Teil 3
Die verfremdende Sprache
S. 115 bis 119


Oder gehört dieser Ausdruck schon zu jenen sprachlichen Verfremdungen und Verstellungen, deren er sich auch sonst in diesem Roman und nachgerade systematisch bedient? Es wird einem nämlich klar, daß dessen anhaltende, oft überraschende Mitteilungskraft maßgeblich darauf beruht, daß er auf jede Übernahme kurzzeitiger und zumal politisch eingefärbter Begriffe verzichtet. Das Prinzip, nach dem dies geschieht, hatte Johnson schon zu Anfang des Dritten Buches über Achim gleichsam exemplarisch |S.116:| vorgeführt, als er dort die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten wie eine Tatsache aus einer fernen Vergangenheit zur Sprache bringt:
da dachte ich schlicht und streng anzufangen so: sie rief ihn an, innezuhalten mit einem Satzzeichen, und dann wie selbstverständlich hinzuzufügen: über die Grenze, damit du überrascht wirst und glaubst zu verstehen. Kleinmütig (nicht gern zeige ich Unsicherheit schon anfangs) kann ich nicht anders als ergänzen, daß es im Deutschland der fünfziger Jahre eine Staatsgrenze gab, du siehst wie unbequem dieser zweite Satz steht neben dem ersten.22)

Er fährt dann fort diese Grenze zu beschreiben, so als wüßte man gar nicht mehr, wie sie beschaffen ist - ein Protest gegen ihr Vorhandensein ebenso wie ein Ausdruck der Trauer über das Unabänderliche an ihr. Erst in einer sehr fernen Zeit, so liest man das, wenn alle, die von dieser Grenze noch wissen, nicht mehr leben werden, wird sie überwunden und vergessen sein. Und mit eben solchem Abstand blickt er in Zwei Ansichten auf das geteilte Deutschland und das geteilte Berlin. Es gibt hier keine Bundesrepublik und keine DDR, sondern nur einen 'ostdeutschen' und einen 'westdeutschen' Staat (ZA 12, 45f. u.ö.), keine politischen Instanzen oder Institutionen, sondern nur die 'Staatsmacht' oder 'Behörden', (ZA 160, 175), kein 'Bonn', sondern nur die 'Stadt der westdeutschen Regierung' (ZA 207), keine SED, sondern nur eine 'staatliche Partei' (ZA 54), keinen Tag der Republik, sondern nur einen 'Jahrestag des Staates' (ZA 183), keine Selbstschußanlagen, sondern nur 'maschinelles Erschießen' (ZA 196), keinen Verfassungsschutz, sondern nur ein 'Büro für Befragungswesen' (ZA 84), keinen Staatssicherheitsdienst, sondern nur eine 'geheime Polizei' (ZA 206), und natürlich keinen einzigen Politiker-Namen oder sonst einen Namen von Personen oder Institutionen des öffentlichen Lebens, selbst die Hauptfiguren heißen ja nur B. und D.

Den gleichen, gewissermaßen uneingeweihten Zugriff beobachtet man bei der Erfassung von politischen Sachverhalten. Funktionäre sind Leute, "die der Macht und Gewalt des Staates verwandt waren", von der D. identifiziert über "Wortschatz, Fragestellung, Abzeichen, Uniform". Die "Inhaber der Macht" hat sie kennengelernt nicht bei Kundgebungen oder Festakten, sondern "halb verdeckt durch Rednerpulte" oder "geschützt durch die Brüstung von Opernbalkonen". (ZA 40, 46) Auch bezeichnet sich ihr Staat nicht als antifaschistisch, sondern 'beschreibt seine Vorzüge aus den Nachteilen des vorigen'. (ZA 46) Von den ostdeutschen Filmen wird mitgeteilt, sie machten Westberlin nicht bloß schlecht, sondern kennzeichneten es als eine "widerliche, verbrecherische Gegend" (ZA 122). Der junge Herr |S.117:| B. fotografiert hinter der Mauer statt politischer Transparente "Tafeln mit Reklame für die Politik der ostdeutschen Behörden" (ZA 175), und die Kinder dort lernen im Kindergarten einen "Spruch, in dem sich Staat auf Saat reimte" (ZA 124). Natürlich sind derart lakonische Bestimmungen immer zugleich auch eine sarkastische Abrechnung mit den Verhältnissen, von denen sie handeln. Doch ändert das nichts daran, daß sie bei Johnson eingebettet sind in einen durchgehenden Duktus des Abständigen, Unvertrauten, wie aus einer anderen Zeit heraus Gesprochenen, und eben dies macht sie wahrscheinlich schon heute informativer, als wenn er sich einer zeitgebundenen Begrifflichkeit bedient hätte. Aber auch wenn nicht oder noch nicht - solche verfremdenden Bestimmungen und Beschreibungen aus dem Text herauszusuchen stellt allemal eine lohnende Aufgabe dar, die in diesem Falle auch leicht organisierbar ist durch die Unterteilung in Kapitel, denen man sich gruppenweise zuwenden könnte.

