Teil 2
Ironie im allgemeinen
und bei Thomas Mann

S. 462 bis 466


Wenden wir uns nun aber dem Problem zu, was Thomas Manns Ironie überhaupt kennzeichnet. Angesichts der vielen Überlegungen, die an dieses Thema schon gewendet worden sind, könnte das überflüssig erscheinen, doch ist die Unklarheit hier größer, als man denken sollte. Sie ist es zum einen wegen der langen Geschichte des Ironie-Begriffs, d.h. Bedeutungsschwankungen, die Martin Walser zuletzt noch dazu veranlaßt haben, das Vorhandensein von Ironie bei Thomas Mann überhaupt zu bestreiten.7) Und sie ist es zum anderen wegen der |S.463:| weit verbreiteten Neigung, sofort immer über die weltanschaulichen Hintergründe, das 'Wesen', die Zielrichtung dieser Ironie nachzudenken, ohne von ihrer Manifestation in der Sprache irgendeine Notiz zu nehmen. Fast einzig die frühe und noch immer gründlichste Arbeit über dieses Thema, die Reinhard Baumgarts, entwickelt ihre Bestimmung der Ironie aus einer genaueren Analyse ihrer sprachlichen Erscheinungsformen, wenn schon auch hier der Zusammenhang des einen mit dem anderen oft genug vage bleibt.8) Mit der gewöhnlichen Bevorzugung und Isolierung des gehaltlichen Aspekts aber wird, wie schon Beda Allemann dargelegt hat, die ganze Ironiefrage mystifiziert und verundeutlicht.9) Denn Ironie ist, um mit dieser simplen Tatsache zu beginnen, zunächst einmal immer eine Sache des Ausdrucks, der sprachlichen Gestaltung. Daß aus einer Summe ironischer Ausdruckseffekte, ironischer Sprachgesten gefolgert werden kann, ein Autor habe eine ironische Einstellung, bzw. seine Ironie sei von der und der Art, ergibt sich erst in einem zweiten Schritt. Niemand wird einen Autor ironisch nennen, wenn sich in der sprachlichen Gestalt seiner Werke Ironie nicht zeigt. Zeigt sie sich aber, dann läßt sich zwar noch über Gewicht und Reichweite dieser Ironie streiten, nicht aber darüber, ob sie überhaupt vorhanden ist. 

Allemann hat nun allerdings zugleich die Vermutung geäußert, die Ironie-Signale könnten sich in literarischen Texten in einem Maße abschwächen, daß sie sprachlich überhaupt nicht mehr dingfest zu machen seien. Gerade in ihren sublimsten Formen, so seine These, funktioniere die Ironie signallos, d.h. man könne sie 'zeichentheoretisch' nicht mehr erfassen.10) Eine solche Skepsis ist jedoch unbegründet. Die ironischen Effekte mögen grob oder fein sein - wenn sie überhaupt wirksam werden, so gibt es für sie bestimmte gestalterische und letztlich sprachgebundene Auslöser, und diese Auslöser sind dann natürlich auch benennbar. Schlicht gesagt: an irgend etwas muß es der Leser schließlich merken. Das bedeutet nicht, daß die jeweiligen Merkmale vom Text abgelöst und zu einer "material-objektiven Indikatordefinition" von Ironie gebündelt werden könnten, wie es ein naiver Empirismus heute schon für möglich hält.11) Vielmehr ist natürlich jedes Sprachelement ironisch verwendbar und zugleich kein einziges dieser Elemente ironiespezifisch. Nur deshalb kann es ja dazu kommen, daß möglicherweise nicht eindeutig zu klären ist, ob ein Satz ironisch gemeint ist oder nicht.

|S.464:|
Die gewöhnliche Bestimmung für Ironie lautet, daß jemand das Gegenteil dessen sagt, was er meint, daß er das eigentlich Gemeinte dabei aber durchschimmern läßt. Diese Bestimmung ist indessen nur annähernd richtig. Wie genauere Analysen von Sprechakten ergeben haben, eignen sich keineswegs alle Aussageverkehrungen zur Hervorbringung des ironischen Effektes gleich gut. Mißbilligende Äußerungen etwa kommen - als Ausdruck für Anerkennung - weit weniger in Frage als anerkennende für den Fall der Mißbilligung, neutral unrichtige weit weniger als übertrieben unrichtige, graduell nicht zu steigernde weit weniger als solche, die sich steigern lassen usw.12) Für unseren Zusammenhang jedoch sind diese Differenzierungen schon nicht mehr wichtig. Jedem Kenner des Thomas Mannschen Erzählstiles nämlich ist sofort klar, daß ironische Aussagen dieser Art in seinem Werk praktisch keine Rolle spielen. Man muß schon suchen, um überhaupt welche zu finden, und begegnet ihnen dann am ehesten noch in der Rede einzelner Figuren. Klöterjahn etwa äußert sich in diesem Sinn ironisch, wenn er Spinells Brief mit "Schön!" und "Sehr schön!" kommentiert, ihn aber im gleichen Atemzug als "blödsinnig" bezeichnet.13) Oder es spricht so Imma Spoelmann, wenn sie auf die Frage des Prinzen, ob der Ozeandampfer seine bewunderten fünf Stockwerke "von unten an gerechnet" gehabt habe, keß erwidert: "Allerdings, von oben hatte er sechs."14) Den Erzähler indessen wird man nur höchst selten bei derartigen Kommentierungen antreffen. Höchstens verspottet er einmal die ersichtlich belanglose Äußerung einer Nebenfigur als 'scharfsinnig"15) oder leitet einen der üblichen Floskelsätze der 'Königlichen Hoheit' mit der mokanten Bemerkung ein: "Er sagte etwas sehr Gutes."16)

