Kunst- und Musikpädagogik
 
 
Hintergrundbild
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Klaus-Ove Kahrmann

VON BÄUMEN UND MENSCHEN

Werke von Reinhold Tappeiner

Klaus-Ove Kahrmann

VON BÄUMEN UND MENSCHEN

Werke von Reinhold Tappeiner

Reinhold Tappeiners Bilder sind wie Bäume. Dieser Eindruck entsteht sofort und sehr direkt wegen des extremen Hochformates vieler Exponate. Das schmale stehende Rechteck ist wie die reduzierte Anmutung von Wachsendem. Ähnlich wie bei Giuseppe Penone sind die vegetabilen Gebärden nah, konkret, nicht zuletzt wegen der duffen und rindig wirkenden Binnenstrukturen, die in einem starken Gegensatz zu den konstruktiven Makroformen stehen.  Was Penone sehr lyrisch in der Plastik ausdrückt, realisiert Tappeiner im Zweidimensionalen.

Bäume sind unsere stillen Begleiter. Sie sind um uns und auch in uns, denn auch wir wachsen wie sie und fühlen oft eine Verwandtschaft zu ihnen. Deshalb personifizieren wir Bäume auch, z.B. in Märchen und Legenden, wo Bäume sprechen können und wie helfende und beschützende Geister wirken. Lassen wir diese Assoziationen auf uns wirken und schauen wir uns Reinhold Tappeiners Bilder genauer an, so taucht neben den Rinden und Furchen der Baumstämme eine zweite Schicht auf. Das Bild ‚Wasserrinde’ zeigt Aquarellblau vor schwarzgrauem Grund mit Dekalkomaniespuren. Die Assoziation den Baumstamm herunterinnenden Regens ist deutlich und durchaus stimmungsvoll.

In anderen Bildern erkennen wir menschliche Umrisse, stark reduzierte Körperformen, die durch unsere Phantasie ausgeformt und mit Leben erfüllt werden wollen. Die figürlichen Umrisse, die wir erkennen, sind zum einen unsere Partner, mit denen wir kommunizieren, zum anderen aber auch wir selbst, so als würden wir uns in einem Spiegel betrachten. Dabei ist die Figürlichkeit mal konkreter, mal schwächerer, sich auflösender Natur. In ‚Torso 2’ zeigt eine große gelbe Form die menschliche Figur in äußerster Reduktion, ähnlich einer archaischen Skulptur.

Die uns gegenübertretenden Personen öffnen sich uns gegenüber, so als würden sie auf uns zukommen, oder sie verschließen sich, kauern sich in sich selbst zusammen und umweben sich mit kokonartigen Hüllen. Wenn mehrere Bilder nebeneinander stehen oder gar zu Zweier- oder Dreiergruppen zusammengefaßt sind, wirken die Figuren wie unterschiedliche Seiten unserer Persönlichkeit: wir sehen uns selbst geschlossen, verhalten oder offen.

Reinhold Tappeiner verreibt und verschummert die Farbe auf der Leinwand, so daß sie manchmal wie aufgetupft oder gesprüht, tintig aussieht. Daneben gibt es dann auch harte Konturen, die präzise und unmißverständlich zum Kern der Komposition hinführen.