Fündig werden könnte man in dieser Hinsicht auch für die Stadt Berlin. Schon, daß Johnson auf Stadtteilbenennungen nahezu vollständig verzichtet23) und sich mit 'Weststadt' und 'Oststadt', inneren und äußeren Bezirken, nördlichem und südlichem Stadtrand oder auch einem 'Südflugplatz' begnügt, ist in dieser Hinsicht bezeichnend. Ebensowenig gebraucht er Straßennamen (außer der Kneipe am 'Henriettenplatz', mit dem Platz am oberen Ende des Ku-Damms aber nicht identisch, und einer nicht-existenten 'Henriettenstraße'), nur 'Durchgangsstraßen', 'Linienkreuze', 'Bahnhofsplätze' und derlei Großstadt-Merkmale tauchen auf. (ZA 139) Unspezifisch bleibt auch der Blick auf die Mauer; sie ist nur eine Ansammlung von "Hohlblockwänden, geschichteten Betonplatten, verstrebten Stacheldrahtlinien, zugemauerten Fenstern in Grenzhäusern, Posten auf dreistöckigen Hochständen" usw. (ZA 140) Gleichwohl vermißt man Konkretheit hier nicht, für die Mauer sowieso nicht, aber auch nicht für das Großstadtprofil. Hier genügt zu lesen, daß die Doppelstockbusse "wie Elefanten trotteten im vierbahnigen Verkehr, von wuselnden Rücklichtern umblinkt im Dämmern der Unterführungen" (ZA 143), und man ist vollständig im Bilde.

Ausgenommen von dieser Unbenanntheit bleiben lediglich einige wenige Realitätsmomente, an denen Johnson aus Gründen der Handlung Interesse hat, und sie werden, damit ihre Bedeutung nicht verloren geht, sogar eigens erklärt. So kommt B. einmal am "dritten Grenzkontrollpunkt der amerikanischen Armee" vorbei, "Charlie genannt nach dem Militäralphabet" (ZA 142), oder die D. muß wegen der gesperrten Durchfahrt durch Westberlin von Potsdam nach Ostberlin südlich um die Stadt herum |S.118:| fahren in Zügen, die 'Sputniks' hießen, "nach dem ersten kosmischen Satelliten der Sowjetunion". (ZA 213) Der Begriff 'Wiedervereinigung' wird in "Vereinigung der deutschen Restgebiete" übersetzt (ZA 208), und daß die Helfer der D. im Osten eine "Anklage wegen Menschenhandels" zu befürchten haben, wird mit dem Zusatz versehen: "... wie das Recht ihres Landes Hilfe bei der Ausreise aussprach". (ZA 208) Eine Verdeutlichung in diesem Sinne ist aber auch, daß Johnson den Geldbetrag, den B. für die Flucht der D. aufbringen muß, nicht bloß nennt, sondern zum Preis eines Autos in Beziehung bringt. Es sind fünfhundert Mark oder 'der zehnte Teil der Summe, die damals einen mittleren Wagen wert war' (ZA 173). Schon heute mag es uns fabelhaft vorkommen, daß ein 'mittlerer Wagen' 1961 nur 5000 Mark gekostet hat - doch um wieviel weniger würde dieser Betrag uns ohne die Autowert-Bestimmung bedeuten! Wenn es gleichzeitig heißt, B. habe einen solchen Betrag, der ihm 'ungeheuer' vorkam, "einmal in der Spielbank verloren" (ZA 176), wird sein Engagement auf der anderen Seite aber auch wieder sarkastisch relativiert.

