Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
 
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1. Die Entwicklung der Interpunktion

1.1 Allgemeines

Im Deutschen taucht der Begriff Interpunktion (von lat. interpunctio: Abteilung durch Punkte) etwa im 17. Jahrhundert auf und wird bisweilen auch durch die Ausdrücke "Distinktion, Schriftscheidung oder Tüpfelung" ersetzt. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wird der Begriff "Zeichensetzung" gebräuchlicher. Heute werden beide Bezeichnungen nebeneinander verwendet.
Schon in den Schriften der gebildeten Völker des Altertums (z.B. in denen der Griechen und Römer) sind Interpunktionszeichen aufzufinden. Ihre damalige Funktion bestand zunächst darin, die Buchstabenreihen durch Gruppierungen für das Auge übersichtlicher zu gestalten. Des Weiteren hat die Interpunktion in früheren Zeiten hauptsächlich die Funktion, den Text für den mündlichen Vortrag zu gliedern. Satzzeichen sollten somit vor allem eine rhythmisch-intonatorische Funktion erfüllen, die dem Sprecher beim Vortragen des Textes eine Hilfestellung geben sollte.


1.2 Die Entwicklung der Satzzeichen vom Althochdeutschen bis zum Frühneuhochdeutschen

1.2.1 Die Interpunktion im Althochdeutschen

Bis ins 9. Jahrhundert hinein sind Punkt (er ist das älteste Satzeichen) und Doppelpunkt gebräuchliche Zeichen (ursprünglich konnte der Punkt übrigens unterschiedliche Funktionen erfüllen, je nachdem, ob er am Zeilenkopf, in der Zeilenmitte oder ganz unten in einer Zeile stand).
Auch im Althochdeutschen kommt den vorhandenen Satzzeichen die Aufgabe zu, dem Sprecher das Vortragen zu erleichtern. Wichtig ist jedoch, dass eine Interpunktion zwar in gewissem Maße vorhanden war, dass diese jedoch keiner einheitlichen Regelung unterlag und noch lange keine konsequente Anwendung fand.


1.2.2 Die Interpunktion im Mittelhochdeutschen

Im Mittelhochdeutschen gibt es noch immer keine geregelte Zeichensetzung. Als Satzzeichen kommen hier vor allem der Punkt und (seltener) die Virgel (/ von lat. virgula, heute: Slash) vor. Die Funktion dieser Interpunktionszeichen bestand darin, Sprechpausen zu kennzeichnen, d.h., den Text für den mündlichen Vortrag zu gliedern. Die Zeichensetzung unterlag somit noch immer dem rhythmisch-intonatorischen Prinzip.

==> Beispiel 1: Hartmann von Aue: Iwein, Hs A (Heidelberg, Cod. Pal. germ. 397)

==> Beispiel 2: Nibelungenlied, Hs A


1.2.3 Die Interpunktion im Frühneuhochdeutschen

(vgl. Schmidt 2000, vgl. Rössler 2003, vgl. Hartweg 1989)

In frühneuhochdeutscher Zeit treten einige Besonderheiten hinsichtlich der Interpunktion auf:

Die Virgel wird zum wichtigsten Interpunktionszeichen. War sie zunächst noch Markierung für Sprechpausen, so findet sie seit dem 16. Jahrhundert als Kennzeichnung von Teilsätzen bzw. Satzteilen und auch bei Aufzählungen Anwendung. Im Laufe der Zeit wird sie jedoch schließlich durch das Komma verdrängt, welches im Prinzip dieselben Funktionen besitzt wie die Virgel.

So wie das Komma (oder die Virgel) nach und nach als Kennzeichnung von Gliedsätzen Anwendung findet, so dient der Punkt zu Beginn des 16. Jahrhunderts zunehmend als Kennzeichnung von Gesamtsätzen. Insgesamt beginnt sich die syntaktische Interpunktion durchzusetzen.

Weiterhin wird die Verwendung von anderen Satzzeichen, wie z.B. Fragezeichen, Semikolon und Doppelpunkt gebräuchlicher:

  • "Das Fragezeichen wurde ursprünglich sowohl als Zeichen für das Ende eines Satzes als auch als Schlusszeichen von Versen verwendet. Erst die Grammatiker des 16. Jahrhunderts wiesen ihm seine Funktion zur Kennzeichnung von Fragen zu." (Rössler 2003)
  • "Noch jünger als die Verwendung des Fragezeichens ist die des Ausrufezeichens. In seiner heutigen Form ist es seit dem 16. Jahrhundert belegt und wird zunächst unter dem Begriff "Verwunderungszeichen" (Gueintz), später zur Kennzeichnung von Ausrufen als "Ausruffungszeichen" (Ratke) verwendet." (Hartweg 1989, Seite 100)
  • Der Doppelpunkt, der zunächst meist eine ähnliche Funktion wie der Punkt bzw. die Virgel (in ihrer älteren Verwendung) erfüllte (also Sprechpausen markierte), erhält in frühneuhochdeutscher Zeit allmählich seine heutige Funktion: Er steht vor Aufzählungen und vor direkter Rede (diese Entwicklung ist etwa ab dem 2. Viertel des 17. Jahrhunderts zu beobachten).
  • In lateinischen Schriften wurde das Semikolon als Abkürzungszeichen verwendet, so wie wir heute mit dem Punkt abkürzen. Es schwankte in seiner Funktion im Lauf der Geschichte immer schon zwischen Punkt und Komma. Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts hat der sog. "Strichpunkt" (Periodus) eine noch stärkere Unterteilungsfunktion als der Punkt und ersetzte diesen oft als Satzschlusszeichen. Im 17. Jahrhundert erhält das Semikolon eine Gliederungsfunktion, die der des Kommas ähnelt.


