Beliebt, doch nicht ganz einwandfrei:
Fontanes Effi Briest (1894)

In: (K)ein Kanon. 30 Schulklassiker neu gelesen.
Hrsg. von K.-M. Bogdal und C. Kammler.
München 2000. S. 84-88.

Fontane, ja gewiß - aber muss es Effi Briest sein? Bietet nicht Irrungen Wirrungen die wahrere, Frau Jenny Treibel die deftigere, L'Adultera die erfreulichere Geschichte? Doch Effi Briest kennt jeder, kann jedenfalls jeder nennen, und weil Bekanntheit immer auch motiviert und diesen Roman nicht zu kennen auch wiederum zu wenig wäre, kann ruhig mit ihm der Anfang gemacht werden.  

Die Geschichte, der 'plot', ist ungewöhnlich genug. Eine junge Adlige, mit 17 Jahren an einen zwanzig Jahre älteren Mann verheiratet, bändelt ein Jahr danach, kaum, dass sie ihr erstes Kind geboren hat, mit einem noch wiederum älteren Freund ihres Mannes an, kann sich zu ihrer Erleichterung - man zieht um - nach ein paar Monaten von ihm lösen und hat die Affäre bald vergessen. Da jedoch, sieben Jahre später, entdeckt der Mann den Ehebruch, erschießt den vormaligen Liebhaber im Duell, verstößt seine Frau, und sie stirbt binnen vier Jahren an gebrochenem Herzen. Ungewöhnlich genug - denn wirklich zugetragen, das muss einer verbreiteten Fehleinschätzung entgegen gehalten werden, hat sich der Fall nicht. Else von Plotho, die spätere Baronin von Ardenne, heiratete ihren Mann nicht mit 17, sondern erst mit 19, und er war auch nur fünf und nicht zwanzig Jahre älter als sie. Auch hatte sie ihr Verhältnis nicht nach einem, sondern nach zwölf Jahren Ehe, und ihr Mann erschoss den Liebhaber nicht sehr viel später, sondern als das Verhältnis noch andauerte. Und auch dies noch: nach der Scheidung zog sich die Frau, wie Fontane auch wusste, keineswegs aus dem Leben zurück, sondern wurde berufstätig und starb erst 1951, im Alter von 99 Jahren.1)  

Was ist aus den Unterschieden zu folgern? Fontane wollte eine Frau, die bei ihrem Ehebruch jung, ahnungslos, fast noch ein Kind ist und die dafür büßen sollte erst, als längst alles vorbei ist. Er wollte also eine harmlose, nahezu unschuldige Ehebrecherin auf der einen und einen grausam-unnachsichtigen Ehe- und Ehren-Mann auf der anderen Seite, und wessen Partei wir ergreifen sollen und müssen, kann keine Frage sein. Allerdings tut er hier doch mitunter des Guten zu viel. Siebzehnjährige Schülerinnen und Schüler, gegen den Jugendcharme Effis weitgehend immun, finden sie leicht ein bisschen skrupellos: schon in der Art, wie sie sich zu verheiraten bereit ist - Hauptsache, der Mann ist von Adel, hat eine gute Stellung und sieht gut aus, selbst der vormalige Verehrer der Mutter darf es dann sein -, dann aber auch, wie sie sich auf Crampas einlässt und raffiniert genug ist, das Verhältnis vor ihrem Mann vollständig zu verbergen. Jungen nehmen |S.85:| hier, wenn sie die Zusammenhänge erst einmal realisiert haben, notwendig einen Abgrund von Tücke wahr, sodass Fontanes Mitleid mit ihr doch so ganz nicht gerechtfertigt erscheint. Und wie soll man sich zu ihrer Großmut stellen, mit der sie am Ende von Innstetten sagt, er sei "so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist"? Wann - für wen - empfindet sie selbst die "rechte Liebe"? Für Rollo, ihren Hund, so ließe sich böse feststellen, und es fällt schwer zu begreifen, warum Fontane der 'armen Effi' nicht wenigstens an dieser Stelle ins Wort fällt.  

