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| Wenn es folglich nun aber so ist, daß man Zwei Ansichten ganz und gar unabhängig von dem übrigen Werk Johnsons verstehen kann, ja muß, so rechtfertigt dies allerdings nicht, den Roman als irrelevant zu übergehen. Im Gegenteil, wer immer zum ersten Mal sich diesem Werk zuwenden will oder soll, könnte den Zugang darüber vielleicht um so leichter finden - und ist nicht inzwischen das Johnsonsche Werk ebenso in Gefahr, die Angelegenheit einer in sich abgeschlossenen 'Gemeinde' zu werden, wie das seit längerem etwa auch für Arno Schmidt der Fall ist? Fragen wir also einmal, was dem Roman unter solchen Aspekten abzugewinnen ist oder, was auf dasselbe hinausläuft, was dafür spricht, ihn zumal im Literaturunterricht zu behandeln.
Als erstes und vor allem dies: Das Thema der deutschen Teilung und insbesondere das Thema 'Republikflucht' sind von der deutschen Literatur so selten bisher aufgegriffen worden, daß die wenigen Beispiele dafür schon an sich unsere Aufmerksamkeit verdienen. In der Literatur der DDR konnte dieser Sachverhalt ja von vornherein nicht offen. d.h. wahrheitsgemäß dargestellt werden, indem hier immer schon feststand oder feststehen mußte, daß die Weggehenden Verlorene, Abtrünnige, Verräter waren - selbst Wolf Biermann mit seinem Lied vom enfin perdu 'Flori Have' machte da keine Ausnahme. Aber auch in der westdeutschen Literatur und jetzt in der gesamtdeutschen kam und kommt diese Thematik kaum vor.11) Dabei hat es zwischen 1961 und 1989 immerhin 40 000 echte Fluchtfälle in Deutschland gegeben, dazu über eine Million Übersiedlungen, und von 1949 bis zum Fall der Mauer haben sogar rund 3,5 Millionen Menschen die DDR verlassen.12) Eine für Deutschland, das deutsche Volk signifikante Erscheinung also, die mit allem, was sie für die Entwicklung im Osten wie im Westen bedeutete, in der Schule nicht ausgespart werden sollte. Was erfährt man aus Johnsons Roman darüber und zumal über das hinaus, was man auch einem Geschichtsbuch entnehmen könnte? Der Fall, der uns hier erzählt wird, scheint zunächst so besonders charakteristisch |S.112:| nicht zu sein. Ein 25jähriger Fotograf aus Schleswig-Holstein, 'B.' genannt, lernt im Januar 1961 bei einer privaten Einladung in Westberlin die 21jährige Krankenschwester 'D.' aus Ostberlin kennen, verliebt sich in sie, besucht sie einige Male und sieht sich mit dem Bau der Mauer scheinbar unaufhebbar von ihr getrennt. Da kommt er in einer Westberliner Kneipe mit studentischen Fluchthelfern in Berührung, kann ihr anbieten, sie herauszuholen, und sie geht nach einigem Zögern darauf ein. Als sie ein halbes Jahr später aber schließlich eintrifft, ist es mit ihrer Neigung für ihn schon vorbei, und die Stunde der Wiederbegegnung wird auch die Stunde der Trennung. Im Grunde, so erkennt man, haben die beiden von Anfang an nicht zueinander gepaßt, und nur die zwischen ihnen aufgerichtete Mauer hat eine Art von Bindung zwischen ihnen hergestellt. Eine Liebestragödie ist dies mithin nicht, es ist kaum auch nur eine Liebesgeschichte. Worum es geht, das ist die Mauer, die Teilung, und das aus ihr nachgerade zwanghaft sich ergebende Gefühl, beiderseits in der Lebensplanung nicht mehr frei zu sein. Für ihn gibt es eine Art Ehrenpflicht, sie auf der anderen Seite nicht sitzenzulassen, und sie nährt vage die Hoffnung, durch die Flucht zu ihm einer insgesamt unerfreulichen Lebenssituation zu entkommen. Dabei ist nicht zu übersehen, daß Johnson zur Herstellung der beiderseitigen Fehlsicht die realen Verhältnisse sogar vergröbert hat. Denn natürlich wäre es für einen Fotografen wie B. kein Problem gewesen, eine Krankenschwester in Ostberlin weiterhin zu besuchen. Sie hätten ihr Verhältnis also sehr wohl weiterhin erproben können, bis er ihr aus Liebe oder auch aus jedem anderen Grund hätte zur Flucht verhelfen können oder nicht. Statt dessen hängt er Monat um Monat in Westberlin herum und weiß nicht, wie er zu ihr steht, und sie gibt sich arglos mit knappen Briefnotizen zufrieden und fragt sich kein einziges Mal, warum er nicht einmal kommt.13) Wüßte man nicht, daß Johnson in diesem hilflosen Wartestand seine eigene