Wenn sich nun aber Ironie in einem so qualifizierten Sinne bei Thomas Mann kaum findet, wie kommt es dann, daß er gleichwohl als ironischer Erzähler empfunden wird? Man kann sich die wahrnehmungsmäßigen Zusammenhänge, die diesem Urteil zugrunde liegen, am besten dadurch klar machen, daß man prüft, welcher Effekt sich ergibt, wenn ein gewissermaßen vorschriftsmäßiger ironischer Duktus in einem Text fortlaufend durchgehalten wird. Bewährte Beispiele dafur sind die Rede des Marc Anton in Shakespeares Julius Cäsar oder die bittere soziale Kampfschrift von Jonathan Swift, in der dieser den Vorschlag macht, das Elend in Irland dadurch zu beheben, daß man den Ärmsten ermöglicht, ihre Kinder den Reichen zur Nahrung anzubieten. Wir wählen jedoch ein weniger entferntes Beispiel, eine Passage aus Uwe Johnsons Jahrestagen.

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Hier wird über mehrere Seiten hin berichtet, wie sich im Jahre 1946 die Verbringung deutscher Techniker und technischer Geräte in die Sowjetunion vollzogen habe - im Stil einer Rechtfertigung. Zwar habe man die Betroffenen ohne Ankündigung nachts aus ihren Häusern geholt, heißt es da, aber roh könne man das nicht nennen, da man ihnen selbstverständlich beim Packen der Koffer behilflich gewesen sei. Auch von Willkür könne keine Rede sein - man habe sich schließlich bevorzugt um Personen bemüht, die vormals mit der Entwicklung von Strahltriebwerken und Raketen zu tun gehabt hätten. Gerüchte, die Behandlung des technischen Geräts sei unsachgemäß gewesen, Telefonapparate z. B. seien mit Mistgabeln aufgeladen worden, entbehrten jeder Grundlage. Vielmehr sei jedes Gerät im Stillstand sowie in typischer Bedienung durch eine Fachkraft dreimal fotografiert worden, bevor es zwecks sachgemäßer Wiederaufstellung verladen worden sei. Selbst die Tatsache, daß man die Techniker genau einen Tag nach den damaligen Landtagswahlen der Einladung in die Sowjetunion habe Folge leisten lassen, spreche für Umsicht und Fürsorge. Auf diese Weise sei niemandes Stimmabgabe beeinflußt oder verhindert worden, und sogar die Abgeholten selbst noch hätten so ihrer Freundschaft zur Sowjetunion Ausdruck verleihen können usw.17)

Natürlich ist das alles Ironie. Indem Johnson die Maßnahmen der sowjetischen Besatzungsmacht rechtfertigt und verteidigt, stellt er sie bloß und fügt den zum Schein zurückgewiesenen Vorwürfen sogar noch welche hinzu. Was aber ist der Effekt einer solchen Form? Im allgemeinen wird man sie nicht mehr bloß als ironisch, sondern als sarkastisch empfinden, d.h. in ihr ein Beispiel für jene schärfste und bitterste Art der Ironie sehen, die wir eben mit dem Begriff des Sarkasmus zu bezeichnen pflegen. Dieser Befund aber ist durchaus zu verallgemeinern. Ironie als das Stilmittel, das in seiner Grundform bedeutet, das Gegenteil von dem zu sagen, was man meint, nimmt offenbar bei Wiederholung oder in gar ununterbrochener Anwendung eine Schärfe an, für die uns der Begriff der Ironie selbst nicht mehr ausreichend zu sein scheint. Wir können bei einem solchen andauernden ironischen Sprechen einfach nicht anders, als auf eine hohe Betroffenheit, ein starkes Verurteilungsinteresse zu schließen, empfinden deshalb aber die Tatsache, daß ein so Betroffener nicht mit der Sprache herausrückt, sondern immer nur wieder das Gegenteil dessen sagt, was er zu sagen wünscht, als eine ganz eigene, aus Verletzung kommende und verletzen wollende Bitterkeit. Diese aber eben nennen wir sarkastisch, gleichgültig, ob der ironische Ausdruck im einzelnen sarkastische Schärfe hat oder nicht.

Wenn nun aber, wie man an vielen weiteren Beispielen zeigen könnte, die Wiederholung und Vervielfachung ironischer Aussagen über den Eindruck der Ironie hinausführt, d.h. über jenes Maß spöttisch-verständiger Amüsiertheit und Gelassenheit, das wir heute gemeinhin als Ironie bezeichnet finden, so kann |S.466:| eigentlich umgekehrt dieser Eindruck in einem größeren darstellerischen Zusammenhang nur dann erhalten bleiben, wenn die einzelnen Elemente, aus denen er sich aufbaut, je für sich nicht jene Kontrastschärfe erreichen, durch die der Definition nach Ironie bestimmt ist. Oder, um es paradox auszudrücken: ein längerer Text wird als ganzer nur dann bloß ironisch und nicht sarkastisch wirken, wenn er im einzelnen ironische Aussagen nicht enthält. Nur wenn die betreffenden Einzelaussagen 'nicht ganz' ironisch sind, wenn sie unterhalb der Gegenteils-Bedeutung bleiben, kann wohl verhindert werden, daß sie in ihrer Summe jene Massivität und Schärfe annehmen, bei der die Ironie in Sarkasmus übergeht.18)

 
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©Bernd W. Seiler, Januar 1999