Topologisches Feldermodell

Allgemeines

  • Typisch für die deutsche Satzstruktur ist die so genannte Satzklammer  .
  • Die Satzklammer  teilt den deutschen Satz in drei Felder ein: Vorfeld  , Mittelfeld  und Nachfeld  .
  • Die Satzklammer besteht aus zwei Teilen: der linken  und der rechten Satzklammer  .

Grafik1

Die Besetzung der Satzklammer

  • Je nach Satztyp (Hauptsatz oder eingeleiteter Nebensatz) ist die Satzklammer  unterschiedlich besetzt.
    • Im Hauptsatz entspricht die linke Satzklammer  dem finiten Verb, die rechte Satzklammer  den infiniten Teilen des Verbalkomplexes (falls vorhanden).

Grafik2

    • Im eingeleiteten Nebensatz entspricht die linke Satzklammer  der Konjunktion, die rechte Satzklammer  dem Verbalkomplex (finiten und infiniten Teilen des Verbalkomplexes).

Grafik3

Das Vorfeld

  • Nur Verbzweitsätze weisen ein Vorfeld auf.
  • Es gilt allgemein, dass das Vorfeld durch eine  Konstituente besetzt ist.
  • Dabei kann das Vorfeld von Konstituenten unterschiedlicher syntaktischer Kategorien (NP, PP, Satz...) bzw. unterschiedlicher syntaktischer Funktionen (Subjekt, Objekt, Adverbial...) besetzt werden.

Besonderheiten der Vorfeldbesetzung

die mehrfache Vorfeldbesetzung

  • Das Vorfeld kann auch durch mehr als nur eine Konstituente (Satzglied) besetzt sein:
    • mit verbalen Elementen können Konstituenten verschiedener syntaktischer Funktion kombiniert werden:

        1. Mit ruhiger Stimme  seiner Tochter  ein Märchen  erzählen  kann er  .

        2. Ein Märchen  aus dem Buch  heraussuchen können  müssen sie schon. 

        3. Dem Stierkampf  den Kampf  angesagt  haben am Sonntag....100 Tierschützer  .

    • Adverbialkombination:

        4. Unter einer Laterne  in der Schönhauer Allee  hielt das Auto  .

        5. Am Sonnabendmorgen  im frühesten Zug  war er unausgeschlafen genug, das ganze Unternehmen zu verfluchen. 

Das Mittelfeld

  • Im Mittelfeld, zwischen linker und rechter Satzklammer, kann theoretisch eine unbegrenzt große Anzahl von Satzgliedern stehen. Wenn kein Vorfeld vorhanden ist, stehen im Mittelfeld alle nominalen (Bsp. 6), pronominalen (Bsp. 7) und präpositionalen (Bsp. 8) Satzglieder.

Vorfeld

linke SK

Mittelfeld

rechte SK

Nachfeld

6

dass

Paul die Prüfung

bestanden hat

7

dass

er sie

bestanden hat

8

dass

Paul auf seine Freundin  den ganzen Abend

gewartet hat

  • Im Mittelfeld können ebenso Attributivsätze (z.B. Relativsätze (Bsp. 9) und Konjunktionalsätze (Bsp. 11)) stehen:

Vorfeld

linke SK

Mittelfeld

rechte SK

Nachfeld

9

Gestern

sprach

mich ein Mann, den ich gar nicht kannte  ,

an

10

Gestern

sprach

mich ein Mann

an,

den ich gar nicht kannte

11

Ihn

hat

die Frage, ob Neuwahlen doch die bessere Alternative sind  , schon lange

beschäftigt

  • Dagegen können konjunktional eingeleitete Gliedsätze (Nebensätze in Satzgliedfunktion: Subjektsätze, Objektsätze und Adverbialsätze) (Bsp. 12-15) und Infinitivsätze (Bsp. 16-17) nicht  im Mittelfeld stehen. Gliedsätze stehen im Nachfeld:

Vorfeld

linke SK

Mittelfeld

rechte SK

Nachfeld

12

Das Rennen in Imola

hat

eindrucksvoll

bewiesen,

dass Ferrari zurück ist.

13

Das Rennen in Imola

bewies

eindrucksvoll,

dass Ferrari zurück ist.

14

Peter

wird

morgen seine Mutter

besuchen,

wenn er Zeit hat.

15

Peter

besucht

morgen seine Mutter,

wenn er Zeit hat.

16

Peter

hat

seiner Mutter

versprochen,

heute zu kommen.

17

Peter

versprach

seiner Mutter,

heute zu kommen.

Konstituentenabfolge im Mittelfeld

Fragestellungen

  • In welcher Abfolge sind die Konstituenten im Mittelfeld angeordnet?
  • Durch welche Bedingungen wird diese Abfolge geregelt?
  • Gibt es eine unmarkierte Abfolge für die Konstituenten im Mittelfeld?

