Bernd Switalla (Universität Bielefeld):

Textkompetenz am Unternehmensarbeitsplatz (Problemskizze)1

 

1. Die Ausgangslage

 

Die schriftsprachlichen Kompetenzen von Ausbildungsbewerbern für die kaufmännisch-technischen Berufe im Unternehmen sind allem Anschein nach vielfach nicht zureichend entwickelt. Die Bewerberinnen und Bewerber verfügen über die erforderlichen Fähigekeinetn und Fertigkeiten des Schreibens und Lesens von Texten, des Lernens aus Texten und der Textanalyse und Textinterpretation offensichtlich unterschiedlich gut. Das aufgaben-, situations- und adressatenspezifische Schreiben (und dabei insbesondere die Fähigkeit zur Orientierung an den textsortenspezifischen Standards) beherrscht nur ein gewisser Teil von ihnen. Manchen scheint sogar die elementare Kompetenz zur Gestaltung eines lesbaren, dh. orthographisch korrekten und damit selbstverständlich auch von grammatischer Kompetenz bestimmten Textes zu fehlen.2 Ohne eine entwickeltere Textkompetenz kann aber mit einer effizienten und produktiven, die Schrift als Medium der Kommunikation und Kooperation und als ein Denkwerkzeug nutzenden Fähigkeit des situierten Problemläsens innerhalb der routinehaften und erst recht der kritischen Unternehmensabläufe nicht gerechnet werden. Wer nicht gelernt hat, Spuren des Denkens auf dem Papier  lesen, verstehen und bearbeiten und selbst machen zu kännen, dem gehen elementare Mäglichkeiten der (offline wie online) nach wie vor literalen Unternehmenskultur ab.

 

Aber was sind die erforderlichen Textkompetenzen?  Eine Analyse der literalen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Ausbildungsbewerbern, Auszubildenden und Ausgebildeten, die sich ausschließlich auf die orthographischen Aspekte beschränkt, greift offensichtlich zu kurz – so sehr auch Orthographie-Defizite für sich schon ein Indikator zu geringer literaler Kompetenzen sind. Textkompetenzen sind insgesamt vielschichtiger und vielfältiger. Sie schließen insbesondere nicht nur das Schreiben-, sondern auch das Lesenkännen ein. Wer Texte anderer liest, der vergegenwärtigt sich ihren Gehalt und ihre Form, sobald er sie kritischer, also bewusster zu verstehen hat, zumindest in einer langen Phase der Einübung, indem er sie ausdrücklich oder in Gedanken umschreibt. Er arbeitet mit Markierungen, Kommentierungen, Exzerpierungen, Inhaltsbeschreibungen usf. Und wer für andere Texte schreibt, der liest seinen eigenen Text in einer vergleichbaren Weise und Perspektive. Kurz – Schreiben und Lesen bilden in jeder alltäglichen Lebens- und beruflichen Arbeitssituation einen komplexen Wechselwirkungszusammenhang.

 

Erstaunlicherweise ist aber der innere Zusammenhang von Schreib- und Lesefähigkeit bislang in der bildungs- und ausbildungskritischen Debatte der …ffentlichkeit selten zum Thema oder gar zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht worden. Es scheint vielmehr so zu sein, dass allgemein jenes sehr eingeschränkte Verständnis von Textkompetenz bestimmend ist, das nahezu alle gewesenen Schüler mit Erinnerungen an den erlebten Aufsatzunterricht verbinden, wenn sie bei der Beschreibung und der Beurteilung die Kriterien der inhaltlichen Angemessenheit, der logischen Gedankenfolge und der sprachlichen Form geltend machen.3

 

Nicht weniger erstaunlich ist, dass insbesondere jene, die einen Verfall der Textkompetenzen  insbesondere bei den Heranwachsenden feststellen zu kännen meinen, weder über tauglichere analytische und diagnostische Kriterien zu Untersuchung von Textkompetenzen verfügen – noch überhaupt auf ein empirisch gesichertes Wissen darüber zurückgreifen kännen, welche Textkompetenzen denn in welchen beruflichen Arbeits- und Lernsituationen situations-, aufgaben- und problembezogen von Bedeutung sein mägen. (Und dieses Nichwissen teilen sowohl Arbeitgeber- wie Arbeitnehmer-Interessengruppen.4)

 

2. Was ist zu tun?

 

Die Analyse, Diagnose, Schulung und Förderung von Textkompetenzen am Unternehmensarbeitsplatz fällt und steht mit dem empirisch gesicherten Wissen über die wünschenswerten und die faktischen schriftsprachlichenFähigkeiten und Fertigkeiten. Nur wer die tatsächlichen Qualifikationen der Ausbildungsbewerber und der ausgewählten Ausbildenden an den Qualifikationsstandards zu messen vermag, die aus einer genauen Beobachtung, Beschreibung und Beurteilung der schriftsprachlichen Informations-, Kommunikations- und Kooperationserfordernisse innerhalb des Unternehmens  hervorgehen, hat gute Gründe bestimmte Textkompetenzen zu fordern – und zu fördern.

