Teil 2
Tomislav Volek und Elisabeth Johnson
S. 28 bis 37

Indessen ist die Wahrheits-Frage nur die eine Seite der Sache, die andere die, dass dies alles auch eine Person betrifft. Nicht in erster Linie Elisabeth Johnson, die schon eigentlich durch Uwe Johnsons Testamentserklärung vom Vorwurf der Geheimdienst-Tätigkeit freigesprochen worden ist, sondern ihren Prager Bekannten, Freund, Geliebten, was immer er war. Sein Name ist zwar öffentlich bisher nicht genannt worden, aber natürlich weiß man im vormaligen Bekanntenkreis der Johnsons, um wen es sich handelt. Dieser Mann - ein 'Spezialist für ältere Musikgeschichte', wie von Bernd Neumann preisgegeben16) - hat bei einem Besuch in Deutschland in den späten 90er Jahren zufällig aus der Zeitung erfahren, wessen Uwe Johnson ihn beschuldigt hat, und es hat ihn ebenso überrascht wie empört. Er versuchte zunächst mit Elisabeth Johnson Verbindung aufzunehmen, einfach um ihr mitzuteilen, dass er 'das Schwein' nicht war, als das er in diesem Zusammenhang dargestellt wird, doch dieser Versuch misslang. Elisabeth Johnson lebt seit der Wiedervereinigung zurückgezogen in Mecklenburg, dem Land, aus dem sie - in Schwerin geboren - auch stammt, und ist dort nur für Eingeweihte erreichbar. Und so wie sie für ihn nicht zu erreichen war, wollten sich auch verschiedene Johnson-Vertraute, an die er sich über das Internet wandte, mit seiner Rehabilitierung nicht befassen. Für ihn sah es wie verabredet aus: die deutsche Literaturwissenschaft oder die Johnson-Gemeinde einig in dem Vorsatz, die Agenten-Geschichte am Leben zu erhalten, weil alles andere dem Bild Uwe Johnsons möglicherweise abträglich wäre. Selbst Elisabeth Johnson teilte ihrem früheren Freund über eine Anwältin schließlich mit, er möge den Vorwurf der Spitzel-Tätigkeit auf sich beruhen lassen, allenfalls könne er ja dem Uwe-Johnson-Archiv für spätere Zeiten ein Dementi zustellen. Nur: wer möchte im Bewusstsein seiner Unschuld zu einer solchen Anschuldigung schweigen? Und weil es dabei natürlich auch um die Wahrheit geht, soll das darüber zu Wissende hier nun mitgeteilt werden.
Der Mann, den der Fall betrifft, heißt Tomislav Volek, geboren am 11. Oktober 1931 in Prag, Musik-Historiker, Mozart-Forscher und als solcher auch in dem renommierten britischen "New Grove Dictionary of Music and Musicians" von 2001 verzeichnet.17) Die Prager Zeitschrift für Musikwissenschaft, die ihm aus Anlass seines 70. Geburtstages ein eigenes Heft gewidmet hat, zählt über 300 Veröffentlichungen von ihm auf, ein halbes Dutzend Bücher, 80 Aufsätze, eine ähnliche Menge an Rezensionen, dazu Kommentare zu Schallplatten-Editonen, Artikel für Nachschlagewerke, Tagungsbeiträge - ein reiches wissenschaftliches Werk zur Musikgeschichte im ganzen und zu der des 18. Jahrhunderts und der Böhmens im besonderen. Die Internationale Stiftung des Mozarteums Salzburg ehrte ihn 1992 mit einer Silber-Medaille. 18)
Dass Volek bei diesem Fachgebiet Verbindungen zu ausländischen Wissenschaftlern unterhielt, versteht sich von selbst, nach Österreich hin sowieso, aber natürlich auch nach Deutschland und damit für die Zeit der Teilung vor allem nach Leipzig, dem Zentrum der Musikwissenschaft in der DDR. Zustatten kam ihm dabei, dass er schon auf der Schule Deutsch gelernt hatte, im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren unter deutscher Besatzung, doch darum nicht unwillig. Zwar hatte man ihm, bevor er 1941 Gymnasiast werden durfte, den Schädel vermessen und ihn dabei nur knapp als noch bildungsbefugt eingestuft, doch war ihm Deutsch schon als Kind durch seinen Großvater als die Sprache Thomas Manns ans Herz gelegt worden. Dieser Großvater war mitbeteiligt, als dem aus Deutschland ausgebürgerten Thomas Mann 1936 in der kleinen böhmischen Stadt Prosec Heimatrecht gewährt wurde und er damit einen tschechischen Pass bekam, wie dankbar von ihm immer in Erinnerung behalten. Volek wollte Deutsch so gut lernen, dass er diesen Autor einmal im Original würde lesen können, und wirklich ist ihm dies mit den Jahren auch gelungen.
