Universitšt Bielefeld, Informations- und Pressestelle

Bielefelder Universitätszeitung 190/1997, 31. Oktober 1997

Bielefelder Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer emeritiert

Kein Abschied.
K.H.B. aus gegebenem Anlaß

Karl Heinz Bohrer, frisch emeritierter Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld, dürfte seinen Geburtstag in Paris begangen haben. In dem mit faits divers gesegneten Blätterwald des bundesrepublikanischen Feuilletons war nicht das geringste Rascheln zu hören, nur das Bielefelder Stadtblatt brachte eine beherzte hommage.

Das wundert dann doch. Nicht nur weil Bohrer als die ästhetische Theorie Adornos konsequent zu Ende denkender Kopf zu den wenigen Literaturwissenschaftlern Deutschlands von europäischem Rang zählt, auch nicht allein aufgrund der Rolle und des Einflusses, die er als Intellektueller um '68 herum auf das Zeitgeschehen nahm und als Herausgeber des Merkur bis heute nimmt -, allein die Tatsache, daß es ihm gelungen ist, unsere Sprache um eine, wenn nicht mehrere Redewendungen zu bereichern, u.a. die vom Paß in die Tiefe des Raumes, hätte Anlaß gegeben, sich seiner an diesem Tag zu erinnern. Immerhin ist ja doch die Erfindung eines Gemeinplatzes eines der untrüglichsten Kennzeichen von Genialität.

Doch nichts geschah. Bohrer wird erfreut gewesen sein. Er gehört zwar nicht gerade zu den Bescheidenen im Lande, aus Geburts- und anderen Ehrentagen aber hat er sich noch nie etwas gemacht. Die überließ er stets noch Honoratioren vom Typus Frühstücksdirektor. Zudem dürfte das Schweigen ihn in der Auffassung bestätigt haben, weiterhin kontrovers zu sein, so anstößig und umstritten, daß sich jede offizielle Ehrung verbietet. Seine Spezialität von jeher: der blitzartige Überfall, der pointierte Angriff auf die eingefleischte Überzeugung und das konventionalisierte Wahrnehmungsmuster. Damit war er bereits als Student bei Wolfgang Kayser in Göttingen und Arthur Henkell in Heidelberg aufgefallen, damit hat er als Journalist und Literaturblattchef der FAZ Karriere gemacht, bis er, von Reich-Ranicki und Jochen Fest ausgebootet, nach London abgeschoben wurde, wo er freilich als Auslandskorrespondent weiterhin für Furore sorgte - überflüssig an die die Mainzelmänchen-Mentalität der BRD attackiernden Artikel zu erinnern, die er anläßlich des Falklandkrieges verfaßte; mit ziemlich rasanten Ausfällen und ausgesprochen brillianten Einfällen schließlich, die dem Erscheinungscharakter des ästhetischen Phänomens gewidmet sind, avancierte Bohrer spätestens Anfang der 80er Jahre zum Vordenker einer Literaturwissenschaft, die sich ihrem eigentlichen Gegenstand stellt, der Literatur, und deren genuin ästhetische Verfaßtheit analysiert, statt sich wie damals üblich hinter sozial- oder den heute modisch gewordenen kulturwissenschaftlichen Zusammenhängen zu verschanzen.

Die 1978 an der Universität Bielefeld als Habilitationsschrift angenommene Ästhetik des Schreckens, eine Studie über die Pessimistische Romantik und das Frühwerk Ernst Jüngers, bildet nur den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Studien, in denen Bohrer sich an der Differenz abgearbeitet hat, die eine autonom gewordene, nicht länger mehr sozialen oder religiösen Imperativen gehorchende Imagination zu dem unterhält, was mit dem Projekt Moderne für gewöhnlich verknüpft wird. Sich an jene haltend, die wie Friedrich Schlegel, Heinrich von Kleist oder Friedrich Nietzsche an Radikalität kaum zu überbieten sind, hat er es nicht nur verstanden, deren Absagen an die geschichtsphilosophische Vernunft als Moment ästhetischen Eigensinns namhaft zu machen, zugleich ist es ihm gelungen, im Modus der Plötzlichkeit das der literarischen Moderne gemeinsame, sie von Kitsch und Konfektionsware unterscheidende Tempo auszumachen. Intensität als irreduzible Größe - kein Gefühl, sondern Effekt einer schwarzen Literatur, die von der Romantik über den Surrealismus bis in die postmoderne Gegenwart hinein nicht aufgehört hat, mit ihren Chocks eine auf Konsens und Fortschritt vereidigte Öffentlichkeit nachhaltig zu erschüttern.

Faszinierender noch als die Funde selbst ist die Art, wie Bohrer sie präpariert und präsentiert. Ob im Hörsaal oder auf Papier , Bohrer gehört zu der immer seltener zu beobachtenden Spezies von Forschern und Gelehrten, denen die Wissenschaft nicht bloß ein Beruf ist, sondern Berufung, ja Passion. Voller Leidenschaft und Neugierde, zerstreut, aber hellhörig, scharfsinnig und gewitzt, agiert er stets als Mensch, nie tritt er als Funktionsträger oder Charaktermaske auf. Damit verkörpert er Forschung im besten Sinne des Wortes, und zwar als einen Prozeß unaussetzbarer Wahrheitsfindung.

Ähnlich Koselleck oder Luhmann liegt es Bohrer fern, Lehren zu erteilen; er unterbreitet Vorschläge, reißt Perspektiven auf, stellt Kategorien zur Verfügung. Die extrem stimulierende Wirkung, die er auf Studenten und andere ausübte und ausübt, rührt daher. Auch wenn der Duktus seines Vortrag und dessen mitunter atemberaubendes timing nicht jedermanns Sache ist, der bestechenden Kraft des Bohrerschen Arguments kann man den Respekt kaum verweigern -, unerheblich ob er, wie in jüngster Zeit, an der deutschen Literatur und Philosophie seit 1800 einen eklatanten Ironieverlust diagnostiziert oder aber mit Goethe und Baudelaire über den Abschied nachdenkt, und zwar als Form einer Trauer, die durch nichts zu beschwichtigen ist.

Es gibt ein Kommen und ein Gehen, ein Scheiden und oft kein - Wiedersehen. So der junge Kafka. Doch keine Sorge. Es wird gemunkelt, Bohrer habe für das Sommesemester 1998 bereits drei Lehrveranstaltungen angekündigt, eine über Ethik und Ästhetik bei Nietzsche, eine über Probleme Literarischen Nihilismus' und eine, in der eine Bilanz der Postmoderne gezogen werden soll. Das verdirbt zwar das Geschäft, dennoch: Man höre und staune.

Wolfgang Lange


Pressestelle, 1997-11-07