Seminar Sprachdiagnostik (WS 1997/98)

 

4. Diagnose der ästhetischen Fähigkeiten

 

Ein Begriff von Ästhetik; ästhetische Fähigkeiten und Fertigkeiten im Alltag; deren Entwicklung und Förderung als Problem

 

4.1  Ästhetische Kompetenz; oder: Wann können wir von einer Person sagen, sie besitze ästhetischen Fähigkeiten und Fertigkeiten?

 

Ästhetisches Handeln, ästhetische Fähigkeiten und Fertigkeiten; Kinder in neuen Lern- und Spielumgebungen: das Münchener Projekt von W. Zacharias

 

Ein Begriff von ästhetischer Kompetenz: Über erweiterte Spielräume der Wahrnehmung und der Gestaltung verfügen können; oder anders: das, was ist, im Kontext dessen sehen können, was auch sein könnte; oder noch anders: das Wirkliche als einen Fall des Möglichen verstehen lernen

 

Eine genauere begriffliche Unterscheidung:

 

Etwas wahrnehmen als einen Gegenstand des Gebrauchs: Das Bild von  Rembrandt ist zu groß für diesen Raum; es nimmt einfach zu viel Platz ein.

 

Etwas wahrnehmen als einen Gegenstand des Geschmacks: Das Bild von Rembrandt gefällt mir; ich mag solche Farben.

 

Etwas wahrnehmen als einen Gegenstand der Kunst: Das Bild von Rembrandt  finde ich schän; es zeigt, wie man die Welt mit anderen Augen sehen und darstellen kann.

 

Zum Beispiel:

 

Miro, Die Kornähre (1922/23) (s. Materialien):

 

die Kanne:     da geht viel Kaffee rein

 

die Kanne:     die hat «ne interessante Form

 

die Kanne:     die zeigt, wie man Tassen auch noch sehen kann

 

Also: ob etwas ein Gebrauchsgegenstand, ein ästhetischer Gegenstand oder ein Kunstgegenstand ist, hängt entscheidet von unserer Wahrnehmungsweise ab.

 

Kunst ist die Herstellung, Darstellung und Ausstellung (Publikation, Aufführung) von Artefakten (künstlichen Dingen), die uns mit unseren gewähnlichen Wahrnehmungsweisen, unseren alltäglichenWahrnehmungsgewohnheiten konfrontieren - und uns eben damit andere Perspektiven der Wahrnehmung und des Verstehens eröffnen. (M. Seel)

 

Wann können wir von einer Person sagen, sie besitze ästhetische Fähigkeiten und Fertigkeiten? - Ästhetische Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzt eine Person, wenn

 

*  sie sich auf die Wahrnehmung und die Gestaltung von Künstlichen Dingen versteht, die uns die Welt anders zu sehen anregen können

 

Solche Künstlichen Dinge sind zum Beispiel: Bilder, Texte, Videoclips, Kinofilme, CDs, ... - sofern sie uns dazu anregen, die Welt, die anderen und uns selbst in einem anderen Licht zu sehen

 

 4.2 Literarische Kompetenz; oder: Was sind für uns literarisch kompetente Kinder?

 

Problem: Was können literarisch kompetente Kinder, was andere Kinder nicht können? - Beispielsweise: Was können Kinder mehr/besser/anders, die Astrid Lindgrens Geschichten kennen?

 

Diskussion...

 

4.3  Eine Falldiskussion: Wie Kinder zwischen Erfundenen Geschichten und Wahren Geschichten unterscheiden

 

Das Beispiel Stellaluna von Janell Cannon: Drei (achtjährige) Kinder unterhalten sich mit einer Erwachsenen über die Geschichte:

 

ELKE:          also, wie hat euch denn diese geschichte gefallen?

 

MIRIAM:    gut; also, ich find die geschichte richtig schön.

wie dieser flughund, wie der wieder zu seiner mutter kommt

 

JAKKO:       und wie die vögel ihn aufgenommen und gerettet haben.

 

JANINE:      is aber ´n bißchen ne komische geschichte.

gibt es ja nich wirklich.

 

MIRIAM:    doch, doch, das ist eine geschichte, die wirklich passiert sein kann.

so flughunde, die gibts wirklich, und die hängen sich auch wirklich an ihre füße,

das hab ich schon mal so gelesen, in einem andern buch.

 

JANINE:      aber reden, so miteinander sprechen und so, das können die doch nicht wirklich; sich so unterhalten - das geht nicht.

 

ELKE:          dann stimmt die geschichte nicht, oder?