Es war Ende Oktober 1961, als sein Leipziger Assistentenkollege Eberhardt Klemm mit zwei Studentinnen der Indologie in Prag auftauchte, der 25jährigen Erika Jäckel, später verheiratete Klemm, und der 26jährigen Elisabeth Schmidt, dann verheiratete Johnson. Elisabeth Schmidt wollte für ein Semester in Prag studieren, und Volek wurde angetragen, sich ein bisschen um sie zu kümmern. Gedacht hat sich Klemm dabei nichts, und dies um so weniger, als ihm selbst an dieser Elisabeth gelegen war.19) Volek war vier Jahre älter als sie und verheiratet, etwas anderes als eine Bekanntschaft schien nicht infrage zu kommen. Doch wenn zwei sich mögen, kommt alles infrage, und so wurde aus der Bekanntschaft schnell ein Liebesverhältnis. Für Volek war die ruhige, nachdenkliche, aber auch überraschend selbstbewusste junge Frau eine unerwartete Erfahrung: eine Deutsche, die unter den Auswirkungen des Dritten Reiches gelitten hatte. Ihr Vater war 1944 gefallen, die Mutter 1945 gestorben - als Kind derjenigen, die er als Eroberer und Besatzer kennengelernt hatte, war sie in den Schuldvorwurf gegen ihr Volk offenbar nicht ohne weiteres einzubeziehen. Für einen Tschechen seiner Generation war das eine nicht selbstverständliche Einsicht.
Für Elisabeth Schmidt ist zu diesem Verhältnis nicht viel zu erklären. Uwe Johnson, mit dem sie seit 1956 befreundet war, lebte seit drei Monaten unerreichbar für sie in Berlin hinter einer Mauer, es war durchaus ungewiss, ob sie ihn je wiedersehen würde. Und dieser offene, herzliche, für einen Intellektuellen ungewohnt unkomplizierte Mann, der ein so putziges Deutsch sprach, ließ sie so gelten, war so unanstrengend, dass sie sich neben ihm einfach wohl fühlte. Dass er verheiratet war und die Beziehung ihren Prager Aufenthalt nicht überdauern würde, war ihr vermutlich nur recht, um so weniger konnten sich daraus Komplikationen für sie ergeben. Einmal wollte ein Bekannter von Volek Johnsons "Mutmaßungen" von ihr haben, und auch Volek zeigte Interesse. »Dafür reicht dein Deutsch nicht aus«, beschied sie ihn knapp. Das hätte ihr noch gefehlt, dass sie sich mit ihm über Uwe Johnson würde unterhalten müssen! Volek führte sie ins Konzert, in die Oper, erklärte ihr Prag, es war gerade das ganz andere, was ihr an dieser Freundschaft gefiel.
