Teil 4
Wahrscheinlichkeit als Deutungskategorie
S. 42 bis 46


Wahrscheinlichkeitserwägungen sind aber nicht nur, ja nicht einmal zur Hauptsache dazu geeignet, einen kritischen Abstand zu gewissen Mängeln in erzählerischen Konstruktionen zu gewinnen. Sie können auch und erst recht eine Verstehenshilfe dort sein, wo das Unwahrscheinliche bestimmte Funktionen erfüllt. Indem man sich diese Funktionen verdeutlicht, läßt sich in nicht wenigen Fällen auch die Eigenart und Intention dieser Texte genauer erfassen, bzw. man gewinnt einen Einblick in Wirkungsvorgänge, die sonst mehr oder weniger unbewußt nur erfahren werden. Ein gewisser Desillusionierungseffekt ist dabei allerdings nicht auszuschließen, zum einen schon, weil die Grenze zwischen der absichtlichen, also funktional 'gesetzten' Unwahrscheinlichkeit und der unabsichtlichen nicht immer scharf zu ziehen ist, dann aber auch, weil man im genauen Erkennen der Zweckhaftigkeit bestimmter Unwahrscheinlichkeiten wirklich 'enttäuscht' sein kann, wie im Sprichwörtlichen 'Man merkt die Absicht und man ist verstimmt'. Beobachten wir aber an einigen typischen Schulnovellen, was es mit diesen Fragen auf sich hat: an Hauptmanns Bahnwärter Thiel, Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe, Storms Schimmelreiter und an Marie Luise Kaschnitz' Kurzgeschichte Das dicke Kind.

Für den Bahnwärter Thiel wird man am wenigsten davon ausgehen können, daß die in ihm zu bemerkenden Unwahrscheinlichkeiten genau kalkulierte Wirkungsfaktoren sind. Eher wohl sind sie Hauptmann nur unterlaufen, dennoch aber als Stimmungsmomente von nicht geringer Bedeutung. Der Bereich, in dem sie angesiedelt sind, ist der des Zeitgerüstes der Erzählung, und zwar sowohl in bezug auf den Handlungszeitpunkt als auch in bezug auf Fragen der Dauer. Die eigentliche Erzählung beginnt "an einem Junimorgen" und erstreckt sich über drei Tage. Die Jahreszeit ist dabei nicht willkürlich gesetzt. Hauptmann gebraucht sie, um Lenes Arbeitstag am Bahnwärterhäuschen zu erklären: die Kartoffeln müssen endlich gesteckt werden, wenn überhaupt in diesem Jahr aus ihnen noch etwas werden soll. Für den ersten Tag sind dann die beschriebenen Naturvorgänge dem Monat Juni auch verhältnismäßig wahrscheinlich zugeordnet. Nachdem Thiel seinen Dienst abends gegen sechs angetreten hat, ist er noch eine Zeitlang beschäftigt, bevor die Sonne untergeht und es nach und nach dunkel wird. Der Abend ist allerdings recht kalt. Thiel muß heizen, und nachts schlägt gar Hagel gegen die Scheiben. Der nächste 'herrliche Sonntagmorgen' stellt aber das übliche jahreszeitliche Bild wieder her.

Ganz anders der Abend des nachfolgenden Katastrophentages. Nachdem um die Mittagszeit das Kind überfahren worden ist, geht bereits vor der abendlichen Dienstablösung die Sonne unter, und es ist, obwohl ein klarer Tag, fast finster, als der Zug mit den heimkehrenden Arbeitern Lene und das tote Kind wieder zu Thiel zurückbringt. Entsprechend nächtlich auch die Szenerie des Heimweges:

|S.43:|
Wie eine riesige purpurglühende Kugel lag der Mond zwischen den Kiefernschäften am Waldesgrund. Je höher er rückte, um so kleiner schien er zu werden, um so mehr verblaßte er. Endlich hing er, einer Ampel vergleichbar, über dem Forst, durch alle Spalten und Lücken der Kronen einen matten Lichtdunst drängend, welcher die Gesichter der Dahinschreitenden leichenhaft anmalte.20)

Damit wird aber nicht nur der Zeitpunkt der Heimkehr - für Juni wäre es wohl Mitternacht - unwahrscheinlich spät angenommen, sondern auch der Heimweg als solcher dauert - über den Aufstieg des Mondes - unverhältnismäßig lange. Doch diese Nacht, die bereits viel zu früh begonnen hat, scheint ohnehin kein Ende zu nehmen. Nachdem der fiebernde Thiel mit kalten Umschlägen behandelt worden und Lene nach langem Wachsein endlich eingeschlafen ist, kehren nach "einigen Stunden" die Männer mit dem toten Kind zurück, finden Frau und Säugling ermordet, stellen "in derselben Nacht" noch vergeblich Nachforschungen über den Verbleib Thiels an, bis daß dieser schließlich am nächsten Morgen am Bahndamm gefunden wird.

