Prof. Dr. Jan Wirrer
 
 
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Arbeitsschwerpunkte von Prof. Dr. Jan Wirrer

Verlinkte Übersicht:

1. Niederdeutsche Sprache und Literatur
1.1 Skizzierung des Gegenstandsbereichs
1.2 Forschung und Lehre

2. Sprachliche Formelhaftigkeit/Phraseologie
2.1 Skizzierung des Gegenstandsbereichs
2.2 Forschung und Lehre

3. Bedrohte Sprachen
3.1. Skizzierung des Gegenstandsbereichs
3.2 Forschung und Lehre



1. Niederdeutsche Sprache und Literatur

1.1 Skizzierung des Gegenstandsbereichs

Innerhalb des Ensembles der weniger gebräuchlichen Sprachen Europas gehört das Niederdeutsche nicht zu den Minderheiten-, sondern zu den sog. Regionalsprachen. Entgegen der landläufigen Auffassung ist das Niederdeutsche kein Dialekt des Standarddeutschen oder 'Hochdeutschen', wird aber vom Standarddeutschen überdacht und von diesem stark beeinflußt. Niederdeutsch wird heute von ca. 5,5 Millionen Menschen gesprochen. Monolinguale Sprecher des Niederdeutschen, also Sprecher, welche nur das Niederdeutsche und nicht auch Standarddeutsch beherrschen, gibt es heute praktisch nicht mehr.

Zusammen mit dem Englischen, Friesischen, Niederländischen, Hoch- bzw. Standarddeutschen gehört das Niederdeutsche zur Familie der westgermanischen Sprachen. Weitere Sprachen dieser Sprachfamilie sind Afrikaans, eine Tochtersprache des Niederländischen, Scots, das wie das Neuenglische auf das Altenglische zurückgeht, dann aber eine eigene Entwicklung genommen hat, sowie Jiddisch, das bei zahlreichen Einflüssen aus dem Slavischen und dem Hebräischen im wesentlichen auf das Mittelhochdeutsche zurückgeht. Innerhalb der westgermanischen Sprachfamilie zählt das Niederdeutsche zusammen mit Englisch, Scots, Friesisch, Niederländisch und Afrikaans zum nordseegermanischen Zweig, welcher eine Binnengermanisch zu nennende Sprachgruppe, bestehend aus Standarddeutsch, den mitteldeutschen und oberdeutschen Varietäten sowie Jiddisch, gegenüberzustellen ist. Innerhalb des Nordseegermanischen steht das Niederdeutsche zusammen mit dem Niederländischen dem Englischen und Friesischen gegenüber, welch letztere mehr nordseegermanische Merkmale aufweisen und daher als typischere Vertreter des Nordseegermanischen gelten können, während das Niederländische und vor allem das Niederdeutsche zahlreiche Eigenschaften mit dem Binnengermanischen gemein haben.

Als prominentestes linguistisches Merkmal, das die nordseegermanischen Sprachen vom Binnengermanischen und damit auch das Niederdeutsche vom Standarddeutschen und den hochdeutschen Varietäten trennt, gilt gemeinhin die hochdeutsche oder auch zweite Lautverschiebung. Diese betrifft die stimmlosen Plosive [p], [t] und [k], denen im Binnengermanischen je nach Stellung innerhalb der Silbe die Affrikaten [pf], [ts] und [k ] oder die stimmlosen Spiranten [f], [s] und [ç ('ich-Laut')] bzw. [χ ('ach-Laut')] entsprechen. Lediglich im Südalemannischen ist die Lautverschiebung vollständig durchgeführt, in dem in seinem Kern auf dem Mitteldeutschen beruhenden Standarddeutsch ist die Affrikate [kch] im Anlaut von Morphen nicht vorhanden.

Wie die Karte zeigt, schließt sich südlich des Territoriums eine Übergangszone an, in welcher sich die Lautverschiebung nur z.T. durchgesetzt hat: im Osten der sog. Berliner Trichter, im Westen der sog. Rheinische Fächer, dessen nördlichste Erstreckung mit der ik/ich-Isoglosse und der südlich davon verlaufenden maken/machen-Isoglosse in der Karte verzeichnet ist. Im Norden reicht das Gebiet bis zur deutsch-dänischen, im Osten bis zur deutsch-polnischen Grenze. Im Westen reicht das niederdeutsche Sprachgebiet bis zum Ijsselmeer und umfaßt somit - unter Ausschluß der niederländischen Provinz Friesland - den östlichen Teil der Niederlande. Entsprechend wird das dort beheimatete Nedersaksisch vom Niederländischen überdacht und in seiner Entwicklung stark beeinflußt. Vor 1945 gehörten Ostpommern, die jenseits der heutigen deutsch-polnischen Staatsgrenze gelegenen Teile Brandenburgs sowie der größte Teil Ostpreußens ebenfalls zum niederdeutschen Sprachgebiet. Mit dem Nordfriesischen im heutigen Kreis Nordfriesland, im Nordwesten des niederdeutschen Territoriums gelegen, und dem Saterfriesischen in der heutigen Gemeinde Saterland, westlich von Oldenburg gelegen, umfaßt das niederdeutsche Sprachgebiet die Territorien zweier nicht-niederdeutscher Minderheitensprachen, deren Sprecher allerdings meist auch des Niederdeutschen mächtig sind. Außerhalb des niederdeutschen Territoriums gibt es zahlreiche, meist durch Auswanderung entstandene niederdeutsche Sprachinseln wie z.B. die Sprachinseln im Mittleren Westen der USA.

