Einleitung
Erinnerungen - zu unrecht vernachlässigt
S. 203 bis 206


Nichts ist für die heutige Situation der fiktionalen Literatur bedeutsamer, nichts greift tiefer in ihr Verhältnis zur Realität ein als die Tatsache, daß von immer mehr Menschen Selbstzeugnisse erscheinen. Briefe, Tagebücher, Memoiren, Erlebnisberichte - was lange Zeit nur von Prominenten zugänglich war, erreicht uns heute zunehmend auch von Unbekannten. Wo aber die Erlebenden selbst und unverstellt von ihren Erlebnissen berichten, sind Fiktionen überflüssig bzw. müssen, um bestehen zu können, mehr sein als biographische Mimikry. Der Roman, soweit er 'Literatur' sein will, hat darauf auch längst reagiert. Mehr denn je betont er statt seines Mitteilungs- seinen Kunstcharakter, ersetzt also seinen Mangel an originärer Information durch den immer virtuoseren Gebrauch der erzählerischen Mittel. Ob diese Entwicklung wirklich so unbegrenzt weitergehen kann, wie man derzeit noch unterstellt, kann hier offen bleiben - allzu viele folgen jenen Erzähl-Experimenten ja schon heute nicht mehr. Nur der Zusammenhang als solcher sollte unstrittig sein, zumal man ihn jüngst noch einmal wie in einer Zeitraffer- Aufnahme an dem Bedeutungsverlust beobachten konnte, den gleichsam über Nacht die DDR-Literatur erlitten hat. Lange Zeit allein erzählberechtigt (und deshalb gern für einen höheren Kulturzustand in Anspruch genommen), ist mit der neuen Mündigkeit auch sie vom authentischen Erzählen eingeholt worden, und mit jedem weiteren Bericht, der über Flucht-, Stasi- und Wende-Schicksale jetzt erscheint, wird unwahrscheinlicher, daß Romane der alten Art zu solchen Schicksalen noch entstehen.  

Daß die Literaturwissenschaft auf diesen Prozeß hinreichend aufmerksam reagiert, kann man freilich nicht sagen. Nicht nur gibt es immer noch die Tendenz, unter 'Literatur' nur fiktionale Texte zu verstehen, man nimmt auch die Formen des fiktionalen Erzählens so sehr zum Zeichen für literarische Qualität an sich, daß die eher traditionell formulierte authentische Literatur von vornherein in Verdacht steht, nichts zu taugen. Man könne heutzutage gar nicht mehr einfach und geradezu erzählen, wird dazu in blindem Dogmatismus (oft mit Adorno begründet) schlankweg behauptet, während tatsächlich eben nur die Fiktion dies nicht kann |S.204:| und das authentische Erzählen sehr wohl noch so funktioniert. Damit aber besteht die Gefahr, daß ein großer Korpus erzählender Texte, von dem manches im Lektüreangebot überdauern wird, aus der literarischen Urteilsbildung einfach herausfällt. Das Leserurteil wird sich davon zwar kaum beeinflussen lassen, doch wem der Gedanke der öffentlichen Mitsprache in Kulturangelegenheiten für unsere Wissenschaft nicht ganz fremd ist, kann damit nicht zufrieden sein. Es soll daher hier am Beispiel der Erinnerungsliteratur an das Dritte Reich einmal überlegt werden, welche Bedingungen solche Texte erfüllen müssen, um in diesem Sinne überlieferungsgeeignet zu sein, oder - was dasselbe meint - um für literarisch gehalten werden zu können. 

Zunächst jedoch: Um Werke welcher Art geht es? Erinnerungen - herkömmlich auch Memoiren genannt - sind Lebensrückblicke, in denen das eigene Leben so deutlich auf öffentliche bzw. gesellschaftliche Verhältnisse bezogen wird, daß entweder diese Verhältnisse selbst oder die Rolle des Erzählers in ihnen im Mittelpunkt der Darstellung stehen. Damit unterscheidet sich dieser Texttyp zunächst einmal von der Autobiographie, der es vorrangig um die Darlegung privater, innerer Erfahrungen geht, d.h. im wesentlichen um die Herausbildung und Entwicklung der eigenen Identität.1) Der 'klassische' Memoirentyp beginnt deshalb auch zumeist erst, wo die Autobiographie endet: beim Eintritt in das Erwachsenenleben bzw. der Übernahme einer markanten öffentlichen Aufgabe. Die unausgesprochene Voraussetzung dieser Grenzziehung ist allerdings, daß man es mit 'normalen' Entwicklungsbedingungen zu tun hat, d.h. der junge Mensch zunächst einen nach außen hin unauffälligen persönlichen Werdegang durchläuft, bevor er in gesellschaftlich repräsentative Erfahrungen eintritt. Daß dies nicht für alle Zeiten gleich gilt oder nicht gleichermaßen für jeden zu jeder Zeit, kann man sich freilich ausmalen, und ein Titel wie Memoiren eines Kindes, die Nachkriegserlebnisse eines Mädchens im zerstörten Berlin behandelnd, macht es in seinem unangepaßten Begriffsgebrauch demonstrativ deutlich.2)  