Ihrer ganzen Erstreckung und Düsternis nach ist dies mithin keine Juninacht, sondern eine Nacht im Herbst oder Winter. Oder anders ausgedrückt: Wir haben es hier nicht mit einer wahrscheinlichen, sondern mit einer funktionalen Zeitgestaltung zu tun, bezogen auf Thiels düsteren Seelenzustand und die daraus sich entwickelnden Bluttaten. Indem man dies sachlich begründet nachweisen kann, wird aber auch für die anderen Natur- und Situationsbeschreibungen klar, daß sie nicht in erster Linie der Kennzeichnung der Ereigniszeit und anderer äußerer Umstände gelten, sondern daß sie Stimmungsfaktoren sind, die dem Leser das naturhaft Verhängnisvolle des Geschehens in suggestiver Direktheit vermitteln wollen. Hauptmann gestaltet also eigentlich nicht mehr realistisch, sondern fast schon expressionistisch, wenn auch die insgesamt wahrscheinlich wirkende Handlung diese Tendenz noch verdeckt. Bei genauerem Hinsehen kann man freilich sogar auch an der Handlung surreale Züge wahrnehmen. Thiels Dienst an einem Bahnübergang, den in Tagen, ja Wochen niemand benutzt, brauchte nur um eine Spur überflüssiger zu sein, und man hätte eine Situation wie bei Kafka vor sich. So kann hier über den Nachweis einer Unstimmigkeit im Zeitgerüst ein ganzer Epochenschritt in den Blick genommen werden, mag dabei immer auch ein Zweifel an der ästhetischen Konsistenz dieses Textes zurückbleiben.

Mit Gewinn erörtern läßt sich die Wahrscheinlichkeitsfrage auch im Falle von Gottfried Keller. Hier ist es der Charakter des Skurrilen, Satirischen, Märchenhaften, der sich oft an bestimmten Unwahrscheinlichkeiten festmachen läßt und so die Grenzen des Kellerschen Realismus genauer zu bestimmen erlaubt, als dies aus dem bloßen Eindruck heraus möglich wäre. In Romeo und Julia auf dem Dorfe z.B. liegt eine solche Unwahrscheinlichkeit darin, daß ein im Grunde dem Leben zugewandtes, seiner Anlage nach ganz unsentimentales junges Paar mehr und mehr dazu übergeht, sich die Ausweglosigkeit seiner Lage regelrecht herbeizureden. So muß die 16jährige Vreni zu Sali sagen:

Wir werden dienen müssen und in die Welt hinaus! Ich werde es aber nicht |S.44:| aushalten ohne dich, und doch kann ich dich nie bekommen, auch wenn alles andere nicht wäre, bloß weil du meinen Vater geschlagen und um den Verstand gebracht hast! Dies würde immer ein schlechter Grundstein unserer Ehe sein und wir beide nie sorglos werden, nie!21)

Schon Fontane merkte zu solchen Stellen an, so sprächen nicht Sali und Vreni, sondern 'Brüderchen und Schwesterchen' 22), und es trägt dieser Stilzug sicherlich wesentlich dazu bei, daß der Selbstmord des Paares so verhältnismäßig unplausibel bleibt. Die Tatsache, daß Keller sich damit an einen authentischen Fall angelehnt hat, schränkt diesen Befund übrigens durchaus nicht ein. Im Gegenteil, eine gewisse Wendung ins Idyllische macht sich auch in dieser Hinsicht geltend, insofern das junge Paar des Zeitungsbeispiels in Wirklichkeit nicht in Umarmung ins Wasser gegangen ist, sondern sich erschossen hat.23) Eine solche Gewaltsamkeit wäre Sali und Vreni jedoch erst recht nicht zuzutrauen gewesen und hätte die Frage nach Grund und Notwendigkeit um so eher heraufbeschworen. Umgekehrt kann es darum die vergleichsweise 'gefällige' Kellersche Lösung Wahrscheinlichkeitseinwänden allerdings auch schwer machen. Denn es mag am Ende immer noch angenehmer sein, sich in die Möglichkeit eines solchen harmonischen Liebestodes hineinzuträumen, als sich einzugestehen, daß diese Personen entweder, um ihn wirklich auf sich zu nehmen, um einiges exaltierter hätten sein müssen, als sie sind, oder daß sie - wie sie nun einmal sind - einen 'realistischeren' Weg hätten finden sollen.