 

MIRIAM:    doch, schon, das ist ja, das ist wie beim märchen.

da ist das auch so ausgedacht,

aber man kann es sich so vorstellen,

als ob es wirklich passiert wär.

 

JAKKO:       als ob die tiere so wären, als ob sie so menschen wären

 

JANINE:      menschen? die können doch nicht fliegen,

und sich an den bäumen festhalten, an den füßen,

das geht nicht.

 

MIRIAM:    nee, aber das ist ja auch nur so - so, als ob das so wäre,

daß die sich so benehmen so wie sich die menschen benehmen,

so reden und so.

 

JAKKO:       das stimmt.

das ist ja oft bei geschichten so,

das hat man sich eben so ausgedacht.

 

ELKE:          wie meinst du das?

 

JAKKO:       ja, daß man da - da denkt man sich eine geschichte aus und

 

MIRIAM:    die so irgendwie stimmt,

und auch irgendwie nicht.

 

JANINE:      also - daß die so gelogen sind?

 

JAKKO:       nein, das nicht!

 

MIRIAM:    ich meine, das kann ja auch wirklich passieren. kann!

 

JANINE:      was?

 

JAKKO:       daß eine mutter ihr kind verliert,

und daß sie es dann wiederfindet,

das kann auch bei tieren, auch bei denen, da kann das so sein.

 

ELKE:          du meinst, das ist die geschichte? von stellaluna die?

 

JAKKO:       ja, daß eine mutter ihr kind verliert,

und daß sie es dann - daß es dann so wieder zurückkommt.

 

ELKE:          das erzählt die geschichte, ja, find ich auch.

 

MIRIAM:    und da die tiere, sind ja auch ganz anders, die flughunde und die vögel

 

ELKE:          und?

 

MIRIAM:    ja, und die lernen sich dann kennen,

und die verstehen sich auch.

 

JAKKO:       ja, eigentlich, da kennen sich flughunde und vögel, da kennen die sich ja nicht.

aber da ist ihnen jetzt der kleine flughund ins nest gefallen,

und da lernen sie ihn kennen.

 

MIRIAM:    und da merken sie: der ist anders, das ist keiner von uns,

aber der ist trotzdem richtig nett, und so,

und wir kommenmit dem aus.

 

ELKE:          wenn ihr der kleine flughund gewesen wärt: was würdet ihr wohl eurer mutter hinterher so                         erzählen?

 

JANINE:      pech gehabt, ganz einfach.

 

JAKKO:       ich war in ein vogelnest gefallen,

und da wär ich fast ein vogel geworden, fast.

 

MIRIAM:    ja, ich hab mich wie ein vogel benommen, so würmer gefressen und so, und heuschrecken.

aber dann hast du mich wieder gefunden.

 

...


Problem:
Was macht für die drei Kinder ihr (unterschiedliches?) Verständnis von literarischen Geschichten aus?

 

4.4  Die Diagnose (des Erwerbs) ästhetischer Kompetenz; oder: Woran kann ich erkennen, welche ästhetischen Fähigkeiten und Fertigkeiten ein Kind bereits entwickelt hat?

 

Ästhetische Kompetenz hat zwei Seiten: sie besteht in (1) Fähigkeiten und Fertigkeiten des Verstehens und in (2) Fähigkeiten und Fertigkeiten der Gestaltung.

 

Die Diagnose ästhetischer Kompetenzen stellt auf rezeptive wie auf produktive Kompetenzen ab. Schlüsselfragen:

 

Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten des Bildverstehens und der Bildgestaltung hat das Kind bereits entwickelt?

 

Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten des Geschichtenverstehens und des Geschichtenerzählens hat das Kind bereits entwickelt?                 

 

Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten des Verstehens und der Gestaltung von Härspielen, Fernsehspielen, Videoclips usw. hat das Kind bereits entwickelt?

 

usw.

 

Aber:

 

Was sind die Kriterien der Diagnose und welche Methoden der Analyse wenden wir an?

 

An welchen Modellen von Entwicklungsstufen orientieren wir uns?

 

An welches empirische Wissen über die sprachliche, literarische, ästhetische Sozialisation von Kindern unter den heutigen medialen Bedingungen des Alltagslebens können wir uns halten?

 

Da gibt es fast noch keine verläßlichen Hinweise und Hilfen!

 

ALSO: selber Ideen entwickeln!!!