damalige Lage abgebildet hat - als Westberliner konnte seine dann im Februar 1962 herausgeschleuste Verlobte Elisabeth Schmidt nach dem Mauerbau tatsächlich nicht besuchen -, man würde diese wie selbstverständlich eingeführte Voraussetzung gar nicht verstehen. Wenn nun aber dieser Handlungskern so besonders aussagekräftig nicht ist - was tritt an seine Stelle? Es sind vor allem die Verhältnisse der damaligen Zeit, eine Fülle plastischer Details, aus denen man sich die Berlin-Situation um die Zeit des Mauerbaus wieder ganz und gar - oder auch erstmals - vor Augen führen kann. Das beginnt damit, daß die 21jährige |S.113:| D. ganz selbstverständlich auch zu Westberlin ein Verhältnis hat, gelegentlich dort einkauft, ins Kino geht, Bekannte besucht und dies einfach ein normaler Teil ihrer Lebenswelt ist. "Die Städte Berlin waren für sie immer Nachbarschaft gewesen, die Gegend nebenan, genutztes Eigentum", heißt es dazu, "und es war ihr nicht recht gewesen, wenn B. in Westberlin doch immer für sie bezahlte mit seinem Geld, als wäre das nicht ihre Stadt, und Ostberlin vermied, als würde das seine nicht". (ZA 22)14) Es setzt sich fort in der Behandlung von Verkehrsverhältnissen, Zollkontrollen, Umtauschkursen, in ihren Schwierigkeiten, in Ostberlin überhaupt ein Wohnrecht zu bekommen, und ihrem Weg, ihnen zu entkommen, und es mündet ein in jene beklommene, fassungslose Erstarrung, mit der man auf den Mauerbau selbst reagierte. "Sie hatte unter diesem Staat gelebt wie in einem eigenen Land, zu Hause, im Vertrauen auf offene Zukunft und das Recht, das andere Land zu wählen", heißt es von ihr. "Eingesperrt in diesem, fühlte sie sich hintergangen, getäuscht, belogen; das Gefühl war ähnlich dem über eine Kränkung, die man nicht erwidern kann..." (ZA 47). Den Abschluß- und Höhepunkt dieser zeitgeschichtlichen Bestandsaufnahme aber bildet die akribische Darstellung all der Tricks, mit denen man in der ersten Zeit nach dem Mauerbau einen Grenzübertritt noch ermöglichen konnte. Besonders dieser Teil - das ganze letzte Viertel des Romans - dokumentiert die Verhältnisse jener Tage in einer Genauigkeit, die man sonst überhaupt nirgendwo findet - bis hin zu dem paradoxen Ergebnis und Ausgang, daß die D. nach einer abenteuerlichen, kostspieligen, nervenaufreibenden Reise von vierundzwanzig Stunden wieder in der Stadt eintrifft, aus der sie aufgebrochen ist, nur ein paar Stadtteile weiter westlich. Daß Johnson gerade diese Flucht so akribisch schildern kann, ist darauf zurückzuführen, daß sich die Flucht seiner späteren Frau eben damals so abgespielt hat und er die Aktivitäten der Fluchthilfe-Gruppe dabei aus nächster Nähe kennengelernt hat und auch kennenlernen wollte. Seiner eigenen Aussage nach sollte aus diesen Studien auch zunächst etwas anderes, nämlich eine "epische Dokumentation" zum Thema Fluchthilfe hervorgehen, in der bis auf die Namen der Beteiligten alles so wahrheitsgetreu wie möglich festgehalten sein sollte. Er empfand sehr genau, daß der Unverwechselbarkeit dieser Erscheinungen gegenüber Fiktion nicht angebracht war, sofern nicht überhaupt in einer Welt, in der man Tatsachen erfassen und mitteilen konnte, das Erfinden von Geschichten überholt und nicht mehr gerechtfertigt war.15) Das Projekt jedoch - auch seitens des Suhrkamp-Verlages mit Skepsis aufgenommen - kam nicht zustande. Es kam - |S.114:| typisch für Johnson - nicht zustande, weil sich das Fluchthilfe-Geschehen nicht mehr Tag um Tag, nicht mehr in allen Einzelheiten rekonstruieren ließ, so daß ihm die Arbeit "an den Rand des Annehmens, des Mutmassens, kurz - des Erfindens" geriet16) und er folglich auch gleich die Romanform wählen zu können meinte. So ist aus diesen Recherchen nur die Erzählung Eine Kneipe geht verloren übrig geblieben und eben auch die genaue Darstellung der Flucht in den Zwei Ansichten. Daß Johnson damals bei diesen Recherchen oder über sie hinaus auch einen Fotografen und eine Krankenschwester kennengelernt hat, die ihm ihr gemeinsames Schicksal erzählt und zum Gebrauch überlassen haben, wie er dies sowohl in dem Roman selbst als auch noch einmal in den Begleitumständen erklärt17), ist indessen unwahrscheinlich. Belegt