Aufschlußreich kann die Wahrscheinlichkeitsfrage im weiteren auch für Storms Schimmelreiter sein, in diesem Falle hinsichtlich der Kompetenz der Erzählerfigur. Der Konstruktion der Novelle nach ist das ja ein Schulmeister, dem es vor allem darum zu tun ist, die abergläubischen Deutungen der Deichgrafen-Geschichte zu korrigieren und aufzuhellen. Vorgeblich erzählt er deshalb nur das, was ihm zuverlässig berichtet worden oder was mit Dokumenten zu belegen ist. Trifft das nun aber auch zu? Wie man zeigen kann, sagt er natürlich viel mehr als das. Er ist im Grunde der typische 'allwissende' Erzähler, der sogar von Empfindungen und Vorgängen weiß, die nach seinen eigenen Worten überhaupt niemals jemandem mitgeteilt worden sind.24) Gerade in solchen eigentlich unmöglich zu wissenden Vorgängen wird aber das Unheimliche, das der Absicht nach aufgeklärt werden soll, in die Erzählung zurückgeholt, d.h. es kann sich unter dem Vorzeichen des Rationalismus das Irrationale gerade um so unantastbarer behaupten. Eine vorweg geäußerte Bekundung Storms, es gehe in dieser Geschichte nicht mit rechten Dingen zu, hätte ihr am Ende des 19. Jahrhunderts nur das Ansehen einer artifiziellen Sagen- oder Spukgeschichte gegeben. Indem er den Erzähler jedoch als sachlichen Berichterstatter kennzeichnet und dieser aus seiner Rolle nur gelegentlich, in kaum merklicher Überschreitung seiner Kompetenz heraustritt, schafft er es, das aus der Welt der Vernunft verdrängte Unheimliche wieder vorstellbar zu machen - so wie es ihm selber vorstellbar war als Naturgewalt, Erbsünde und irgendein Etwas, von dem sich 'die Schulweisheit nichts träumen läßt'.

Ist es schon im Falle des Schimmelreiters unzweifelhaft so, daß die |S.45:| vorkommenden Unwahrscheinlichkeiten genau kalkuliert sind, um eine Atmosphäre des Unheimlichen zu erzeugen, so liegt eine solche Kalkulation natürlich erst recht vor, wenn der Erzähler das Unbegreifliche seiner Erzählung offen eingesteht oder es ohne jede Erklärung einfach behauptet. In solchen Fällen noch nach der Wahrscheinlichkeit zu fragen, scheint unergiebig zu sein, aber es kann durchaus auch hier eine weiterführende Erkenntnis daraus hervorgehen. Immer wieder geschieht es nämlich in dieser nichtwahrscheinlichen Literatur, daß die Grenze, über die hinweg das noch Begreifliche ins Unbegreifliche sich verwandelt, undeutlich ist, so daß man bereits in bezug auf den anzulegenden Maßstab unsicher werden kann. Befragt man jedoch die erzählten Vorgänge in ihren Einzelheiten auf ihre Logik und Wahrscheinlichkeit hin, so läßt sich der Ursprung der Irritation in gar nicht so wenigen Fällen durchaus erfassen. Was daraus etwa für Kafka-Texte zu gewinnen ist, haben wir schon an einer anderen Stelle aufgezeigt.25) Hier soll als Beispiel auf Marie-Luise Kaschnitz' Kurzgeschichte Das dicke Kind eingegangen werden.

Das 'Unverständliche' an dieser Erzählung liegt darin, daß die Erzählerin von einem Erlebnis berichtet, das sie zwar gehabt hat, aber nach ihrer eigenen Einsicht eigentlich nicht gehabt haben kann: nämlich eine Begegnung mit dem Kind, das sie selber einmal gewesen ist. Aufgeklärt wird dieser Widerspruch nicht, d.h. man kann an einen Traum oder Tagtraum denken, an eine Science-Fiction-Begegnung der 'dritten Art', an eine bloße Verwechslung - oder an einen gewollt widersprüchlichen Text, der mit den Wahrnehmungen des Lesers wie ein Vexierbild spielt. Aber was liegt vor? In der wissenschaftlichen und didaktischen Literatur wird darüber - wie gewöhnlich - nichts gesagt, sondern der Text ohne Umstände 'interpretiert': als das "Abenteuer der Selbstbegegnung", als die Geschichte einer Selbstbefreiung, als symbolische Darstellung eines Wesenswandels usw.26) Ob und wie man sich das Erzählte überhaupt vorstellen kann, wird nicht erörtert - und doch kann man sich letztlich nur so über Machart und Intention dieser Erzählung ein sicheres Urteil bilden.

