Einleitung
Die Forschungslage
S. 459 bis 462


Über die Ironie Thomas Manns, sollte man meinen, sei längst alles gesagt und über seinen Realismus doch jedenfalls oft genug gesprochen worden. Wozu dann also noch wieder ein Aufsatz zu diesem Thema? Der Grund ist die merkwürdige Unverbundenheit, die zwischen diesen beiden Kategorien besteht, ein Widerspruch fast, der die Frage erlaubt, ob sie überhaupt nebeneinander vorkommen können. Unter Realismus verstehen wir ja für gewöhnlich ein ernsthaftes, geradsinniges Erzählen, das uns die Dinge zeigen will, 'wie sie sind'. Unter Ironie hingegen verstehen wir eher eine die Dinge behelligende Form, eine Tendenz zum Spott oder gar zum Hohn, so daß uns hier zusätzlich zur dargestellten Wirklichkeit - oder eigentlich schon vor deren Wahrnehmung - die Meinung des Erzählers über sie bemerkbar wird und wir von ihr in einem bestimmten Sinne gegen jene eingenommen werden. Wie aber kann dann beides gleichzeitig vorliegen? Und wenn, was ist das für ein Realismus und was ist das für eine Ironie? 

Zunächst einmal sind das natürlich laienhafte, ungebildete Fragen, denen die Literaturwissenschaft längst durch vermittelnde Erklärungen zuvorgekommen ist, und natürlich auch hat die maßgebenden Stichworte für diese Erklärungen schon Thomas Mann selbst geliefert. Ironie, so sein Diktum in dem Vortrag "Die Kunst des Romans", Ironie bedeute insofern keinen Widerspruch zum Prinzip der darstellerischen Objektivität, als sie sich in ihrer umfassendsten Form auf schlechthin alles erstrecke, Distanz gegenüber allem sei, so daß sie im Gleichmaß ihres Abstandhaltens schließlich auch alles gleichmäßig zu seinem Recht kommen |S.460:| lasse. Wahre Ironie - und also auch seine Ironie - bedeute durchaus nicht Spott oder Hohn, sondern sie sei ein "heiter das Ganze umfassender Blick", die Haltung einer "von keinem Moralismus getrübten Sachlichkeit", ja das Prinzip der künstlerischen objektivität überhaupt.1) 

Soweit man ihm das nachgesprochen hat2), hat man freilich eines zumeist übersehen: daß uns das Ironische bei Thomas Mann doch ganz anders und viel unmittelbarer entgegentritt als bei den meisten anderen Autoren, auf die er sich zur Beglaubigung des so bestimmten 'ironischen Objektivismus' beruft. Ob Goethe oder Tolstoi, Fontane oder Flaubert - im Vergleich zu Thomas Mann erkennen wir bei ihnen doch allenfalls nur im Einzelfall und ausnahmsweise ironische Züge, und überhaupt eine höchst willkürliche Begriffsmodelung liegt ja wohl vor, wenn ausgerechnet die Ironie zur Kardinaltugend des realistischen Erzählens erhoben wird. Denn wenn wir uns schon dieses Begriffs zur näheren Kennzeichnung eines Stiles bedienen, so meinen wir ja gerade nicht den erzählerischen Normalfall eines gewissen Abstandes zu den Dingen, sondern wir meinen besondere Formen, und zumal bei Thomas Mann haben wir es mit einer solchen Form so durchgängig zu tun, daß man nicht einfach von einem gewöhnlichen realistischen Erzählduktus sprechen kann. Nicht zufällig wohl hat sich auch niemand bisher darum bemüht, die 'Objektivität' des Thomas Mannschen Werkes gerade über seine ironischen Züge nachzuweisen, sondern diese werden, wo es um den Realismus geht, eher übergangen. Ebenso wird umgekehrt, wo man sich der Ironie zuwendet, eher das Artifizielle, das über den Realismusrahmen Hinausgehende an seiner Darstellungsweise betont. Die ausschließlich begriffliche Annäherung der beiden Aspekte vermag also wohl nicht zu erklären, was es mit ihrem Verhältnis zueinander bei Thomas Mann auf sich hat.

Oder gibt es dieses Verhältnis gar nicht? Immerhin ist der gewöhnlichen Einschätzung, daß Thomas Mann zu den Realisten zu zählen sei, auch schon widersprochen worden, und zwar gerade in Hervorhebung seiner durchgängig ironischen Darstellungsweise. Besonders entschieden hat dies Klaus Jürgen Rothenberg getan. Mit Feindseligkeit fast, aber scharfsichtig und solide belegt, hat er nachgewiesen, daß es mit dem vermeintlichen Wirklichkeitsbezug und der vielgelobten Detailtreue des Thomas Mannschen Werkes nicht zum besten steht. Bei näherem Hinsehen, so sein Befund, zeige sich eigentlich immer nur eine Darstellung in Kontrasten, eine karikaturistische Verzeichnung der Wirklichkeit, und diese bestehe auch stets nur aus wenigen, immer schon bedeutungsmäßig |S.461:| eingeschränkten Elementen. Ob Gebäude oder Landschaften, ob Personen oder Gegenstände - immer begnüge sich Thomas Mann mit etikettenhaft einseitigen, undifferenzierten Kennzeichnungen, so daß von einer objektiven, das Ganze der Realität erfassenden Darstellung nicht die Rede sein könne. Und wie es bei ihm keinen Realismus in der Gestaltung gebe, so gebe es auch keinen Realismus der Gesinnung. Tatsächlich habe Thomas Mann der Wirklichkeit gerade nicht unbefangen gegenübergestanden, sondern sich vor ihr schwach und unwert gefühlt und sie deshalb ironisch herabgesetzt. Diese seine Neigung, sich für sein Leiden am Leben durch Ironie schadlos zu halten, aber zeige ihn als einen Nachfahren der Romantik, nicht als einen Vertreter des Realismus.3)