Die Abfolge von Akkusativ- und Dativobjekten im Mittelfeld

I. Dat.Obj < Akk.Obj. oder Akk.Obj. < Dat.Obj.?

18. Ich habe dem Kassierer das Geld  gegeben.

19. Ich habe das Geld dem Kassierer  gegeben.

Thema-Rhema-Bedingung

  • Thema: die bereits bekannte, vorerwähnte Information.
  • Rhema: die neue Information.
  • Durch den Fragetest wird ermittelt, was jeweils in einem Satz als Thema, was als Rhema gilt:

20.

(a) Was  hast du dem Kassierer gegeben?

(b) Ich habe dem Kassierer (Thema) das Geld  (Rhema) gegeben.

(c) ?Ich habe das Geld  (Rhema) dem Kassierer (Thema) gegeben.

Aber

21.

(a) Wem  hast du das Geld gegeben?

(b) Ich habe dem Kassierer  (Rhema) das Geld  (Thema) gegeben .

(c) Ich habe das Geld  (Thema) dem Kassierer  (Rhema) gegeben

  • Wenn das Dativobjekt Rhema ist, sind beide Abfolgen der Objekte möglich (Bsp. 21):
    • Dat.Obj. (Rhema) < Akk.Obj. (Thema)
    • Akk.Obj. (Thema) < Dat.Obj. (Rhema)
  • Wenn aber das Akkusativobjekt Rhema ist, ist nur die Abfolge Dat.Obj. (Thema) < Akk.Obj. (Rhema) möglich (Bsp. 20).

  • Die Abfolge (b) 'Dativobjekt vor Akkusativobjekt' ist also in beiden Frage-Kontexten möglich, also sowohl bei Thematizität als auch bei Rhematizität der betreffenden NPs.
  • Damit scheint die Abfolge Dat.Obj. < Akk.Obj. die unmarkierte Abfolge für Dativ- und Akkusativobjekte im Mittelfeld zu sein.

II. Dat.Obj < Akk.Obj. oder Akk.Obj. < Dat.Obj.?

  • Dat.Obj < Akk.Obj.:

22.

(a) Der Kassierer hat dem Kunden die Quittung  gegeben.

(b) Der Kassierer hat dem Kunden eine Quittung  gegeben.

(c) Der Kassierer hat einem Kunden die Quittung  gegeben.

(d) Der Kassierer hat einem Kunden eine Quittung  gegeben.

  • Akk.Obj. < Dat.Obj.:

23.

(a) Der Kassierer hat die Quittung dem Kunden  gegeben.

(b) Der Kassierer hat die Quittung einem Kunden  gegeben.

(c) *Der Kassierer hat  eine Quittung dem Kunden  gegeben.

(d) *Der Kassierer hat eine Quittung einem Kunden  gegeben.

Definitheitsbedingung

  • Die Definitheit regelt die Abfolge der einzelnen NPs im Mittelfeld:
    • Bei der Abfolge Dat.Obj < Akk.Obj. sind sämtliche Kombinationen von bestimmten und unbestimmten Artikeln in den NPs möglich (Bsp. 22).

    • Die Abfolge Akk.Obj. < Dat.Obj. ist hingegen nur möglich, wenn die Akk.Obj.-NP definit ist (Bsp. 23).
  • Damit scheint die Abfolge Dat.Obj. < Akk.Obj. die unmarkierte Abfolge für Dativ- und Akkusativobjekte im Mittelfeld zu sein.

III. Dat.Obj < Akk.Obj. oder Akk.Obj. < Dat.Obj.?

24.

(a) Der Kassierer hat die Quittung dem Kunden  gegeben.

(b) Der Kassierer hat sie ihm  gegeben.

25.

(a) Der Kassierer hat dem Kunden die Quittung  gegeben.

(b) *Der Kassierer hat   ihm sie gegeben. 

Phrasentyp-Bedingung: nominale vs. pronominale Satzglieder

  • Wenn das Akk.Obj. und das Dat.Obj. pronominal realisiert sind, ist nur die Abfolge Akk.Obj. < Dat.Obj. (Bsp. 24) möglich; die Abfolge Dat.Obj < Akk.Obj. (Bsp. 25) ist hingegen ungrammatisch.

Fazit

  • Im Mittelfeld ist die unmarkierte Abfolge nominaler Satzglieder (Subj) < Dat.Obj < Akk.Obj.
  • Im Mittelfeld ist die unmarkierte Abfolge pronominaler Satzglieder (Subj) < Akk.Obj < Dat.Obj.
  • Bei der Kombination von nominalen und pronominalen Satzgliedern geht das pronominale Satzglied dem nominalen Satzglied voraus.
  • Im Mittelfeld besteht die Tendenz zu:
    • Thema vor Rhema,
    • definiter NP vor indefiniter NP.