Teil 3
Das Zusammenspiel von
Unter- und Übertreibung
S. 466 bis 469


Wie nun aber sieht eine solche Form der Ironie aus? Welches logische Prinzip liegt ihr zugrunde, welcher Grad der Abweichung vom Gemeinten, wenn doch die Gegenteils-Aussage nicht in Frage kommen kann? Bei Thomas Mann ist es, um hier das Ergebnis unserer Überlegungen ohne Umstände vorwegzunehmen, der abwechselnde Gebrauch von Übertreibung und Untertreibung, von Pathos und Understatement, von Beschönigung und Respektlosigkeit. Vom 'eigentlich' Gemeinten weicht diese Form also zwar auch ab, aber sie tut es nicht bis zu dem Grade, wo man notwendig auf das Gegenteil des Gesagten schließen muß. Oder wie es in einem 1960 erschienenen Aufsatz von Root heißt - dem einzigen übrigens, den wir gefunden haben, in dem dieses Prinzip als das maßgebliche so klar benannt wird -, Thomas Mann "does not simply mean the opposite of what he seems to say: he means rather a little more or a little less, or something a shade different from the superficial intent of his words".19) Dieses 'ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger' kann nun natürlich, wie wir noch zeigen werden, in höchst verschiedenen Formen auftreten und sich insoweit in seiner Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Grundmuster auch nahezu unkenntlich machen. Klar aber wird sofort, daß es eine außerordentlich große Modulationsfähigkeit hinsichtlich des Abweichungsgrades vom Gemeinten besitzt, d.h. daß es sowohl etwas mehr als viel mehr, etwas weniger als viel weniger als dieses bedeuten kann und daß eben diese größere oder geringere Entferntheit von der Sache eine ganz unterschiedliche Intensität des ironischen Eindrucks zur Folge haben wird.

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Versuchen wir aber zunächst an einem Beispiel, uns dieses Ironie-Prinzip als solches deutlich zu machen. Wir wählen einen Abschnitt aus den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull, in denen es sich besonders klar (weil schon wieder gewollt auffällig, d.h. parodistisch gehandhabt) zu erkennen gibt. Über gewisse 'Störungen' in der Ehe seiner Eltern, verursacht durch ein Hausmädchen, äußert sich Krull einmal folgendermaßen:

In der Tat stellte mein armer Vater diesem Mädchen in verliebtem Sinne nach und gelangte denn auch wohl zu dem gesteckten Ziel, worüber sich Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und meiner Mutter entspannen, die weiter dahin führten, daß mein Vater sich auf mehrere Wochen nach Mainz begab, um dort, wie er manchesmal zu seiner Erfrischung tat, das Leben eines Junggesellen zu fuhren. Übrigens hatte meine Mutter, die eine unscheinbare Frau von wenig hervorragenden Geistesgaben war, vollkommen Unrecht, meinen armen Vater so unnachsichtig zu behandeln, denn sie sowohl wie meine Schwester Olympia (ein dickes und außerordentlich fleischlich gesinntes Geschöpf, das später nicht ohne Beifall die Operettenbühne beschritt) gaben ihm an menschlicher Schwäche durchaus nichts nach.20)

Im großen und ganzen ist diese Schilderung des Ehelebens der Eltern in einer beschönigenden, verharmlosenden, das Problematische also untertreibenden Ausdrucksweise gehalten, nebenbei aber auch mit einigen Übertreibungen durchsetzt. Verharmlosend sind zunächst schon die Wendungen vom 'Nachstellen' und dem Erreichen eines 'gesteckten Ziels' - ein für einen Ehebruch in häuslicher Sphäre allzu schönfärberisches Vokabular. Wirklich des Guten zuviel tut Krull allerdings mit der Hinzufügung, der Vater habe dem Mädchen 'in verliebtem Sinne' nachgestellt, nicht nur, weil diese Hinzufügung eigentlich überflüssig ist21), sondern auch, weil der Schein jugendlicher Anmut, den sie dem Verhalten des Vaters verleiht, diesem unter den geschilderten Umständen wirklich nicht zuzugestehen ist. Verharmlosend ist ferner die Bemerkung über die 'Meinungsverschiedenheiten,' die sich aus diesen Vorgängen 'entspannen', insofern es natürlich eher plötzliche und durchaus einseitige Vorwürfe gewesen sein dürften, desgleichen die Formulierung, daß der Vater, der 'arme', sich daraufhin nach Mainz 'begab', schließlich auch, daß die Mutter unrecht hatte, ihn so 'unnachsichtig' zu behandeln, weil sie ihm an 'menschlicher Schwäche' nicht nachstand.

