Zur Erinnerung an die Zeit,
als Deutschland geteilt war


Goethe, Schiller, Buchenwald
Mit 40 Studenten der LiLi-Fakultät 1983 in Weimar
Bielefelder Universitätszeitung Nr.134 (Juni 1983)
Fahrten über Grenzen sind immer weite Fahrten, nach Osten besonders weite. Als wir bei Herleshausen einrollen in den Grenzbereich, dieser unvergleichlichen Veranstaltung aus Zäunen, Sperren, Wachtürmen und Brachstreifen, rückt wieder wie stets das Eigene plötzlich sehr fern. Wie oft muß man hier durch, um sich an das zu gewöhnen? Wir stehen mit unserem Bus auf einem Seitenstreifen und warten. Paßkontrolle, Listendurchsicht, Stempel, Gebühren - es tut sich was, aber es dauert. Einer vom Zoll holt zwei Taschen unten aus dem Bus, die Besitzer sollen mal rauskommen, Stichprobe. Ärgert es den Mann, daß alle die Hälse recken, um zu sehen, wie er es macht? Er macht es genau. Selbst noch das letzte Zettelchen aus dem Portemonnaie muß entfaltet und vorgewiesen werden, der will das tatsächlich lesen. So dauert es zwei Stunden, bis alles überstanden ist. Dann aber wird das Tor vor uns aufgemacht, der Posten wünscht wie selber erleichtert 'Gute Fahrt', der weiteste Abschnitt der Reise liegt hinter uns.  

In Eisenach nehmen wir unsere Betreuerinnen vom DDR-Reisebüro auf, zwei Mädchen Anfang zwanzig. Viel verlangt, was man von ihnen verlangt, aber wir werden mit ihnen auskommen. Doch die Ankunft in der Jugendherberge von Weimar ist erst einmal ein Schock. Sie war mir als verhältnismäßig komfortabel beschrieben worden. Jetzt stehen wir in einem Wohnhaus aus der Gründerzeit, hohe Räume, ein schummeriges Treppenhaus, knarrende Holzfußböden. Überdies ist alles voll belegt, sechs und mehr Leute sollen in ein Zimmer. Aber dann sagt uns die Herbergsmutter so nett, so deutsch, wie wir uns einzurichten haben, daß es allen einen Schubs gibt: Wenn es weiter nichts ist, verwöhnt wollen wir nicht sein. Alles ist sauber, die Räume groß genug, das Essen solide, und gehen und kommen können wir, wann wir wollen. Da werden die Nächte kurz sein. Die Jugendherberge heißt "15. August", nach einem vergessenen politischen Ereignis aus den 50er Jahren. Wir einigen uns auf einen Schreibfehler: "August XV."  

Gleich nach dem Abendbrot steht ein Informationsgespräch über die DDR an. Ein Parteifunktionär ist angekündigt, kommt aber nicht, und so müssen es unsere Betreuerinnen allein bestreiten. Fragen nach Atomenergie, Umweltschutz, Studienplätzen, Friedensbewegung. Sie tun ihr bestes, aber da sind sie nun einfach überfordert. Wo immer es heikel für sie werden könnte, werden sie rigoros, mehr als nötig. Vor zwei Jahren wurden wir bei einem solchen Gespräch sehr offen über die Wirtschafts- und Planungsprobleme dieser Region informiert. Aber gut, auch aus solchen Antworten kann man lernen. Im übrigen wollen wir sowieso lieber in die nahegelegene Innenstadt zum abendlichen Lokalbummel, die eingewechselten putzigen Geldscheine auf ihre Zahlungstauglichkeit zu überprüfen. Der von einigen noch gewünschte Anruf nach Hause entfällt. Man kann zwar von uns in die DDR, aber nicht von dort nach hier im Selbstwähldienst telefonieren. Warum wird das nie dazugesagt, wenn ab und an von soundsoviel neugeschalteten Leitungen berichtet wird? Selbstwählferndienst gibt es auch in der DDR, nach Österreich, der Schweiz, Holland, Dänemark, Übersee, ein ganzes Heft voller Vorwahlnummern liegt neben dem Telefon. Ein Gespräch nach Bielefeld müßte man anmelden und Stunden warten.  

