

You are here: Bielefeld University > Faculty of Linguistics & Literary Studies > Graduate School
Fakultät für Linguistik und LiteraturwissenschaftAnalysing the literary field: Case studies from sociology, history and the literary sciences - Die Analyse des literarischen Feldes: Fallstudien aus Soziologie, Geschichte und Literaturwissenschaften
Die sozialwissenschaftliche Forschung zur Produktion von Kultur hat in Europa und den Vereinigten Staaten unterschiedliche Entwicklungen genommen. In der „alten Welt“ hob zunächst die Kulturkritik das Thema auf die wissenschaftliche, aber auch kulturpolitische Agenda. Unabhängig von konservativer oder marxistischer Orientierung der Autoren war man sich einig darin, das Problem der Herstellung und Vermittlung von Kunst in der zunehmenden Kommerzialisierung zu sehen, die sich negativ auf Kulturinhalte wie Rezipienten auswirkte. Die bekannteste Studie in diesem Zusammenhang ist das „Kulturindustrie“-Kapitel aus Theodor Adornos und Max Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer & Adorno 2004/1944).
In den 1960er Jahren kehrte sich diese Sichtweise radikal um; die ablehnende Haltung gegenüber einer „verkäuflichen“ Kunst schlug in immer mehr Arbeiten um in eine affirmative Einstellung, die in „niedriger“ Kultur Emanzipationspotentiale zu erkennen gewillt war. Die meist massenmedial vermittelte, mit Profitabsicht produzierte Populärkultur galt von nun an nicht mehr als Instrument von Unterdrückung und Verblendung, sondern geradezu als Mittel, Herrschaftsverhältnisse zu unterlaufen (Fiske 2001). Wichtig für diese Umwertung waren sicher auch die persönlichen Erfahrungen von WissenschaftlerInnen im Umgang mit Mode, Musik und Kino und die Erkenntnis, dass deren Inhalte offenbar nicht zwangsläufig die kritische Sicht trüben. Auch die bildende Kunst trug ihren Teil dazu bei, indem sie als „Pop Art“ Elemente der Massenkultur neu kombinierte und die harte Unterscheidung zwischen „hoher“ Kunst und marktgängiger Unterhaltungskultur aufweichte.
Zentral war jedoch die Verschiebung der Perspektive von der „Kulturindustrie“ mit ihren Unternehmen und Verwertungs- und Beeinflussungsstrategien hin zur Rezeption von Inhalten als aktiver Aneignung. Mediennutzer wie beispielsweise Fernsehzuschauer galten nun nicht mehr als passive Konsumenten, in deren Köpfe sich der gesendete Inhalt ungefiltert niederschlug, sondern als die eigentlichen Produzenten von Kultur, die dem „content“ im Zuge der Rezeption einen eigenen Sinn verliehen. Als vordringlich interessant erschien der Forschung, das aktive Publikum aufzuspüren und dessen Handlungsmächtigkeit („agency“) aufzudecken (Levine 1992; Gillespie 2006). Vertreten und über Disziplin- und Ländergrenzen hinweg popularisiert wurde diese Betrachtungsweise vor allem von den britischen Cultural Studies (Hall 2008/1980; Marchart 2008; Storey 2006) sowie von der literaturwissenschaftlichen Rezeptionsästhetik (Iser 1980; Radway 1984).
Der gegenwärtige Stand der europäischen Forschung ist von dieser Herangehensweise dominiert, nicht zuletzt weil diese mit fächerübergreifenden Diskussionen um Identität, kulturelle Hegemonie und handlungsleitende Deutungsmuster kompatibel ist. Den Strukturen, Prozessen und Akteuren der Kulturproduktion wird weitaus weniger Beachtung geschenkt, unter anderem auch deshalb, weil die „Political Economy“ mit einem vergleichsweise schlichten Begriff von Medienmacht operiert, wie die von Zeit zu Zeit aufflammende Kontroverse zwischen „Political Economy“ und „Cultural Studies“ zeigt (Garnham 1995; Grossberg 1995). Gegenwärtig stehen sich die beiden Positionen unvermittelt einander gegenüber (Peck 2006).
In dieser Situation sind Ansätze gefragt, welche die Produktion, Bedeutung und Rezeption von Kultur theoretisch zu integrieren versuchen. In Europa werden dazu Pierre Bourdieus Arbeiten zum kulturellen Feld herangezogen (Bourdieu 1983, 2001/1992). Noch selten rezipiert wird hingegen eine reichhaltige US-Amerikanische Literatur zum Thema, die wegen ihrer stark empirischen Ausrichtung, ihrer Offenheit gegenüber der von Bourdieu eher vernachlässigten populären Kultur (Hesmondhalgh 2006) und selbstverständlich wegen der Andersartigkeit der von ihr betrachteten US-Amerikanischen Kulturproduktion der Forschung weitere Facetten hinzuzufügen hätte.
