Teil 2
Wendisch Burg in Ingrid Babendererde
S. 91 bis 95


Wer nur die Jahrestage kennt, hätte fast Grund, sich über die Existenz eines Wendisch Burg in diesem Roman zu wundern. Es taucht nur wenige Male als die Stadt auf, in der Cresspahls Schwester mit einem der Niebuhrs verheiratet ist, wird erwähnt als Schulort Dietrich Erichsons und gibt im übrigen noch den Schauplatz ab für einen kleinen Auftritt der Roten Armee im April 1945.6) Trotz dieser eher unwesentlichen Rolle, die schon kaum überhaupt die Erfindung zu rechtfertigen scheint, wirkt der Ort auch noch verhältnismäßig komplex ausgestattet mit einem nach Norden sich erstreckenden Untersee, einer südlichen Stadtmauer, mit Post, Oberschule und der nahegelegenen Havelschleuse, an der die Niebuhrs wohnen. Darüber hinaus ist von den "sieben Seen" seiner Umgebung die Rede und zudem eine geographische Bestimmung des Gesamtraumes vorgenommen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt.7)

Nur eben: wozu der Aufwand? Wir berühren damit eine konstruktive Eigentümlichkeit der Johnsonschen Romanwelt, die in der angelsächsischen und in der französischen Literatur nicht ungewöhnlich, in der deutschen aber fast ohne Beispiel ist, nämlich daß sich alle seine Werke untereinander über einzelne Personen berühren und so gewisse Gegebenheiten der früheren Romane in den späteren fortwirken. Das ist auch bei Wendisch Burg der Fall. Zwar findet sich der Name selbst vor den Jahrestagen in Johnsons Werk nicht, aber von den angedeuteten Konturen und Erinnerungen her steht er doch eindeutig für jene anonyme "Stadt", in der sein erster, erst aus dem Nachlaß herausgegebener Roman Ingrid Babendererde spielt. Sie kommt hier wieder in den Blick, weil Gesines Lebensweg in der Rückschau mit einigen Personen auch dieses Romans verknüpft wird, bedurfte in dem neuen Zusammenhang aber natürlich der unterscheidenden Benennung. Daß diese Wiederinanspruchnahme auch mit einer nicht unerheblichen topographischen Überformung verbunden ist, wird einem allerdings erst dann deutlich, wenn man sich den ersten Entwurf dieses Schauplatzes genauer ansieht.

In Ingrid Babendererde lernen wir Wendisch Burg, wie wir die "Stadt" also zu nennen haben, mitsamt seiner Umgebung in einer sehr anschaulichen und vielgestaltigen Konturierung kennen. Der erste Eindruck ergibt sich daraus, daß wir uns ihr über einen Fluß mit einem Motorboot nähern. Hinter seinen flachen Ufern taucht sie in der Ferne vor einem Waldrücken auf, markant beherrscht von einem breiten und stumpfen Domturm. Über die Himmelsrichtung, aus der die Annäherung erfolgt, wird direkt nichts gesagt, aber es kann doch sofort der Eindruck entstehen, daß es Norden ist. Es ist"kurz vor Mittag" als das Boot "aus dem kühlen Weitendorfer Wald unter die Sonne" kommt, und die Stadt zeigt sich mit 'lichtsprühenden Dächern'.8) Die Mittagsstunde, der Eindruck von Gegenlicht, dazu die Bewegung auf die Sonne zu - das sind Wahrnehmungsmomente, die eine Orientierung in südlicher Richtung bedeuten, mag sie auch |S.92:| zunächst vage sein. Sie wird allerdings sehr bald verstärkt. Nachdem das Boot eine Schleuse passiert hat - bergwärts -, gelangt es auf einen See, über den es quer hinweg auf die Stadt zuläuft. Der Dom steht jetzt groß und breit "mit der Schattenseite zum See", hinter ihm erhebt sich dunkel der bewaldete Hügel und läuft dann um den rechten Rand der Bucht herum zum Ufer aus. Seine Kuppe jedoch zeigt sich ,blauschwarz' und ,sonnenfleckig', liegt also wohl mehr nach links hin und direkter im Gegenlicht als der Dom, der, da eine Schattenseite an ihm auffällt, vermutlich auch noch eine schmale beleuchtete Seite im rechten Winkel dazu erkennen läßt.9) Mit der Fahrt über den See eröffnet sich uns also ein von Süden nach Südwest oder West sich erweiternder Horizont, aus dem wir schon ein ziemlich bestimmtes Bild von der Lage der Stadt an diesem See gewinnen. Die Frage ist, ob die weiteren Beschreibungen sich zu diesem Eindruck fügen und ihn verdeutlichen oder ob sie ihn wieder zerstreuen oder gar zu störenden Gegenvorstellungen führen.