Die Frage, von welchem Moment an man bemerkt, daß es sich nicht um eine wahrscheinliche Begebenheit handelt, wird vielleicht nicht von jedem Leser gleich beantwortet. Die erste wirklich signifikante Stelle des Textes ist aber wohl die, wo die Erzählerin dem dicken Kind folgt und die Stadt, in der sie einige Jahre ihrer Kindheit verbracht hat und in der sie auch jetzt wieder lebt, immer weniger erkennt. Von dieser Stelle an wird die Szenerie immer unwirklicher, nimmt sie mehr und mehr den Charakter eines Traumes an: Der See, dessen Ufer längst bebaut sein müssen, liegt wieder wie in der Kindheit da, das Eis beginnt plötzlich zu schmelzen, die grazile Eisläuferin verschwindet irgendwo in der Ferne, das dicke Kind in seiner Todesangst wird als das eigene Ich erkannt. Daß die Erzählerin sich an ihren Heimweg nicht erinnert, aber auf ihrem Schreibtisch das Foto entdeckt, auf dem sie wie dieses Kind gekleidet zu sehen ist, gibt dann die endgültige Bestätigung der Unwirklichkeit und zugleich die Andeutung einer Erklärung.

Damit setzt nun allerdings auch die Irritation ein. Denn was ist geschehen? |S.46:| Hatte die Erzählerin eine Halluzination, die sich bis in einen Spaziergang hinein fortgesetzt hat? Oder hat sie alles bloß geträumt und ist an ihrem Schreibtisch wieder erwacht? Untersucht man den Text von seinem Anfang her auf nicht-wahrscheinliche Elemente, so wird man gewahr, daß es sie zwar vom ersten Augenblick an gibt - das dicke Kind steht 'plötzlich' in ihrem Zimmer, es kommt ihr bekannt und nicht bekannt vor, es gibt merkwürdige Antworten usw. -, daß deren Bedeutung aber unklar bleibt. Die Erzählerin hält dem Leser gegenüber bewußt mit jeder Information zurück, die ihn vorzeitig über den wahren Zusammenhang aufklären könnte. Ja mehr noch: sie geht auch nachträglich und für sich selber diesem Zusammenhang nicht nach. Denn wie könnte es sonst geschehen, daß sie sich nach diesem für sie so wesentlichen Erlebnis nicht einmal fragt, für welchen Zeitraum sie 'abwesend' war, ob sie wirklich ihrer Nachbarin gegenüber noch geäußert hat, das Seeufer sei ja gar nicht bebaut, und jene ihr widersprochen hat, ob von ihren Vorräten wirklich das verschwunden ist, was das Kind dem Anschein nach gegessen hat u.a.? Ein Versuch, das Geschehen soweit wie möglich zu erklären, wird also ganz bewußt unterlassen. Damit ist aber auch klar, daß dieser Text schon als solcher auf Irritation, ja Verblüffung angelegt ist und den Leser ratloser machen soll, als es die Erzählerin selber ihrem Erlebnis gegenüber ist oder sein müßte.

Die Frage, ob dieses Verfahren einen über den Spannungseffekt hinausgehenden Zweck verfolgt, ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Für die Wiedergabe des Kindheitserlebnisses wäre der darstellerische 'Umweg' nicht nötig gewesen, da man den Sinn der Geschichte auch ohne den Blick auf jenen Umweg verstehen kann, bzw. er in den bereits vorliegenden Interpretationen ja de facto ohne ihn verstanden wird. Handelt es sich mithin nur um einen erzählerischen Trick, Interesse für etwas aufzubauen, das eigentlich von so großem Interesse nicht ist? In der Tat kann die Geschichte eine gewisse Enttäuschung über das verhältnismäßig Private und Anekdotische ihres Gehaltes hinterlassen, erst recht, wenn man erfährt, daß Marie-Luise Kaschnitz hier ihr eigenes Kindheitsproblem dargestellt hat.27) Andererseits ist aber auch nicht zu leugnen, daß in dieser träumerisch-ungewissen Struktur eine Erfahrung festgehalten ist, die über das erzählte Ereignis hinausgeht, die Erfahrung, daß zwischen Erlebnis und Einbildung, zwischen Gegenwart und Erinnerung manchmal wirklich eine Grenze nicht zu ziehen ist. In der Schule allerdings mag diese Erfahrung dann doch nur schwer zur Sprache zu bringen sein, so daß man an diesem Text vielleicht wirklich nur untersuchen kann, wie hier in einem erzählerisch genau kalkulierten Verfahren schrittweise von einer wirklichen in eine Traumwelt hinübergeleitet wird.

 
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©Bernd W. Seiler, Februar 1999