1.2.4 Die Interpunktion im Neuhochdeutschen

Wie der Verlauf der frühneuhochdeutschen Zeit bereits erkennen lässt, entwickelt sich die Funktion der Zeichensetzung von einer rhythmisch-intonatorischen hin zu einer syntaktischen. Somit ist auch die heutige Interpunktion vorwiegend dazu da, in einem Text logisch-syntaktische Grenzen zu setzen (z.B. Sätze und Teilsätze zu kennzeichnen) die einer grammatischen Regelung unterliegen. Eine solche Gliederung ist im Vergleich zur früheren Zeit nicht mehr vorrangig auf den mündlichen Vortrag ausgerichtet, sondern es geht vielmehr darum, eine schnelle Orientierung im Text zu ermöglichen.



1.3 Beispiele zur Entwicklung der Interpunktion in frühneuhochdeutscher Zeit anhand der Bilbelübersetzungen Luthers

(vgl. Besch 1981)

Die Beispiele sollen generelle Unterschiede zwischen früher und heutiger Interpunktion verdeutlichen. Als Textgrundlage dienen folgende Ausgaben der Bibelübersetzungen Luthers:

-1522, Septembertestament, Druckort Wittenberg (UB Halle/Saale; Nachdruck durch die von Cansteinsche Bibelanstalt)
- 1545, Druckort Wittenberg (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart)
- 1694, Druckort Leipzig (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart)
- 1797, Druckort Halle, Cansteinsche Bibelanstalt (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart)
- 1897, Druckort Elberfeld, Bergische Bibelgesellschaft (Universitätsbibliothek Bonn)
- 1956, Privelegierte Württembergische Bibelanstalt Stuttgart (Revidierter Text des Neuen Testaments von 1956)

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1.4. Fragen zur Entwicklung der Interpunktion

  1. Beschreiben Sie in wenigen Sätzen die Interpunktion in althochdeutscher und mittelhochdeutscher Zeit.
  2. Nennen Sie drei Besonderheiten hinsichtlich der Entwicklung der Interpunktion, die sich besonders in der frühneuhochdeutschen Zeit bemerkbar gemacht haben.
  3. Erläutern Sie, inwiefern sich die Funktion der Interpunktion vom Althochdeutschen bis in die heutige Zeit gewandelt hat.



1.5 Quellenangaben

  • Besch, Werner: Zur Entwicklung der deutschen Interpunktion seit dem späten Mittelalter. In: Interpretation und Edition deutscher Texte des Mittelalters. Festschrift für John Asher zum 60. Geburtstag / hrsg. von Kathryn Smits, u.a. - Berlin : Schmidt , 1981, Seite 187-206
  • Bieling, Alexander: Entwicklung der deutschen Interpunktion bis auf unsere Zeit. In: Germanistische Linguistik 4-6/83. Texte zur Geschichte der deutschen Interpunktion und ihrer Reform1462 - 1983 / hrsg. von Burckhard Garbe, Hildesheim (u.a.) : Olms, 1984, Seite 1-18
  • Garbe, Burckhart (Hrsg.): Texte zur Geschichte der deutschen Interpunktion und ihrer Reform 1462 - 1983. Hildesheim [u.a.] : Olms , 1984 . - IX, 363 S.
  • Hartweg, Frédéric: Frühneuhochdeutsch. Eine Einführung in die deutsche Sprache des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit / Frédéric Hartweg; Klaus-Peter Wegera . - Tübingen : Niemeyer , 1989
  • Höchli, Stefan: Zur Geschichte der Interpunktion im Deutschen. Eine kritische Darstellung der Lehrschriften von der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Berlin, New York : de Gruyter, 1981
  • Schmidt, Wilhelm: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. 8. Aufl., Stuttgart : Hirzel Verlag, 2000

    Internetquellen:

  • Rössler, Paul: Kleine Geschichte der Satzzeichen:
    http://www.e-lisa.at/magazine/tribuene/downloads/tribuene04_2003.pdf

  • Schaeder, Burkhard: Kurze Geschichte der Interpunktion und ihrer wissenschaftlichen Beschreibung
    http://www.lissie.uni-siegen.de/vorlesungen/rechtschreibung5.htm
 

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