Am nächsten Vormittag die offizielle Stadtführung. Eine gebildete, kompetente Frau zeigt und erläutert, wer hier von Rang und Namen gelebt hat. Außer den beiden ganz Berühmten sind es Herder und Wieland, Frau von Stein und die Mutter Schopenhauers, Herzog Karl August und Anna Amalia, von Gästen nicht gesprochen. Daß sie deren Nebeneinander einträchtiger darstellt, als es war, gehört zum Nimbus der Stadt und kränkt niemanden. Die Häuser mit Andenkenwert sind alle schön hergerichtet, die anderen nicht alle, und jeder Blick seitab in die eigentlichen Wohnstraßen belehrt einen, daß dies die meisten sind. Wie mag da das Weimar Goethes und Schillers ausgesehehn haben? Man kann es sich von außen nicht mehr recht vorstellen. 

Eher drinnen. Im Haus Goethes am Frauenplan sieht man, was das für ein Mann gewesen ist. Büsten, Bilder, Bücher, Porzellan, Sammlungen aller Art, an den Wänden botanische Tabellen, Schränke mit Mineralien, Landkarten, optische Geräte. Und alles paßt zueinander, alles 'bedeutet' etwas, in allem spürt man den ordnenden, Augenmaß haltenden Sinn seines Besitzers. Möchte man ihn kennenlernen? Man kennt ihn, wenn man dieses Haus kennt. Käme er jetzt hier herein, er würde nur selber alles mögliche von uns wissen wollen. Was aus den Eisenbahnplänen geworden ist, was aus dem Panamakanal, welche Früchte aus Übersee man heute hier anbaut. Ach, und es gibt jetzt Flugzeuge? Sogar die Möglichkeit, auf den Mond zu kommen? Das würde ihn elektrisieren, Fotos vom Mond müßte man unbedingt bei sich haben. Auch einen Luftbildatlas von Thüringen. Wunderbar, wie Ihr Späteren das alles so im Ganzen sehen könnt. Beschämt hätte man einzugestehen, daß man gar nicht so genau weiß, wie das technisch funktioniert - und daß man von dem Blick auf das Ganze kaum Gebrauch macht. 

Nach Politik, Geschichte, Menschheit würde er kaum fragen, da wüßte er gleich Bescheid. Unsere ökologischen Sorgen, die hätte er uns vorhersagen können. Und daß seine Bücher noch gekauft, seine Stücke noch gespielt werden, würde ihn auch nicht sonderlich beeindrucken. Wenn jemand erst einen Namen hat ... Aber wieso gibt es noch Theater, wo es Kino gibt? Goethe würde sich nur für Kino interessieren. Womöglich würde er sofort nach Eckermann rufen lassen und mit ihm besprechen wollen, wie "Faust II" als Drehbuch umzugestalten sei. Im übrigen aber würde er nur fragen und fragen, ab und an eine bedeutende Allgemeinheit absetzen und wissend mit dem Kopf nicken, wir selber hätten nicht viel davon. 

Dann doch eher ein Gespräch mit Schiller. Sein Haus an der Esplanade ist ein hübscher Besitz für einen Bühnen- Schriftsteller, wäre es auch heute. Nur daß es zu zwei Dritteln nicht bezahlt war und Schiller sich für das eine Drittel zu Tode gearbeitet hat. Bescheidene Räume, einfache Möbel, die kleine Behaglichkeit darin wahrscheinlich von Goethe arrangiert, der seinen unsinnlichen Freund in solchen Dingen zu beraten pflegte. Am Sterbebett stehen und sich erinnern, wie er hier noch Pläne gemacht hat, 45 Jahre alt, dann aber sich sein einjähriges Töchterchen zeigen ließ, den Kopf zur Wand drehte und weinte. Mein Kind, das ich nicht mehr kennen werde. Mit Schiller wäre man sofort beim Menschen. Sind wir die, die wir nach seinen Vorstellungen werden sollten, heiter, frei, rücksichtsvoll? In manchem würde er uns bewundern, vor anderem würde er sich entsetzen. Aber gleich würde er anfangen nachzudenken. Was stimmte nicht an meinem Menschenbild? Warum gelingt es nicht, Vernunft und Sinnlichkeit, Pflicht und Neigung in ein endgültig harmonisches Verhältnis zu bringen? Draußen auf der Esplanade geht eine Gruppe Punks und Rocker vorbei, einheimische. Das verdrängte Häßliche in einer Welt des schönen Scheins? Schiller würde uns irgendeine Antwort geben; Gegensätzliches aufeinander zu beziehen, danach war er geradezu süchtig. Und wer weiß, ob er uns nicht mit seinem Nachdenken auf Verbindungen brächte, die wir noch gar nicht sehen, zwischen schön und häßlich, frei und unfrei, Vergangenheit und Gegenwart, Ost und West. 

