. Im Unsinn der hysterischen Erzählung, an die Sigmund Freud gerät, und in Quintilians Ausführungen zur Rhetorik, läßt sich das Funktionieren von Körper- und Geschlechterinszenierungen auf textueller Ebene lesen. Die dekonstruktiv-feministische Lektüre der Texte hielt sich an die Sprachkunst der Hände. Vom Eingriff der Hände in den Text ging es über zur fehlerhaften Gebärde, durch die der Text in Bewegung gerät. Auch kritische Aspekte einer Literaturanthropologie zeigten sich in den Diskussionen. Gewarnt wurde vor großen Begrifflichkeiten, mangelnder fachlicher Kompetenz, voreiligen Festschreibungen und Verallgemeinerungen. Die anthropologische Perspektive redet mitunter zu pauschal von "dem" Menschen. Der Mensch ist aber immer nur als kulturelles und geschichtliches Wesen denkbar. Wissenschaftlich kann man die Anthropologie in den Augen von Prof. Dr. Braungart nur realisieren, wenn man das Programm konsequent unter kultureller und historischer Perspektive sieht. Problematisch werden anthropologische Forschungen zum Beispiel, wenn sie historische Veränderungen nicht bedenken oder spezifizieren. Auf ein weiteres Problem verwies Wolfgang Riedel. Die entscheidende Frage seines Beitrages "Literatur als Anthropologie? Fragen an ein Paradigma" war die nach dem Anspruch der Literatur als einem herausragendem Deutungsmedium. Indem die Literaturwissenschaft anthropologischen Fragestellungen nachgeht und sich anderen Disziplinen öffnet, kommt sie in die Gefahr, Texte nur noch als kulturgeschichtliche Zeugnisse und nicht mehr in ihrer Einzigartigkeit und ästhetischen Qualität zu behandeln. Literatur kann durch ihre spezifische Redeweise eine bestimmte kulturelle Funktion übernehmen, nämlich die des kulturellen Kommentars. Sie kann Kultur auf nachdrückliche und insistierende Weise kommentieren, wie es andere Medien nicht können. Eine kulturwissenschaftliche Perspektive muß deshalb weiterhin die Qualitätsorientiertheit gegenüber literarischen Texten garantieren. Ästhetischer Qualität lässt sich erst dann wirklich beurteilen, wenn man über den eigenen Rand schaut und Texte in ihrer Veschiedenheit wahrnimmt. Die Beiträge des Kolloquiums werden in einem Sammelband veröffentlicht, der demnächst erscheint.
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