Zu Weihnachten 1961, also bereits nach acht Wochen, kam die Trennung. Elisabeth Schmidt reiste aus Prag wieder ab, ihre Ausschleusung in den Westen stand bevor. Mitte Februar 1962 gelangte sie mit gefälschten Papieren über Berlin und Dänemark nach Frankfurt am Main und wurde dort am 27. Februar Uwe Johnsons Frau. Für Volek war sie damit nicht mehr erreichbar, die Beziehung hätte für immer zu Ende sein können. Doch Elisabeth Schmidt, nun Johnson, schrieb an ihn, wünschte, dass er ihr zurückschrieb, und so entwickelte sich eine locker geführte, freundschaftliche Korrespondenz. In Erinnerung an die verschiedenen Male, da er sie in Prag eingeladen hatte, schickte sie ihm auch hin und wieder ein Buch, aber stets doch so, dass Uwe Johnson davon nichts erfuhr. Zwar gingen Voleks Briefe an sie immer offen an ihre Adresse, doch war die eingehende Post anscheinend regelmäßig ihre und nicht seine Angelegenheit, sodass er von der Korrespondenz nichts erfuhr.
Im Sommer 1963 fragte der tschechoslowakische Komponisten-Verband unerwartet bei Volek an, ob er im folgenden Jahr mit einer kleinen Delegation zu einem musikwissenschaftlichen Kongress nach Salzburg mitfahren wolle, er könne dort etwas zur Rolle der slawischen Völker in der Musikgeschichte Europas vortragen.20) Volek war 32 Jahre alt und noch nie im Westen gewesen, die Einladung bedeutete für ihn eine hochwillkommene, geradezu triumphale Aufwertung. Was er nicht wusste: auch die Staatssicherheit interessierte sich für diese seine Reise, sein Briefwechsel mit Elisabeth Johnson war mitgelesen worden und hatte einen bestimmten, im Weiteren noch zu erklärenden Verdacht erregt. Dieser Verdacht verstärkte sich, als Elisabeth Johnson, von dem für September 1964 anstehenden Salzburg-Aufenthalt unterrichtet, Volek kurzfristig ihr Eintreffen dort ankündigte. Ob er am 1. September um 12 Uhr auf dem Bahnhof stehen könne, fragte sie an, es könne sein, dass da jemand einträfe, der seine Art, deutsch zu sprechen, gern wieder hören würde. Was die Staatssicherheit aus dieser sorgfältig von ihr aufgezeichneten Botschaft herauslas, liegt im Dunklen, für Volek war klar, er würde Elisabeth Johnson wiedersehen.
Sie kam auch wirklich und es folgten ein paar beglückende, aber auch aufregende Tage. Volek als Mitglied einer Delegation stand natürlich unter Beobachtung; in solchen Fällen fuhr immer jemand mit, ein 'Äuglein', wie man im Tschechischen sagt, der der Staatssicherheit zu berichten hatte. Die Frau, die es in diesem Falle war, ließ sich aber leicht identifizieren, Volek musste nur darauf achten, sich ihrer Kontrolle zu entziehen. Bei den Gängen vom Hotel durch die Salzburger Innenstadt gelang ihm das von Tag zu Tag besser, immer wieder, so dann ihr Bericht, kam er ihr auf dem Weg zu der Tagungsstätte abhanden und tauchte erst Stunden später oder gar erst am Abend wieder auf. Die Genauigkeit in der Registrierung seines Verhaltens lässt im nachträglichen Aktenstudium keinen Zweifel, dass es die Staatssicherheit besonders auf ihn - Volek - abgesehen hatte, nur dass ihm dies damals nicht im Traum eingefallen wäre.
Ob Uwe Johnson von der Reise seiner Frau nach Salzburg - ohne die zweijährige Tochter Katharina - unterrichtet war, ist nicht bekannt. Er war Anfang September in Mölln, Ratzeburg und anderen holsteinischen Städten unterwegs, um nach dem bestgeeigneten Schauplatz für "Zwei Ansichten" Ausschau zu halten. Am 10. September mietete er sich dann mit Frau und Tochter in der Pension "Lindenhof" am Salemer See (bei Ratzeburg) ein, wo die Familie bis zum 22. September blieb.21) Von dem Treffen mit Tomislav Volek erfuhr er aber natürlich nichts, die vielen Verpflichtungen, die er als inzwischen arrivierter Autor hatte, ließen ihn auf die Wege seiner Frau wohl auch nicht besonders achten.
