Bielefelder Universitätszeitung Nr. 196/1999, 12. Februar 1999

 

Gedenk-Kolloquium zum Tod von Niklas Luhmann

(BUZ) Die Universität Bielefeld veranstaltete am 8. Dezember im Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität ein Gedenk-Kolloquium für Niklas Luhmann, der an diesem Tag 71 Jahre alt geworden wäre. Die Fakultät für Soziologie hatte eine Reihe von Forschern, die sowohl mit dem Werk Luhmanns vertraut sind als auch Luhmann aus verschiedenen Arbeitszusammenhängen persönlich kennen, darum gebeten, während des Gedenk-Kolloquiums zu sprechen: Franz-Xaver Kaufmann (Bielefeld/Berlin), Gunther Teubner (Frankfurt am Main), Raffaele De Giorgi (Lecce), Dirk Baecker (Witten/Herdecke), Dietrich Schwanitz (Hamburg) und Rudolf Stichweh (Bielefeld). Wir veröffentlichen hier im folgenden Auszüge aus den einzelnen Reden, die im vollen Umfang unter dem Titel "Niklas Luhmann - Wirkungen eines Theoretikers" im Bielefelder Transcript-Verlag erscheinen.

Ein Wittgensteinsches Schweigen
von Franz-Xaver Kaufmann, Bielefeld/Berlin

... Ich will ... an Niklas Luhmann als sein Fakultätskollege von Anfang an erinnern. Genau gesagt, geht unsere Bekanntschaft noch weiter zurück in die inzwischen legendär gewordene ‘alte Sozialforschungsstelle' Dortmund. Diese Gründung der Nachkriegsjahre zum Studium der Probleme des Ruhrgebiets war 1960 mit der Berufung von Helmut Schelsky als deren Direktor und als Ordinarius für Soziologie an die rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Münster zu einem sogenannten "An-Institut" der Universität Münster geworden. Das bedeutete, daß die Mitarbeiter der Sozialforschungsstelle Lehraufträge wahrnehmen und sich in Münster habilitieren konnten. Obwohl seit Schelskys Direktorat die dem Vernehmen nach früher lockeren Sitten an der Sozialforschungsstelle strenger geworden waren, handelte es sich immer noch um eine Art fröhliches Wissenschaftskloster, wo jeder sein Klappbett im Zimmer hatte und nach Belieben dort übernachtete. Dank der Koch- und Wirtschaftskünste von Frau Rohloff und von Frau Hofrichter, die den älteren unter uns noch aus ihrer Tätigkeit an der Fakultät für Soziologie bekannt ist, gab es für einen Spottpreis drei Mahlzeiten am Tag. Ich selbst begann meine Tätigkeit dort im Mai 1963.

Es war wohl im Wintersemester 1964/65, daß im Rahmen des Forschungskolloquiums der Sozialforschungsstelle ein Oberregierungsrat Luhmann aus Speyer angekündigt wurde. Das Überraschendste war für mich zunächst, daß man als soziologischer Nachwuchs Oberregierungsrat sein könne. Ich gestehe, daß ich mich an den Inhalt des Vortrags nur noch dunkel erinnere; doch ist mir geblieben, daß Luhmann damals seinen Komplexitätsbegriff unter Bezugnahme auf die Phänomenologie Edmund Husserls entwickelte.

Es dauerte dann nicht lange, bis Luhmann selbst Abteilungsleiter an der Sozialforschungsstelle wurde und wie ich seinen Wohnsitz bei Münster nahm. So übernachteten wir des öfteren in der Sozialforschungsstelle und trafen uns gelegentlich beim Frühstück, wobei sich längere Gespräche entwickelten, die ich als sehr anregend in Erinnerung habe.

Bekanntlich wollte Schelsky Luhmann sogleich habilitieren, was aber zunächst an der fehlenden Promotion scheiterte. Doch da schon damals die Produktivität Luhmanns bei mehreren hundert Seiten pro Jahr lag, war es ihm ein Leichtes, ein zweites Buch als Dissertation beizubringen, so daß er im gleichen Jahr 1966 promoviert und habilitiert wurde. Sehr genau erinnere ich mich an seine Antrittsvorlesung über "Soziologische Aufklärung". Ich saß damals neben Ernst-Wolfgang Böckenförde, und wir spürten beide, daß hier ein Wissenschaftsprogramm angekündigt wurde, das nach der von Max Weber diagnostizierten Entzauberung der Welt durch das wissenschaftliche Denken sich nunmehr die Entzauberung des menschlichen Denkens vornahm. Luhmann nannte sein Programm "Abklärung der Aufklärung".