Bei dieser Forschung handelt es sich vor allem um Arbeiten im Umfeld der „Production-of-Culture“-Perspektive (PofC) und daran anschließende Richtungen (Peterson & Anand 2004). PofC begann als ein Versuch in den ausgehenden 1960er und frühen 70er Jahren, das „weiche“ Thema „Kultur“, das für eine den Naturwissenschaften nacheifernde, von hermeneutischen Methoden abrückende Soziologie uninteressant geworden war, für die Disziplin zurück zu gewinnen (Peterson 1979). Dazu abstrahierten die Vertreter dieser Forschungsrichtung von Bedeutungsaspekten von Kultur und wiesen an zahlreichen Beispielen nach, dass „content“ weder einen „Zeitgeist“ noch die Sozialstruktur oder die unausgesprochenen Wünsche von Rezipienten reflektiert. Vielmehr entsteht und wandelt sich „content“ im Zusammenspiel von Facetten wie Technologie, Recht (etwa das Copyright), Industriestruktur, Unternehmensorganisation, professionelle Rollen und Marktperzeption, aus denen sich ein kulturelles Produktionssystem zusammensetzt (Peterson 1990, 1985). Die Genese und der plötzliche Verfall des literarischen „Cowboy“-Genres in den Vereinigten Staaten zum Beispiel ist demnach weniger zurückzuführen auf die „Frontier“-Mentalität des amerikanischen Lesepublikums als vielmehr auf das Urheberrecht, das es amerikanischen Verlegern ermöglichte, englischsprachige Bücher aus Europa ohne Kompensation an die Autoren nachzudrucken. Dies zwang heimische Autoren, sich auf Stoffe zu verlegen, die in den importierten Gesellschaftsromanen britischen Provenienz nicht verhandelt wurden. Eine negative Bestätigung für die Bedeutung des Copyright-Aspektes ist die Tatsache, dass die literarische Produktion von Romanen, die den Kampf des Einzelnen gegen die Natur schildern, in etwa zeitgleich mit einer Reform des Urheberrechts, das fortan auch eingeführte Werke als schutz würdig und damit tantiemepflichtig erachtete, zurückging (Griswold 1981).
Im Zuge des „cultural turn“ in den Sozial- und Kulturwissenschaften sah sich die „Production-of-Culture“-Perspektive herausgefordert, die bis dahin bewusst ausgeklammerten Aspekte von Bedeutung und Rezeption einzubeziehen. Dazu wurde Genres als Bündel von bedeutungsprägenden und die Rezeption strukturierenden Konventionen verstärkt Beachtung geschenkt (Peterson 1997; Negus 2007/1999). Man befasste sich mit Vermittlern (etwa Kritikern) (Nixon & Du Gay 2002) sowie „Charts“ als Instrumente der Popularitätsmessung (Anand & Peterson 2000), und mit „awards“, Messen und Festivals (etwa Kunstbiennalen), um den für das Verhältnis von Kunst und „Kommerz“ zentralen Wertaspekt in den Blick zu bekommen. „Field configuring events“ wie der Booker-Literaturpreis (Anand & Jones 2008) oder Buchmessen in Frankfurt und London (Moeran 2010) wurden als Brennglas benutzt, um die Aushandlung von Verwertungsinteressen, Wertschöpfung und Wertschätzung zu beobachten. Im Zuge dieser Forschung begann man schließlich, den von Bourdieu geprägten Begriff des „Feldes“ zu verwenden, so dass man in dieser Hinsicht von einer beginnenden Annäherung zwischen europäischer und US-Amerikanischer Forschung zu Kulturproduktion sprechen kann.
An dieser Annäherung will der geplante Workshop ansetzen und sie zum Vorteil der zu diskutierenden Fallstudien intensivieren. Er will vorwiegend NachwuchswissenschaftlerInnen aus der hiesigen Literaturwissenschaft, Soziologie und Geschichte zusammenbringen mit Forschern, die mit der US-Amerikanischen Literatur vertraut sind, um neue Perspektiven auf das literarische Feld zu gewinnen, die für die individuellen Forschungsvorhaben förderlich sind. Zudem soll der Vergleich zwischen dem US-Amerikanischen und dem deutschen/europäischen Literaturbetrieb Vergleichsmöglichkeiten eröffnen, um Spezifika der jeweiligen nationalen Fälle erkennbar zu machen und zu gewichten. Ein zusätzlicher wünschenswerter Effekt wäre, wenn sich aus der ersten Verständigung über gemeinsame Interessen weitere interdisziplinäre und/oder transatlantische Kooperationen ergäben.
Bielefeld Graduate School in History and Sociology (Dr. Klaus Nathaus), LiLi-Kolleg der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaften (Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal), Universität Bielefeld
Samstag, 27.11.2010, Raum: C6-241
|
9.30-10.00 |
Begrüßung und Einführung - Welcome and Introduction |
|---|---|
|
10.00-12.00 |
Der Wandel des literarischen Feldes: Die sechziger Jahre als Zäsur? - The changing literary field: The 1960s as a turning point? Heribert Tommek, »Der lange Weg in die Gegenwartsliteratur. Transformationslinien des deutschen literarischen Feldes seit den 1960er Jahren« Claus Kröger, Kommerz, Kultur und Politik - Die Politisierung des westdeutschen Buchmarktes um '1968' |
|
12.00-13.30 |
Lunch Break |
|
13.30-15.30 |
Institutionen der Literaturproduktion: Urheberrecht und Kulturpolitik - The institutions of literary production: Copyright and cultural policy Nicole Colin, Theater – Autoren – Rechte: Europäisches Autorenrecht und Förderung der Dramatik im transnationalen Vergleich Patricia Pasic, Die Geschichte Heiner Müllers im französischen Theaterfeld - Position und Rezeption |
|
15.30-16.00 |
Kaffeepause / coffee break |
|
16.00-17.00 |
Literaturproduktion und Habitus - The role of habitus in the production of literature Clayton Childress, Cultural Networks, Cognitions, and Decision Making in the American Literary Field: The Role of Acquisition Editors |