Richtig zitieren -
aber auch sinnvoll und lesbar!


Zitate sind grundsätzlich nur dann angebracht, wenn es auf den genauen Wortlaut ankommt, nicht bloß zum Beweis, daß der Text das Mitgeteilte auch enthält. Einfache Sachverhalte der Handlung, die beim Lesen ohnehin jeder wahrnimmt, bedürfen des Zitates also nicht, und erst recht falsch ist es, Zitataussagen auch noch eigens zu wiederholen oder umgekehrt eigene Aussagen per Zitat zu bestätigen.

Also bitte nicht:

Thomas Manns Erzählung Gladius Dei beginnt mit dem Satz "München leuchtete.", d.h. sie spielt in München. Die Handlung setzt damit ein, daß ein junger Mann dort die Schellingstraße entlang geht: "Es schritt ein Jüngling die Schellingstraße hinan." usw.


Zitatfragmente müssen stets sprachlich korrekt in den eigenen Satz eingefügt werden, also sich mit diesem zu einem fortlaufend lesbaren Text verbinden.

Also bitte nicht:

Von dem Madonnenbild im Schaufenster heißt es, "... war von berückender Weiblichkeit ... [und] (i)hre großen schwülen Augen waren dunkel umrändert ..." usw.


Nicht nur muß der eigene Satz hier dem Zitat angepaßt werden, auch die Pünktchen vor und hinter dem Zitatfragment sind fehl am Platz. Es ist also ein Madonnenbild "von berückender Weiblichkeit", nicht "... von berückender Weiblichkeit ..." Pünktchen sind nur zur Kennzeichnung von Auslassungen innerhalb von Zitaten zu verwenden, am Anfang oder Ende eines Zitats haben sie nichts zu suchen (Ausnahme: wenn ein Zitatblock mitten im Satz beginnt oder endet). Falsch ist es darüber hinaus auch noch, Zitatfragmente durch das Einklammern einzelner Buchstaben oder durch eingeklammerte Zusätze dem eigenen Text anzugleichen. Wichtiger als diese immer mehr um sich greifenden Pingeligkeiten mit eingeklammerten Kommas, hinzugefügten oder weggeklammerten Fall-Endungen usw. ist ein - auch optisch - störungsfrei lesbarer Text. Ein im Original wegen seiner Stellung am Satzanfang groß geschriebenes Wort dürfen Sie also ruhig auch einmal klein geschrieben zitieren. Und wo es mit der Einpassung schwierig ist, zitieren Sie wörtlich eben nur die Teile, die passen, und fügen den Rest in freier Form hinzu. Sollte das wörtliche Zitat aber überhaupt entbehrlich oder nur unter großen grammatischen Verrenkungen möglich sein, so können Sie sich auch mit einer Zitat-Andeutung behelfen. Sie setzen den Zitatinhalt dann in einfache Striche - jemand hat das mal 'großzügiges Zitieren' genannt - und sind an die genaue grammatische Form nicht mehr gebunden.

Unsicherheiten bestehen immer wieder auch beim Zitieren von Titeln. Prinzipiell sollen sie natürlich wortgenau zitiert werden, aber nicht bis hin zu einer Form, die grammatisch falsch klingt.

Also bitte nicht:

Gottfried Keller schreibt in "Das Fähnlein der sieben Aufrechten" ..., Thomas Mann beendet "Der Zauberberg" mit den Sätzen ..., Schauplatz von "Die Betrogene" ist Düsseldorf usw.


Zwar dürfen Sie nicht alles, was Sie sprechen können, auch schreiben, aber alles was Sie schreiben, müssen Sie auch sprechen können. Zitieren Sie solche Titel am besten nur einmal vollständig und im weiteren dann grammatisch angepaßt. Also: Keller schreibt im "Fähnlein der sieben Aufrechten", Thomas Mann beendet den "Zauberberg", Schauplatz der "Betrogenen" ist usw. Auch hier allerdings sollte man sinnstörende Wendungen vermeiden, also nicht: Auf den "Hochwald" ging Stifter schon 1841 zu, die Entstehung des "Brotes" fällt in das Jahr 1946 usw.

Ein oft auftretender Fehler beim Verweis auf Textstellen ist auch noch das Vermischen von Text- und Handlungsebene.

Also bitte nicht:

Nach mehreren Jahren der Trennung sieht sich das Paar im dritten Kapitel wieder. Oder: Auf Seite 76 kommt es zu einer leidenschaftlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden. Oder: Im fünften Akt wird Emilia von ihrem Vater erstochen usw.


Nur die Begriffe "Anfang" und "Schluß" lassen sich nach beiden Seiten hin verwenden. Von Seitenzahlen zur Orientierung aber ist überhaupt abzusehen, sie dienen ausschließlich dem Nachweis einer zitierten Stelle. Übrigens muß das keineswegs immer in Fußnoten oder Anmerkungen geschehen. Wenn Sie oft aus demselben Text zitieren, können Sie nach einem erklärenden Hinweis die Seitenzahl auch einfach in Klammern hinter das Zitat schreiben.
 
 
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©Bernd W. Seiler, November 1998