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Louis Begley las in der Stadtbibliothek aus seinem neuen Roman "Schiffbruch"Land untervon Jan HerrmannLouis Begley? Stand im Spiegel nicht vor kurzem ein Artikel? Begley. Wie spricht man das überhaupt aus? Biegli? Sein Roman "Schmidt" wurde mit Jack Nicholson verfilmt. Ein Ex-Anwalt aus Amerika. Schiffbruch. Es geht um eine Affäre. Der Held ist einer schönen Pariserin verfallen. Ausgerechnet heute, nach meinem mißlungenen Versuch einer Verabredung ("...hab' Dich wirklich sehr gern... schon mit jemandem zusammen... Freundschaft... ") Wie motivierend: Schiffbruch. Aufbauend! Besten Dank auch. Die Hauptfiliale der Bielefelder Stadtbibliothek verbreitet einen etwas spröden Charme. Das beleuchtete Podium wird von zwei Transparenten mit der Aufschrift "Literaturtage 2003" umrahmt. Die davor angeordneten Stuhlreihen werden durch einen Gang in zwei Hälften geteilt. Rechts, etwas abseits des Lichtkegels, steht ein Tisch mit Computern. Internet. Eine Etage höher, im dämmrigen Licht der Nachtruhe, sind die Bücherregale. N Theologie, O Geschichte, P Pädagogik, Q Philosophie und R Mathematik. Am Eingang hat es problemlos geklappt: "Müßte auf der Gästeliste stehen. Lili, Fakultätszeitung." Es ist sogar noch voll geworden. Zuerst liest eine Frau. Wie hieß die doch gleich? So' ne Art Vorgruppe. Sogar einen Getränkeausschank gibt es hier. Für das leibliche Wohl ist also gesorgt. Es ist ein bißchen wie auf der Bielefelder Alm. In der Halbzeit kann man Getränke holen. Allerdings wird hier Wein statt Bier bevorzugt. Oh nein, das ist doch - ein Bekannter. Er hat mich hoffentlich noch nicht gesehen. Schnell was schreiben und in die Unterlagen vertiefen... Grad' noch mal gutgegangen. Auch hübsch. Braune Augen. Kein schlechter Platz hier. Worin blättert die denn da? Suhrkampedition. Louis Begley, Lügen in Zeiten des Krieges. Mögliches Gesprächsthema für die Halbzeitpause: Ein Bestseller über Begleys Kindheit im besetzten Polen, mit dem Konrad-Adenauer-Literaturpreis und dem PEN-Literaturpreis der Ernest-Hemmingway-Foundation ausgezeichnet, ein Buch über den Abgrund im Menschen und die Rolle der Kultur für das menschliche Zusammmenleben. Langsam füllt sich das Podium. Eine Lehrerin des Oberstufenkollegs fungiert als Dolmetscherin. Anka Muhlstein, Begleys Frau, eine französische Journalistin mit dunklen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Louis Begley himself und ein Schauspieler des Stadttheaters, der an diesem Abend die Rolle des Vorlesers übernimmt. Im Mittelpunkt von Anka Muhlstein neuem Werk "Königinnen auf Zeit" stehen Katharina di Medici, Maria di Medici, ihre Nichte und Anna von Österreich. Als Regentinnen hatten diese drei Frauen mit einer nachfolgenden Generation zu kämpfen, die entweder unfähig oder faul war. Diese Frauen übernahmen die Regentschaft bis zur Volljährigkeit ihrer Söhne. Sie spürten den Widerspruch zwischen ihrer Rolle als Mutter, den Aufgaben der Erziehung und den Interessen der Staatsraison. Der Schauspieler fängt an zu lesen: "Heinrich von Navarra..." Er trägt das geübt vor, der Zuhörer bemerkt den professionellen Sprecher: "... während der venezianische Botschafter..." Ein historisches Sachbuch, vorgetragen wie ein Bühnenstück: "... die Hugenotten... bezichtigte die Protestanten... nach den Folgen des Aufruhrs." Viele Zuhörer sehen mittlerweile in der Gegend herum. Sie warten auf den Hauptact. Aber jetzt wird es noch einmal blutig: "... von Söldnern ermordet..." Die Aufmerksamkeit des Publikums wird wieder geweckt: "... schnitt ihm den Kopf ab..." Natürlich werden die reißerischsten Passagen gewählt: "... die Menge riß ihn in Stücke..." Es funktioniert auch bei mir. Man hört doch glatt wieder hin. "... dieses maßlose Gemetzel... Vielen Dank." Applaus. Das Mikrofon wird zu Louis Begley hinüber geschoben. Der schmächtige, grau gescheitelte Herr im dunklen Zweireiher beginnt zu lesen. Seine blauen, zu Schlitzen verengten Augen wirken etwas wässrig. In seinem neuen Roman "Schiffbruch" erzählt ein erfolgreicher Schriftsteller die Geschichte seines Ehebruchs. John North begegnet auf einer Lesung in Frankreich der hübschen, aufgeweckten und sexuell unverkrampften Pariserin Léa. Eine "amour fou" entspannt sich, die sein bis dahin wohlgeordnetes Leben aus den Fugen bringt. Erzählt wird diese Geschichte einem unbekannten Zuhörer in einer Kneipe - vermengt mit einigen Schlücken Whiskey. Man kann Begleys Vortrag halbwegs verfolgen, auch wenn er auf Englisch liest. Die Geschichte mutet allerdings ein bißchen gewöhnlich an. "Altmännerphantasien" hieß es in der Süddeutschen Zeitung dazu: Eine Affäre in Paris, eine wohlgeordnete bürgerliche Existenz im Haus des Schriftstellers, garniert mit ein paar lustigen Beobachtungen. Nichts Weltbewegendes. Er benutzt das Wort "fuck" auffallend häufig. Das vierte Mal schon. Nicht schlecht für einen Siebzigjährigen. Das schockt die älteren Damen in der vorderen Reihe. Im Wiener Standard konnte man vor kurzem Begleys Philosphie lesen: "Die sexuelle Revolution hat sich vollzogen! Der Mann kommt nicht mehr mit Blumen. Ein großer Unterschied ist nur noch: Männer dürfen, um begehrenswert zu wirken, sogar hässlich sein, da sind Frauen viel differenzierter." Begley liest ein paar Passagen vor und das war's dann. Es ist wenigstens noch nicht so spät. Man kriegt die Bahn sogar noch. Tschüß Louis! Auf zum nächsten Schiffbruch! |
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