Das heutige Niederdeutsch läßt sich in sechs großflächige Dialektareale untergliedern: Nordniederdeutsch - in der Literatur meist Nordniedersächsisch genannt - Westfälisch, Ostfälisch, Mecklenburg-Vorpommersch, Märkisch-Brandenburgisch und Mittelpommersch sowie Nedersaksisch in den östlichen Niederlanden. Jeder dieser Dialekträume läßt weiter nach regionalen kleinräumigen Sprachlandschaften bis hin zu Ortsvarietäten unterteilen.

Das Niederdeutsche gliedert sich in vier historische Epochen: das Altniederdeutsche, auch Altsächsisch genannt, (ca. 750-1150), das Mittelniederdeutsche (ca. 1150-1600) - als Sprache der Hanse die Blütezeit des Niederdeutschen -, das Frühneuniederdeutsche (ca. 1600-1850) und das Neuniederdeutsche (ab ca. 1850).

Während das Altniederdeutsche nur durch wenige Texte belegt ist, erfreut sich das Mittelniederdeutsche einer reichen und breit gefächerten Überlieferung, wohingegen die Menge der Textzeugnisse aus frühneuniederdeutscher Zeit wiederum vergleichsweise spärlich ist. Das Neuniederdeutsche verfügt im Bereich der Schriftlichkeit vor allem in der Belletristik über eine stabile Domäne. Darüber hinaus gibt es ein reges, über das gesamte niederdeutsche Territorium verbreitetes vielseitiges Theaterleben und schließlich dürfen die zahlreichen niederdeutschen Musikgruppen und deren reichhaltiges Angebot an unterschiedlichen musikalischen Genres nicht unerwähnt bleiben. Diese Aktivitäten - zumal wenn sie über den engeren regionalen oder lokalen Rahmen hinausgehen - spielen sich in einer gut organisierten niederdeutschen Kulturszene ab.

1.2 Forschung und Lehre

Die im Arbeitsschwerpunkt 'Niederdeutsche Sprache und Literatur' zu lokalisierenden Forschungsaktivitäten sind vor allem durch folgende Themen geprägt:

1. Mikro- und makrolinguistischer Status des Niederdeutschen
2. Niederdeutsche Grammatik
3. Niederdeutsche Sprachinseln im Mittleren Westen der USA
4. Niederdeutsch im Nationalsozialismus
5. Die niederdeutsche Kulturszene



2. Sprachliche Formelhaftigkeit/Phraseologie

2.1 Skizzierung des Gegenstandsbereichs

Zahlreiche sprachliche Äußerungen, beginnend mit Einheiten vom Umfang eines Satzliedes bis hin zu solchen im Umfang eines Textes oder gar eines Diskurses, sind als formelhaft zu bezeichnen. Dabei werden unter dem Begriff sprachliche Formelhaftigkeit alle vorgeformten Strukturen zusammengefaßt, die oberhalb der minimalen semasiologischen Komponenten des Morphems und des Wortes nachweisbar sind. Solche Strukturen sind stets mehr oder weniger formelhaft, d.h.: sprachliche Formelhaftigkeit ist ein gradueller Begriff. Formelhaftigkeit begegnet sowohl auf der mikro-, als auch auf der meso- und der auf makrostrukturellen Ebene von Texten. Von mikrostrukturellen Formeln ist die Rede, wenn diese die Satzgrenze nicht überschreiten. Dazu zählen verschiedene Typen von Phraseologismen, die üblicherweise den Kernbereich der Phraseologie ausmachen wie Paarformeln (z.B. klipp und klar) Verbidiome (z.B. das Kind mit dem Bade ausschütten), Sprichwörter (z.B. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm) oder Gemeinplätze (z.B. So jung kommen wir nie wieder zusammen), aber auch Routineformeln wie Höflichkeitsfloskeln (z.B. darf ich fragen, ob ...) oder Grußformeln (z.B. moin moin). Sprachliche Formelhaftigkeit auf Mesoebene liegt dann vor, wenn eine Formel aus einer satzübergreifenden Struktur besteht, nicht aber die Gesamtheit einer Äußerung umfaßt. Solche Strukturen finden sich z.B. ein wissenschaftlichen Abhandlungen, in liturgischen Texten oder in juristischen Texten (etwa: §1 Name und Sitz des Vereins Der Verein führt den Namen ... e.V.. Er ist in das Vereinsregister einzutragen. Sitz des Vereins ist...). Formelhafte Makrostrukturen hingegen konstituieren ganze Äußerungen. Solche finden sich überzufällig häufig in stark kanonisiereten Texten wie z.B. in Danksagungen, Familienanzeigen oder Abstracts wissenschaftlicher Arbeiten.