 

4.5  Die Förderung der ästhetischen Kompetenzen in der Grundschule

 

Wozu überhaupt ästhetische Kompetenzen fördern? - Gründe

 

Ästhetische Kompetenzen fördern? - Rückfrage: Wer setzt die Maßstäbe?

 

Medien der Förderung ästhetischer Kompetenz; zum Beispiel: das Internet für Kinder (s. Materialien)

 

4.6  Literaturhinweise zum Thema

 

Ein Lesetip:

 

Stiftung Lesen (Hg.): Lesen. Grundlagen, Ideen, Modelle zur Lesfärderung. Mainz 1995.                     

 

Weitere (eher kunstwissenschaftliche) Literatur zum Thema:

 

Berger, J.: Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens. Berlin 1981. (Original 1980.)

 

Brinkemper, P. V./von Dadelsen, B. /Seng T. (Hg.): World Media Park. Globale Kulturvermarktung heute. Berlin 1994.

 

Dencker, K. P. (Hg.): Weltbilder Bildwelten. Computergestützte Visionen. Hamburg 1995.

 

Eggert, H./Garbe, C.: Literarische Sozialisation. Stuttgart/Weimar 1995.

 

Goodman, N.: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. (Original 21976. Neu übersetzt von B. Phillipi.) Frankfurt am Main 1995.

 

Goodman, N.: Weisen der Welterzeugung. Frankfurt am Main 1984. (Original 1978)

 

Goodman, N./Elgin, C. Z.: Revisionen. Philosophie und andere Künste und Wissenschaften. Frankfurt am Main 1993. (original 1988.)

 

Kahrmann, K.-O/Reise, N. (Hg.): Handlungsorientierte Medienarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Frankfurt am Main 1993.

 

Lauffer, J./ Volkmer, I. (Hg.)): Kommunikative Kompetenz in einer sich verändernden Medienwelt. Opladen 1995.

 

MEDIA-PERSPEKTIVEN. Regelmäßig erscheinende medienwissenschaftliche und -politische Zeitschrift von ARD und ZDF. (Wichtige Beiträge beispielsweise zum Stand der empirischen Medien- und Mediensozialsationsforschung!)

 

Praxis Deutsch 146, 1997: Astrid Lindgren. (Hg.in P. Josting)

(Dort zahlreiche weiterführende Literaturhinweise!)

 

Rosebrock, C.: Lesen im Medienzeitalter. Biographische und historische Aspekte literarischer Sozialisation. Stuttgart 1996.

 

Rötzer, F. (Hg.): Schäne neue Welten? Auf dem Weg zu einer neuen Spielkultur. München 1995

 

Schorb, B. (Hg.): Medienerziehung in Europa. Auf dem Weg zu einer europäischen Medienkultur. München 1992.

 

Seel, M.: Vor dem Schein kommt das Erscheinen. Bemerkungen zu einer Ästhetik der Medien. In: Merkur 9/10/1993; 770 - 783.

 

Seel, M.: Aisthetik und Ästhetik. Über einige Besonderheiten ästhetischer Wahrnehmung. In: Recki, B./Wiesing, L. (Hg.): Bild und Reflexion. Paradigmen und Perspektiven gegenwärtiger Ästhetik. München 1997; 17 - 38.

 

Stiftung Lesen: Lesen. Grundlagen, Ideen, Modelle zur Leseförderung. Mainz 1995. (4., vollständig überarbeitete Auflage)

 

Welsch, W.: Erweiterungen der Ästhetik. Eine Replik (auf Seel 1995). In: Recki, B./Wiesing, L. (Hg.): Bild und Reflexion. Paradigmen und Perspektiven gegenwärtiger Ästhetik. München 1997; 39 - 67. 

 

Zacharias, W. (Hg.): Sinnenreich. Vom Sinn einer Bildung der Sinne als kulturell-ästhetisches Projekt. Essen 1994.

 

Zacharias, W. (Hg.): Interaktiv - Im Labyrinth der Wirklichkeiten.

 

Zacharias, W.: Medienkindheit 2000 - Spekulationen fürs 3. Jahrtausend. In: ders. (Hg.): Interaktiv. Im Labyrinth der Wirklichkeiten. Essen 1996. 307 - 323.

 

4.7  Materialien zum Thema

 

Zacharias: Photos von seiner Münchener Medienkunst-Werkstatt

 

Miro (1922/23): Die Kornähre

 

Eine Seite aus Stellaluna (J. Cannon)

 

Ein Internet-Hinweis: Beispiel eines Museumsführers und Museumsraums für Kinder ist: Childrens Discovery Room (http://www.fernbank.edu/museum/disc.html)



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