Faculty of Linguistics and Literary Studies
 
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Forschungsprojekt: Fabrikation des Menschen

Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft | Uni Bielefeld

Reproduktionstechnologien und Transplantationsmedizin aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive

Kurzdarstellung des DFG-Projekts von
Dr. Irmela Marei Krüger-Fürhoff und Dr. Tanja Nusser
an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
der Universität Bielefeld,
Laufzeit: August 2006 bis August 2009

Das literatur- und kulturwissenschaftliche Forschungsvorhaben analysiert die Repräsentationen von Reproduktionstechnologien und Transplantationsmedizin, die als umstrittene Formen einer medizinischen ‚Fabrikation des Menschen’ in zahlreichen literarischen und filmischen Werken der Gegenwart dargestellt werden, aber auch Gegenstand der Literatur früherer Jahrhunderte sind. Beide Themen werden in den letzten Jahren in Kunst, Medizin und Öffentlichkeit ausdrücklich aufeinander bezogen. Die bisherige Forschung argumentiert v.a. aus medizinischer, ethischer, soziologischer und anthropologischer Sicht, während umfassende Arbeiten aus literatur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive fehlen. An diesem Desiderat setzt das Gemeinschaftsprojekt an. Es rekonstruiert in narratologischen und wissenschaftshistorischen Analysen die kollektiven Phantasien, medialen Bilder und literarischen Erzählstrategien, die sich in Literatur und Film um Reproduktionstechnologien und Transplantationschirurgie ranken, und setzt diese zu medizinischen Repräsentationen sowie soziologisch-philosophischen Debatten in Bezug.

Die zwei inhaltlich klar voneinander abgegrenzten Einzelprojekte sind durch ähnliche Methoden und gemeinsame Fragestellungen miteinander verbunden. Sie untersuchen 1. die Konstruktionen bzw. Manipulationen des Menschen, die mit diesen medizinischen Verfahren einhergehen. Sie fragen 2. danach, wie die beiden Interventionen narrativ inszeniert und ästhetisch umgesetzt werden. Hierbei konzentrieren sie sich 3. auf die Entwürfe neuer Verwandtschaftsverhältnisse und 4. auf mythisch-religiöse Darstellungsstrategien sowie die Logik der Gabe (Stichwort ‚Leben-Schenken’), um herauszuarbeiten, wie die Konstruktion und Reflexion von medizinischem Wissen und Handeln in kulturellen Texten stattfindet.

Zum Auftakt des Forschungsprojekts fand im November 2006 in Greifswald ein internationaler Workshop unter dem Titel „Engineering Life. Narrationen vom Menschen in Biomedizin, Kultur und Literatur“ statt. Die Beiträge sind 2008 im Kulturverlag Kadmos, Berlin, erschienen.

Einzelprojekt 1

Irmela Marei Krüger-Fürhoff
Fremd/Körper. Zur Poetik der Transplantationsmedizin in Literatur und Film

Im Zentrum des Einzelprojektes zu kulturellen Narrationen der Transplantationsmedizin stehen literarische Texte unterschiedlicher Gattungen des 19. bis 21. Jahrhunderts und einzelne frühere Werke, außerdem ausgewählte medizinisch-immunologische Texte sowie Filme von der Stummfilmära über den Autorenfilm bis zum Hollywood-Kino. Der Schwerpunkt liegt auf deutschsprachigen Werken, ergänzt um Einzelbeispiele aus dem französischen und angloamerikanischen Sprachraum. Das Projekt analysiert Textverfahren und filmische Darstellungstechniken, fragt nach den Austauschprozessen zwischen den verschiedenen Diskursen und untersucht, wie Transplantationen sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der ästhetischen Ebene ihren spezifischen Niederschlag in Literatur und Film finden. Dabei werden diskursanalytische Überblicksdarstellungen um hermeneutische Einzelinterpretationen ergänzt, so dass sich wissenschaftshistorische mit narratologischen und ästhetisch-poetologischen Perspektiven verbinden.
Das Projekt folgt anhand von vier Schwerpunkten den gemeinsamen Fragestellungen:

  1. Es untersucht die Konstruktionen des Menschen (organzentriertes Körperkonzept, Hirntoddebatte) und analysiert Texte und Filme zum Thema ‚lebende Ersatzteillager’, kulturelle Vorstellungen von ‚Körpergedächtnis’, Geschlecht und ‚Rasse’ verpflanzter Teile sowie literarisierte Transplantationen als Medium postkolonialer Debatten.
  2. Es fragt nach den narrativen Inszenierungen von Wissen und den poetologischen Perspektiven, indem es die Metaphern in medizinischen und literarischen Narrationen immunologischer Vorgänge rekonstruiert, den historischen Begriffstransfers (‚ver-pflanzen’, ‚greffe’ / ‚Aufpropfung’) zwischen Botanik, Chirurgie und Erzähltheorie nachgeht sowie die Bedeutung moderner Darstellungsverfahren für eine Poetik der Transplantation herausarbeitet;
  3. Es untersucht die Entwürfe neuer Verwandtschaftsverhältnisse (Imaginationen von Geschwisterschaft, erotischen Lehnsverhältnissen und Schuldbeziehungen) in Romanen, Gedichten, Krimis, philosophischen Essays und Filmen unterschiedlicher Genres.
  4. Es rekonstruiert die Funktion jüdisch-christlicher Vorstellungen in Texten und Filmen zur Transplantationsmedizin (‚Leben-Schenken’, Ikonographie des Schmerzensmannes, Auferstehung) sowie Transplantationen als Bestandteile einer Ökonomie der Gabe.

Einzelprojekt 2

Tanja Nusser
Die Erschaffung des Menschen ist eine komplizierte Angelegenheit.
Reproduktionstechnologien im Spiegel von Literatur und Film

Das Einzelprojekt setzt sich mit der Verbreitung fortpflanzungsmedizinischen Wissens in kulturellen Texten seit Mitte des 19. Jahrhunderts auseinander und untersucht, wie diese Wissensformationen erzählt und reflektiert werden. Ausgangpunkt für die Einzelanalysen ist ein wissenschaftshistorischer Ansatz, der danach fragt, wie technische Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin (künstliche Befruchtung, IVF, ICSI, PID, PND usw.) zum Sujet von Literatur und Film werden; auf diese Weise werden medizinisch-technische Vorgänge als narrative Gegenstände verstanden. Aus einer philologischen Perspektive untersucht das Projekt zudem, welche stilistischen bzw. formalen Entsprechungen die Geschichten von Interventionen in die Schwangerschaft aufweisen und welche erzählerischen Dynamiken in einzelnen Textgattungen entworfen werden. Auf diese Weise rekonstruiert das Einzelprojekt, wie Reproduktionstechnologien als Geschichten über Unfruchtbarkeit, Machbarkeitsphantasien, Endzeitstimmungen und Selbstvergöttlichungen, Leidensgeschichten und Familienromane zu verstehen sind.

Um die literarischen, filmischen und medizinischen Erzählungen über die künstliche Reproduktion in ihrer historischen und diskursiven Einbettung kritisch rekonstruieren zu können, folgt das Einzelprojekt der Chronologie der reproduktionsmedizinischen Entwicklungen. Grundlegend ist hierbei die Frage, wie die Konstruktion und Verfestigung von Wissen über Reprotechnologien stattfindet. Entsprechend der gemeinsamen Perspektiven widmet es sich folgenden Aspekten:

  1. Welche wissenschaftshistorischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Reproduktionstechnologien prägen Literatur und Film? Welche Machbarkeits-Phantasien werden antizipiert und wie werden sie verhandelt?
  2. Welche narrativen Funktionen besitzt die Thematisierung spezifischer Reproduktionstechnologien in Texten und Filmen?
  3. Welche Verwandtschaftsverhältnisse und genealogische Einbettungen werden entworfen und welche Hoffnungen oder Ängste werden daran geknüpft?
  4. Wie finden mythische und religiöse Figuren, Bilder und Erzählungen Eingang in kulturelle Auseinandersetzungen mit Reproduktionstechnologien und welche Funktionen besitzen sie?


 
 


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