Von des Autors Parteinahme für seine Hauptfigur abzusehen wäre also unrichtig, so wie es unrichtig wäre, in ihr überhaupt einen "Charakter" zu sehen, d.h. einen Menschen, den man sich in seiner Konsistenz oder Entwicklung durch den Roman hindurch erschließen könnte. Effi ist kein Charakter, sie ist ein Idol, eines dieser jugendlich-erotischen Geschöpfe, wie es dann auch Lulu oder Lolita sein werden, nur dass Fontane diese Kindfrau noch ganz unbefangen, geradezu entzückt, vor sich und sein Publikum hinstellen kann. Und wie entzückt dieses war! Die Bereitschaft, über das Regelwidrige von Effis Verhalten hinwegzusehen, war so allgemein, dass selbst sogar Fontane, an Zustimmung zu seinen 'Frauen mit Knacks' nicht gewöhnt, sich darüber wunderte und fragte, wieso alle Welt mit ihr sympathisiere und von Innstetten, diesem 'ausgezeichneten Menschenexemplar', gar als einem 'alten Ekel' sprach.2) Das Angebot war einfach zu verführerisch: in einer Zeit, wo sich die jungen Frauen ihre Ehemänner mehr und mehr selbst und nach Neigung aussuchten, wo es kaum mehr schicklich, also auch nicht möglich war, ein Mädchen aus gutem Hause mit 17 Jahren vor den Traualtar zu führen, da braucht der Mann hier nur mit dem Finger zu schnippen, und so ein junges Ding wird ihm - hübsch erhitzt - von der Schaukel geholt und knickst auch noch dankbar vor dem, der 'eigentlich ihr Vater sein könnte'. Goldene Zeiten, vermeintlich jedenfalls, denn Fontane denkt nicht daran, hier etwas unrichtig zu finden, nicht an Effi, nicht an ihren Eltern, und an Innstetten nur soviel, daß er mit dem Bonbon, das ihm da gereicht wird, nicht umzugehen weiß. Aus Frauensicht aber: so ein Bonbon ist man, darf man sein, all das moderne Gerede von Selbständigkeit, Verantwortlichkeit, Emanzipation ist Unfug, denn wer als Mann an einem solchen Angebot vorbeigeht, bestraft sich nur selbst und kann nur unglücklich werden. 3)  

Wenn aber als real zu denkender Mensch Effi nicht infrage kommt - was dann? Realität hat alles, was neben ihr, um sie herum, durch sie hindurch stattfindet, und dies ist noch immer genug. Schon die Lebendigkeit der Szenen in Hohen-Cremmen, die Gespräche zwischen den Freundinnen, die Hochzeitsvorbereitungen, die Hakeleien des Ehepaares Briest - wo sonst noch kann man so in das 19. Jahrhundert zurückblicken und immer empfinden, |S.86:| dass man sich zwischen wirklichen Menschen bewegt? Sogar Witze werden gemacht, echte, etwa wenn der alte Briest sagt, Pastor Niemeyer sehe aus wie Lot (laut Bibel der Schwängerer seiner beiden Töchter) und seine Frau dazu bemerkt, es sei dies eine "grenzenlose Rücksichtslosigkeit gegen Hulda", auch wenn zum Glück Niemeyer nur diese eine Tochter habe, "dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen". Oder später, als Briest die Mitteilung, Effi habe sich vor Innstettens Zärtlichkeiten zeitweilig fast gefürchtet, etwas vorlaut mit "Kenn ich, kenn ich" kommentiert und seine Frau ihn anblafft: "Was soll das heißen, Briest? Soll ich mich gefürchtet haben oder willst du dich gefürchtet haben? Ich finde beides gleich lächerlich".  

Doch auch die Kessiner Sphäre, Innstettens Sphäre, hat viele lehrreiche Seiten. Wie ein Landrat schon damals herumreisen, auf seinen Ruf achten und - Obrigkeitsstaat hin oder her - sich beliebt halten muß, wie in dieser engen, normengefaßten Welt alles 'Andere' beargwöhnt, ein Chinese gar zur Spukgestalt wird, und wie es doch zumal nur eben die 'anderen' oder auch nur die einfachen Leute sind - ein Apotheker, eine Sängerin, die Dienerin Roswitha -, die sich die richtigen Maßstäbe bewahren und über das richtige menschliche Urteil verfügen. Von einer Bezichtigung dieser 'Gesellschaft' hält sich Fontane aber gleichwohl fern. In dem zu recht berühmten Gespräch zwischen Innstetten und Wüllersdorf über die Notwendigkeit des Duells werden auch die Zwänge, unter denen die Etablierten stehen, eindrucksvoll sichtbar gemacht, am eindrucksvollsten vielleicht darin, dass auch noch dieses privateste Gespräch geführt wird wie vor Publikum. Könnte Wüllersdorf nicht einfach sagen: "Lassen Sie mal die großen Worte, Innstetten, Sie sind eifersüchtig, und so gut ich Ihnen das nachempfinden kann, seien Sie ein Mann und schlucken Sie's runter, jeder hat da mal was zu tragen" usw.? Doch das verbietet sich, Form und Förmlichkeit bestimmen noch den intimsten Austausch, und so erkennt man, wie einsam diese Menschen im Grunde sind. Vorsätzlich böse wirkt nur die Art, wie man Effi ihr Kind entzieht, hier klagt Fontane wirklich an, und vielleicht haben Darstellungen wie diese sogar dazu beigetragen, daß sich in dieser Hinsicht tatsächlich nach und nach etwas geändert hat.  

