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Abstract und Ziele
Im vorliegenden Projekt sollen die literalen Sprachfähigkeiten von Schülerinnen
und Schülern mit Migrationshintergrund untersucht werden. Dabei liegt
der Schwerpunkt auf der Untersuchung der schriftsprachlichen Produktion bei
zwei Altersgruppen: den 9-12 und 12-16 Jährigen. Es ist davon auszugehen,
dass die Entwicklung literlaler Fähigkeiten bei Schülerinnen und
Schülern mit Migrationshintergrund in vielen Fällen unter ungünstigen
Bedingungen verläuft. Hauptgrund dafür sind die oft nicht altersgemäßen
Deutschkenntnisse, über die diese Schülerinnen und Schüler zu
Schulbeginn verfügen. Diese scheinen den Schriftspracherwerb und die Entwicklung
der Literalität nachhaltig zu beeinflussen. Verantwortlich dafür
können aber auch außersprachliche Faktoren sein; diese können
sozioökonomischer, familiärer oder individueller Natur sein. Auffällig
bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist, dass ihre interpersonelle
Kommunikationsfähigkeit, d.h. ihre Fähigkeit zur Teilnahme an der
mündlichen Alltagskommunikation, offensichtlich unbeeinträchtigt
scheint, so dass eine mangelhafte Beherrschung des Deutschen oberflächlich
nicht feststellbar ist.
Deutliche sprachliche Defizite sind aber in den Teilbereichen erkennbar,
die mit der Lese- und Schreibfähigkeit in Verbindung stehen
und somit für
Schulerfolg und bessere Lebenschancen entscheidend sind.
Ausgehend von diesen Beobachtungen sollen vor allem die folgenden Fragen verfolgt
werden:
Das vorliegende
Projekt verfolgt den Ansatz, dass eine alters- und bildungsgangsgemäße
Beherrschung des Deutschen nur durch eine verstärkte Berücksichtigung
der schriftsprachlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
in der Forschung und den schulbezogenen Lehrkonzepten zu erreichen ist. Die
Ergebnisse, die aus der Untersuchung der oben angeführten Fragestellungen
hervorgehen, sollen dazu dienen, Förderkonzepte zu erarbeiten, die Schülerinnen
und Schüler aus zugewanderten Familien früh zu einem erfolgreichen
Schriftspracherwerb befähigen. Die zu erarbeitenden Förderkonzepte
basieren zum Teil auf bereits bestehenden Konzepten, die die besondere Erwerbssituation
dieser Gruppe von Schülerinnen und Schülern berücksichtigen.
Stand der Forschung
Ein zentraler Befund der PISA-Studie 2000 ist, dass Jugendliche aus Familien
mit Migrationshintergrund in allen drei untersuchten Kompetenzbereichen:
Lesekompetenz, mathematische Grundbildung und naturwissenschaftliche Grundbildung
deutlich unter dem Kompetenzniveau von Jugendlichen bleiben, deren beide
Eltern in Deutschland geboren sind. In der Lesekompetenz, dem Schwerpunkt
der PISA 2000, ist der Anteil schwacher Leser unter den Jugendlichen mit
Migrationshintergrund vergleichs-weise hoch. Fast 50% dieser Jugendlichen überschreiten
im Lesen nicht die elementare Kompetenzstufe 1, obwohl über 70 Prozent
von ihnen das deutsche Bildungssystem vollständig durchlaufen haben.
Demgegenüber erreichen nur ca. 3% von ihnen die höchste Kompetenzstufe
5 (bei Jugendlichen, deren beide Eltern in Deutschland geboren sind: 10%)
und ca. 12% die Stufe 4 (bei Jugendlichen, deren beide Eltern in Deutschland
geboren sind: 32%).