Mitte November 1965 kam es dann noch einmal zu einer Begegnung. Volek war von Robert Münster von der Musik-Abteilung der Bayerischen Staatsbibliothek zu einem Studienaufenthalt nach München eingeladen worden und verband dies mit einer Reise über mehrere westdeutsche Städte bis hinauf nach Lübeck. West-Berlin stand eigentlich nicht auf seinem Programm, doch Elisabeth Johnson bot ihm an, ihm von Hannover aus einen Flug zu bezahlen, und so wurde ein kurzer Abstecher dorthin möglich. Komplikationen bei ihr zu Hause waren deshalb nicht zu befürchten, Uwe Johnson befand sich in dieser Zeit mit den neu erschienenen "Zwei Ansichten" in Westdeutschland auf Lesereise.22) Die Stimmung jedoch war gedrückt. Elisabeth Johnson wirkte unglücklich, auch ein abendlicher Opernbesuch konnte sie nicht aufheitern. Schon am Nachmittag des nächsten Tages flog Volek nach Hannover zurück, seine Reise-Genehmigung war ohnehin zeitlich eng begrenzt. Bei der Abfertigung auf dem Flughafen Tempelhof wäre beinahe noch das Unglück passiert, dass der Beamte Voleks Pass gestempelt und so dessen Um- oder Abweg auch den tschechischen Behörden angezeigt hätte. Gerade noch rechtzeitig konnte er eingreifen und bekam ersatzweise dann seinen Stempel auf eine Zeitung gedrückt - in West-Berlin wusste man, was man bei Reisenden aus dem Osten für Rücksichten zu nehmen hatte.
Der Briefwechsel mit Elisabeth Johnson wurde auch nach dem Berlin-Besuch aufrecht erhalten, in lockerer Folge traf die eine und andere Nachricht in Prag von ihr ein. Nach Voleks Erinnerung - die Briefe selbst existieren zumeist nicht mehr - handelte es sich hauptsächlich um Eindrücke von ihren verschiedenen Aufenthaltsorten, abgefasst zumeist in einer ihr eigenen poetisch-melancholischen Tonlage. Aus New York z.B. schrieb sie ihm - von Mai 1966 bis August 1968 war sie ja mit Mann und Tochter dort -, wie fremd ihr das öffentliche Verhalten der Amerikaner sei. Ständig gäben sich die Menschen heiter, sorglos, zuversichtlich, und von einem Tag zum anderen komme jemand wegen eines Selbstmord-Versuchs ins Krankenhaus. Oder sie berichtete ihm von der Fortsetzung ihres Indologie-Studiums an der Columbia-Universität und fügte hinzu, dass sie über alle die Rosen in ihrem Leben am Ende stolpere. Aus England erreichte ihn 1973 eine schwermütige Betrachtung darüber, dass die Umstände, unter denen seine Söhne jetzt Russisch lernen müssten, dieselben seien, unter denen er einst Deutsch gelernt habe - ein Seitenblick natürlich auf den gescheiterten 'Prager Frühling'. Doch waren solche politischen Andeutungen die Ausnahme, Volek war der Freund, dem gegenüber sie vor allem von sich sprechen konnte und wollte. Von einem war deshalb überhaupt nie die Rede: von Uwe Johnson. Er oder gar sein Werk, da ist sich Volek sicher, kamen in den Briefen nicht vor.
Das änderte sich erst, als es im Mai 1975 zur Entdeckung dieser Verbindung durch Johnson kam.23) Wodurch, ist nicht bekannt, doch wenn sich Elisabeth Johnson, wie in seiner Testamentserklärung gesagt, nur 'verplappert' hat - und von einer Zufalls-Entdeckung spricht auch Tilman Jens24) -, so könnte das anzeigen, wie unverfänglich ihr dieser Kontakt damals schon erschien, wie wenig sie sich seinetwegen noch in acht nehmen zu müssen glaubte. Für Uwe Johnson jedoch brach eine Welt zusammen. Wie man weiß, nahm er sich die Sache in einer Weise zu Herzen, dass er regelrecht krank wurde und jahrelang über die empfundene Verletzung nicht hinwegkam. Obwohl Elisabeth Johnson sich sogar seiner Forderung nach einem umfangreichen schriftlichen Geständnis unterwarf - »in tagtäglichen Eintragungen« nach dem Muster der "Jahrestage", wie Tilman Jens registriert hat25)-, vermochte er sich nicht zu beruhigen. So hat sie ihn wegen der Unertragbarkeit seines Verhaltens im Frühjahr 1978 verlassen und ist nicht zu ihm zurückgekehrt.
