Richtiger Sprachgebrauch
oder: was man besser vermeidet

 
Problembereich 1: Kettensätze 

Von Kettensätzen (im Unterschied zu Schachtelsätzen) spricht man, wenn durch Konjunktionen wie womit, wodurch, wobei, weshalb usw. ein Sachverhalt nach dem  anderen an den jeweils vorigen angehängt wird und man so vom Hundertsten ins Tausendste kommt, ohne den Satz zu beenden.  

Deshalb so bitte nicht:  

 
Die 1903 erschienene Erzählung Gladius Dei spielt in München, wo Thomas Mann damals selbst lebte, weshalb er die Stadt auch so eindrucksvoll schildern konnte, wie schon der erste Satz "München leuchtete" beweist, der bald zu einem 'geflügelten Wort' wurde, was Thomas Mann später aber gar nicht mehr recht war, weil sich der Nationalsozialismus dort entwickelte, so daß ihm auch sein sympathisches München-Bild verleidet war, auf das er folglich - so wie auf diese Erzählung überhaupt - nur noch selten zurückkam, während andere Werke aus dieser Zeit immer noch einmal erwähnt wurden, was zumal für die Erzählung Tristan gilt, zu welcher zu sagen ist, ... 

 
 
Grundsätzlich gilt:
 
Hauptsachen gehören in Hauptsätze, neue Hauptsachen in neue Hauptsätze, und relativische Anschlüsse mit weshalb, was, wodurch, wobei usw. sind nahezu immer ein Verstoß gegen diese Regel. 

Problembereich 2: Tempusgebrauch

Wissenschaftliche Aussagen - das wird im allgemeinen auch richtig gemacht - formuliert man grundsätzlich im Präsens. Irritationen entstehen jedoch leicht bei Inhaltsangaben, und zwar besonders, wenn es sich um Inhalte handelt, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken.  

Deshalb folgende Regel: Aussagen zum Inhalt von Büchern stehen immer im Präsens, und zwar auch dann, wenn man innerhalb einer Handlung oder Darstellung vor- und zurückgreift. Der Inhalt eines Buches ist eben immer 'gegenwärtig', ganz gleich, auf welche Stelle man hinweist 

Also z.B.: 

 
Hans Castorp trifft an einem Dienstag Ende Juli 1907 auf dem 'Zauberberg' ein. Er kommt für drei Wochen, bleibt aber sieben Jahre (nicht: wird aber sieben Jahre bleiben). 
 
Oder: 
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges beendet Hans Castorps Aufenthalt in Davos. Der Tag seiner Ankunft ist (nicht: war) ein Tag Ende Juli 1907. So bleibt (nicht: blieb) er im ganzen sieben Jahre.
 
 
Ebenso im Präsens stehen im allgemeinen auch Hinweise auf Briefe. Sowieso in der Form In einem Brief Thomas Manns vom 23. April 1925 heißt es ..., aber auch in der Form Thomas Mann schreibt (nicht: schrieb) am 23. April 1925 ....
 

Das Präteritum gebraucht man allenfalls bei längeren biographischen (oder historischen) Ausführungen, sollte dann aber darauf achten, nicht ins Erzählen zu verfallen. Bei nur kurzen derartigen Darlegungen sollte man grundsätzlich beim Präsens bleiben, in diesem Falle präsens historicum genannt, weil ein Tempuswechsel immer stört. 

Also z.B.:

 
Thomas Mann beginnt mit der Arbeit am Zauberberg bereits im Jahre 1912. Er unterbricht sie während des Ersten Weltkrieges, nimmt sie 1919 wieder auf und beendet den Roman 1924. Wie er 1939 in einer Rede in Princeton erläutert, sieht er selbst sein Werk in der Tradition des Bildungsromans, ... usw.
 
 

Problembereich 3: Fachsprache 

In der Sekundärliteratur der 70er und 80er Jahre werden Sie oft auf eine schwer verständliche, stark fremdwortlastige Ausdrucksweise treffen, die noch dazu auftrumpft, als könne anders über Literatur überhaupt nicht gesprochen werden. Halten Sie das nicht für gut und ahmen Sie es nicht nach! Eine Sondersprache der Literaturwissenschaft gibt es nicht, es gibt nur einzelne Fachbegriffe, und auch von ihnen sollte man nur Gebrauch machen, wenn einem ein umgangssprachlicher Begriff nicht zur Verfügung steht. Es ist also unangebracht, 'narrativ' zu sagen, wenn man mit 'erzählerisch' dasselbe ausdrücken kann. Der Sinn der historisch-hermeneutischen Wissenschaften, so hat sehr richtig Jürgen Habermas in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung Erkenntnis und Interesse betont, ist Handlungsorientierung, d.h. die öffentliche Verständigung darüber, was richtig ist und was sein soll, und so sollte man sich schon durch seine Ausdrucksweise möglichst vielen Menschen verständlich zu machen suchen. Der hypothetische Adressat Ihrer Arbeit ist also nicht der fachkundige Experte (Professor), sondern der interessierte Laie. Arbeiten über literarische Gegenstände sollten von jedem verstanden werden können, der liest. 

"Ich" oder "wir"? 
In älteren literaturwissenschaftlichen Arbeiten sprechen die Verfasser oft im Plural: wir haben gesehen..., kann uns nicht überzeugen ... usw. Dieser 'Plural der Bescheidenheit' (pluralis modestiae, nicht etwa pluralis majestatis!) wird heute leicht als altmodisch empfunden und sollte deshalb mit Vorsicht gebraucht werden. Ebenso unpassend wirkt aber auch ein prononciertes 'Ich'. Ich werde zeigen ..., mir will nicht einleuchten... usw., zumal es zumeist die eigene Vorgehensweise betrifft und insoweit ohnehin nicht empfehlenswert ist (siehe Überleitungen ). Am besten formulieren Sie neutral, d.h. sächlich und in der dritten Person: Es läßt sich zeigen, daß ..., es ist zweifelhaft, ob ..., es muß noch untersucht werden, warum ... usw. Dabei ist es unnötig, ein meiner Meinung nach oder ein meines Erachtens hinzuzufügen. Alles, was Sie nicht als Meinung von anderen kennzeichnen, versteht sich als Ihre Meinung von selbst, Sie brauchen weder vor sich zu warnen noch sich für das Äußern einer Meinung zu entschuldigen.

Problembereich 4: Floskeln und Modewörter 

 
nicht
 
sondern
 
beinhalten
 
enthalten, umschließen, umfassen
 
sich auszeichnen durch

(es sei denn, Sie meinen es positiv)
 
gekennzeichnet sein durch
 
letztendlich
 
endlich, schließlich, letztlich
 
lohnenswert
 
lohnend, wertvoll
 
Interpretationsansatz
 
Interpretation, Deutung
 
Sichtweise
 
Sicht, Sehweise
 
Erwartungshaltung
 
Erwartung
 
verhaftet sein
 
sich verpflichtet fühlen
 
abzielen auf
 
bezwecken
 
fungieren als
 
dienen als
 
nicht umhin kommen
 
nicht umhin können / nicht darum herum kommen
 
betroffen sein

(es sei denn, Sie meinen, die Sache geht den 'Betreffenden' an)
 
berührt sein, erschüttert sein
 
ich störe mich daran
 
 
ich stoße mich daran/ es stört mich
 
 
zur Übersicht zurück weiter zum Thema Erscheinungsbild

©Bernd W. Seiler, Dezember 1998