 

Deswegen kommt es darauf an, mit Bezug auf ein auch wissenschaftlich tragfähiges Konzept der situierten, aufgaben- und problemspezifischen Textkompetenzen im Unternehmen gezielte Untersuchungen darüber anzustellen,

 

welche Formen und Muster schriftsprachlicher Information, Kommunikation und Kooperation zur (nicht selten problematischen) Routine in den verschiedenen (kaufmännisch-technischen) Unternehmensbereichen gehären,

 

welche schriftsprachlichen Qualifikationen sie einschließen und voraussetzen

 

welche schriftsprachlichen insoweit in der Ausbildung zu fördern und

 

welche elementaren Kompetenzen bei Ausbildungsbewerbern deswegen als Basisqualifikationen bereits vorauszusetzen sind.

 

Darauf aufbauend sind

 

geeignete Kriterien, Standards und Normen der Beobachtung, Beschreibung und Beurteilung der erforderlichen Textkompetenzen  zu entwickeln und

 

zu einem diagnostischen Instrumentarium auszuarbeiten, das verlässliche Diagnosen und Prognosen, auch im Rahmen der weiteren Schulung und Förderung der entsprechenden schriftsprachlichen Qualifikationen, ermäglicht.

 

Schließlich kann es keine Beurteilung von Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Lernenden Systems geben, ohne die Beurteiler selbst hinsichtlich ihrer diagnostischen und didaktischen Kompetenzen zu schulen und zu fördern. Also sind auch die Lehrenden innerhalb dieses Systems

 

in geeigneter Weise mit den diagnostischen und den didaktischen Mitteln und Wegen der Handhabung eines solchen Instrumentariums vertraut zu machen – am besten auf die Weise, dass sie

 

am Entwicklungs-, Erprobungs-, Anwendungs- und Bewertungsprozeß verantwortlich beteiligt werden.

 

Von besonderer Bedeutung ist dabei nicht zuletzt die praktische Philosophie, das konkrete Konzept des Didaktischen Szenarios der Entwicklung, Anwendung und Auswertung des Instrumentariums; denn nur unter lernwissenschaftlich begründeten Voraussetzungen werden Lehrende und Lernende das Vorhaben mit tragen.

 

Das Problemfeld stellt sich im ganzen wie folgt dar:

 

 

 

Ausgehend von einem differenzierten Konzept einschlägiger Textkompetenzen und einer empirisch fundierten Bestimmung des Textkompetenz-Profils lässt sich ein diagnostisches Instrumentarium entwickeln, das es erlaubt, mit einiger Verlässlichkeit feststellen, welche Differenzen zwischen den Textkompetenzen der Bewerber und den wünschenswerten Zielqualifikationen in diesem Bereich durch eine Ausbildung voraussichtlich überbrückt werden kännen. Das empirisch abgesicherte diagnostische Profil lässt sich dann in ein modernen Standards wissenschaftlich fundierter beruflicher Ausbildung und Bildung entsprechendes didaktisches Konzept umsetzen, zu dessen Leitlinien zum Beispiel Prinzipien des situierten, des problemorientierten und des fallbasierten  Lernens und Lehrens gehären.

 

Wenn das didaktische Konzept überdies noch die Mäglichkeiten des (unternehmensinternen) Lernens in so genannten hypermedialen Arbeits- und Lernumgebungen nutzte, würde es zwar inzwischen nicht mehr ganz neue, sehr wohl aber durchaus tragfähige Lernwege und Lernverfahren zu entwickeln und zu nutzen vermägen.

 

3. Welche Schritte sind im einzelnen angebracht?

 

Demnach sind drei Dinge vorrangig:

 

erstens die Entwicklung, Erprobung, Anwendung und Bewertung eines Instrumentariums zur Beobachtung, Beschreibung und Beurteilung von Textkompetenzen am unternehmensinternen Arbeitsplatz;

 

zweitens die Entwicklung, Erprobung, Anwendung und Kritik eines textkompetenzdiagnostischen Instrumentariums, das sowohl bei der Auswahl von Auszubildenden als auch bei der Prüfung der Ausgebildeten von Nutzen ist;

 

drittens die Entwicklung, Erprobung, Anwendung und Weiterentwicklung eines ausbildungsdidaktischen Konzepts der Schulung und Förderung im Bereich der für die Unternehmenskultur spezifischen Textkompetenzen; und zwar eines Konzepts, das

 

viertens die bestehenden medialen und technischen Mäglichkeiten des E-Learning nutzt, sie weiter ausgestaltet und gezielt anwendet5.