Treten wir ganz nahe an die Bilder heran, so sehen wir, wie das Strenge und das Leichte gleichmäßig und zur gleichen Zeit wirkt, eine Gegensätzlichkeit zeigt, welche den Bildern ein starkes Spannungsfeld verleiht. Im Mikrobereich werden wir wiederum, ähnlich wie in den Werken von A.R. Penk, mit figürlichen Formen konfrontiert, die in ihrer stark vereinfachten Erscheinungsform nicht nur isoliert wie Menschen wirken, sondern auch untereinander agieren und uns  Geschichten erzählen. Oder es tauchen magische Landschaften und Architekturen auf. ‚Grenzfall 3’ zeigt ein längliches Querformat, in dem vor blaßrotem Hintergrund massive schwarzbraune bis schwarze Formen wirken, Das Gefüge von breiten senkrechten und waagerechten dunklen Flächen vor rotem Grund wirkt wie ein breiter und durchdringlicher Grenzwall,  dessen Überquerung mit Lebensgefahr verbunden ist. Diese Bilder sind alles andere als kalte, ästhetisierende Abstraktheiten, die in l`art-pour-l´art-Manier nur um bildnerische Gehalte kreisen. Auf einem ultramarinblauen Untergrund, der in unterschiedlichen Abtönungen wie ein Aquarell wirkt und dadurch eine sehr lebendige Oberfläche hat, sind zinnoberrote lineare bis fleckige Spuren gesetzt, die sich in der Vorstellung zu Konturen einer menschlichen Gestalt mit beschwörender oder anflehender Geste ergänzen lässt. Durch den elementaren Farbkontrast, der an Noldes dramatische Szenen erinnert, entfaltet dieses Detail große Wucht – eingebettet in die formale Strenge der übergeordneten Ausgangsform. Reinhold Tappeiner erzählt Geschichten in seinen Arbeiten, Geschichten, die nicht nur seine, sondern auch die unsrigen sind. Sie äußern sich voller Dramatik, zeigen Euphorisches und Katastrophales gleichermaßen, präsentieren die ganze Vielfalt des Seins.

In der Arbeit ‚Brechung’ finden wir ein verschränktes Miteinander von zinnoberroten und ultramarinblauen Vertikalen, kontrastiert durch weiße Flecken und Streifen. Das horizontale Gefüge baut sich mit abnehmender Prägnanz von unten nach oben auf. Eine imaginär sich ergebende rechtsdiagonale Linie verleiht dem statischen Gefüge Dynamik.

Mehrere duffe schwarze Flecken wirken in ihrer Zusammenstellung wie ein weiblicher Rückenakt (‚Dualismus 1’). Die Mikroformen innerhalb des Bildes liefern  figurative Anklänge wie z.B. Profile, welche die Botschaft ‚Mensch’ unterstützen. Man erinnert sich an Man Rays halbabstrakte Fotogramme oder Nahaufnahmen, die fast nie eine Totale zeigen, aber die ganze Assoziationsbreite eröffnen. Reinhold Tappeiners Arbeiten sind formal hoch organisiert, aber inhaltlich offen, so offen, wie Bilder nur sein können. 

Nur diejenigen, die sich auf eine geduldige und beharrliche Beobachtung der Bilder einlassen, werden freilich diese inneren Strukturen bemerken. Reinhold Tappeiners Bilder sind meditative Anlässe, die zu einer anderen als der alltäglichen Wahrnehmung auffordern und ein sich Hineinversenken in die Bilder verlangen. Ein bloßes Vorbeigehen oder oberflächliches Streifen der Arbeiten wird keinen Gewinn bringen.

Nie ist die Farbigkeit provozierend oder überladen. Das Gelb leuchtet, überstrahlt aber nicht, z.B. in ‚Kolos 1’. Reinhold Tappeiner setzt Farben gezielt und entschieden ein, bleibt oft auch im Bereich Schwarzweiß. Das wird besonders in der ‚Syntax’-Reihe deutlich. Häufig gehören ähnliche Kompositionen zusammen, sie werden farbig leicht variiert, mal im Rotbereich, mal im Blaubereich sich bewegend. So treten uns durch die unterschiedliche Farbe mehrere Zustände ein und derselben Grundstruktur gegenüber.

Oft wirken ausgewählte farbige Gehalte für sich, z.B. innerhalb der Familie Rot oder Blau. Sie zeigen sich in ruhigen Flächen ebenso wie in wilden Kreiseln, fast ohne Duktus oder mit deutlichen Spuren von Pinsel, Spachtel und anderem Werkzeug. Das Aleatorische spielt mit in diesem Reigen, aber bei weitem nicht so stark, wie man es auf den ersten Blick vermuten könnte. Kaum haben Material und Werkzeug ihre Spuren hinterlassen, bringt das gestaltende Wollen des Künstlers Struktur hinein, Struktur bis hin zur Strenge einer keine Dominanz des Zufälligen duldenden Gestaltungsauffassung.

