Nachruf auf Alfred Noyer-Weidner
26. 12. 2001 ist Alfred Noyer-Weidner
plötzlich und unerwartet in Seefeld-Hechendorf verstorben.
Nach Ordinariaten für Romanische Philologie an den Universitäten Saarbrücken,
Wien und München wurde Alfred Noyer-Weidner 1972 auf den neu geschaffenen
Lehrstuhl für Italienische Philologie an der Universität München berufen, wo er
im gleichen Jahr das Institut für Italienische Philologie gründete, dem er bis
zu seiner Emeritierung 1986 vorstand. Er war Gründer und Ehrenvorsitzender des
Deutschen Italianistenverbandes. Er war Mitglied der Bayerischen Akademie der
Wissenschaften und Träger hoher deutscher, italienischer und französischer
Auszeichnungen. Er hat Bleibendes für sein Fach geleistet. Als unumstrittener
Doyen der deutschen Italianistik hat er dieser zu internationalem Ansehen
verholfen.
Alfred Noyer-Weidner war einer der letzten Romanisten, die ihr Fach in voller
Breite vertreten konnten. Schwerpunktmäßig war er zwar Literaturwissenschaftler
(seine Habilitationsschrift zur Aufklärung in Oberitalien ist bis heute ein
Standardwerk), gleichzeitig aber war er, der mit einer sprachhistorischen
Arbeit bei Gerhard Rohls promovierte, auch als Sprachwissenschaftler ausgewiesen.
Die Weite und Vielfalt seiner Forschungsinteressen deckte den ganzen Bereich
der Romania vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert ab; sie reichte von Dante
bis zu Ungaretti.
Zugleich aber wies sein breit gestreutes Schaffen auch markante Schwerpunkte
auf. Zu nennen sind hier zunächst seine Studien zur Lyrik des 18., 19., und 20.
Jahrhunderts mit Arbeiten zu den großen Autoren der französischen,
italienischen und rumänischen Literatur wie Chénier, Baudelaire, Eminescu,
Pascoli, Apollinaire und Ungaretti; des weiteren die zahlreichen Analysen zur
mittelalterlichen Epik, insbesondere zum altfranzösischen Rolandslied und zu
Dantes Divina Commedia. Aber auch der Erzählliteratur des 20. Jahrhunderts, und
hier insbesondere dem Werk von Albert Camus, hat er wichtige Untersuchungen
gewidmet.
In Anschluß an seine Ronsard-Studien aus den späten 60er Jahren trat seit den
70er Jahren die Erforschung von Problemen der Nachahmungspoetik und, engstens
damit verbunden, des Petrarkismus in den Mittelpunkt seines wissenschaftlichen
Interesses. Hier hat Alfred Noyer-Weidner vor allem mit seinen Studien zu
Petrarca, Bembo und Tasso Pionierarbeit geleistet und eine mittlerweile
blühende Forschungstradition angestoßen. Er hat – um einiges vor der im Gefolge
des Poststrukturalismus aufgekommenen Intertextualitätsdiskussion und ganz
anders als die positivistische Quellenforschung – gezeigt, wie sehr Literatur
sich dem Dialog mit vorausgegangener Literatur verdankt; er hat die lang
verkannte Poetik der 'imitatio' von den zählebigen Hypotheken des romantisch
geprägten Originalitätsdenkens befreit, einer neuen Wertschätzung zugeführt und
verständlich gemacht, wie sehr in der Lyrik der Frühen Neuzeit Kunstwollen,
ästhetische Innovation und reflektierter Traditionsbezug eine unlösbare
Verbindung bildeten.
Gerhard Regn (München)