Und sonst? Was ist mit dem Kunstcharakter, dem 'Kunstwerk' Effi Briest? Folgte man der Fachliteratur, so müsste hierauf sogar das Hauptaugenmerk liegen, immer noch und immer wieder werden neue Erkenntnisse dazu vorgelegt. Das Ergebnis ist nur ganz furchtbar, alles und jedes soll mit einem Hintersinn behaftet sein. Da soll Effi 'eigentlich' die Jungfrau Maria und ihre Tochter Anni Jesus Christus sein, oder man diagnostiziert einen Kampf der Luft gegen das Wasser oder einen Kampf der Zahl drei gegen die Zahl sieben oder der Farben blau /grün gegen die Farben rot /gelb, von soundsovielen Einzelbefunden gar nicht gesprochen.4) |S.87:| Gewiss, Fontane hat auf die "tausend Finessen" seiner Romane gern hingewiesen. Nur hat Guthke sehr richtig dazu bemerkt, dass manches davon weniger Kunst als Künstelei ist, man also besser darüber hinwegläse, und daß die Mehrzahl dieser Befunde gar keine sind, weil sie nur der Phantasie der Interpreten entspringen.5) Und wo nicht, was hat man von ihnen? Diese Art Finde-Ehrgeiz hat längst - nicht bloß bei Fontane - aus den Augen verloren, was mit solchen Ergebnissen überhaupt anzufangen ist. Was beweisen sie? Sind Romane, bei denen man alles mögliche durch drei teilen kann, irgendwie besser? Oder soll man vielleicht instand gesetzt werden, ähnlich raffinierte Texte zu verfassen? Glasperlenspiele, wirklich wie bei Hesse, nur daß sie noch nicht einmal Spaß machen und jedes Kreuzworträtsel mehr Bildungswert besitzt. 

Verwendbar in dieser Hinsicht ist nur, was auch das Verständnis des Romangeschehens beeinflusst, wirklich das Urteil darüber mitbestimmt. Effi und ihre Schaukel z.B. - Inbild der ihr eigenen Leichtigkeit und auch Leichtsinnigkeit, die später, wo es um ihre Moral geht, deshalb dann nicht mehr ausgeführt zu werden braucht, ganz so gefällig dort aber auch nicht hätte ausgeführt werden können. Oder der Spuk mit dem Chinesen, von Fontane nirgendwo ganz aufgeklärt, sodass er etwas Unheimliches in die Kessiner Welt auch für den Leser hineinträgt und man gleichsam mit Effi aufatmet, wenn dieser Schauplatz wieder verlassen werden kann. Und schließlich auch noch die vielen Berührungen des Themas Ehebruch. Nicht eigentlich Vorausdeutungen übrigens, wie oft gesagt wird, da ein 'Voraus' darin ja nur für den liegen könnte, der den Ablauf schon kennt, sie für so jemand aber natürlich nicht berechnet sind. Richtiger sind es atmosphärische Einstimmungen auf das, was dann geschieht, schon anfangs beim Spiel der Mädchen mit dem Motiv von Schuld und Strafe, dann in den Gedichten, von denen Crampas spricht, auch in seinem 'Vorleben' natürlich und in dem von ihm einstudierten Schritt vom Wege, der dann 'wirklich zustande kam', wie es heißt - alles Einstimmungen eben, damit das Ereignis selbst, als es eintritt, nicht mehr erzählt werden muss. Hier hat die Motivwiederholung einen klar zu bestimmenden Zweck: sie soll uns etwas 'naheliegend' erscheinen lassen, was so naheliegend den Umständen nach gar nicht ist und was Effi schwerlich so unbeschadet davonkommen ließe, würde es tatsächlich - man denke an Madame Bovary - vor uns behandelt werden.  