Reinhold Tappeiner arbeitet gern mit elementaren Farbkontrasten. Auf einer gelbocker gehaltenen Grundfläche bewegen sich violettblaue figürlich anmutende Fügungen. Unsere innere Wahrnehmung leistet simultane und sukzessive Angleichungen und löst so Spannungen auf. Oder dunkelblaue und orangene länglich-parallele Formen greifen wie Zargen ineinander. Sie zeigen die unauflösliche Verbundenheit des Materiellen und des Geistigen, die in ihrer Wechselwirkung alle Schattierungen unserer menschlichen Existenz ausbilden.

Spuren kulminieren in schwarzen Inseln, die gleichmäßig über die Fläche verteilt sind. Feine Tropfen, oft zu Linien geordnet, vermitteln zwischen den Ballungen. In einer zweiten Ebene erscheinen ähnliche Strukturen, versetzt über weißem und schwarzem Grund. Hier genügen zwei Farben, um eine Dramatik im Bild zu entwickeln, nämlich diejenigen, die wir als Alarmfarben aus der Natur kennen. Kleinere graue Felder und Spots vermitteln und lassen so den Gegensatz weniger Streng erscheinen.

Oft spielt sich die ganze Erzählung innerhalb einer Farbe ab. Blau wird in unterschiedlichen, aquarellartigen Abstufungen geboten, vom dunklen, stark leuchtenden Ultramarin bis zu blassem Hellblau, das von einem vielseitigen Liniengewirr durchzogen wird. Oder das Ultramarin dominiert stark und wird in seiner Prägnanz von leichten schwarzen Umrandungen verstärkt. Diese sind aber so sensibel gesetzt, daß sie die Dominanz des Ultramarins nie in Frage stellen. Auch erscheint manchmal Blau in einem durch Schwarz beherrschten Bild ausgewischt und schwächer in einer Ebene darunter. Oder – wieder anders – formieren sich kräftige ultramarine Flächen in wolkenartigen Gebilden. Darunter erscheint Schwarz, ist im Kommen, aber noch zu schwach, um dem Blau Konkurrenz machen zu können.

Nicht selten werden Grundgegebenheiten dargestellt, wie z.B. in ‚Fall’. Die dominierende Farbe ist ein sattes Ultramarin, begleitet durch schwarze Spuren und einen schwach sichtbaren weißgrauen Hintergrund. Die blaue Farbe ‚fällt’ von oben nach unten, sie sammelt sich im unteren Drittel des Bildes. Das, was der Begriff sagt, erscheint mit gestalterischen Mitteln auf einer anderen Ausdrucksbene.

‚Eruption’ hingegen weist einen dunklen schwarzroten Grundton auf, aus dem kaum sichtbar spripturale Formen hervorkommen, deren Gestalt im Wesentlichen durch blaurote Texturen gebildet wird.

Anklänge an Schrift und Texte sind ein weiteres Merkmal der Bilder von Reinhold Tappeiner. Aus einigen Titel geht das auch hervor; so hat er ein Werk ‚Transkription 2’ benannt. Hier wirken schwarze Formen wie Hyroglyphen oder in Stein gehauene Keilschriften bzw. deren Überreste.

Reinhold Tappeiners Bilder zeigen eher Prozesse denn Zustände. Bei näherem Hinsehen steht nichts wirklich still, nichts ist ruhig im eigentlichen Sinne. Die Konsequenz der Bildarchitektur darf darüber nicht hinwegtäuschen. Offenkundig ist die Dynamik, sie wird aber einer wohlorganisierten Disziplin unterworfen, die sich vor allem in dem strengen Bildformat ausdrückt. Die Makrostruktur gibt den Orientierungsrahmen, die Mikrostruktur füllt diesen dynamisch aus.