Für den Abend ist eine Begegnung mit Studenten der Musikhochschule arrangiert. Wir treffen uns im 'Klub' eines Studentenwohnheims, einer vormaligen Baubaracke, die zu einer wirklich behaglichen Kneipe gemacht ist. Ein richtiger Tresen, Bier vom Faß, ein altes Klavier,  gleich fühlt man sich, als wäre man, wo man oft schon war. Der FDJ-Sekretär, wir würden sagen Studentensprecher, begrüßt uns mit ein paar lockeren Erklärungen. Ihren Klub betreiben sie in Eigenregie, der Getränkeverkauf muß sich tragen. Aber wir sind eingeladen. Sogar belegte Brote bekommen wir hingestellt, rührend zu denken, daß sie die vorher geschmiert haben. 

Daß wir viel mehr sind als sie, macht gar nichts, schnell kommen Gespräche in Gang. Eure Sorgen möchten wir nicht haben. Und Eure Sorgen, möchten wir die haben? Niemandes Sorgen möchten wir haben, haben niemandes Sorgen, sondern stoßen an mit dem süffigen Bier, lachen, erkennen uns. Sogar die Sprüche auf dem Klo sind dieselben, wird festgestellt. Als wir nach Hause gehen, ist es lange nach Mitternacht. Einer von denen lotst uns mit dem Fahrrad durch die Straßen, muß weit zurückfahren, weil irgendwelche Nachzügler singend die falsche Richtung eingeschlagen haben, sagt wie die anderen schließlich Auf Wiedersehen. Ein Wunsch, der, kaum ausgesprochen, schon erlischt. Uns besuchen können sie nicht. 

Am nächsten Tag fahren wir nach Erfurt, Teil dessen, was man uns 'bietet'. Die Stadt hat eine interessante Geschichte, einen schönen Dom, eine in Restaurierung stehende Altstadt. Auf den Dom sind die Erfurter stolz: die am vollständigsten erhaltene mittelalterliche Fensterverglasung des ganzen deutschen Sprachraumes, dazu eine Broceplastik aus dem zehnten Jahrhundert, die so modern aussieht, daß man die Altersangabe für einen Witz halten könnte. Und witzig ist die Domführung weißgott. Warum befindet sich der Chor im Osten und das prächtige Tor im Westen? Ex oriente lux, ex occidente - Luxus! Unterhalb des Domes ein Luxus besonderer Art: ein Gebrauchtwagenmarkt. Einige Dutzend Autos aller östlichen Fabrikate, auch mehrere VW-Golf stehen zum Kauf. Man wirft sein Angebot durch einen Spalt im Seitenfenster, fast auf jedem Sitz liegen Zettelchen. Für einen zwei Jahre alten Wagen zahlt man etwa das Anderthalbfache wie für den gleichen in neu. Wartezeiten von zehn Jahren ab Bestellung sind die Last, von der man sich hier freikaufen kann. 