Gleichwohl, die 'Kunst' Fontanes, das, was Thomas Mann veranlasste, den Roman "zum Weinen schön" zu nennen6) , liegt in etwas anderem. Es liegt in seiner Sprache, in dem unauffälligen Gleichmaß und Wohllaut seiner Sätze, einem Erzählen ohne alle Härten, Ecken und Kanten. "Ich bilde mir nämlich ein, ein Stilist zu sein", schrieb er einmal, und immer wieder hat er die Mühe betont, die er sich mit dem Feilen und Runden gebe |S.88:| und worauf es dabei eigentlich ankomme: auf die kleinen Wörter und Wendungen, die Übergänge, den Rhythmus, bis dass sich alles zu einem Ganzen fügt.7) Auch in seiner Prosa ist Fontane im Grunde ein Lyriker geblieben, der 'gute Ton' ging ihm über alles.  

Und dieses Melodiöse ist es auch, was dem Roman seine zwingende Eindringlichkeit gibt. Letztlich ist Effi Briest ein Lied, ein Lied vom Geborgensein im Elternhaus, von Auszug, Wirrsal, Heimweh und Heimkehr, so wie "Am Brunnen vor dem Tore", wo der Lindenbaum über die Lebensreise hinweg Geborgenheit auch noch für das Ende verspricht. Denn als Effi nach dem wiederholten "Effi, komm!" in ihr Elternhaus zurückkehrt, wird sie gegen alle Wahrscheinlichkeit wieder zum Kind, trägt wieder so ein blau-weißes Kittelkleid wie mit sechzehn, schaukelt im Garten und wird dort - unter dem Rondell - auch beerdigt. Und so, wie man beim Lied vom Lindenbaum nicht darauf sieht, dass man neben einem Brunnen nicht sein Grab haben konnte, niemals, so sieht man hier nicht darauf, dass man in Preußen nicht einfach im eigenen Garten bestattet werden konnte, unter gar keinen Umständen, und warum auch zumal hier, wo der Kirchhof gleich nebenan liegt. Liedern rechnet man solches nicht vor, es singt sich so schön, es denkt sich so schön, und wo immer Sprachsinn und Sprachvermögen dafür ausreichen, ist es gut, auch dies im Deutschunterricht zu vermitteln.  


 
1) Die sorgfältigste Darlegung des biographischen Hintergrundes liefert Franke, Manfred: Leben und Roman der Elisabeth von Ardenne, Fontanes "Effi Briest". Düsseldorf 1994. Hier kommt auch heraus, dass man wegen der Andersartigkeit der Fälle den Bezug auf die eigene Familie in den Häusern Plotho und Ardenne gar nicht bemerkt hat. Der Titel der Schrift ist deshalb also eigentlich irreführend.

 
2) Fontane an Colmar Grünhagen am 10.10. 1895, an Clara Kühnast am 27. 10. 1895 u.a. In: Erläuterungen und Dokumente zu "Effi Briest". Hrsg. Von W. Schafarschik. Stuttgart 1972.


3) Die gesamte Kindfrau-Thematik und das Unrealistische daran schon bei Bernd W. Seiler: "Effi, du bist verloren!" Diskussion Deutsch 19/ 1988. S. 586-605 (Volltext).

4) Die gründlichsten Gesamtanalysen liefern Grawe, Christian: Th.F. "Effi Briest". Frankfurt a.M. 1985 und Hamann, Elsbeth: Th. F. "Effi Briest", München 1988.

5) Guthke, Karl S.: Fontanes "Finessen" - 'Kunst' oder 'Künstelei'? Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft 26 (1982), S.235-261.

6) Tagebucheintrag vom 18.11.1951. Thomas Mann: Tagebücher 1951-1952. Hrsg. Von I. Jens. Frankfurt a.M. 1993. S. 137.

7) Fontane an Gustav Karpeles am 3.3.1881 und 18.8.1880, an Ludwig Burger am 10.5.1868, an Rudolf von Decker am 16. März 1869, an Wilhelm Herz am 26. September 1885, an Moritz Lazarus am 3. 8. 1889 usw. Alle in Th.F. Der Dichter über sein Werk. Hrsg. von R. Brinkmann. 2 Bde. München 1977 (dtv).
 
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©Bernd W. Seiler, Februar 2000