Vieles erinnert an Spuren, Spuren, welche die Natur beim Wachsen und Vergehen hinterläßt, und Spuren, die wir Menschen erzeugen und mit denen wir unser Handeln dokumentieren. Strukturen in Reinhold Tappeiners Bildern erinnern nicht nur an Baumrinde, sondern auch die an eine Methode, wie man Baumrinde abnehmen, dokumentieren kann. Die Frottage, so wie wir sie von Max Ernst kennen, vervollständigt die Spuren von Pinsel und Lappen und gibt den Werken gestalterische Differenziertheit und Nähe zur Natur.

Das Werk ‚Grenzfall 2’ ist als Querformat Baumbild und Landschaftsdarstellung zur gleichen Zeit. Der gefällte, liegende Baum mit Schrunden und Spuren der Entrindung atmet noch einen letzten Hauch von flureszierendem Ultramarin. Folgt man der Assoziation ‚Landschaft’, tun sich Felder, Gebirgszüge Seen und Straßen auf, mit der Anmutung winterlicher Kälte.

Drum tut es not, dem allgemeinen zu folgen. Obwohl aber der Sinn allgemein ist, leben die Vielen, als hätten sie ein Denken für sich.

(Heraklit)[1]

Reinhold Tappeiner erzählt in seinen Bildern nicht nur seine subjektive Geschichte. Diese wird zwar sichtbar, ist aber nur am Rande beteiligt, eher Katalysator als zentrale Botschaft.  Durch konsequente Reduktion erscheinen die Botschaften der Bilder wie allgemeine, für alle zutreffende und bedeutsame Aussagen. Es wird sich jeder, der Geduld hat und sich angesprochen fühlt, in den Bildern wieder finden. Die eigene Geschichte ist eingewoben, aber zum Allgemeinen stets in Beziehung gesetzt. Ein Netzwerk wird sichtbar, was Rätsel nicht vollständig löst, aber im Zusammenhang verständlich macht.

So erzählen Tappeiners Werke vieles über Geschichten, die an – auch imaginäre – Personen und Naturphänomene gebunden, aber noch mehr über das Wesen von Bäumen und Menschen sowie über das, was sie verbindet.

Sie sind wie eine Lektion über die Aufgabe der Kunst und vermitteln Erkenntnisse darüber, wie allgemeingültige Aussagen mit bildnerischen Mitteln möglich sind und wie diese Botschaften unser Leben reicher machen können.

Veröffentlicht in:

Reinhold Tappeiner, Malerei; Werke von 1999-2005; hrg. von Wolfgang Maxlmoser, mit Texten von Harald Küppers, Klaus-Ove Kahrmann und Anton Summerer; edition Innsalz Verlags GmbH, Aspach/Wien/Meran 2005



[1]Heraklit: Fragmente; griechisch und deutsch, hrg. Von Bruno Snell, Zürich und München 1982, S. 7

Mehrere duffe schwarze Flecken wirken in ihrer Zusammenstellung wie ein weiblicher Rückenakt (‚Dualismus 1’). Die Mikroformen innerhalb des Bildes liefern  figurative Anklänge wie z.B. Profile, welche die Botschaft ‚Mensch’ unterstützen. Man erinnert sich an Man Rays halbabstrakte Fotogramme oder Nahaufnahmen, die fast nie eine Totale zeigen, aber die ganze Assoziationsbreite eröffnen. Reinhold Tappeiners Arbeiten sind formal hoch organisiert, aber inhaltlich offen, so offen, wie Bilder nur sein können. 

Nur diejenigen, die sich auf eine geduldige und beharrliche Beobachtung der Bilder einlassen, werden freilich diese inneren Strukturen bemerken. Reinhold Tappeiners Bilder sind meditative Anlässe, die zu einer anderen als der alltäglichen Wahrnehmung auffordern und ein sich Hineinversenken in die Bilder verlangen. Ein bloßes Vorbeigehen oder oberflächliches Streifen der Arbeiten wird keinen Gewinn bringen.