Es wäre zu aufwendig, hier in allen Einzelheiten darzulegen, wie sich das Bild von Wendisch Burg nach und nach vervollständigt und wie man am Ende Ort und Landschaft so genau vor sich sehen kann, als wäre man wirklich darin umhergegangen. Der beste Beweis für die Stimmigkeit der Konstruktion ist, daß sich aus der Summe der Angaben eine topographische Karte herstellen läßt, die selbst noch die unscheinbarsten Einzelhinweise widerspruchsfrei in sich aufnimmt. KarteDas ist um so bemerkenswerter, als es kaum beschreibende Partien in dem Roman gibt. Das Stadt- und Landschaftsbild setzt sich vielmehr aus gleichsam zufälligen Teilwahrnehmungen zusammen, die aber alle derselben Gesamtvorstellung entspringen und sich in großer Konsequenz aufeinander beziehen. Die Lage am Südwestufer des Untersees z.B. kommt wiederholt in Hinweisen auf einen Wallring zum Ausdruck, der die Stadt landseitig umschließt und als Nordwall "zum See hinunter" abfällt, wo sich vor der Stadt her eine Uferpromenade bis zur Dampferbrücke zieht.10) Daß sich Schleuse und Flußlauf am Nordende des Untersees befinden, verdeutlicht sich u. a. durch ein "Nebengleis in nördlicher Richtung", das über Weitendorf - den Ort, aus dem zu Anfang das Motorboot kommt - die Verbindung zur Schnellzugstrecke nach Berlin herstellt. Zwar liegt Berlin natürlich im Süden von Wendisch Burg, aber die Hauptlinie, die über die Engstelle zwischen Untersee und Obersee führt, ist wegen der 1945 gesprengten Brücke nicht befahrbar.11) Schließlich bestätigt sogar noch ein so unscheinbares Moment wie der Stand des Mondes am Ende des Romans diese Lageverhältnisse. Als man mit dem entwendeten Boot den Fluß hinunter an die Bahnstrecke nach Berlin flieht, ist es das "erregte Wasser", auf dem das Spiegelbild des Mondes schaukelt - also das Wasser hinter dem Boot und mithin der Fluß im Blick gegen Süden, wo der Vollmond um Mitternacht steht und wo auch die Stadt zurückbleibt.12)

Für die innerstädtische Orientierung wichtig ist vor allem die als Längsachse durch die Stadt laufende 'Große Straße'. An ihr liegen der Marktplatz mit seinen Bogengängen und am südlichen Ende der Dom und der Domplatz. Hier auch - schon jenseits des Walles - finden wir die Schule, einen Backsteinbau mit zwei Seitenflügeln, deren einer, die Aula, zum Dom hin zeigt.13) Wegen des Geländeanstiegs zum 'Großen |S.93:| Eichholz' kann man aus einem ihrer oberen Stockwerke bis zur ,Durchfahrt' sehen, der Verbindung des Untersees mit dem weiter nach Süden sich ausdehnenden Obersee.14) Der Obersee selbst ist allerdings wegen des dazwischen liegenden Höhenrückens nicht sichtbar. Er kommt nur bei den Segelparnien in den Blick, die vom Untersee aus dorthin unternommen werden.15) Da jedoch an einer westlichen Bucht dieses Sees bald hinter der Durchfahrt die Schule ihre Badestelle hat, deutet sich eine gewisse Nähe auch zur südlichen Stadtgrenze an, so daß es wohl nur der Höhenrücken des Großen Eichholzes ist, der die beiden Seen voneinander trennt.16) So ergänzt ein Hinweis den anderen, so daß man wirklich eine klare Vorstellung davon gewinnen kann, wie die Stadt zwischen den beiden Seen gelegen sein muß.

Bei soviel Anschauung kann natürlich das Bedürfnis aufkommen, diese Stadt in Mecklenburg auch aufzufinden. Doch in dieser Hinsicht läßt uns Johnsons Konstruktion im Stich. Naheliegend wäre, sie wegen des Geländeabfalls nach Norden am Nordrand des mecklenburgischen Höhenrückens zu suchen, etwa auf der Linie Schwerin - Neubrandenburg. Dort liegt auch Teterow, wo die Fliehenden den Zug nach Berlin erreichen oder jedenfalls in seine Nähe kommen.17) Als schiffbarer Fluß, der an die Berliner Bahnlinie heranführt, käme allerdings nur die weiter westlich fließende Warnow infrage, und an ihr gibt es keine Stadt mit zwei Seen wie Wendisch Burg. Das Fahrgastschiff, das auf den Seen verkehrt, weist mit dem Namen 'Schwanhavel' auch in eine ganz andere Richtung, an den Südrand der mecklenburgischen Seenplatte, wo die Havel in Richtung Berlin abfließt. Das paßt jedoch mit dem nördlichen Gefälle wieder nicht und würde auch mit der Länge der Bahnfahrt nach Berlin nicht in Einklang zubringen sein.18) Eine noch wieder andere Orientierung ergibt sich schließlich aus der Tatsache, daß Wendisch Burg unter dem Luftkorridor von Berlin nach Hamburg liegt, mithin in Elbnähe, wo freilich der mecklenburgische Höhenrücken längst zu Ende ist.19) Kurzum, die realtopographischen Hinweise widersprechen einander und lassen eine Lokalisierung nicht zu, auch wenn man es nicht allzu genau mit ihnen nimmt und ein so deutlich 'abwegiges' Element wie das des Flugzeuges von Berlin nach Hamburg außer acht läßt.

