Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
 

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FörBi

Pädagogisches Konzept

Pädagogische Betreuung ist gerade für Kinder und Jugendliche bedeutungsvoll, die vielerlei Erfahrung mit Ausgrenzung, Armut, prekären Lebensverhältnissen, frustrierenden schulischen Bedingungen und mit Flucht und Kriegstraumen gemacht haben. Diese Betreuung muss durch die Förderlehrerinnen und -lehrer gewährleistet sein, denn sie sind in einem intensiven und individuellen Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern. Damit bietet sich bei FörBi die Chance, im interkulturellen Kontext verschiedene Interaktionen und Gesprächsführungen in der Beziehung zu den Förderschülerinnen und ?schülern und auch in den Beziehungen der FörBi-Schüler untereinander zu erproben. Durch das FörBi-Büro wird dabei Supervision gewährleistet. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, in vertraulichen Gesprächen Situationen zu schildern und sich über mögliche Haltungen dazu zu beraten.

Grundsätze der pädagogischen Arbeit

Bei FörBi soll nach folgenden Grundsätzen gehandelt werden; für den Aufbau von tragfähigen Beziehungen zwischen FörderlehrerInnen und FörderschülerInnen sind Haltungen von Vorteil, wie sie in der personenzentrierten Gesprächstherapie von Carl Rogers zu finden sind:

  • Aktzeptanz: eine positive, wertschätzende Einstellung gegenüber dem, was der Förderschüler, die Förderschülerin in dem Moment ist. Vielen Äußerungen, die die SchülerInnen äußern, können sowohl die FörderlehrerInnen als auch die Gruppenmitglieder nicht zustimmen. Sie sollten aber zunächst einmal ohne Wertung zur Kenntnis genommen werden. Erfahrungsgemäß sind automatisierte (ablehnende) Reaktionen kontraproduktiv und führen zu einer weiteren Isolation desjenigen, der die irritierende Haltung vertritt. Gerade die Jugendlichen mit vielfältigen Ausgrenzungserfahrungen müssen bei FörBi erleben, dass sie mitsamt ihren Einstellungen und Gefühlen respektiert werden. Eigene Werte und Meinungen sollen, dürfen und können nicht aufgezwungen werden.

  • Kongruenz: Das oben gesagte bedeutet nicht, dass FörderlehrerInnen und die anderen Gruppenmitglieder ihre eigenen Einstellungen und Werte nicht äußern sollten. Im Gegenteil ist es im Sinne von Kongruenz nötig, dass sie sich selber nicht verleugnen, sondern zu erkennen geben und somit Lernerfahrungen möglich zu machen und Denkanstöße zu geben. Auch die FörderlehrerInnen und die Gruppenmitglieder sollten also offen und unverstellt über ihre Werte, Einstellungen und Erfahrungen sprechen. Wichtig ist, dabei auf die Wortwahl zu achten und alles zu vermeiden, was Ablehnung und Herabsetzung signalisieren könnte.

  • Empathie: Zum nichtwertenden Eingehen auf die Person gehören das einfühlende Verstehen und der Perspektivwechsel. Es sollte versucht werden, den betreffenden Jugendlichen in seiner Welt zu verstehen und zu akzeptieren, so wie er sie empfindet.