Nie ist die Farbigkeit provozierend oder überladen. Das Gelb leuchtet, überstrahlt aber nicht, z.B. in ‚Kolos 1’. Reinhold Tappeiner setzt Farben gezielt und entschieden ein, bleibt oft auch im Bereich Schwarzweiß. Das wird besonders in der ‚Syntax’-Reihe deutlich. Häufig gehören ähnliche Kompositionen zusammen, sie werden farbig leicht variiert, mal im Rotbereich, mal im Blaubereich sich bewegend. So treten uns durch die unterschiedliche Farbe mehrere Zustände ein und derselben Grundstruktur gegenüber.

Oft wirken ausgewählte farbige Gehalte für sich, z.B. innerhalb der Familie Rot oder Blau. Sie zeigen sich in ruhigen Flächen ebenso wie in wilden Kreiseln, fast ohne Duktus oder mit deutlichen Spuren von Pinsel, Spachtel und anderem Werkzeug. Das Aleatorische spielt mit in diesem Reigen, aber bei weitem nicht so stark, wie man es auf den ersten Blick vermuten könnte. Kaum haben Material und Werkzeug ihre Spuren hinterlassen, bringt das gestaltende Wollen des Künstlers Struktur hinein, Struktur bis hin zur Strenge einer keine Dominanz des Zufälligen duldenden Gestaltungsauffassung.

Reinhold Tappeiner arbeitet gern mit elementaren Farbkontrasten. Auf einer gelbocker gehaltenen Grundfläche bewegen sich violettblaue figürlich anmutende Fügungen. Unsere innere Wahrnehmung leistet simultane und sukzessive Angleichungen und löst so Spannungen auf. Oder dunkelblaue und orangene länglich-parallele Formen greifen wie Zargen ineinander. Sie zeigen die unauflösliche Verbundenheit des Materiellen und des Geistigen, die in ihrer Wechselwirkung alle Schattierungen unserer menschlichen Existenz ausbilden.

Spuren kulminieren in schwarzen Inseln, die gleichmäßig über die Fläche verteilt sind. Feine Tropfen, oft zu Linien geordnet, vermitteln zwischen den Ballungen. In einer zweiten Ebene erscheinen ähnliche Strukturen, versetzt über weißem und schwarzem Grund. Hier genügen zwei Farben, um eine Dramatik im Bild zu entwickeln, nämlich diejenigen, die wir als Alarmfarben aus der Natur kennen. Kleinere graue Felder und Spots vermitteln und lassen so den Gegensatz weniger Streng erscheinen.

Oft spielt sich die ganze Erzählung innerhalb einer Farbe ab. Blau wird in unterschiedlichen, aquarellartigen Abstufungen geboten, vom dunklen, stark leuchtenden Ultramarin bis zu blassem Hellblau, das von einem vielseitigen Liniengewirr durchzogen wird. Oder das Ultramarin dominiert stark und wird in seiner Prägnanz von leichten schwarzen Umrandungen verstärkt. Diese sind aber so sensibel gesetzt, daß sie die Dominanz des Ultramarins nie in Frage stellen. Auch erscheint manchmal Blau in einem durch Schwarz beherrschten Bild ausgewischt und schwächer in einer Ebene darunter. Oder – wieder anders – formieren sich kräftige ultramarine Flächen in wolkenartigen Gebilden. Darunter erscheint Schwarz, ist im Kommen, aber noch zu schwach, um dem Blau Konkurrenz machen zu können.

Nicht selten werden Grundgegebenheiten dargestellt, wie z.B. in ‚Fall’. Die dominierende Farbe ist ein sattes Ultramarin, begleitet durch schwarze Spuren und einen schwach sichtbaren weißgrauen Hintergrund. Die blaue Farbe ‚fällt’ von oben nach unten, sie sammelt sich im unteren Drittel des Bildes. Das, was der Begriff sagt, erscheint mit gestalterischen Mitteln auf einer anderen Ausdrucksbene.