Mit dem Versuch, die Lokalisierung allein aus den Angaben des Romans vorzunehmen, macht man sich die Dinge allerdings komplizierter, als sie sind. Stets mitgesehen werden in solchen Fällen die Lebensstationen des Autors, und da sie 'natürlich' bekannt sind, gibt es für die Identifizierung von vornherein Anhaltspunkte ganz anderer Art. Bei Ingrid Babendererde ist es sogar so, daß einem schon im Roman selbst, im Nachwort, die entsprechende Information geliefern wird. Der angedeutete Ort, erklärt uns dort Siegfried Unseld ohne Umschweife, sei "die mecklenburgisch-schwerinische Kreisstadt Güstrow", wo Johnson bis 1952 die Schule besucht und Abitur gemacht habe.20) Damit rückt das ganze Romangeschehen sofort in einem bestimmten realweltlichen Zusammenhang, und es ist nur noch eine Frage der persönlichen Kenntnisse oder der persönlichen Neugier, ob nun auch Bilder aus dieser Realwelt in die Romansphäre eindringen. Wir sind weit davon entfernt, dem Herausgeber aus seiner wahrnehmungslenkenden Belehrung einen Vorwurf zu machen. Er führt nur vor, was für die Leser |S.94:| Uwe Johnsons ohnehin nahe läge und was in einer durch geographisches und sonstiges Wissen erschlossenen Welt auch unvermeidlich ist. Wir wollen uns an diesem Fall nur wiederum klar machen, wie verfehlt Rezeptionstheorien sind, die sich den Leser von solchem Wissen abgesperrt wünschen oder abgesperrt denken und dogmatisch davon ausgehen, die Realität komme in der Wahrnehmung der literarisch-fiktionalen Verhältnisse nicht vor.

Ganz so einfach, wie Unseld sich die Dinge mit der Gleichsetzung von Wendisch Burg und Güstrow macht, liegen sie allerdings nicht. Ganz und gar zu trifft die Analogie nur für die Schule, darüber hinaus in Grenzen noch für das Stadtbild, überhaupt nicht mehr aber für die Umgebung. Johnsons "Gustav-Adolf-Oberschule" ist indessen wirklich ein Abbild der Güstrower "John-Brinckman-Schule", einem noch immer 'tüchtigen' roten Backsteinbau aus dem letzten Jahrhundert, der eine Aula mit alter Holzdecke hat, auch den an den Wall grenzenden Hof, den Schriftzug über dem Eingang und sogar die beiden Fahnenstangen rechts und links desselben. Allerdings liegt das Gebäude in Wirklichkeit nicht jenseits des Wallgrabens, sondern noch diesseits direkt am Domplatz, d.h. es ist von Johnson genau spiegelbildlich auf die gegenüberliegende Seite projiziert worden. Was aus dem einstigen Schüler Uwe Johnson späterhin geworden ist, weiß man hier übrigens durchaus, und diejenigen, die die Zeit damals miterlebt haben, können natürlich auch noch die eine und andere Einzelheit des Romans mit bestimmten wirklichen Gegebenheiten in Verbindung bringen.21)

Aus dem Stadtbild Güstrows ist es in erster Linie der Dom, den man wiedererkennt, daneben noch der westliche Wallring und ein paar altstädtische Straßen, nicht mehr allerdings der Marktplatz, der in Wirklichkeit keine Bogengänge hat, sondern beherrscht wird von einer massigen Kirche, die bei Johnson fehlt. Auch das Güstrower Schloß, das den Eindruck dieser Stadt wesentlich mitprägt, ist im Roman weggelassen. Wieder findet man jedoch die einfachen Straßennamen, die Johnson wählt, also Domstraße, Schulstraße, Eisenbahnstraße, bzw. Bildungen wie Lange Straße, Enge Straße u. a. Ein paar Kilometer nördlich gibt es im übrigen noch ein Weitendorf, und nach Nordwesten führt der Bützow-Güstrow-Kanal, an dem zwei Schleusen liegen. Doch für den landschaftlichen Gesamteindruck bedeuten diese Elemente nichts mehr, in dieser Hinsicht sind sich Güstrow und Wendisch Burg ganz unähnlich. Was Güstrow dazu nämlich vor allem fehlt, ist die Lage am See. Zwar gibt es auch bei Güstrow zwei Seen, den Sumpfsee und den Inselsee, aber sie liegen südlich der Stadt und so abseits von ihr, daß sie für das Stadtbild selbst keine Rolle spielen. Güstrow wirkt vielmehr wie eine Stadt mitten im Land, nur durch sein etwas höheres Niveau von der Umgebung abgesetzt.