Hilfreich für diese anspruchsvollen pädagogischen Haltungen sind Konzepte aus der Migrationspädagogik. „Migrationspädagogik beschäftigt sich mit Zugehörigkeiten und den Bedingungen und Konsequenzen ihrer Herstellung.” (Mecheril 2010: 13) Zugehörigkeiten sind dabei nicht „natürlich gegeben”, sondern werden in Interaktionen konstruiert. Die pädagogische Praxis in Bildungszusammenhängen hat hierbei eine entscheidende Bedeutung. Die kleinen Gruppen bei FörBi, das intensive Eingehen auf die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bieten die Chance, „natio-ethno-kulturelle” Zugehörigkeiten [1] sowie weitere Dimensionen wir Geschlechterverhältnisse, ökonomische Bedingungen u.a. zur Sprache zu bringen und unter den Regeln gewaltfreier Kommunikation zu diskutieren. Denn ausgrenzende Diskurse werden von verschiedenen Akteuren produziert und auch von denjenigen reproduziert, die sie selber in Bezug auf sich erfahren haben. Förderlehrerinnen und Förderlehrer müssen die Kommunikation darüber führen und gestalten: ?Generell scheinen individuelle Konflikte und Abneigungen immer wieder von kollektiven Zugehörigkeiten überlagert zu sein. Da ist es wichtig Vermittler zu finden, die eher zwischen den Fronten stehen.” ( Dieter Halbach, www.peoplemeetpeople.de). Die Förderlehrerinnen und Förderlehrer können genau diese neutrale Vermittlerrolle übernehmen. Der erste Schritt ist hierbei, die jeweiligen Gegenüber nicht als homogene Gruppe wahrzunehmen, sondern offen zu sein für ihre Vielfalt, für Selbstauskünfte und Selbstdefinitionen, auch bei möglicherweise demselben Herkunftsland. Dieter Halbach schreibt über seine Erfahrungen in seinem Begegnungsprojekt People meet people: „Wir hatten es meisten nur mit männlichen syrischen Geflüchteten zu tun. Erst mit der Zeit lernten wir hinter dieser scheinbaren Homogenität die Vielfalt und auch die interne Konfliktlage kennen. Es handelte sich in Wahrheit um Kurden, Sunniten, Schiiten, Atheisten, Sozialisten, Christen und um Reich und Arme, Gebildete und Ungebildete, Menschen aus unterschiedlichen Regionen mit unterschiedlichen Traditionen im Umgang miteinander. Manche berichten vom friedlichen Zusammenleben der Religionen in ihrer Heimat. Von anderen Teilnehmern wurden fundamentalistische Drohungen gegen Andersdenkende ausgesprochen, die wir erst im Nachhinein mitbekommen haben.”

Um die Vermittlerrolle in Konflikten übernehmen zu können, helfen Konzepte aus der Friedenspädagogik. Jäger (2002) benennt zehn Problem- und Fragenkomplexe zur „Friedenserziehung nach dem 11. September 2001”: Strafe, Rache und Vergeltung; Fundamentalismus und Religion; interkulturelle Begegnung und Toleranz; Umgang mit der Angst; Verwundbarkeit und Sicherheitsverständnis; Medien, Wahrheit und Manipulation; Solidarität; Globalisierung und Gerechtigkeit; Zivile Konfliktbearbeitung und militärische Intervention; positive Denkansätze in Zeiten der Verunsicherung. Die Voraussetzung für ein freies und vertrauensvolles Sprechen über diese Themen aus den unterschiedlichen Perspektiven ist die Schaffung von geschützten Räumen sowie das Zuhören-Lernen und die Etablierung von Regeln und Formen für einen konstruktiven Dialog. „Dabei sollten Lehrerinnen und Lehrer durchaus bereit sein, eigene Unsicherheiten und offene Fragen anzusprechen und mit in das Gespräch einfließen zu lassen.” (ebd.: 6). Ziel der Friedenspädagogik sind Haltungen und Strategien, die dazu befähigen, „einer Konflikteskalation Stufen der Deeskalation gegenüberzustellen, Antworten und Handlungsmöglichkeiten auf jeder Stufe zu finden, die Gewalt begrenzen oder ganz ausschließen sowie auf Kooperation und Verhandlungslösungen abzielen.” Gugel 2002: 11).

Besondere Sensibilität ist dabei bei der Gruppe der geflüchteten Kinder und Jugendlichen gefragt, unter ihnen unbegleitete Minderjährige. Studentische Förderlehrerinnen und Förderlehrer können, dürfen und sollen nicht die Rolle von Therapeuten übernehmen, aber ein aufmerksamer und feinfühliger, empathischer Umgang mit der Tatsache, dass die Kinder und Jugendlichen traumatischen Erlebnissen verkraften müssen, ist wichtig und möglich. Dazu gehört nicht zuletzt die Herstellung einer Atmosphäre von „Normalität” und Humor.

Literatur:

Gugel, Günther (2002): Konflikte und Konfliktbearbeitung. In: Lernende Schule 17/2002. 9-14

Jäger, Uli 2002: Friedenserziehung nach dem 11. September. In: Lernende Schule 17/2002. 4- 6

Mecheril, Paul (2010): Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz

http://www.peoplemeetpeople.de



[1] Mecheril (2003, S. 23 - 27) prägt das Kunstwort „natio-ethno-kulturell”, da er beobachtet, dass in „Deutschland” die Bedeutungen der Begriffe „Nation”, „Ethnizität” und „Kultur” ineinander verschwimmen. Mit dem neuen Begriff will er die Mehrdeutigkeit, Ungenauigkeit und Komplexität dieser Kontexte deutlich machen.