‚Eruption’ hingegen weist einen dunklen schwarzroten Grundton auf, aus dem kaum sichtbar spripturale Formen hervorkommen, deren Gestalt im Wesentlichen durch blaurote Texturen gebildet wird.

Anklänge an Schrift und Texte sind ein weiteres Merkmal der Bilder von Reinhold Tappeiner. Aus einigen Titel geht das auch hervor; so hat er ein Werk ‚Transkription 2’ benannt. Hier wirken schwarze Formen wie Hyroglyphen oder in Stein gehauene Keilschriften bzw. deren Überreste.

Reinhold Tappeiners Bilder zeigen eher Prozesse denn Zustände. Bei näherem Hinsehen steht nichts wirklich still, nichts ist ruhig im eigentlichen Sinne. Die Konsequenz der Bildarchitektur darf darüber nicht hinwegtäuschen. Offenkundig ist die Dynamik, sie wird aber einer wohlorganisierten Disziplin unterworfen, die sich vor allem in dem strengen Bildformat ausdrückt. Die Makrostruktur gibt den Orientierungsrahmen, die Mikrostruktur füllt diesen dynamisch aus.

Vieles erinnert an Spuren, Spuren, welche die Natur beim Wachsen und Vergehen hinterläßt, und Spuren, die wir Menschen erzeugen und mit denen wir unser Handeln dokumentieren. Strukturen in Reinhold Tappeiners Bildern erinnern nicht nur an Baumrinde, sondern auch die an eine Methode, wie man Baumrinde abnehmen, dokumentieren kann. Die Frottage, so wie wir sie von Max Ernst kennen, vervollständigt die Spuren von Pinsel und Lappen und gibt den Werken gestalterische Differenziertheit und Nähe zur Natur.

Das Werk ‚Grenzfall 2’ ist als Querformat Baumbild und Landschaftsdarstellung zur gleichen Zeit. Der gefällte, liegende Baum mit Schrunden und Spuren der Entrindung atmet noch einen letzten Hauch von flureszierendem Ultramarin. Folgt man der Assoziation ‚Landschaft’, tun sich Felder, Gebirgszüge Seen und Straßen auf, mit der Anmutung winterlicher Kälte.

Drum tut es not, dem allgemeinen zu folgen. Obwohl aber der Sinn allgemein ist, leben die Vielen, als hätten sie ein Denken für sich.

(Heraklit)[1]

Reinhold Tappeiner erzählt in seinen Bildern nicht nur seine subjektive Geschichte. Diese wird zwar sichtbar, ist aber nur am Rande beteiligt, eher Katalysator als zentrale Botschaft.  Durch konsequente Reduktion erscheinen die Botschaften der Bilder wie allgemeine, für alle zutreffende und bedeutsame Aussagen. Es wird sich jeder, der Geduld hat und sich angesprochen fühlt, in den Bildern wieder finden. Die eigene Geschichte ist eingewoben, aber zum Allgemeinen stets in Beziehung gesetzt. Ein Netzwerk wird sichtbar, was Rätsel nicht vollständig löst, aber im Zusammenhang verständlich macht.

So erzählen Tappeiners Werke vieles über Geschichten, die an – auch imaginäre – Personen und Naturphänomene gebunden, aber noch mehr über das Wesen von Bäumen und Menschen sowie über das, was sie verbindet.

Sie sind wie eine Lektion über die Aufgabe der Kunst und vermitteln Erkenntnisse darüber, wie allgemeingültige Aussagen mit bildnerischen Mitteln möglich sind und wie diese Botschaften unser Leben reicher machen können.

Veröffentlicht in:

Reinhold Tappeiner, Malerei; Werke von 1999-2005; hrg. von Wolfgang Maxlmoser, mit Texten von Harald Küppers, Klaus-Ove Kahrmann und Anton Summerer; edition Innsalz Verlags GmbH, Aspach/Wien/Meran 2005



[1]Heraklit: Fragmente; griechisch und deutsch, hrg. Von Bruno Snell, Zürich und München 1982, S. 7


Syntax



Kallos



Ohne Titel



Seismograph




Torso