Ein weiterer zentraler Befund der PISA-2000 ist, dass die sprachlichen
Defizite, die durch die Ergebnisse des Lesetests offenbart werden, sich
kumulativ in
anderen Schulfächern auszuwirken scheinen: Geringe Lesekompetenz schlägt
sich in entsprechend schwachen Leistungen in den zwei anderen untersuchten
Kompetenzbereichen mathematische Grundbildung und naturwissenschaftliche
Grundbildung nieder. Dieser Effekt wurde auch durch die Ergebnisse der erweiterten
PISA-Studie
(vgl. Schiefele et al. 2004) bestätigt. Damit scheint die Lesekompetenz
nicht nur ein Indikator für rezeptive schriftsprachliche Kompetenz
zu sein, sondern darüber hinaus eine wichtige Voraussetzung für
gute Schulleistungen und bessere Lebenschancen zu sein. In einer Welt, in
der die
Lese- und Schreibfähigkeit als Voraussetzung für die Teilhabe an
zentralen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens immer mehr an Bedeutung
gewinnt, bedeutet eine geringe Lese- und Schreibkompetenz einen großen
Chancennachteil.
Die überproportional hohe Zahl schwacher Leser unter den Schülerinnen und Schülern aus zugewanderten Familien spiegelt die Bildungsbeteiligung dieser Jugendlichen wider: 50% von ihnen besuchen eine Hauptschule und nur 15% ein Gymnasium. Dabei wurde festgestellt (Pisa 2000, Lehmann et al. 1997), dass die Hürden im Zugang zu weiterführenden Schulen primär nicht in der Sozialstruktur oder in einer Distanz gegenüber der Mehrheitskultur, sondern in einer mangelhaften Beherrschung der deutschen Sprache liegen. Vor diesem Hintergrund soll der Fokus des vorliegenden Projekts auf der Untersuchung der Sprachkompetenz liegen, ohne aber den sozialen und kulturellen Hintergrund ganz zu vernachlässigen.
Methode und Durchführung
Während in der Großzahl der vorliegenden Studien zu literalen Fähigkeiten
von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund die Untersuchung
der rezeptiven Modalität, d.h. der Lesekompetenz, im Vordergrund steht,
soll das vorliegende Projekt die produktiven literalen Fähigkeiten, d.h.
die Schreibkompetenz, untersuchen. Dabei geht es weniger um die basalen Schreibfertigkeiten.
Getestet werden soll vielmehr die Fähigkeit, konzeptuelles Wissen in schriftsprachliche
Form zu übertragen. Bei der Auswertung der produzierten Texte werden sowohl
inhaltliche als auch formale Aspekte berücksichtigt. Zur Bewertung der
schriftsprachlichen Fertigkeiten soll dem Kriterium, inwiefern eine Nähe
zur konzeptuellen Schriftlichkeit bzw. eine Distanz zur konzeptuellen Mündlichkeit
in den produzierten Texten erkennbar ist, ein besonders großes Gewicht
zukommen.
Für die Erhebung der Sprachdaten werden verschiedene Testaufgaben konzipiert, die unterschiedliche Anlässe von Schreibaktivitäten und unterschiedliche Textstypen abdecken:
Dabei werden die Schreibsituationen u.a. im Hinblick darauf differenziert, ob der zu verfassende Text schulischen oder außerschulischen Zwecken dient. Die Analyse der Texte soll zur Klärung der Frage beitragen, wie weit ein für den Schriftsprachgebrauch angemessenes sprachliches Register (z.B. vollständige Sätze, komplexe sprachliche Strukturen u.ä.) entwickelt ist und ob innerhalb dieses Registers Variationen abhängig vom Texttyp bzw. Schreibanlass auftreten.
Aufbauend auf den
Ergebnissen der ersten Projektphase werden in der zweiten Projektphase individuelle
Förderkonzepte ausgearbeitet und eingesetzt.
Die Förde-konzepte sollen verstärkt die sprachlichen Teilbereiche
(Grammatik, Orthographie, Wortschatz, komplexe Satzstrukturen...) berücksichtigen,
in denen besonders große Defizite bei dem/der zu fördernde/n Schüler/in
in der ersten Projektphase diagnostiziert wurden.