Am Nachmittag sind wir wieder in Weimar, es gibt noch viel anzusehen: Goethes Gartenhaus, die Gemäldesammlung im Schloß, das Wittumspalais mit der Wieland-Gedenkstätte, der Nachlaß Herders. Wie sich hier auf so engem Raum eine ganze Epoche dokumentiert, das ist schon ungewöhnlich und könnte einen auch noch ein paar Tage länger festhalten. Nur durchstehen können muß man es. In dieser Jugendherberge ist an Schlaf auch dann nicht zu denken, wenn man schlafen möchte. Noch nach Mitternacht werden die Mädchen auf ihrem Flur von Jungen belagert, die mit diesen West-Miezen im Keller tanzen möchten. Anna, laß mich rein, laß mich raus. Woanders springen sie anscheinend zu Dutzenden gleichzeitig von ihren Betten herunter in die Mitte des Zimmers. Und dann morgen vormittag Buchenwald.   

Es ist Sonntag, der 30. Januar, heute nach fünfzig Jahren. Als wir oben auf dem Ettersberg ankommen, ist es dieselbe Beklemmung wie beim ersten Mal. Ich weiß nicht, ob ich hier noch einmal reingehe, jedenfalls nicht in die medizinische Versuchsstation, wo diese Zerstückelungswerkzeuge liegen. Wer möchte sich überhaupt hier hinstellen und sagen, er halte das aus. Erst einmal werden wir aber in einen Raum geführt, in dem ein Modell des Lagers steht. Wir nehmen rings herum auf Stühlen Platz und haben alles übersichtlich vor uns. Der Erklärer, ein Herr Ende sechzig, lenkt unseren Blick mit einem Zeigestock. Der Lehrer, die Schüler. Wie streng wird er mit uns sein? Inneres Lager, äußeres Lager, Sonderlager, Waffenfabrik, zunächst werden wir informiert. Aber nach und nach wird es ernst. Foltermethoden, die ausgeklügelten Sadismen der SS, das ganze Programm der Vernichtung durch Arbeit - es ist furchtbar, keine Möglichkeit des Ausweichens, wir müssen die ganze Zeit auf das Modell sehen. Ist das gut? Ist es notwendig, auszumalen, wie lange und mit welchen Lauten Hunderte verhungernder Kinder schreien? Müssen wir uns vorstellen, wie SS-Leute sich die von ihnen zertretenen Häftlinge unter das Bett schieben und sich zum Schlafen legen?  

Die ersten gehen raus. Aber das für mich Böseste kommt erst noch. Die Amerikaner sind an der Reihe. Bei ihrem Vormarsch in Thüringen haben sie vierzig Kilometer vor Buchenwald Halt gemacht, sich mit der Ankunft um eine Woche verspätet. Das gab der SS die Möglichkeit, noch dreißigtausend Häftlinge abzutransportieren, wohl die Hälfte von ihnen ist auf diesen Transporten umgekommen. Alles wahr. Aber ist auch wahr, daß die Amerikaner dies getan haben, damit noch Tausende mehr umgebracht werden konnten? Ich widerspreche ihm, erinnere ihn an die zigtausend Amerikaner, die ihr Leben gelassen haben, damit dies hier aufhörte. Andere sagen mir später, sie hätten die Anklage als so scharf nicht empfunden. Als jemand, der weiß, was die Ankunft der Amerikaner damals für viele bedeutete, bin ich empfindlich. Und waren sie es nicht, die die Bevölkerung von Weimar zwangsweise durch dieses Lager führten, sie nicht auch, die all das genau aufschreiben ließen? Davon kein Wort. 

Die Bevölkerung von Weimar - da kann man nun endgültig hören, was mit dieser Belehrung gemeint ist. Sie wußte nichts, mußte jedenfalls schweigen, hat, wo sie konnte, geholfen. Nichts von den Hunderten und Tausenden, die jahrelang aus diesem Lager ihre Vorteile zogen, so gewissenlos, daß man fürchtete, die Häftlinge würden nach ihrer Befreiung geradewegs in die Stadt hinunterlaufen und ein Blutbad anrichten. Kein Wort von denen, die an den Straßen standen, wenn die Transporte ankamen, und sie beschimpften, bespuckten, schlugen. Wie viele aus dieser Stadt, in der die NSDAP auch schon vor 1933 brillante Wahlergebnisse hatte, mögen niemals hier heraufgekommen sein? Wenn die These von der Kollektivschuld böse ist, die von der Kollektivunschuld ist es auch. Dann jedenfalls, wenn stattdessen auf die Amerikaner gezeigt wird. Oder auf die Blutspur, die nach Bonn führt, wie es im Prospekt heißt. Denn die DDR hat keine Vergangenheit, also auch keine zu bewältigen. Was würden die Opfer dazu sagen? Ist das alles nicht viel zu schlimm, als daß man auch nur im geringsten den Verdacht aufkommen lassen sollte, man wolle es benutzen? Ich merke, wie mir das zusetzt, gehe raus, da stehen schon welche. Wir, die Angeklagten. Ihr macht Euch das leicht, kann ich immer nur denken, was macht Ihr Euch das leicht. 