Verfremdende Begriffe und Bestimmungen gibt es aber nicht nur für politische Erscheinungen, sondern zahlreich auch für Erscheinungen der Alltagswelt. Statt Miete heißt es 'Wohngebühren' (ZA 12), statt Pacht 'das Haus war vom Staat geliehen' (ZA 101), Heime sind 'städtische Hilfen für Alte und Bedürftige' (ZA 7), Leuchtschriften 'Neongeflecht', Verkehrsampeln 'Ampelfeuer' (ZA 10), Sekretärinnen heißen 'Schreibmädchen' (ZA 49), Plastikbeutel 'durchsichtige Kunststofftüten' (ZA 31), der Thresen in der Kneipe heißt 'Bierbrücke' oder 'Schankbrücke' (ZA 75,136), eine Tonic-Limonade 'Bitterwasser' (ZA 75), ein bezahlter Mittagstisch 'Eßabonnement' (ZA 128), und statt Schallplatte finden wir 'gepreßtes Lied' (ZA 28).

Aber auch mit seinen umständlichen oder lakonischen Umschreibungen rückt uns Johnson manche Dinge in ein neues Licht. So heißt es von einer Patientin, deren die D. sich annimmt, daß diese ihre schwarzen Stirnhaare "nach der Art irischer Zwergpferde nach vorn trug" (ZA 119). Oder B. wird auf der Polizei mitgeteilt, daß der ihm entwendete Sportwagen bei einer Fluchtfahrt von Ost- nach Westberlin unter dem Schlagbaum hängengeblieben und dabei in eine Form gekommen sei, "die der eine Beamte ihm mit gegeneinanderbewegten Handflächen andeutete." (ZA 83f.) Oder es werden die spöttischen Laute erwähnt, mit denen die Kneipenwirtin den so gescheiterten Fluchtversuch kommentiert, Laute, "die sie mit der Zunge an den Zähnen hervorbrachte, das gespielte Mitleid für Kinder". (ZA 168) Auch fällt in Zeitschriften B.s Blick auf Annoncen, in denen "für |S.119:| käufliche Gegenstände geworben wurde mit dem Gebrauch, den eine unbekümmerte, unruhelose Jungfamilie zwischen modischem Mobiliar von ihnen macht." (ZA 155f.) Und schließlich geht er in Westberlin in der Wartezeit wahllos ins Kino, "wohltätig abgelenkt von Leuten, die auf das geschickteste Tresore aufschweißten, sich umarmten, Lassos schwangen, Unterwäsche ablegten". (ZA 176)

Es kommt für das Behandeln dieser verfremdenden Beschreibungen gar nicht darauf an, ob man sie in jedem Einzelfall als gelungen empfindet. Den Blick auf sie zu lenken lohnt sich schon deshalb, weil es zu einer genauen Textaufnahme zwingt und das Nachdenken über den eigenen, gewöhnlichen Sprachgebrauch fördert. Man hat Johnson - zumal in bezug auf Zwei Ansichten - ja sogar vorgeworfen, daß seine Sprache ungelenk, verschroben, ja streckenweise grammatisch falsch sei24) - und strenge Begriffe zugrunde gelegt, kann man dies nicht einmal bestreiten. Außer acht gelassen wird dabei allerdings der Eindruck, den sie beim Lesen macht: der Eindruck nämlich einer über jeden Zweifel erhabenen Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit. Denn so wie sich sprachlich dieser Erzähler von allem bloß Konventionellen fern hält, traut man ihm auch zu, sich politisch, moralisch, menschlich von unseren Konventionen fernzuhalten, und das gibt seinen Urteilen ein ganz eigenes Gewicht. Es ist derselbe Effekt, wie wenn man Ausländer die eigene Sprache mit Sorgfalt sprechen hört. Je weniger glatt und routiniert das Gesagte herauskommt, je weniger man weiß, wie der Satz zu Ende geführt werden wird, desto intensiver hört man zu, einfach weil man immer gewissermaßen voraussetzt, daß, wer sich so viel Mühe um die Findung des richtigen Wortes geben muß, auf keinen Fall etwas Unbedachtes oder Unnötiges sagen wird. Das funktioniert allerdings nur solange, wie man nicht auf offenbaren Unsinn, auf Fehler oder Unstimmigkeiten stößt. Da ist man dann leicht um so mehr ernüchtert, und eben deshalb hat Johnsons mit großer Akribie auch noch das kleinste Versäumnis dieser Art zu vermeiden gesucht. In Zwei Ansichten ist ihm das weitgehend auch noch gelungen, in den Jahrestagen dann allerdings doch nicht mehr. Hier blickt man vom Kothurn dieser Sprache herunter immer wieder in Niederungen des Unrichtigen, ja Unmöglichen und ist sich dann nicht mehr ganz sicher, ob man diesem Erzähler auf seinem Weg noch folgen soll.
 

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©Bernd W. Seiler, Dezember 1998