Die Anbindung des "Werther" an Goethes Wetzlarer Aufenthalt war schon zu
dessen Lebzeiten so selbstverständlich, daß man den Erkenntnisweg, der
zu dieser Anbindung führte, bald gar nicht mehr wahrnahm. Da das Werk
von 1774 bis 1787 anonym erschien, d.h. weder ein Herausgeber sich
nannte noch von einem Werther etwas bekannt war, hätte man dem
Verfasser eigentlich gar nicht so leicht auf die Spur kommen sollen. Tatsächlich
jedoch war der Name Goethes schon nach wenigen Wochen in aller Munde.
Der Grund: der Selbstmord Werthers erinnerte auf das deutlichste an den
damals zwei Jahre zurückliegenden Selbstmord Karl Wilhelm Jerusalems,
und so fand man über dessen Wetzlarer Umfeld schnell heraus, daß nur
der Verfasser des "Götz von Berlichingen" als Autor infrage kam. Im
übrigen verbarg Goethe seine Autorschaft auch nicht. Schon 1775
deckte dann eine "Berichtigung der Geschichte des jungen Werthers", von einem Wetzlarer
verfaßt, das tatsächliche Geschehen mit den Anteilen Goethes,
der Kestners und Jerusalems (hier allerdings 'Werther' genannt)
weitgehend auf und zog bald auch den ersten 'Werther-Tourismus' nach Wetzlar
nach sich.
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Deckblatt der ersten Broschüre, die die biographischen
Hintergründe des "Werther" - schon weitgehend richtig -
beleuchtet. (Städtische Sammlungen Wetzlar)
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Goethes eigene Ausführungen in "Dichtung und Wahrheit" (1813) vervollständigten
das Bild, und die Goethe-Philologie des 19. Jahrhunderts hat auch noch die geringsten Spuren
seiner Wetzlarer Erlebnisse in dem Roman nachgewiesen.
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Goethe kam Mitte Mai 1772 nach Wetzlar (zur Vorverlegung der Werther-Handlung
auf das Jahr 1771 siehe unter GESTALTUNG).
Nach seinem Studium in Leipzig und Straßburg hatte er bei seinem Vater in
Frankfurt am Main eine Art praktischer Rechtsausbildung begonnen und sollte als
Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar weitere Erfahrungen sammeln. Daß
das wirklich der Fall war, ist allerdings zweifelhaft. Dieses Gericht, hauptsächlich
mit Erb- und Gebietsstreitigkeiten unter den deutschen Territorien befaßt, wurde
damals gerade inspiziert und neu geordnet und ging bereits vier Wochen nach Goethes
Ankunft in die Ferien. Für denRoman spielt es auch nur insofern eine Rolle,
als bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse, die
Werther in der 'Stadt' und später in den Diensten des Grafen C*** vorfindet,
den Wetzlarer Verhältnissen nachgebildet sind. Wetzlar selbst ist
in dem Roman eigentlich nicht zu identifizieren, ja nicht einmal ein Land
oder eine Landschaft sind zu erkennen. Da Goethe bei seinen Schilderungen
aber natürlich Wetzlar vor Augen gehabt hat, ist es richtig, sich die
Werther-Handlung vor diesem Hintergrund vorzustellen.
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"Die Stadt ist selbst unangenehm..." - Wetzlar aus westlicher
Richtung, vorn die Einmündung der Dill in die Lahn. Stich von 1802.
(Stadtarchiv Wetzlar)
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Der Blick auf Wetzlar heute. Vom besseren Zustand der Häuser abgesehen,
dürfte der Eindruck zur Goethezeit ähnlich gewesen sein.
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