2.2. Forschung und Lehre

Die im Arbeitsschwerpunkt 'Sprachliche Formelhaftigkeit/Phraseologie' zu lokalierenden Forschungsaktivitäten sind vor allem durch folgende Themen geprägt:

1. Funktionen von Phraseologismen, insbesondere in der Argumentation
2. Elizitierung phraseologischer Daten
3. Syntaktische Strukturen von Phraseologismen
4. Formelhaftigkeit in der Jurisprudenz



3. Bedrohte Sprachen

3.1 Skizzierung des Gegenstandsbereichs

Eine Sprache bzw. eine sprachliche Varietät gilt dann als bedroht, wenn — vor allem durch politische und wirtschaftliche Faktoren — ein Druck auf die Sprachgemeinschaft entsteht, ihre Sprache zunächst in zunehmend weniger Domänen zu verwenden und dieselbe schließlich zugunsten der Sprache der sie umgebenden dominanten Kultur aufzugeben. Dies führt in aller Regel dazu, daß der ungesteuerte Spracherwerb abbricht und die Sprache nicht mehr an die Generation der Kinder weitergegeben wird.

Dieser Vorgang ist heute weltweit in einem Umfang zu beobachten, wie dies bisher wohl noch nie in der Geschichte der Menschheit der Fall war. Nach vorsichtigen Schätzungen werden von den ca. 6.500 Sprachen, die weltweit heute noch gesprochen werden, 60 - 70% im kommenden Jahrhundert aussterben. Da jede ethnische Gemeinschaft in ihrer Sprache und Kultur menschliches Denken und die Bewältigung der Aufgaben des menschlichen Lebens in einer ganz spezifischen Weise ausprägt und da kleine Sprachen nur ganz selten zureichend für die Nachwelt dokumentiert sind, gehen mit jeder Sprache geistige Werte von unschätzbarer Bedeutung unwiederbringlich verloren.

Nicht bedroht sind meist solche Sprachen, die innerhalb eines Staatswesens den Status einer Staatssprache erlangt haben. Bedroht sind demgegenüber in aller Regel Minderheiten- und Regionalsprachen. Minderheitensprachen definieren sich außer durch linguistische Gesichtspunkte vor allem über das Kriterium der Ethnie, weniger über ein Territorium. Zwar sind die weitaus meisten Minderheitensprachen einem Territorium eindeutig zuzuordnen - dies gilt z.B. für Sorbisch, Sardisch, Katalanisch, Nordfriesisch, das im Westen Namibias gesprochene Nama oder Ungarisch in Rumänien -, es gibt aber auch Minderheitensprachen ohne Territorium wie z.B. Romanes oder Jiddisch. Demgegenüber definieren sich Regionalsprachen außer durch linguistische Kriterien über das Territorium, in welchem sie verbreitet sind. Ihre Sprecher verstehen sich als ethnisch nicht verschieden von den Bewohnern benachbarter Regionen desselben Staates und zählen somit ethnisch zur Mehrheitsbevölkerung. Regionalsprachen in diesem Sinne sind z.B. Okzitanisch und Niederdeutsch.

Wenn die meisten der heute bedrohten Sprachen schon nicht zu erhalten sind, dann sollten dieselben in großer Zahl wenigstens umfangreich und mit den am weitesten entwickelten Instrumentarien dokumentiert werden und somit für die Menschheit zugänglich bleiben. Die dazu erforderlichen Maßnahmen stellen eine kaum zu bewältigende Herausforderung dar, deren sich die zuständige Wissenschaft, nämlich die Linguistik mit ihren verschiedenen Teildisziplinen, erst jetzt bewußt wird und auf die die nationalen und internationalen Kulturbehörden noch nicht vorbereitet sind. Mehrere nationale und internationale wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Institutionen, darunter auch die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft, die aus der Arbeitsgruppe 'Bedrohte Sprachen' hervorgegangene 'Gesellschaft für bedrohte Sprachen' und die VW-Stiftung als Geldgeber für ein weltweit operierendes Dokumentationsprojekt, haben sich dieser Aufgabe gestellt.

3.2 Forschung und Lehre

Die in diesem Arbeitsschwerpunkt zu lokalisierenden Forschungsaktivitäten beziehen sich seit einer Reihe von Jahren vor allem auf Dokumentationsprojekte zum Niederdeutschen und in jüngerer Zeit zu niederdeutschen Sprachinseln im mittleren Westen der USA sowie in einem erheblich geringerem Umfang auf das Saterfriesische und in einem Einzelfall auf das Nordfriesische.