Zwei Jahre später schaffte auch ich die Habilitation in Münster, und damals stand die Gründung der Universität Bielefeld bereits ins Haus. Luhmann gehörte mit Joachim Matthes zu denjenigen, die Schelsky für die Gründung der neuen Fakultät von Anfang an ins Auge gefaßt hatte. Zu meiner Überraschung wurde ich nach der Habilitation kooptiert, und da Luhmann wie auch ich Rufe an andere Universitäten erhalten hatten, wurden wir bereits ein Jahr vor der Eröffnung der Universität Bielefeld zu deren Professoren ernannt. Weil es in Bielefeld noch an Räumlichkeiten fehlte und wir beide im Jahr 1968/ 69 in Münster zu lehren gehalten waren, erhielten wir eine Wohnung an der Schulstraße in Münster als Amtsräume für uns und unsere Mitarbeiter zugewiesen.

Aus diesem Herbst 1968 ist mir ein Gespräch mit Luhmann in Erinnerung, das seine spätere Haltung zur und seine Stellung in der Fakultät für Soziologie bereits erahnen ließ. Ich sagte ihm, daß ich damit rechne, in den folgenden Jahren einen großen Teil meiner Zeit in den Fakultätsaufbau stecken zu müssen, und daß ich deshalb wohl wenig zum wissenschaftlichen Arbeiten kommen würde. Er erwiderte mir sehr ernst, um nicht zu sagen schroff, daß er dazu nicht bereit sei und seine Aufgabe ganz auf wissenschaftlichem Gebiet sehe.

Drei persönliche Begegnungen
von Gunther Teubner, Frankfurt a.M./London

... als ich Niklas Luhmann dann auch persönlich kennenlernte, befremdete mich seine kühle Distanziertheit, die ich stets hinter der Freundlichkeit des Lächelns spürte. Im persönlichen Umgang mit ihm war die Distanzerfahrung überdeutlich. Ich erlebte seine fast physische Abneigung gegen das, was er das „Kleben der Blicke" nannte. Und wie er Kollegen begrüßte, um schneller an ihnen vorbeizukommen. Und wie er seinen Schülern die Schulenbildung verweigerte (und ihre Selbstorganisation doch nicht verhindern konnte). Ich lernte seine Distanz gegenüber jeder Fraternisierung, seine Unfähigkeit zu kumpelhafter Kommunikation kennen. Zwar war dies immer merkwürdig kombiniert mit hoher Sensibilität für Affekte, Stimmungslagen, schwierige Situationen, aber die Grunderfahrung war doch Unüberbrückbarkeit. Sollte hier das biographische Motiv für die oft beschriebene, oft kritisierte schneidende Kälte der Theorie sein?

Heute sehe ich dies eher anders. Gerade aus der schmerzhaften, ja  traumatischen Erfahrung der Unzugänglichkeit anderen psychischen Erlebens scheint mir, fast wie in einem Demosthenes-Effekt, die größte Einsicht der Luhmannschen Theorie entstanden, die Verdoppelung der Sinnproduktion - der Aufbau  psychischer und sozialer Sinnwelten. Ausgangserfahrung ist die prinzipielle Nicht-Mitteilbarkeit des inneren Erlebens, ja die Zerstörung inneren Sinns durch seine Verbalisierung und Kommunikation. Aus der unüberwindlichen Distanz zwischen Menschen folgt dann die Luhmannsche Konstruktion der Monaden des psychischen Sinnerlebens, die autopoietische Schließung der Produktion psychischen Sinnes und doppelte Kontingenz als nichtüberschreitbare Erfahrung doppelter Geschlossenheit des Innenlebens.

Was Luhmann für mich im Anschluß an diese Erfahrung so wichtig macht, ist sein kompromißloses Insistieren darauf, daß jeder Anlauf, diese Geschlossenheit zu überwinden, jeder Versuch, extreme Intimität zu erreichen, doch stets in der Einsamkeit psychischen Welterlebens endet. Aber was seine Analysen dann so fruchtbar macht, ist die Einsicht, daß die Energien, die Geschlossenheit des Innenlebens zu überwinden suchen, ihre Wirkungen in ganz anderer Richtung entfalten. ...

Denn Luhmanns Antwort auf die Erfahrung der Geschlossenheit psychischer Innenwelten ist anders als die heute gängigen Auswege: keine sentimentale Stilisierung kommunitaristischer Sehnsüchte, keine Zwangsjacke der Intersubjektivität, keine mystische Transzendierung der Alterität, keine Substitution des Subjekts durch différence. Andererseits aber auch keine scheinradikale Verabschiedung des Innenlebens, kein Verlust der inneren Unendlichkeit, kein Verbot der Privatsprache, keine Reduktion des Sinnerlebens auf flache Sozialität.
 