Sucht man für das Landschaftliche nach einem Vorbild, so findet man es allenfalls ein Stück weiter südlich, am Krakower See. Dieser See gliedert sich wie Johnsons Konstruktion in Untersee und Obersee, erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung, hat auch eine Engstelle zwischen beiden, über die eine Brücke führt, die 1945 gesprengt war, und der Ort Krakow liegt eben dort, wo bei Johnson Wendisch Burg anzunehmen ist. Sogar das Nebengleis in nördlicher Richtung zur Berliner Strecke findet sich hier, und |S.95:| ebenfalls in dieser Richtung als Abfluß des Untersees die Nebel, die hier allerdings noch nicht schiffbar ist. Allzu genau darf man es freilich auch in diesem Falle mit den Parallelen nicht nehmen. Die Ahnlichkeit ergibt sich mehr aus den kartographischen Umrissen als aus dem landschaftlichen Eindruck. Z.B. ist der Krakower Untersee von zahlreichen kleinen Inseln durchsetzt, die ihn als große Fläche gar nicht wirken lassen, die 'Durchfahrt' zum Obersee ist wegen eines Dammes, der in die Engstelle gelegt ist, nur ein schmales Rinnsal, der Höhenzug, Johnsons 'Grosses Eichholz', ist ebenfalls nicht so markant vorhanden, und überhaupt ist die Landschaft nicht soweiträumig zu überblicken, wie das in Johnsons Beschreibungen der Fall ist.22) Immerhin kann man sich aber vorstellen, daß ihn das Kartenbild dazu veranlaßt hat, sich das innerstädtische Güstrow an die Stelle von Krakow zu denken und dieser Montage dann einige für Mecklenburg typische weitere Konturen zu geben. Für den Entwurf unserer Karte sind wir jedenfalls von dieser Annahme ausgegangen.23)

Welche wahrnehmungsmäßigen Folgen ergeben sich nun aus diesen Erkenntnissen? Das Erstaunliche ist, daß sie sich auf das Vorstellungsbild von Wendisch Burg doch praktisch nicht auswirken. Sieht man einmal ab von der Schule und dem Dom, deren Gestalt sich allenfalls dem wirklichen Eindruck entsprechend verfestigt, so bleibt die einmal gewonnene Gesamtansicht des Ortes von den Realwahrnehmungen eigentlich ganz unberührt. Es ist, als sei die Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung mit bestimmten Wirklichkeitselementen bloß ein Zufall, so wie wir ihn auch sonst annehmen, wenn wir feststellen, daß wir irgendeine Landschaft, irgendeine Straße so ähnlich an einer anderen Stelle schon gesehen haben. Der Grund für diese Einschätzung ist, daß nichts uns dazu zwingen kann, an die Identität von Wendisch Burg und Güstrow überhaupt zu glauben. Da die Stadt in Ingrid Babendererde eine bestimmte geographische Position nicht hat und sich die Parallelen zu Güstrow als nicht besonders überzeugend erweisen, bleibt grundsätzlich vorstellbar, daß es sich um eine anderswo gelegene Stadt handelt. Denn wer kann schon sicher sein, daß er sämtliche Städte, die als Vorbilder infrage kommen, kennt? Vielleicht, so gewissermaßen der Vorbehalt, müßte man nur einmal über alle diese mecklenburgischen Seen fahren, um die Stadt dann doch irgendwo vor sich auftauchen zu sehen. Und wenn man sich am Ende eingestehen muß, daß auch dies wohl nicht der Fall sein wird, so wünscht man sich wenigstens, es möchte so sein. So bewährt sich diese Konstruktion auch gegenüber dem geographischen Wissen, d.h. sie läßt es gar nicht an sich heran und kann einem - jedenfalls aus der Ferne und jedenfalls dem Nicht-Mecklenburger - so wirklich zum Inbild Mecklenburgs werden oder zum Inbild dessen, was es vielleicht einmal war.

 
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©Bernd W. Seiler, Januar 1999