Wegen der respektlos scharfen Art, mit der Rothenberg seine Erkenntnisse formuliert hat, hat man ihn als bloßen Polemiker abgetan und sich um die analytische Substanz seiner Untersuchung nicht weiter gekümmert.4) Sehr zu unrecht; denn im Grunde wird hier erstmals in überzeugender Konkretheit nachgewiesen, daß es für den 'Realismus' Thomas Manns, wenn man an diesem Begriff festhalten will, durchaus eine Merkwürdigkeit gibt: daß man zwar in der Lektüre einen vollständigen, anschaulichen, realen Eindruck von der erzählten Wirklichkeit haben kann, daß dieser Eindruck sich aber bei genauerem Hinsehen als unbegründet erweist. Allerdings zieht Rothenberg aus diesem Befund doch wohl den falschen Schluß. Denn kann man daraus folgern, daß Thomas Mann kein Realist ist? Oder muß man nicht vielmehr folgern, daß offenbar auch schon eine geringe Beschreibungsgenauigkeit ausreichen kann, den Eindruck des Realen und also einen realistischen Eindruck hervorzurufen? Wer in der Frage des Realismus seine analytischen Befunde gegen den Lektüreeindruck ausspielt, verhält sich ja wohl nicht anders als jemand, der ein im einfachen Hinsehen scharf und gut konturiert wirkendes Bild mit dem Vergrößerungsglas untersucht und dann befindet, es sei unscharf. Zu fragen wäre also vielmehr, warum die - nennen wir es Unschärfe - eines Werkes einem realistischen Eindruck möglicherweise nicht entgegensteht, oder mehr noch, ob sie ihn nicht sogar - nämlich in der Folge bestimmter, historisch eingetretener Wahrnehmungsbedingungen - besonders begünstigen kann.

Zur Verdeutlichung dieser Überlegung müssen wir kurz etwas zu dem hier ins Auge gefaßten Sinn des Realismusbegriffs sagen. Anlaß für die Feststellung, ein literarisches Werk sei realistisch, ist für gewöhnlich der Eindruck der Wahrscheinlichkeit, d.h. der Eindruck, daß das erzählte Geschehen einschließlich der |S.462:| Art seiner Darstellung mit unserer Wirklichkeitswahrnehmung im großen und ganzen übereinstimmt.5) Natürlich gibt es daneben auch noch andere, gewissermaßen metaphorische Realismus-Begriffe, aber das ist in unserem Zusammenhang nicht von Belang, weil jedenfalls für Thomas Mann die Aussage, er sei ein Realist, in aller Regel die genannte Bedeutung hat. Für den Effekt der Wahrscheinlichkeit ist nun aber leicht zu folgern, daß er stets bezogen ist auf einen bestimmten Wissens- und Überzeugungshorizont, d.h. daß er sich keineswegs zu allen Zeiten aus den gleichen darstellerischen Zügen mit der gleichen Stringenz ergibt. In einer Gesellschaft etwa, so hat schon Peter Heller gegen Rothenbergs Realismus-Dogmatik treffend eingewandt, in der man an gute und böse Geister glaubt, wäre es zweifellos ein Gebot des Realismus, solche Geister auch in literarischen Fiktionen vorauszusetzen.6) Hinsichtlich der Beobachtung, daß Thomas Manns Darstellungen 'eigentlich' unvollständig, karikaturistisch übertrieben oder anderweit verzerrt sind, wäre demnach zu überlegen, warum sie gleichwohl so auf uns wirken können, als seien sie das nicht. Was ist der Grund, daß wir ein objektiv richtigeres und vollständigeres Beschreibungsangebot, wie es die traditionell realistische Literatur noch gemacht hat, hier nicht vermissen? Oder könnte es gar sein, daß ein solches Angebot einem Leser des 20. Jahrhunderts für seine Welt schon unnötig weitschweifig vorkäme, so daß ihm gerade für diesen Fall die Machart störend auffiele und den Eindruck einer bloß auf Wahrscheinlichkeit bedachten Darstellungsweise trübte? Dann wäre Thomas Manns Ironie dem Realismus-Effekt nicht nur nicht abträglich, sondern sie wäre sogar eine seiner Voraussetzungen.

 
zur Übersicht zurück  weiter zum zweiten Teil

©Bernd W. Seiler, Januar 1999