ist nur, daß er sich für die Darstellung des Schwesternalltags der D. umfangreich bei einer Bekannten in Ostberlin informierte und zur Kennzeichnung der Berufsarbeit des B. einen Bildband und die Mitteilungen des Fotografen Bernard Larsson benutzt hat.18) Das Geschehen selbst ist also doch wohl erfunden, und dies um so mehr, als er mit seiner demonstrativen Heimlichtuerei das Paar eher der Gefahr einer Entdeckung ausgesetzt hätte, die Indizien sind ja verhältnismäßig dicht. Aller seiner Vorkenntnisse und Studien unerachtet unterläuft Johnson dann allerdings doch in einem wichtigen Punkt ein Fehler - und er sei hier benannt, weil er bezeichnenderweise bislang nicht benannt oder öffentlich bemerkt worden ist. Es geht um den Aufenthalt des jungen B. im Januar 1961 in Ostberlin, also noch vor dem Mauerbau. Hier ist zweimal, als er bei der D. übernachten will, von ihm drohenden Schwierigkeiten wegen eines um Mitternacht ablaufenden Passierscheines die Rede und von seiner entsprechenden Angst vor der ostdeutschen Grenzpolizei (ZA 13 und ZA 92). Ein Passierschein bereits vor dem Mauerbau? Den gab es natürlich nicht, wo führte das auch hin. Doch war Johnson die Ende 1963 erstmals eingeführte Passierschein-Regelung mit der Rückkehrpflicht um Mitternacht ein Jahr später offenbar schon so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er sich das freie Hin und Her für Westbürger vor jenem Einschnitt gar nicht mehr vorstellen konnte. Daß auch niemand aus dem Lektorat des Suhrkamp-Verlages diesen Fehler bemerkte, ist aber in einem anderen Sinne für symptomatisch zu halten. Hier gab es Fehlerbeanstandungen nämlich schon, d.h. man stieß sich hier etwa daran, daß der fabrikneue Porsche des Fotografen B. bei der Überführungsfahrt von Stuttgart nach Hamburg ohne Schadensbestimmung liegenbleibt, und empfahl Johnson, die Panne auf die 'Vergaser-Schwimmernadel' zurückzuführen.19) Vergaser-Schwimmernadel - weniger exakt ertrug man es nicht! Doch daß |S.115:| man für eine Fahrt von West- nach Ostberlin vor dem Mauerbau keinen Passierschein brauchte, blieb den Herren Porschefahrern verborgen. Doch bis dahin waren sie damals eben auch nicht gekommen. Von vornherein weniger perfekt als die Darstellung der Berlin-Verhältnisse fällt naturgemäß die Darstellung des Lebenshintergrundes des Fotografen B. in Schleswig-Holstein aus. Zwar war Johnson eigens dort noch herumgefahren und hatte Ratzeburg als eine geeignete Stadt ausgemacht20), aber sein Bild von den westdeutschen Verhältnissen war doch zu unscharf, als daß ihm hier eine restlos befriedigende Kennzeichnung hätte gelingen können. Um nur zwei Schwachstellen zu nennen: Als - erstens - B. den Ersatzbetrag für das ihm entwendete Auto auf sein Bankkonto angewiesen erhält, erzählen die Bankangestellten diese Tatsache sofort so herum, daß ihm "schon auf dem Rückweg von der Bank" Geschäftsleute einen Anzugstoff, einen gebrauchten Mittelklassewagen sowie ein Jagdgewehr zum Kauf anbieten (ZA 131). Das könnte zur sarkastischen Kennzeichnung kapitalistischer Geschäftsverhältnisse vielleicht in ein Theaterstück von Brecht oder Dürrenmatt passen - in einem wahrscheinlich situierten Zeitroman wie den Zwei Ansichten hat es nichts zu suchen. Und eine zweite Stelle: Um für die westdeutschen Verhältnisse beiläufig auch ein militaristisches und revanchistisches Element ins Bild bringen zu können, erwähnt Johnson nicht nur einen "Tag der westdeutschen Armee" mit der Auffahrt von 'Geschützen, Feldküchen und Amphibienwagen' und weist auf 'wohlassortierte' Waffengeschäfte hin, sondern er läßt auch Aufmärsche von 'Bürgern mit Fahnen der verlorenen Ostgebiete' stattfinden, und einmal nimmt sogar eine "Umsiedlerin in schlesischer Tracht" im Bus neben B. Platz (ZA 31 und ZA 129). Wenn jedoch etwas für das Alltagsbild einer schleswig-holsteinischen Kleinstadt damals nicht charakteristisch war, dann solches, so wie auch schon die Tatsache, daß Johnson nicht, wie im Westen üblich, von 'Vertriebenen' oder 'Flüchtlingen' spricht, sondern den DDR-Euphemismus 'Umsiedler' benutzt, seine Unvertrautheit mit den West-Verhältnissen anzeigt.21)
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