Jürgen Lehmann hat deshalb die herkömmliche Einteilung auch verworfen und eine Unterscheidung solcher Selbstzeugnis- Texte nach dem in ihnen vorherrschenden Aussagemodus, nämlich nach 'Bekennen', 'Erzählen' und 'Berichten' vorgeschlagen.3) Dies ist - auch im Sinne einer historischen Folge - in der Tat vertretbar, nur werden sich die traditionellen Textbezeichnungen damit nicht verdrängen lassen. So erscheint es sinnvoller, den Texttyp der Memoiren, der immer etwas von Prominenten-Plauderei hat, von dem der Lebenserinnerungen abzugrenzen und mit diesem den mehr gesellschaftlich ausgerichteten Typus |S.205:| 'unprominenter' autobiographischer Literatur zu bezeichnen. Denn natürlich, je weniger bekannt ein Verfasser solcher Erinnerungen ist, desto mehr wird ohnehin seine Lebensschilderung, soll sie von öffentlichem Interesse sein, ein gesellschaftlich Allgemeines erfassen müssen. Den entgegengesetzten Typus, die Autobiographie, erklärt man damit allerdings zu einer verhältnismäßig seltenen Erscheinung, aber es ist ja wohl auch nicht zu erwarten, daß persönliche Entwicklungserfahrungen beständig so neuartig gemacht werden, daß ihre Mitteilung - auch angesichts der Befunde der Psychologie - Mal um Mal wieder lohnt. Wenn Wolfgang Paulsen, nur um diese Gattung für das 20. Jahrhundert fortschreiben zu können, selbst eine so ersichtlich fiktionale Konstruktion wie Uwe Johnsons Jahrestage noch zu ihr in Beziehung bringen muß, sieht man im Grunde auch, wie schmal die Textgrundlage hier geworden ist (d.h. genau genommen immer schon war).4) 

Abzugrenzen sind die Lebenserinnerungen aber auch noch gegen eine andere Textgruppe, nämlich gegen die auf den Lebensprozeß verhältnismäßig direkt bezogenen Formen von Brief und Tagebuch. Zwar können auch solche Zeugnisse 'Literatur' sein, d.h. können auch hier Werke entstehen, die es wert sind, im Gedächtnis behalten und an die nachfolgenden Generationen weiterempfohlen zu werden, aber den Literaturwissenschaftler gehen sie doch nur bedingt an. Anders als Memoiren oder Erinnerungen sind sie zumeist keine gestalteten Einheiten, müssen also auch nicht im ganzen aufgenommen werden, um in ihren Intentionen verständlich zu sein. Wo aber auch jederzeit eine partielle oder selektive Lektüre möglich ist und befriedigend sein kann, hat eine auf das Ganze bezogene Qualitätsbestimmung keinen Sinn. Das gilt für das Tagebuch der Anne Frank in seiner 1988 vollständig edierten Form nicht anders als für den 1992 herausgegebenen Briefwechsel Dietrich Bonhoeffers mit Maria von Wedemeyer (Brautbriefe Zelle 92), und es gilt - ungeachtet des derzeit dazu verbreiteten Urteils - auch für die jüngste editorische Leistung auf diesem Gebiet: Walter Kempowskis Dokumentarwerk Das Echolot (1993). Zwar zeigt diese Zusammenstellung von Selbstzeugnissen aus dem Kriegswinter 1943 durchaus eine gewisse Gestaltung, doch das Ergebnis mit seinen 3000 Seiten noch der Literatur zuzurechnen, gar eine der bedeutendsten Literaturleistungen unseres Jahrhunderts darin zu sehen5), ist abwegig. Die Leistung von Literatur war es einmal und wird es auch bleiben, uns die Welt exemplarisch zu zeigen, 'Dichtung' auch im Sinne von 'Verdichtung' zu sein, und das ist bei solchen Umfängen einfach nicht mehr gegeben. Wenn Kempowski inzwischen ein weiteres solches Werk zum Kriegsende 1945 angekündigt hat und Spötter bereits witzeln, danach müsse |S.206:| es unbedingt eine vierzigbändige Sammlung von Stasi-Akten sein6), so sieht man auch, worauf diese Mammutproduktion hinausläuft. Letztlich handelt es sich dabei um eine Erscheinung der Überflußgesellschaft. Unter der Voraussetzung eines Überflusses an Zeit und Geld (350 Mark!) wird dem Leser hier ein Überfluß an Material dargeboten, und wenn es mit seiner Zeit dann doch vielleicht nicht so weit her ist, macht das auch nichts. Man müsse gar nicht alles lesen, haben selbst die Bewunderer der Echolot -Sammlung eingeräumt, ohne indessen zu bemerken, wie total sie deren Werkcharakter damit infrage stellten. 

Wodurch nun aber werden Lebenserinnerungen literarisch und welche über die Zeit des Dritten Reiches zeichnen sich in diesem Sinne aus? Vier Kategorien sind es, mit denen im weiteren argumentiert werden soll, und zwar mit der Intention, daß 'Literatur' nur vorliegt, wenn sie alle vier befriedigend ausgefüllt sind. Es sind dies die Kategorien 

1. Erlebnisreichtum 
2. Aufrichtigkeit 
3. Ausdruckskraft 
4. Persönlichkeit 

Dabei ist der Erkenntnisweg natürlich umgekehrt der gewesen, daß zunächst die überzeugenden oder enttäuschenden Beispiele vorgelegen haben und ihnen erst danach diese Kategorien abgewonnen worden sind. Ihre Brauchbarkeit müßte sich nunmehr aber auch unabhängig von ihnen bzw. auch an anderen als den hier herangezogenen Beispielen erweisen, oder - falls man sie an ihnen nicht erfüllt sieht - auch sogar gegen sie.

 
zur Übersicht zurück  weiter zum ersten Teil

©Bernd W. Seiler, November 1998