Niklas Luhmann: Die Zukunft des Gedächtnisses
von Raffaele De Giorgi, Lecce

"Wie ist es möglich?", war seine Frage. Und hier finden wir die Paradoxie des Menschen, die Paradoxie seiner Theorie und seiner Gegenwart. Der Überraschung gegenüberstehend, konnte die einzige Folgerung nur in einer Haltung bestehen, welche den Überraschungseffekt der Überraschung aufrechterhielt und die Dinge als unwahrscheinlich ansah: aber auch die Überraschung und die Unwahrscheinlichkeit mußten beschrieben werden. Das Ergebnis dieser Anstrengung ist die Gesellschaftstheorie: unterhaltsam und titanisch, menschlich und unmenschlich, kindlich und harmlos und gleichzeitig raffiniert berechnend. Das Bemühen, diese Überraschung zu beschreiben, hat eine großartige, begriffliche Architektur hervorgebracht, die sich selbst überrascht. Was die anderen sahen, die Dinge, die sie als Unbedingtheiten verstanden, erschienen ihm als das unwahrscheinliche Ergebnis ihrer Selbstbedingtheit. So sah er die Welt, die Gegenwart, die finstere Innerlichkeit der Menschen. Dies war seine Art, das, was er sah, ernstzunehmen. Der Gedanke der Komplexität entsprang allein dieser Einstellung des Menschen. Mit dieser einfachen und harmlosen Waffe sprengte er das alteuropäische Gedankengut, das, wie er gern sagte, in Hinsicht auf die Veränderungen der Gesellschaftsstruktur zurückgeblieben war. Und so beobachtet sich die Gesellschaft als Unwahrscheinlichkeit, die sich aus sich heraus reproduziert und für sich selbst unvorhersehbar wird, d.h.: sie überrascht sich selbst.

Aber es gibt noch eine andere Seite der Paradoxie der Unwahrscheinlichkeit. Und zwar folgende: die Theorie hat sich selbst geschrieben, wie er zu sagen pflegte. Es scheint so, als ob die Theorie mit dem Schonangefangensein begonnen habe, aber nie zum Schluß gekommen sei, weil sie schon immer abgeschlossen war.

Diese einfache  Art und Weise des Denkens wurde in ihrer ganzen Großartigkeit von manchen als Sozialtechnologie mißverstanden, als künstliches Gedächtnis, als berechneter Widerstand gegen die unwiderstehlichen Kräfte des Menschen.

Wie oft haben wir darüber gelacht. Er war im Raum nebenan. Er löste das Blatt aus der Schreibmaschine. Kam mit einem breiten Lächeln zu mir herüber und fragte mich: "Wer sind die neuen Barbaren?" Als Antwort erwartete er ein Lächeln. Wo wohnt der Mensch?

Jemand hatte gesagt, seine Konstruktion sei großartig aber falsch. Er lachte und lachend wiederholte er mir: "Kann wohl sein; aber wenn sie falsch ist, dann aber nur auf die einzig richtige Weise".
 

Wenn etwas der Fall ist, steckt auch etwas dahinter
von Dirk Baecker, Witten/Herdecke

... die andere Antwort auf die Frage, wie man seine Soziologie nennen könne, hat er nie expressis verbis gegeben, hätte er wohl auch umgehend abgelehnt, und sie trifft den Sachverhalt in meinen Augen dennoch besser als jede andere. Seine Soziologie trägt den Namen „Die Soziologie des Niklas Luhmann", und sie kann nur deswegen nicht tatsächlich so heißen, weil es sich um eine reflexive Soziologie handelt, die immer dann, wenn sie auf sich selbst und auf ihren Autor zurückkommt, nicht auf sich selbst und ihren Autor, sondern auf etwas anderes stößt. Keine Geste ist für Luhmanns Soziologie typischer als diese. Schon in seinem Aufsatz „Reflexive Mechanismen" aus dem Jahr 1966 ist diese Geste vollständig entwickelt. Man findet dort einen Satz, der das Herz jedes Dekonstruktivisten höher schlagen ließe und der dem Konstruktivismus ein immer noch zu lösendes Rätsel aufgibt.: „Die ‚Rück‘bezüglichkeit der Reflexivität ist hier nicht im strengen Sinne Beziehung auf das beziehende Selbst, sondern Beziehung auf ein Anderes, aber Gleiches. In diesem Gleichheitserfordernis steckt eine Art vorläufige Enthaltsamkeit, eine Aufsparung des Sachbezugs, und dadurch kommt die Effektverstärkung, die Potenzierung durch Umwegigkeit zustande."