Auch unsere Betreuerinnen sind erschüttert, nur aus einem anderen Grund. Wir erscheinen ihnen gleichgültig, kalt, rechthaberisch. Wir hätten noch widersprechen und debattieren wollen, wo nur Einkehr am Platz gewesen wäre. Was hatten sie erwartet? Empfinden sie nicht, daß es nicht dasselbe ist, ob wir selber uns über unsere mißlungenen und mißlingenden NS-Prozesse Gedanken machen oder ob sie uns hier als bewußtes Versäumnis vorgeworfen werden, hier, wo die Möglichkeit, solche Dinge unauffälliger zu erledigen, die Möglichkeiten zu anderen Unauffälligkeiten einschließt? Und im übrigen ist es auch nicht, wie es ihnen scheinen mochte. Denjenigen, die aus dem Lager zurückkommen, sieht man an, was sie gesehen haben. Wer möchte ihnen verwehren, von etwas anderem zu sprechen. Ich mache eine Rechnung wie ein Kind: Wenn hier einmal so viele Unbeteiligte geweint haben werden, wie hier Unschuldige gelitten haben, wird es dann gut sein? 

Als wir wieder nach Weimar hinunterfahren, ist es still im Bus, beim Mittagessen gehen die Teller halbvoll zurück. Auf der Rückfahrt zur Grenze mache ich noch einmal den Versuch, mit einer unserer Betreuerinnen zu sprechen. Es ist schwer. Erneute Tränen, als ich sage, daß es Menschen wie die, die Buchenwald zu verantworten hatten, wohl immer noch gibt, überall, und daß wir erst dann sicher sein könnten, daß sich derartiges nicht wiederholt, wenn wir ausschließen könnten, daß sie jemals wieder Macht bekommen. In der DDR sei das ausgeschlossen, sagt sie, und wie sie es sagt, ist sie von nichts fester überzeugt als davon. Wer wäre der Schuft, ihr nicht zuzustimmen? Ich spreche von Minderheiten, von Vorurteilen, von Verfolgungen. Gab es da nicht immer auch Mehrheiten, die das mittrugen? Und wer will sagen, daß er für sich selber solche Empfindungen überhaupt nicht kennt? Da sitzen wir, beide zu spät geboren, um uns persönlich etwas vorwerfen zu können, und quälen uns, zwei Deutsche. Daß die Sünden der Väter heimgesucht würden bis ins dritte und vierte Glied, fällt mir ein. Von weitem sehen wir die Wartburg, Symbol der einigenden deutschen Sprache, der geeinten deutschen Nation. Wem wird sie dieses Symbol noch sein nach dem dritten und vierten Glied? 

Die Abferigung an der Grenze geht verhältnismäßig rasch, nur Paß- und Papierkontrollen. Nach einer halben Stunde sind wir wieder auf unserer Seite. Ich berichte, was ich auf der Fahrt bis nach Eisenach noch auszutragen hatte, wie schwer es ist, jemandem aus der DDR klarzumachen, daß Buchenwald nicht nur unsere, sondern auch seine Vergangenheit ist. Erregte Debatten, bis es dunkel wird und schon Kassel in Sicht kommt. Dann sind wir aber am Ende. "Genug, jetzt wird verdrängt!" sagt jemand. Als wir vor der Universität ankommen, freuen sich alle, daß sie etwas zu erzählen haben. Ich habe das zu erzählen.  

 
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©Bernd W. Seiler, November 1998