 

4. Welche text-, lern-, bildungs- und medienwissenschaftlichen Ressourcen sind vorhanden?

 

Die Forschungruppe LiLi-Lab um Prof. Dr. Bernd Switalla an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft) verfügt in diesem Bereich über einschlägige theoretische, analytische, didaktische und gestalterische Kompetenzen. Prof. Dr. Switalla selbst war unter anderem zum Beispiel Mitglied des Netzwerks Lehrerbildung und Neue Medien der Bertelsmann Stiftung. Er ist als sprach- und medienwissenschaftlicher sowie –didaktischer Forscher ausgewiesen. (Vom Frühjahr 2001 bis zum Januar 2002 war er beispielsweise Mitglied der die pädagogische und didaktische Forschung an den acht Hochschulen des Landes evaluiert habenden Wissenschaftlichen Kommission des Landes Niedersachsen.) Er ist zur Zeit als medienwissenschaftlicher Autor eines mediendidaktischen Studienbriefs für die Fernuniversität Hagen tätig und arbeitet darüber hinaus an einer textwissenschaftlichen Kritik der PISA-Studie der OECD.

 

Er kann gewährleisten, dass die unter 3. genannten wesentlichen Schritte bei geeigneter Unterstützung seitens des Unternehmens durchdacht vorbereitet und überlegt durchgeführt werden, zumal er mehrer Doktoranden hat, die an mit dem Projekt affine Vorhaben arbeiten.6

 

 

Bielefeld, den 22. April 2002

Copyright Bernd Switalla

  



1 Als Textkompetenzen bezeichne ich hier alle jene Fähigkeiten und Fertigkeiten, die mit einem verständigen Umgang mit und einem wissensorientierten Lernen aus Texten zusammenhängen; insbesondere das Lesen und Schreiben, das Formulieren und Interpretieren, das Kommentieren, Redigieren und Exzerpieren von Texten, sei es individuell oder kooperativ, offline wie online.Hinsichtlich der Kernkompetenzen Deutsch auf dem Niveau der Sekundarstufe II insgesamt ist informativ: Kammler, C./Switalla, B.: Qualität des Deutschunterrichts – Kernkompetenzen. In: Tenorth, H.-E. (Hg.): Kerncurriculum Oberstufe. Mathematik – Deutsch – Englisch. Expertisen – im Auftrag der KMK. Weinheim/Basel 2001; 103 – 123.

 

2 Zur Forschungslage im Bereich der Analyse und Diagnose schriftsprachlicher Kompetenzensiehe: Switalla, B.: Lesekompetenz? Eine kritische Studie des PISA-Konzepts. In: Zeitschrift für Pädagogik 6/2002. (Im Erscheinen)

 

3 So zum Beispiel leider auch noch die neuen, eben veräffentlichten und im wesentlichen von Lehrern erstellten, hinsichtlich der konkreten Lernbereiche und Aufgabenfelder für den Deutschunterricht aber gleichwohl informativen Bildungsstandards des Baden-Württembergischen Wissenschafts- und Schulministeriums.

 

4 Einschlägige Beispiele stellen etwa die von den Industrie- und Handelskammern in NRW erstellten, nahezu ausschließlich auf Rechtschreibfähigkeiten abstellenden, ohne allzu großes Expertenwissen daher kommenden Tests dar. Dass sie auch von Arbeitnehmerseite in der Sache nie kompetent diskutiert werden, ist auch kein Ruhmesblatt für Expertise.

 

5 Die im folgenden genannte Forschungsgruppe von Herrn Switalla hat im Rahmen des Projekts der Bertelsmann Stiftung Lehrerbildung und Neue Medien in Zusammenarbeit mit den Informatikern der Universität Paderborn (insbesondere mit Prof. Dr. Johannes Magenheim) einschlägige mediendidaktische Gestaltungs- und Forschungskompetenzen entwickelt. Siehe Projektbericht der Stiftung, auch über das Internet abrufbar.

 

6 Siehe beispielsweise das Teilvorhaben Lesen in der Wissensgesellschaft: www.netz-kasten.de/lesen).



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