Ich glaube, daß dieses „Andere, aber Gleiche" für Luhmann das skandalon ist, das seiner Soziologie zugrunde liegt. Denn weder auf das Selbe, das sich durchsetzt, noch auf das Andere, das immer ein Anderes bleibt, zielt seine Theorie, sondern auf die überraschende, jede Ontologie beunruhigende Erkenntnis, daß das Selbe nicht das Selbe ist und das Andere nicht ein Anderes. Was also ist das, was sich in diesem Rückbezug zu erkennen gibt, wenn es weder das seiner selbst gewisse Ich noch die zweifelsfrei sich zum Ausdruck bringende Welt ist? Im Anschluß an den gerade zitierten Satz liest man, daß das „handelnde System" sich zwischen den Akt und seinen Sachbezug schiebt. Weniger diesem System als dieser Operation des Sich-dazwischen-Schiebens wird Luhmanns ganze Aufmerksamkeit gelten.
 

Niklas Luhmann - artifex mundi
von Dietrich Schwanitz, Hamburg

Je länger ich den Ausbau von Luhmanns Theorieentwurf beobachtete, desto mehr erschien mir Luhmann selbst als eine Art Weltkonstrukteur von jenem Kaliber, wie ich sie in der Literatur als Romanciers kennengelernt hatte, Baumeister, die wie Sterne oder Balzac oder Joyce nicht die bestehende Welt abbilden, sondern eine neue schaffen. Auch diese Romanciers waren von einem Eigensinn und einer Unabhängigkeit beseelt, die aus der weltäquivalenten Komplexität ihrer Werke stammte. Zahlreich die Anekdoten von Joyce, der etwa den Durchbruch bei einem kompositorischen Problem des Ulysses für wichtiger hielt als die Nachricht von der Oktoberrevolution. Auch darin nimmt Joyce Luhmann vorweg, daß er die Theorie, die hinter dieser Revolution stand, für überschätzt hielt, während sie zugleich nach 68 das Klima der Universität bestimmte.

Luhmann hat bekanntlich die Frage nach seiner hervorstechendsten Eigenschaft mit dem Begriff 'Bockigkeit' beantwortet. Damit hat er sicher seine Resistenz gegenüber den Theoriemoden des Zeitgeistes gemeint. Diese Resistenz hielt er für nötig, um die moderne Gesellschaft beobachten zu können. Und wie ein Romancier bezog er den Energienachschub für diese Bockigkeit aus dem wachsenden Werk selbst. Darin war er selbst autopoietisch. Da ihn das Werk zunehmend als Person ersetzte, glich er allmählich der Figur, als die Joyce den Autor beschreibt: jemand, der sich aus dem Werk hinaus objektiviert und sich wie unbeteiligt die Fingernägel schneidet.  Er hatte wie ein Literat mehr Vertrauen in die Formautonomie des Mediums als in Personen. Auch darin war er sehr unzeitgemäß.

Dabei hat er uns ja selbst sehen gelehrt, daß hinter solchen Selbstabschließungen die Paradoxien der Selbstreferenz lauern. Auf solche Paradoxien antwortet die Literatur ebenso mit typentheoretischer Ebenentrennung wie die Wissenschaft: im Roman wird der Erzähler gestrichen und ins Off verbannt; und in der Wissenschaft wird seit Pierre Bayles Dictionnaire und vollends seit Ranke die Trennung zwischen Text und Fußnote vollzogen. Der Text ist objektiv, in der Fußnote aber spricht der Autor. Noel Coward hat einmal über das Lesen eines fußnoten-gespickten Textes gesagt, das sei so, als würde man mitten im Liebesakt unterbrochen, weil man einen Besucher empfangen müsse, um anschließend weiterzumachen. Und genauso fängt Sternes Tristram Shandy an, der alle systemtheoretischen Paradoxien aus der Deckung treibt. Durch Selbsteinschließung des Erzählers in den Roman zeigt er, was passiert, wenn der Mensch als Teil der Gesellschaft behandelt wird. Umgekehrt verraten Luhmanns Fußnoten etwas von dem, was er aus dem Text heraushalten will und damit auch aus der Gesellschaft: den Autor Niklas Luhmann. In ihnen lernen wir den Ironiker, den Liebhaber trockener Witze, den Epigrammatiker, den Minenleger hintersinniger Beispiele und den mikrologischen Beobachter des Alltags kennen.