Tomislav Volek erfuhr im Sommer 1975 von der veränderten Lage. Elisabeth Johnson bat ihn, ihr ihre Briefe zurückzuschicken, sie müsse ihren Mann von der Unbedenklichkeit dieses Briefwechsels überzeugen. Einen Geheimdienst-Verdacht betraf das jedoch nicht, kein einziges Mal ist durch sie oder dann auch durch Uwe Johnson dieser Verdacht Volek gegenüber geäußert worden. Was die Briefe angeht, war dieser allerdings zu einer Herausgabe nicht unmittelbar bereit. Zum einen hatte er sie nicht geordnet aufgehoben und befand sich gerade zu dieser Zeit beruflich und privat in anderen Nöten, als nach ihnen zu suchen. Zum anderen betrachtete er sie als sein Eigentum, als einen Teil seines Lebens, und wollte sich nicht ohne weiteres von ihnen trennen. Ein paar von ihnen allerdings holte er doch hervor, nahm sie mit in den Urlaub, um sich dort ihren Inhalt zu notieren, und wollte sie an Elisabeth Johnson schon abschicken, als ihm für diese Sendung ihre Adresse fehlte und er sie deshalb dann doch liegen ließ.
Uwe Johnson jedoch gab keine Ruhe. Da seine Frau die Briefe nicht erhielt, setzte er sich mit Anna Grass - der Frau von Günter Grass - in Verbindung, von der er wusste, dass sie über die Familie von Vladimir Kafka mit Volek Kontakt aufnehmen konnte, und bat sie um Unterstützung. Mit Vladimir Kafka (1931-1970), einem namhaften, auch für Grass tätig gewordenen Übersetzer, hatte Volek eine lange Freundschaft verbunden, in die auch dessen Frau Olga einbezogen war. Im Sommer 1977 teilte Anna Grass Johnson mit, dass sie Volek in Prag getroffen habe, und gab ihm für weitere Nachfragen die Adresse der Witwe des Übersetzers.26) Sie selbst hatte also nichts erreicht, oder genauer: ein Treffen hatte es gar nicht gegeben. Nach Voleks Aufzeichnungen hatte ihn zwar zu Pfingsten 1974 Olga Kafkova um ein Treffen mit ihr und Anna Grass in einem Prager Café gebeten, doch kann das mit einer Beauftragung durch Uwe Johnson noch nichts zu tun gehabt haben, und die beiden Frauen sind damals auch nicht gekommen. Ein weiteres - auch nur vereinbartes - Treffen mit Anna Grass jedoch hat es nicht gegeben, Volek hat sie lediglich bei der Beerdigung von Olga Kafkova im November 1977 einmal gesehen. Wahrscheinlich war ihr die Beteiligung an dieser Sache doch zu peinlich, und Uwe Johnson wurde mit einer Ausrede abgefunden.
Eingebunden in diese Nachforschungen und Aufklärungs-Bemühungen wurde aber Erika Klemm, Elisabeth Johnsons Leipziger Studienfreundin. Ohnehin mit Uwe Johnson in Brief-Kontakt, wurde sie im Sommer 1977 von diesem gedrängt, ihm die Briefe Elisabeths aus der Prager Zeit an sie zugänglich zu machen, und sie tat das auch.27) Und nicht nur das. Anfang Oktober 1977 reiste sie mit ihrem Mann auf Johnsons Bitte hin sogar selbst nach Prag, um Volek zur Herausgabe der von Elisabeth geschriebenen Briefe zu veranlassen. Volek erinnert sich an eine frostige, auch von Eberhardt Klemm kühl gehaltene Unterredung, die sich deutlich von dem freundschaftlich-lockeren Ton unterschied, in dem er sonst mit diesem verkehrte. Hielt Klemm die Ehe der Johnsons schon für so gefährdet, dass er sich zu Scherzen nicht mehr berechtigt sah? Oder verübelte er Volek noch nachträglich das Anbändeln mit jener Elisabeth, die er ihm damals als Studentin anvertraut hatte? Volek jedenfalls, ohnehin durch die dauernde Inanspruchnahme in dieser Sache gereizt, lehnte auch diesen Vorstoß ab und stellte nur allenfalls Fotokopien der Briefe - damals im Osten noch auf Kleinbild-Filmen - in Aussicht.