Nur zu einem Teil.untertrieben, zu einem anderen übertrieben wirkt die Kennzeichnung des zeitweiligen Junggesellentums des Vaters als 'Erfrischung'. Untertrieben wirkt sie, insofern damit der Zwangscharakter dieser Aufenthalte beschönigt wird, übertrieben, insofern sie den Eindruck erweckt, als habe jener sich bei seinen Liebesaffären derart verausgabt, daß ihm - wohl gar zum Zwecke |S.468:| weiterer Aktivitäten - eine körperliche Wiederertüchtigung not getan habe. Auch die Beschreibung der Mutter als einer 'unscheinbaren' Frau von 'wenig hervorragenden Geistesgaben' ist in diesem Sinne ambivalent, läßt sie doch nicht genau erkennen, ob dies bloß die zurückhaltende Umschreibung eines in Wahrheit weitaus betrüblicheren Erscheinungsbildes ist oder - wohl eher - eine kalt überhebliche Respektlosigkeit. Eindeutig übertreibend ist hingegen die Formulierung, die Mutter habe mit ihren Vorhaltungen dem Vater gegenüber 'vollkommen unrecht' gehabt und diesem 'durchaus' an Schwäche nicht nachgestanden (denn für beides bleibt Krull die Beweise schuldig), und erst recht die Bezeichnung der Schwester als "dickes und außerordentlich fleischlich gesinntes Geschöpf". Gerade diese unvermutet rabiate Bemerkung macht die Schonung des Vaters besonders deutlich und mindert sie in ihrer Glaubwürdigkeit ebenso, wie umgekehrt jene das Urteil über die Schwester als übermäßig rücksichtslos kennzeichnet.

Nun könnte man versucht sein, dies als einen Sonderfall abzutun, insofern ja Krull zugleich als ein Erzähler in Erscheinung treten soll, der sein Handwerk nicht recht versteht. Es ist aber natürlich doch insgesamt der Thomas Mannsche Erzählduktus, der sich in dieser Art der verzerrenden Kennzeichnung von Menschen und Verhältnissen dokumentiert. Sehen wir uns zur Bestätigung dieser Annahme eine Szene aus dem Zauberberg näher an. Als hier Hans Castorp erstmals mit Mynheer Peeperkorn ins Gespräch kommt, erregt er durch seine Spekulationen über den Zusammenhang von Lasterhaftigkeit und Gefühlsschwäche dessen Zorn. Doch was für einen Zorn:

Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen.22)

Eine einzige Übertreibung - denn natürlich ist es ganz unwahrscheinlich, daß hier, wo es ja wirklich bloß um eine 'Meinungsverschiedenheit' geht, ein bis an die Grenze der Tätlichkeit reichender Zorn sich aufbaut und Hans Castorp von diesem gar so geängstigt ist, daß er 'Fluchtneigungen' verspürt. Wie im Falle von Krulls Vater die Untertreibung wird nun aber auch diese Übertreibung alsbald wieder durch ihr Gegenteil abgefangen. Nachdem sich Peeperkoms Zorn ebenso dramatisch gelegt hat - "sein Haupt schwoll ab" -, wird er auf den 'Verfall der Geselligkeit' bei den übrigen Gästen aufmerksam gemacht und wendet sich nunmehr diesen zu:

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Es war richtig: Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen: die Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel. "Meine Herrschaften!" rief er mit erhobenem Zeigefinger - und dieser lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne, sein Ruf aber gleich dem "Mir nach, wer keine Memme ist!" des Führers, der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung.23)

Auch hier wird zunächst noch wieder in höchst anschaulichen Übertreibungen geschildert, womit Peeperkorn fertigzuwerden hat. Statt einer ebenso ausführlichen Schilderung seines so oder so sich gestaltenden Erfolges schließt sich nun allerdings bloß die nüchterne Bemerkung über die 'weckende und sammelnde Wirkung' seines Einsatzes an. Diese plötzliche Knappheit und Abstraktheit, dieses sich betont abschätzend und unbeeindruckt gebende Urteil wirkt aber natürlich auch auf die vorhergehenden Übertriebenheiten zurück. Da Peeperkorns 'Leistung' hier offenbar so bemerkenswert nicht ist, erscheint nicht nur der groß herausgestellte 'Verfall der Geselligkeit' weniger schwerwiegend, sondern es wird auch er selber in seiner Wichtigkeit reduziert, da ja von einem Moment zum nächsten an seiner Wirkung gar nichts mehr gelegen ist.24) Die beiden Perspektiven relativieren und korrigieren sich also gegenseitig, indessen die 'Wahrheit' irgendwo in der Mitte zu liegen scheint. Über allem sichtbar aber wird das ganz eigene Vergnügen des Erzählers, einem die Dinge mal wichtig und mal unwichtig zu machen, d.h. sie einem mal größer und mal kleiner zu zeigen, als sie 'in Wirklichkeit' sind.

Dieser Zug aber ist es auch, der Thomas Manns Stil insgesamt kennzeichnet. Ist man erst einmal darauf aufmerksam geworden, so stellt man fest, daß er eigentlich andauernd 'unangemessen' formuliert. Im Grunde setzt er beständig mal zu hoch, mal zu niedrig an und scheint regelmäßig gerade das nicht fertigzubringen, was doch das Nächstliegende sein sollte: die zu erfassenden Sachverhalte auf eine schlicht zutreffende, sprachlich unauffällige Weise beim Namen zu nennen. Allerdings tut er dies nicht nach Belieben, sondern nach einem wohlkalkulierten Prinzip. Es besteht darin, die Dinge gerade dort zu verkleinern und abzuschwächen, wo sie sich dem gewöhnlichen Sinn als groß und wichtig darstellen, und sie umgekehrt gerade dort zu vergrößern und aufzuwerten, wo sie 'eigentlich' eher geringfügig sind. Mit anderen Worten: es ist das Prinzip der Ironie, an dem sich Thomas Mann mit seinen Über- und Untertreibungen orientiert, das Prinzip der Ironie aber eben mit der Einschränkung, daß er sich auf die Gegenteils-Aussage zwar zubewegt, sie jedoch nicht wirklich verwendet.

 
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©Bernd W. Seiler, Januar 1999