Niklas Luhmann - Theoretiker und Soziologe
von Rudolf Stichweh, Bielefeld

Was haben wir als Studenten bei Luhmann gelernt? In welchem Fach wurden wir ausgebildet? Die Antwort ist zunächst einmal einfach: ausschließlich in Soziologie. Luhmann war das Verständnis fremd, daß Interdisziplinarität meint, daß man in irgendeinem Sinn von der eigenen Disziplin Abstand nimmt. So selbstverständlich die unablässige Orientierung an den Fortschritten anderer Disziplinen war, die Suche nach neuen Erkenntnisstrategien, die man irgendwie in der Soziologie fruchtbar machen könnte, so fraglos war der Ort, an dem dies geschah, eben immer die Soziologie. Ich erinnere mich nicht, je einen Satz gehört oder gelesen zu haben, in dem Luhmann etwas anderes beansprucht hätte als einen Beitrag zur Soziologie. Die einzige Ausnahme waren gelegentliche Formulierungen des Typs „als Jurist meine ich". Damit aber war keine Distanzierung von Soziologie ausgesprochen, sondern es wurde aus konkreten Anlässen heraus deutlich, daß es da noch etwas anderes gab: eine frühere professionelle Identität, die einerseits zur Zeit latent war, aber andererseits auch jederzeit reaktualisiert werden konnte und die dann problemlos neben der soziologischen Identität existierte.

Das, was Luhmann von anderen Soziologen unterschied, war das emphatische Verhältnis zu Theorie. Dieses hat zwei weitere ... Implikationen ... . Erstens gibt es in Luhmanns Werk keine Spuren von Szientismus. So ausschließlich er mit Wissenschaft befaßt war, kann man bei Luhmann keine Wissenschaftsgläubigkeit, keine übersteigerten Erwartungen an das, was Wissenschaft zu leisten imstande ist, beobachten. Der Grund dafür ist in seinem Fall nicht Skeptizismus, vielmehr hat es damit zu tun, daß die Höchstwertungen für Luhmann nicht beim Wissenschaftsbegriff oder beim Wahrheitsbegriff liegen, sondern deutlich auf den Theoriebegriff konzentriert sind.

Dieses Verhältnis zu Theorie bestimmte zweitens auch seinen Bezug auf die philosophische Tradition. Diese hatte ja zweifellos immer Theorie getrieben, Jahrhunderte oder Jahrtausende bevor es Soziologie überhaupt gab. Diese Kontinuität war für Luhmann bestimmend, und insofern spielte die These einer wissenschaftlichen Revolution, sei es nun die im 17. oder die „zweite wissenschaftliche Revolution" des 19. Jahrhunderts in seinen Überlegungen keine herausragende Rolle, obwohl er sie in seinen Arbeiten zum Wissenschaftssystem selbstverständlich unterstellte und nicht etwa bestritten hätte. Andererseits ist in Luhmanns Werk Philosophie aber nur als Tradition gegenwärtig, und d.h. auch, daß sie nicht als Philosophie fortgesetzt wird, daß sie als Philosophie eigentlich an ein Ende gekommen ist. Den Einzelwissenschaften - und das war in Luhmanns Fall nur die Soziologie - fällt jetzt die Aufgabe zu, das, was die philosophische Tradition an begrifflichen Strukturen, an theoretischen Experimenten durchprobiert und ausgearbeitet hat, auf Fortsetzbarkeit unter den veränderten Bedingungen der Moderne zu untersuchen. Die Vorstellung eines epistemischen Bruchs, in dem die Soziologie sich heute schon mit den eigenerarbeiteten kognitiven Ressourcen aus der Tradition theoretischen Denkens herauslöst und diese dem Vergessen übergibt, war Luhmann fremd, so nahe er in anderen Hinsichten Bachelard stand. Eine derartige Soziologie wäre ihm als konzeptuell verarmt erschienen. Aus dieser über den Theoriebegriff vermittelten Kontinuität zur philosophischen Tradition hat Luhmann tatsächlich immer wieder - außer an viele andere fremddisziplinäre Impulse - auch an Fragestellungen der Philosophie angeschlossen, aber er hat dies immer als Soziologe getan. Den größten Fehler, den die Disziplin Soziologie im Umgang mit Luhmanns jetzt abgeschlossenem Werk begehen könnte, wäre, dies nicht zu verstehen, daß es sich um den in diesem Jahrhundert entschiedensten Versuch handelt, das, was noch als Soziologie ausgesagt werden kann, radikal zu erweitern.



Pressestelle, 1999-02-22