Zu dieser Zeit nämlich musste er sich bereits mit Uwe Johnson selbst auseinandersetzen - angerufen von diesem »über die Grenze«, wie nach dem "Dritten Buch über Achim" zu verdeutlichen ist, und also auch unter der Bedingung, dass es »unverhältnismäßig wenige Leitungen sind, die demnach leicht im Ohr zu behalten« waren.28) Mitten in der Nacht, um ein Uhr oder zwei, klingelte in seiner engen Wohnung das Telefon - auch seine Mutter lebte dort mit -, und es meldete sich mit Grabesstimme »Johnson«. Beim ersten Mal verstand Volek gar nicht gleich, um wen es sich handelte, doch die Anrufe wiederholten sich, und Mal um Mal musste er in Rücksicht auf seine Familie nachts heraus und das Gespräch wenigstens annehmen. Außer seinem Namen sagte Johnson freilich kaum mehr als: »Schicken Sie mir die Briefe meiner Frau«, Erklärungen oder Argumente nicht weiter anbietend. Damit geriet er bei Volek jedoch an den Falschen. Der wies seine Forderung ebenso dickschädelig zurück, wie sie erhoben wurde, ein Böhme lässt sich da nicht leicht übertreffen. Nur einmal allerdings verlief das Gespräch anders. Der Mann am Apparat nannte sich 'Dschonsen' und sprach von den 'letters of my wife', ohne auf Voleks Aufforderung, deutsch zu sprechen, weiter einzugehen. Da nannte ihn Volek auf Tschechisch einen Lügner und Agenten, woraufhin jener - offensichtlich verstehend - ihn seinerseits beschimpfte und dann auflegte. Die Staatssicherheit hatte Johnsons Anrufe also registriert und auf diesem Wege Näheres zu den in Rede stehenden Briefen zu erfahren gesucht.
Mitte Oktober 1977 erreichten diese Auseinandersetzungen ihren Höhepunkt, insofern nun auch Elisabeth Johnson bei Volek anrief. Jede Vertraulichkeit vermeidend, versuchte sie ihm zu erklären, dass die Briefe für den Fortbestand ihrer Ehe wichtig seien und er es ihr schuldig sei, sie herauszugeben. Volek hingegen, seine Überwachung vor Augen, mahnte sie, ihn in Ruhe zu lassen, er sei es leid, sich mit den Obsessionen eines 45-jährigen Psychopathen auseinandersetzen zu müssen. Was geschehen sei, sei geschehen, es könne durch die Rücksendung der Briefe nicht ungeschehen gemacht werden. Da tat sie ein Äußerstes und bot ihm Geld an, wie viel er für die Briefe haben wolle, fragte sie ihn am 12. Oktober 1977 am Telefon. Die arme Frau, möchte man denken, wie muss ihr das Zusammenleben mit Uwe Johnson auf der Kippe gestanden haben, dass sie dies über sich brachte. Für Volek allerdings war damit das Maß voll. Damit lösche sie alles aus, was ihre Freundschaft einmal ausgemacht habe, warf er ihr vor. Er werde ihr die Briefe schicken, aber das sei dann das letzte, was sie von ihm hören werde.
Seine Empörung ist in den Notizen, die er sich damals in seinem Kalender zu dem Gespräch gemacht hat, noch nachfühlbar, und sie sollte sich noch erhöhen, als wenige Tage später ein weiterer Anruf von ihr kam, er solle ihr die Briefe nicht schicken, jemand würde sie abholen. Hatten die dort in England den Verstand verloren? Ihm per Telefon praktisch einen Kurier anzukündigen, wo klar war, dass dies bei den Behörden weiteren Argwohn erregen musste? Doch was blieb ihm übrig: Er legte die herausgesuchten Briefe in einen Umschlag und wies seine Mutter an (sie versorgte, da er geschieden war, den Haushalt und die beiden Kinder), sie auf Nachfrage auszuhändigen. Einige Tage später, nach einem Wochenend-Ausflug mit der Familie, fiel ihm auf, dass die Briefe nicht mehr da waren. Waren sie abgeholt worden? Seine Mutter wusste von nichts, sie hatte mit niemandem gesprochen, und auch eine sorgfältige Suche förderte sie nicht wieder zu Tage. Volek konnte sich ihr Verschwinden nur so erklären, dass die Staatssicherheit in die Wohnung eingedrungen war und sie mitgenommen hatte. Die Wohnungstür hatte nur ein Kastenschloss, es war nicht schwer, es mit einem Dietrich zu öffnen. Der angekündigte Kurier erschien allerdings auch nicht, und auch von den Johnsons wurde Volek auf die Briefe nicht mehr angesprochen.
Eine letztes Mal hat er seiner Erinnerung nach an Elisabeth Johnson dann Anfang 1978 aus New York geschrieben. Er war von Barry S. Brook vom New Yorker Institut für Musik-Ikonografie dorthin eingeladen worden, nachdem er eine "Geschichte der tschechischen Musik in Bildern" publiziert hatte, die außer mit dem tschechischen auch mit deutschen und englischen Texten ausgestattet war.29) Eingedenk der Briefe, die er von ihr aus New York erhalten hatte, drängte es ihn, ihr seinen Aufenthalt dort seinerseits anzuzeigen. Eine Antwort erhielt er jedoch nicht. Zu dieser Zeit trat ja die Trennung des Ehepaares Johnson in England ein, und Elisabeth Johnson meldete sich nicht mehr bei ihm. Ebenso verzichtete dann Uwe Johnson bei seinem Besuch in Prag im Mai 1981 darauf, mit ihm Verbindung aufzunehmen. So blieben Volek die Nachwirkungen seines Verhältnisses zu Elisabeth Johnson lange verborgen. Erst zwanzig Jahre später erfuhr er, dass Uwe Johnson ihn beschuldigt hatte, als Agent des tschechischen Staatssicherheitsdienstes gegen ihn und sein Werk tätig geworden zu sein.
Eine solche Anschuldigung zu erheben war 1980 ebenso wirkungsvoll wie risikolos - ein Gegenbeweis war praktisch nicht zu führen. Selbst wenn Volek damals von der Anschuldigung erfahren hätte, wäre er machtlos gegen sie gewesen, denn wo hätte er sich Gehör verschaffen können und wer hätte ihm gegen das Zeugnis von Uwe Johnson und Siegfried Unseld geglaubt? Mit dem Zusammenbruch der östlichen Systeme nach 1990 hat sich das jedoch geändert. Die Unterlagen der Staatssicherheitsdienste sind wie für die DDR auch für die Tschechoslowakei öffentlich gemacht worden, ja hier sogar noch rückhaltloser als in dem von Datenschutzrücksichten geleiteten Deutschland. Sämtliche Namen der hauptamtlichen und informellen Mitarbeiter des tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienstes sind ins Internet gesetzt worden, unter Einschluss von Geburtsdaten, Decknamen, Dienstnummern, Verpflichtungszeiten und weiteren der Identifizierung dienenden Angaben.30) Den Namen Volek findet man in dieser Liste selbstverständlich auch, ein Dutzend Mal von Volek-Jan bis Volek-Vladimir, nur einen Tomislav Volek nicht. Und nicht nur das natürlich, sondern es entbehrt der Vorwurf der Spitzeltätigkeit gegen ihn überhaupt jeder Grundlage.

 
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©Bernd W. Seiler, Mai 2007